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Bekannte deutsche Neonazis verdienen als Online-Waffenhändler doppelt

Von Armbrust bis Ninja-Schwert rüsten die Shops, die sonst eher für hetzerische Textilien bekannt waren, seit mehreren Monaten nicht nur Neonazis aus, sondern auch mit Waffen auf. Parallel dazu steigen bewaffnete Straftaten mit rechtsextremen...

Seit kurzem haben viele Neonazi-Shops im Netz ihr Sortiment um erlaubnisfreie Waffen erweitert. Waren die rechten Onlineshops noch vor wenigen Jahren hauptsächlich mit bedruckten Textilien gefüllt, die gegen Ausländer hetzten oder die Wehrmacht glorifizierten, gibt es dort mittlerweile alles, was das gewaltaffine Herz begehrt:

Ob Klappmesser inklusive Schärfer und „Querholster und Halskette zum verdeckten Tragen", Armbrüste, Pfefferspray „gegen Hunde und ähnliches Viehzeugs ;)", Schlagstöcke in allen Größen und Varianten, Macheten oder Elektroschocker: Das gesamte Sortiment legaler Waffen kann der gewaltbereite Rechte nun nicht nur im nächstbesten Waffenladen kaufen, sondern auch gleich im politisch eingefärbten Spezialhandel zum „88 Adolf"-Shirt dazubestellen—und ganz nebenbei auch noch die Kassen bekannter Neonazis füllen. Die Preise für die Produkte in den rechten Shops sind nämlich gerne mal deutlich teurer als im restlichen Internet.

Während die Neonazi-Szene aufrüstet, steigt analog dazu die Zahl der bewaffneten rechtsextrem motivierten Straftaten und Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sprunghaft an.

Dass die Bewaffnung der Anhänger der rechten Szene zum Geschäft wird, lässt sich auch anhand ihrer Produktpaletten und News-Sektionen nachvollziehen: Blättert man dort zurück, stellt man fest, dass alle dort genannten Online-Shops in ihren „neuen Produkten" neben Anti-Asyl-Artikeln in den vergangenen zwölf Monaten Waffen, Reizgas, Sturmhauben und andere „Selbstschutz-Artikel" aufgestockt haben. Auch auf den Facebook-Seiten wird deutlich, dass die Shops ihre Angebote allesamt um Waffen erweitert haben und diese offensiv bewerben—in manchen Fällen sogar gratis als Beigabe für treue Kunden raushauen.

Bild: Screenshot Facebook Ostfront Versand Online-Shop

Bild: Screenshot Nordrausch

Der Blog „Thüringen rechtsaussen" hat sich in einem Post mit den Strukturen hinter solchen Shops beschäftigt und aufgedeckt: Die Anbieter der Waffensortimente sind in vielen Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung oder Drogendelikten vorbestraft und allesamt als lokale Naziaktivisten bekannt.

Bild: Screenshot WB Versand

Beim WB Versand heißt es entschuldigend: „Liebe Kameraden, leider ist die Sicherheitslage in Deutschland zur Zeit so angespannt, daß alle Welt sich mit Sicherheitsartikeln eindeckt! Wir halten große Mengen dieser Artikel vorrätig, aber dennoch brauchen wir, wenn Sicherheitsartikel in den Bestellungen sind, oft bis zu 14 Tagen Lieferzeit."

Der bekannte Neonazi Thorsten Heise, der im NPD-Bundesvorstand sitzt—laut Impressum der Betreiber— entschuldigt sich in der Waffen-Kategorie noch einmal persönlich „mit kameradschaftlichem Gruß" für die längeren Lieferzeiten, die „wohl durch die Asylkrise" entstanden seien. In seinem Shop gibt es aber neben der ganzen Palette an Schlag- und Stichwaffen nicht nur allerlei Pistolenholster, Reichskriegsflaggen-Bettwäsche für wilde Träume vom Großdeutschland und kitschige Kunstdrucke mit romantischen Titeln wie „Hünengrab im Mondlicht", sondern auch Artikel für den paranoiden Rechten wie Rauchmelder, Überwachungskameras, Feuerlöschschaum, als Frühstücksflocken-Box getarnte Safes oder Rettungsleitern. Heise tritt als Redner auf Demos der Freien Kameradschaftsszene auf und fungiert als Herausgeber der Zeitschrift „Volk in Bewegung & Der Reichsbote", die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird.

