Die chemische Spur des Terrors: Wie der IS in Europa seine Bomben baut

Wie der Sprengstoff Acetonperoxid zum Markenzeichen der IS-Anschläge in Europa wurde—und was uns das über die Terroristen verrät.

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22 März 2016, 3:30pm

Acetonperoxid-Kristalle | Bild: Wikimedia | Gemeinfrei

Kurz nach neun Uhr abends am 13. November 2015 streunerte Saleh Abdeslams Bruder ins Bistro Comptoir Voltaire, wo ihn die Gäste schon auf der Straße bemerkt hatten. Er trug einfach viel zu viel Kleidung, selbst für einen kühlen Novemberabend: Einen Anorak über einem Mantel über einer Art Weste. Als er endlich im Gastraum stand, entschuldigte er sich lächelnd für die Störung und sprengte sich dann in die Luft.

Über den benutzten Sprengstoff gibt es nun dank eines der NYT vorliegenden Ermittlungsberichts Details: Es war wieder einmal Acetonperoxid (englische Abkürzung: TATP), ein billiger, aus überall verfügbaren Inhaltsstoffen herzustellender Sprengstoff, der sowohl im Stade de France als auch im Bataclan und im Bistro Voltaire eingesetzt wurde.

Ein Sprengstoff-Labor in Nablus, in dem unter anderem TATP hergestellt wurde. Bild: IDF | Wikimedia | Gemeinfrei

Der Bericht über die Planungsdetails der Paris-Attentate beschreibt TATP als den Sprengstoff der Wahl für den IS bei Selbstmord- und Bombenanschlägen in Europa. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er auch bei den heutigen Brüsseler Anschlägen erneut zum Einsatz gekommen ist.

Acetonperoxid wurde 1895 entdeckt und ist vermutlich bei Terroristen so beliebt, weil es sich fast ausschließlich aus Haushaltsmitteln beziehungsweise im Supermarkt erhältlichen Substanzen wie Haaraufheller (Wasserstoffperoxid) und acetonhaltigem Nagellackentferner synthetisieren lässt. Einen stabilen Sprengstoff daraus zu basteln, ohne sich vorher versehentlich selbst in die Luft zu sprengen, erfordert jedoch einige Erfahrung.

Acetonperoxid kann von Sprengstoffsensoren am Flughafen nicht erfasst werden

Neu ist die Substanz als Terrorwaffe allerdings nicht. Bereits im Westjordanland—in den 1980er Jahren—stellten Palästinenser Sprengstoff aus Acetonperoxid her. Schuhbomber Richard Reid hatte 100 Gramm TATP in seiner Sohle versteckt, die im Dezember 2001 glücklicherweise vor der Detonation entdeckt wurden. Die Bomben im vereitelten Anschlag von London 2005 (zwei Wochen nach dem Anschlag auf die Londoner U-Bahn, der 52 Menschen das Leben kostete) wurden ebenfalls aus Acetonperoxid hergestellt.

Nach der Anschlagsserie in Paris fanden sich Spuren des Sprengstoffs überall dort, wo die Attentäter sich selbst in die Luft gesprengt hatten, so zum Beispiel im McDonalds neben dem Fußballstadion. In allen Fällen wurde die Zündung der Westen in Paris durch einen elektrischen Zünder ausgelöst, der mit einer handelsüblichen 9-Volt-Batterie verkabelt war. TATP-Spuren wurden auch auch in der Wohnung entdeckt, in der die Attentäter Abaaout und Ait Boulahclen mit Spezialeinheiten kämpften. Und als die belgische Polizei im Dezember 2015 Razzien in Molenbeeker Wohnungen durchführte, fanden sie dort ebenfalls wieder Spuren des Sprengstoffs.

Heute steht für die Ermittler der Pariser Anschläge fest: Die gefundenen Bombenreste vergangener IS-Anschläge ähneln sich derart, dass sie vermutlich nach einem festen Protokoll hergestellt werden. Acetonperoxid scheint ein fester Bestandteil dieses Protokolls zu sein und ist zu einer Art Markenzeichen von IS-Terroristen in Europa geworden.

Der Stoff ist kompliziert in der Handhabung und trägt den Spitznamen „Mutter Satans".

Sind die Inhaltsstoffe auch leicht zu beschaffen, gilt die Substanz dennoch als äußerst kompliziert in der Handhabung—weswegen die Ermittler davon ausgehen, dass die IS-Attentäter von Paris ein gründliches Training durchlaufen haben. Besonders der Abkühlungsprozess der Chemikalie ist heikel, leicht kann der Stoff dabei vorzeitig explodieren. Wegen ihrer Flüchtigkeit und Unberechenbarkeit trägt die Substanz auch den etwas pathetischen Spitznamen „Mutter Satans". Um sicher mit Acetonperoxid umzugehen, muss der Stoff stabilisiert werden. Die schmerzhafte Wahrheit ist, dass der IS den Umgang und die sichere Herstellung eines hochgefährlichen Sprengstoffs in vielen Fällen bereits gemeistert hat.

In der Bergestraat in Brüssel fanden Ermittler in einer Wohnung im Dezember 2015 nicht nur Acetonperoxid-Spuren, sondern auch die Fingerabdrücke von Salah Abdeslam. Bild: imago

In der New York Times heißt es unter Berufung auf Ermittlungsakten, dass der IS mindestens seit 2013 Terroristen darin ausgebildet hat, den Sprengstoff direkt in Europa herzustellen. Im Februar 2014 wurden bei Razzien in Cannes 950 Gramm dieser Substanz in drei Red Bull-Getränkedosen gefunden. Sie standen im Schrank von Ibrahim Boudinas Familienwohnung, der bei einer islamistisch motivierten Gruppe in Syrien ein extremistisches Training für geplante Anschläge in Europa durchlaufen hatte. Diese Gruppe sollte sich später „Islamischer Staat" nennen.

Boudina hortete den Stoff zwar in seinem Kleiderschrank, wusste aber offenbar noch nicht genau, wie er die Detonation bewerkstelligen sollte: Seine Gerichtsakten führen Suchanfragen auf Google wie „how to make a detonator" auf.

Nitrogen-basierte Sprengstoffe können am Flughafen durch Sensoren erkannt werden, mit denen beispielsweise die US-amerikanische Reisesicherheitsbehörde TSA ausgestattet ist. Doch Acetonperoxid fällt als peroxidbasierter Stoff nicht darunter und kann von herkömmlichen Sensoren nicht erfasst werden.

Deshalb werden gerade mit Hochdruck neuartige, passive Sensoren entwickelt. Diese können Moleküle des Sprengstoffs in der Luft erschnüffeln und schlagen entsprechend an, sollte ein Gepäckstück mit Acetonperoxid in Nähe des Sensors vorbeigeführt werden. Heute hätten jedoch selbst die besten Gepäcksensoren im Falle der Brüsseler Anschlägen nichts geholfen: Der Selbstmordattentäter im Brüsseler Flughafen zündete seinen Sprengsatz bereits vor jeder Gepäckkontrolle.