Klimatologe warnt vor Freisetzung arktischer Treibhausgase—„We’re fucked“

Klimaforscher Dr. Jason Box findet deutliche Worte zur Bewertung des jüngst beobachteten Austritts von Methan vom arktischen Meeresgrund. Eine vollkommen legitime Form, um das Risiko des starken Treibhausgases für die Erderwärmung zu umschreiben.

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04 August 2014, 1:54pm

Bild: Kahtren Hans / NASA; National Snow and Ice Data Center, Colorado, Bolder. Lizenz:  Public Domain.

Wissenschaftler haben in der vergangenen Woche eine verstörende Entdeckung in der Arktis gemacht: „Große Mengen Methan verflüchtigen sich vom Meeresboden", gab die Stockholmer Universität in einer Mitteilung  bekannt. Methan ist ein noch stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid, dem Hauptmotor des globalen Klimawandels. Wenn sich auch nur ein kleiner Anteil der arktischen Treibhausgase in die Atmosphäre verflüchtigt könnte das weitreichende Folgen für die Beschleunigung unserer Erderwärmung haben.

Für die Wissenschaftler war es äußert  beunruhigend die entweichenden Methanwolken zu beobachten. Insbesondere der renommierte Klimatologe Dr. Jason Box fand deutliche Worte für die Erkenntnisse, die die Expedition zu Tage förderte. Die gewählte Ausdrucksweise des Forschers, der zahlreiche wichtige Artikel zum Thema publiziert hat, weist in diesem Tweet inklusive Kraftausdrücke eindrücklich auf die Dimension des Problems hin:

Box arbeitet momentan als Glaziologe am  geologischen Institut Dänemarks und Grönlands und forscht schon seit Jahrzehnten in der Arktis. Seine überbordende Wikipedia-Seite zeigt, dass er in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast zwei Dutzend Expeditionen in die Arktis unternommen hat und von 2008 - 2012 auch als leitender Autor der Grönland-Sektion der NOAA Klimaberichte fungierte. Außerdem betreibt er das Dark Snow Projekt und schreibt über seine jüngsten Ergebnisse in seinem Blog Meltfactor.

Box kennt sich also aus mit der Arktis und dem Klimawandel—und die aktuellen Methanwolken haben ihn so stark aufgeschreckt, dass er nicht mehr von der Nutzung von Kraftausdrücken absehen wollte.

Die Forschung ist sich noch nicht klar darüber, was zu dem Auftreten der Methanezüge geführt hat. Aber manche Wissenschaftler spekulierten, dass eine wärmere Ozeanströmungen zur Destabilisierung der arktischen Methanhydrate führen könnte.

Ich habe Box in seinem Büro in Kopenhagen angerufen. Er sprach freundlich und doch voller Empathie über die neue Gefahr und die Risiken des Klimawandels. Außerdem fluchte er wie ein Seemann. Ich habe mich schon oft gefragt, wie Klimaforscher ihre nüchterne, akademische Rhetorik beibehalten können im Angesicht der Dringlichkeit des Problems, mit dem sie täglich konfrontiert sind. Wenn du mich fragst, ist das Fluchen eine  vollkommen legitime Form, um das globale Problem zu kommunizieren.

Mir werden viele dieser Probleme erspart bleiben—meiner dreijährigen Tochter jedoch nicht.

Box erklärte mir einleitend, dass er selbstverständlich zu den Worten seines Tweets stünde. Er würde sie lediglich dahingehend abändern, dass er auch das Problem der Oberflächengase mit einbezieht—Methan, das sich im Permafrost verbirgt und auch momentan beginnt in die Atmosphäre zu strömen.

„Wenn auch nur ein kleiner Teil des arktischen CO2s in die Atmosphäre entweicht, sind wir am Arsch." Am meisten Sorgen machte ihm dabei, dass „Methanblasen die Oberfläche erreichen. Das ist mir in meiner Forschung von Methanblasen bisher noch nicht untergekommen."

„Normalerweise gehen wir davon aus, dass die Blasen sich wieder auflösen bevor sie die Oberfläche erreichen und dass Mikroorganismen das Methan verarbeiten." Wenn die Methanblasen jedoch an die Oberfläche gelangen, dann ist das eine vollkommen neue Quelle schädlicher Treibhausgase, über die wir uns sorgen müssten.

