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Veganismus ist nicht das Allheilmittel im Kampf gegen globale Unterernährung

Veganer betonen gern, wie viel besser es uns allen ginge, wenn sich alle Menschen pflanzlich ernähren würden. Jetzt zeigt eine Computersimulation, dass das nicht ganz richtig wäre.

Wenn sich alle Menschen nur pflanzlich ernähren würden, dann wäre die Welt eine bessere—so etwas erzählen dir Veganer mit dank der Extraportion Carotin leuchtenden Augen gern, wenn sie die Vorzüge ihrer Ernährung herausstellen. Die Erde würde aufatmen, die Natur aufblühen, und alle hätten in Zukunft etwas zu essen.

Es klingt ja auch logisch: Wenn ich keine Tierprodukte kaufe, dann tue ich was für den Planeten. Ich verweigere den Konsum von Produkten, für die Ackerflächen und Baugrund für die Milch-, Eier- und Fleischindustrie draufgehen, während die Weltbevölkerung und die Nachfrage nach Nahrung rapide wächst. Doch so einfach ist es nicht.

Eine groß angelegte Computersimulation hat nun herausgefunden, dass uns eine Fixierung auf Zucchini-Spaghetti und Seitanschnitzel nicht zwangsläufig retten wird—und eine Welt voller Veganer tatsächlich nicht die beste Strategie im Kampf gegen die Unterernährung wäre.

EIn Dejà-Vu aus Berlin-Mitte: Vegane Rohkost | Bild: imago

Die Vereinten Nationen haben freundlicherweise schon für uns berechnet, wie sehr wir die globale Nahrungsmittelproduktion ankurbeln müssen, damit niemand auf der Welt Hunger leiden wird: Um satte 60 Prozent in den nächsten 35 Jahren nämlich. Das ist eine Menge. Was sollen wir also anbauen und essen, um das mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen am Besten zu bewerkstelligen?, fragte sich ein Team aus US-Biophysikern, die zehn verschiedene Ernährungsmuster unter Berücksichtigung der verfügbaren Ackerfläche in den USA miteinander verglich. Die erstaunlichen Ergebnisse wurden am Freitag im Fachblatt für Anthropozän-Forschung Elementa präsentiert. Ziel der Simulation war es zu ermitteln, wie viele Erdenbürger durch das jeweilige Ernährungsmuster gesättigt werden können—wir werden ja schließlich, wie die aktuellsten Zahlen der Vereinten Nationen nahelegen, schon weit vor 2050 die Neun-Milliarden-Marke geknackt haben.

Unter den verglichenen Ernährungsmustern fanden sich: eine vegane Variante, also die rein pflanzenbasierte Ernährung, Vegetarismus einmal mit und einmal ohne Eier, fünf verschiedene Omnivoren (sogenannte Allesfresser) mit unterschiedlichen vegetarischen Anteilen von 80 bis 20 Prozent, eine Diät, die Wert auf wenig Fett und Zucker legte, und das nicht allzu gesunde Ernährungsmuster, das am ehesten der amerikanischen Standard-Ernährung entsprach.

Ein Ergebnis ist nicht überraschend: Je weniger Tierprodukte du isst, desto mehr Menschen kann das momentan existierende Ackerland ernähren. Doch das bedeutet nicht, dass der Komplett-Entzug von Tierischem zu mehr Nachhaltigkeit führt—im Gegenteil. Kollektiver Veganismus ist also nicht gleich effizienterer Ressourcennutzung.

Dass die vegane Ernährung im Vergleich gar nicht so gut abschneidet, liegt paradoxerweise an unserer Natur selbst. Verschiedene Ackerflächen können auch verschiedene Arten von Nahrung produzieren. Man unterscheidet im allgemeinen drei Typen:

Auf kultiviertem Boden wachsen bei entsprechender Bewirtschaftung Nüsse, Obst und Gemüse, auf winterharten oder ganzjährigen Ackerflächen lässt sich Getreide ernten, das im Winter nicht eingeht oder mehrmals abgeerntet werden kann—so wie Heu und Getreide, mit dem man Tiere füttern kann. Weideflächen sind meist ungeeignet für den Anbau von Feldfrüchten, aber gut geeignet, um Vieh oder andere Nutztiere satt zu machen.

Eine vorwiegend vegetarische Ernährung mit ein bisschen Fleisch ab und zu ist der goldene Weg zur globalen Umwelt-Effizienz und der optimalen Nutzung von Ackerflächen.

Die vegane Ernährung benötigt verfügbare Landflächen wie Grasland, aber eben auch große Teile des winterharten, ganzjährigen Boden nicht. Und damit vergeudet sie im Bezug auf die globale Effizienz von Ackerflächen gesehen auch die Chance, eine ganze Menge Nahrung für die Welt zu produzieren.

Also nichts wie rein mit dem Doppelburger? Eher nicht. Zum Glück bergen die Ergebnisse der Studie auch einen Vorschlag für eine optimale Ernährung, und der ist erfrischend lebensnah, ausgewogen und einfach. Eine vorwiegend vegetarische Ernährung mit ein bisschen Fleisch ab und zu wäre gemäß dieser Simulation der goldene Weg zur effizienten Ressourcennutzung und der optimalen Verwendung der verfügbaren Ackerflächen.

Die Studie fasst ihre Ergebnisse auch in einem Ernährungsranking zusammen, das auflistet, wie viele Menschen sich mit der jeweiligen Ernährungsstrategie ernähren ließen: Ganz an der Spitze der globalen Nachhaltigkeit steht hier die vegetarische Ernährung mit Milchprodukten mit 807 Millionen satten Menschen. Kollektiver Veganismus schlägt durch die ungenutzten Ackerflächen mit nur 735 Millionen ernährten Menschen zu Buche. Am schlechtesten schneidet das Ernährungmuster ab, das gerade in den USA als Norm gilt: Nur 402 Millionen Menschen können damit in Zukunft ernährt werden.

Natürlich ist Umweltschutz nicht die einzige Motivation für die Umstellung auf eine vegane Ernährung. Viele Menschen meiden Tierprodukte nicht aus Gründen der langfristigen Effizienz, sondern auch aus ethischen und philosophischen Motiven: Sie wollen Tiere einfach nur in Ruhe Tier sein lassen.

Und ganz abgesehen von der Tatsache, dass sich Handlungsanweisungen im Bezug auf persönliche Entscheidungen wie Ernährung sehr schwer für eine ganze Population rechtfertigen—geschweige denn, umsetzen lassen—könnten Veganer gegen die Studie noch ein anderes Argument ins Feld führen: Veganismus auf individueller Ebene ist keine schlechte Idee, sondern nur logisch. Schließlich ist das momentan verfügbare Ackerland für die Ernährung von Nutztieren schon heute mehr als ausgelastet durch all die Menschen, die noch an ihrem Steak hängen und das wohl auch in Zukunft tun werden.

Da es also nie passieren wird, dass alle Menschen zum Veganer werden, ist es eine gute Idee, wenn es zumindest ein paar tun.

Update: In einer früheren Version des Textes legte die Überschrift nahe, dass eine vegane Welt eine hungrigere Welt sein würde. Tatsächlich bezieht sich der Vergleich nicht auf die gegenwärtigen Ernährungsgewohnheiten der Welt, sondern auf das von der Studie vorgeschlagen Ideal-Szenario, in dem sich die Menschen vorwiegend vegetarisch ernähren und gelegentlich ein wenig Fleisch essen. Wir bedauern die Ungenauigkeit und haben die Überschrift und zwei doppeldeutige Textstellen entsprechend angepasst.