Bild: Screenshot Druck 18 Werbetechnik


Druck 18, geführt von dem rechten Kreistagsmitglied Tommy Frenck von der obskuren Splitterpartei „Bündnis Zukunft-Hildburghausen" hat das umfangreichste Angebot an Waffen, inklusive Armbrüste und Tonfas, wie die Polizei sie zum Unterarmschutz und als Knüppel benutzt (Rechte, die Polizisten an der Haustür mit der Armbrust abschießen, gibt es natürlich auch bereits außerhalb Thüringens).

Zudem hat Druck 18 auch SEK-Ausrüstungsgegenstände wie Brustpanzer und Schilde im Angebot—und natürlich Stahlhelme. Doch selbstverständlich gibt es nicht nur Ausrüstung für die Defensive, sondern insbesondere Equipment, das zum Angriff dient. Diverse Äxte werden hier ganz offen als „Nahkampfäxte" beworben, Macheten und Ninja-Schwerter gibt es schon ab 19,90 Euro. Sogenannte Sicherheitshandschuhe mit Blei- oder Quartzsandfüllung, um die Schlagkraft zu erhöhen, stehen neben riesigen „Überlebensmessern", mit denen man locker jemanden töten könnte. Weitere Waffen finden sich unter „Dekoartikeln".

Rohrkrepierer Bürgerwehr—wo sind all die privaten Streifen hin?

Besonders interessant ist, wie die Versandhandelsbetreiber ihre eigenen Kundengruppen durch die Klientenbindung ausnutzen und abzocken: Den „Protektoren Schutzanzug", den Druck 18 für 499 Euro verkauft, gibt es beispielsweise schon für 99 Euro beim chinesischen Versandhaus Alibaba, wie Thüringen rechtsaußen herausgefunden hat—dort klingt aber vielleicht der Firmenname einfach nicht so durchschlagend oder der Kunde erwartet eine Art Arier-TÜV vom Versandhaus seines Vertrauens.

Bild: Screenshot Ansgar Aryan

Der von dem bayerischen NPD-Funkionär Patrick Schröder geführte Nazi-Shop Ansgar Aryan führt nicht nur Schlagstöcke in Dutzenden Formen und Größen („jetzt zuschlagen!"), sondern gibt als kleines Incentive jeder Bestellung auch noch eine Dose Reizgas obendrauf, wie in einem Facebook-Post des Shops zu lesen ist. Reizgas als Gratis-Werbeartikel von der NPD—kommt uns irgendwie bekannt vor.

Bild: Screenshot Kleine Anfrage

Dass die rechten Parteien eigentlich gern harte Strafen oder gleich die Todesstrafe für Drogenhändler fordern, scheint man nicht immer so so genau zu nehmen. Der frühere Betreiber des Shops Ansgar Aryan, Daniel Kilian, wurde bereits wegen diverser Drogendelikte zu einer mehr als vierjährigen Haftstrafe verurteilt, wie aus einer Kleinen Anfrage der Linken an das Thüringer Innenministerium hervorgeht. Um die Kunden nicht abzuschrecken, führt nun offiziell das NPD-Mitglied Patrick Schröder die Geschäfte. Für die Zurschaustellung der Kleidung stellen sich ebenfalls bekannte Neonazis aus der Szene als Models zur Verfügung—so zum Beispiel Marcus Russwurm, der mit anderen Rechten eine Kirmesgesellschaft in Ballstädt überfiel und sich deswegen vor Gericht in Erfurt verantworten muss.

Bild: Screenshot Ostfront Versand

Der Ostfront-Versand des Holzfällers Markus Schwesinger aus Gehren zählt laut Website-Zähler pro Tag knapp 2000 Besucher und bietet neben Messern mit Schärfern auch Schlagstöcke an. Unter der Kategorie „Sportgeräte" findet man ausschließlich ein Produkt: Aluminium-Baseballschläger. Ach, und wozu genau braucht man doch gleich eine Deko-Handgranate aus Holz?

Bild: Screenshot Strike Back

Auch wenn sich die Recherche des Blogs nur auf die Szene in Thüringen beschränkte, ist davon auszugehen, dass die Bewaffnung und der Verkauf von Waffen von Nazis für Nazis ein bundesweites Versand- und Marketingphänomen darstellt.

Dabei kann der Staat aktuell nur zuschauen—schließlich sind die Waffen frei verkäuflich. Alles, was zum Stechen und Hauen benötigt wird, ist eine Kopie des Personalausweises als Alternsnachweis.