Auch einer der Forscher, die an der Expedition teilgenommen haben bestätigte die Beobachtung: „Wir schnüffeln hier Methan", gab Ulf Hedman, der wissenschaftliche Koordinator des schwedischen Polar-Forschungsbüros, in einem Beitrag zu Protokoll:

„Wir sehen die Blasen auf unseren Videoaufnahmen. Alle Analysen stützen die Anzeichen. Wir sehen es in der Wassersäule, sehen es oberhalb der Wasseroberfläche und verfolgen es durch Radar und Laser bis hoch in der Luft, wo es mit dem Wind fortgetragen wird. Methan in der Luft."

Box betonte mir gegenüber noch einmal, dass "Methan 20 Prozent stärker im Rahmen des Treibhauseffekts wirkt. An die Oberfläche gelangendes Methan ist deshalb eine ernste Sache." Die Entwicklung ist besonders beunruhigend, da die Arktis sich schneller aufwärmt als fast jeder andere Ort auf der Erde. 

Neben schmelzendem Eis und tauenden Permafrostböden müssen wir nun wohl auch noch Methanwolken zu unserer Liste fataler „Rückkopplungsschleifen" hinzufügen. Je stärker sich der Ozean aufwärmt, umso mehr Methan wird von diesen Speichern in der kontinentalen Platte aufgewirbelt und umso wärmer wird das Meer und so weiter.

Methanemissionen vom Meeresgrund, die auf dem Bildschirm als große Wolken erscheinen. Bild: Ulf Hedman

„Die Arktis ist unsere drängendste CO2-Sorge", fuhr Box fort. Dort lagert eine gigantische Menge an gespeichertem Kohlenstoff: „Aber wir sollten bedenken, dass selbst sehr kleine austretende Mengen ein Problem darstellen."

Box kommt ursprünglich aus dem US-Bundesstaat Colorado, ist jedoch inzwischen nach Dänemark umgezogen. Unter anderem auch um den drohenden Folgen des Klimawandels zu entgehen. „Dürren werden für innenliegende Gebiete ein Problem darstellen", sagte er mir.

„Wir steuern geradewegs auf ein nicht mehr beherrschbares Aufheizungsszenario zu—und das müssen wir schleunigst verhindern. Ab einem bestimmten Punkt sind wir am Arsch, oder? Es wird unbeherrschbar. Der große Klimadrache wird geärgert und irgendwann ist er so angepisst, dass er alles um sich herum verwüstet."

Es war erfrischend mit einem Klimaforscher zu sprechen, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und dabei gleichzeitig eloquent genug ist, um das wissenschaftliche Problem akkurat zusammenzufassen. Auch wenn renommierte Klimaexperten wie Dr. James Hansen oder der Paläoklimatologe Dr. Michael Mann sich zunehmend bemühen die Öffentlichkeit aufzurütteln, so muss die Klimaforschung dennoch einiges lernen, wenn es um die Aktivierung der Öffentlichkeit für ihre Belange geht.

Box jedenfalls hat zutiefst persönliche Gründe für seinen Alarmismus: „Mir werden viele dieser Probleme erspart bleiben—nicht jedoch meine dreijährige Tochter." Der Klimawandel wird wohl nicht zu einer grundlegenden globalen Destabilisierung in der Lebenszeit von Box und möglicherweise auch nicht der seiner Tochter führen. Aber die Tatsache, dass Rückkopplungsmechanismen nun auch bei der Methanentweichung den Prozess der Erderwärmung vehement beschleunigen könnten, sollten wir in unseren hoffnungsvollen Berechnungen nicht außer Acht lassen.

„Wenn die Gefahr besteht, dass du alles verlieren kannst, dann stellt auch ein Ereignis mit geringer Wahrscheinlichkeit ein hohes Risiko dar. Aus diesem Grund finanzieren Menschen Armeen—einfach nur für den Fall einer Invasion. Wir müssen in die Entkarbonisierung unserer Energiesysteme investieren." Box hielt kurz inne und fügte schließlich hinzu:

„Wir müssen, dass verdammt Zeug in unserem Boden belassen."