Mark Lombardi: BCCI-ICIC & FAB, 1972-91 (4th Version). Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi

Die Kunst der Netzwerke

Der New Yorker Künstler Mark Lombardi hat riesige Tableaus globaler Verflechtungen kartographiert. Sein Schicksalsbild über die Skandalbank BCCI ist das erste Kunstwerk, mit dem sogar das FBI seiner Informationen verifiziert hat.

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Okt. 15 2014, 6:00am

Mark Lombardi: BCCI-ICIC & FAB, 1972-91 (4th Version). Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi

Wenige Wochen nach dem 11. September 2001 betrat eine FBI-Mitarbeiterin das Whitney Museum in New York. Die Agentin war nicht gekommen, um durch die bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst zu flanieren—sie ließ sich eine spezielle Arbeit Mark Lombardis zeigen: Die Zeichnung „BCCI-ICIC & FAB, 1972-91" sollte ihr Aufschluss über die globalen Verbindungen und die Geldflüsse Osama Bin Ladens geben. Jene Netzwerke, über die indirekt schließlich auch der Terror von al-Qaida mitfinanziert wurde.

Mark Lombardi zeichnete globalisierte Geldflüsse, politisch-ökonomische Verflechtungen und die Weltordnung in Netzwerken in großflächigen Tableaus nach. Seit den 1970er Jahren arbeitete er mit akribischen Recherchen an seiner Kunst der Konspiration—in einer Zeit also als das Internet noch eine Sache militärischer und akademischer Eliteinstitutionen war. Die „Chicago Outfit and Satellite Regimes, ca. 1931-83" (1998) sind ebenso Gegenstand seiner Recherche geworden wie die „Inner Sanctum: The Pope and His Bankers Michele Sindona and Roberto Calvi, ca. 1959-82"(1998) oder „World Finance Corporation, Miami, ca. 1970-84" (1994-99), die sich mit dem globalen Konglomerat der World Finance Corporation befasste. Die nüchterne Präzision seines selbstentwickelten Zeichen-Codes stellt auch heute noch jede (bekannte) NSA-Präsentation in Sachen informierter Klarheit und Wissensaufbereitung in den Schatten.

Wir leben in Marks Zukunft. Und seine Zukunft ist fucked up.

Angeregt durch politische Skandale wie Watergate stürzte Lombardi sich immer intensiver in das Studium von Gerichtsunterlagen, politischen Affären und Geldwäscheskandalen. Weltweite Anerkennung erlangte er für seine Arbeit jedoch erst nach 9/11—und nach seinem Tod. Wenige Wochen nach der Eröffnung seiner bis dato renommiertesten Ausstellung im MOMA P.S. 1 in New York wurde Mark Lombardi im März 2000 tot in seinem New Yorker Atelier aufgefunden. Einen Tag vor seinem 48. Geburtstag. 

Global International Airways and Indian Springs State Bank, Kansas City, ca. 1977-83 (4th version), 1999. Graphite and red pencil on paper. 81 x 107 cm. Courtesy of Galerie Thomas Schulte, Berlin. Privatsammlung. (Detail.)

In dem Bild „Harken Energy and Jackson Stephens, ca 1979-90" von 1999 ist zu sehen, wie Bush Senior und Osama Bin Laden durch nur zwei Kontakte getrennt beieinander stehen. Beide Figuren sind gleichzeitig nur Teil der zahllosen, eingekreisten Kontakte. So entfaltet das Tableau seine Macht nicht anhand von Einzelinformationen, sondern als Zeugnis der politisch-ökonomischen Realität globaler Machtverhältnisse, asymetrischer Konflikte, und von Skandalen im Zeitalter des Spätkapitalismus.

Informationskunst, Journalismus für die TV-Generation, politische Architektur, wütende Graphik.

Mark Lombardi bezeichnet seine Arbeit als „narrative Strukturen." Dabei geht es ihm nicht um Antworten, sondern zunächst einmal um einen kontinuierlichen, persönlichen Kampf, das Geschehen seiner Zeit zu begreifen. Seine Zeichnungen ordnen sein Verständnis der Welt, und gleichzeitig sind sie die Grundlage, auf der er sich als Künstler überhaupt äußern mag. „Der Kern meiner Arbeit ist Recherchieren und Skizzieren. Wenn ich das nicht gemacht habe, habe ich nichts Bedeutsames mitzuteilen", sagt Lombardi in Archiv-Aufnahmen in  Mareike Wegeners Dokumentation„Kunst und Konspiration".

Mit seiner intensiven Arbeit als Rechercheur ist es Mark Lombardi gelungenen, die wohl ersten zeitgenössischen Kunstwerke zu schaffen, die von Geheimdiensten genutzt wurden, um ihre eigene Informationen zu verifizieren. Seine Weggefährten, wie der Künstler Greg Stone, wussten um die Wucht von Lombardis Wissen: „Er hat die Welt gezeichnet. Wir leben in Marks Zukunft. Und seine Zukunft ist fucked up."

Mark Lombardis Indexkarten, die er zum Archivieren seiner Informationen anlegte. Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi

Bis heute schwingt in den Artikeln, Katalog-Beiträgen, und Gedanken seiner Weggefährten eine letzte Ungewissheit mit, ob Mark Lombardi tatsächlich durch Selbstmord gestorben sei. Denn die (ausbleibenden) Informationen über seinen Tod hinterlassen ein offenes Netz an Fragen; auch wenn die Selbstmord-Version bis heute allgemein offiziell vertreten wird. Es ist eine ähnliche unaufklärbare, stille Schwere, wie sie auch auf seinen Bildern liegt.

Das Werk wird zum Datenträger.

Die Geschichten der narrativen Strukturen Mark Lombardis haben auch heute nichts von ihrer Anziehungskraft und von ihrer Wirkung verloren. Lombardis Vermächtnis ist seine Sprache, die eine vernetzte Welt in analoger Präzision freilegt—mit jedem seiner Tableaus, die er Version für Version weiterentwickelte. Selbst Beamte des US-Heimatschutzministeriums ließen sich noch im Jahr 2003 von Kuratoren seine Bilder zeigen, um von seiner Visualisierung komplexer Zusammenhänge zu lernen. Neben zahlreichen weiteren Ausstellungen in den letzten Jahren fand sich Lombardis BCCI-Bild prominent platziert in den Räumen der Hauptausstellung der documenta 13 in Kassel.

Global International Airways and Indian Springs State Bank, Kansas City, ca. 1977-83 (4th version), 1999. Graphite and red pencil on paper. 81 x 107 cm. Courtesy of Galerie Thomas Schulte, Berlin. Privatsammlung.

Auch für seinen Galeristen Joe Amrhein war Lombardi ein ungewöhnlicher Künstler. Manchmal kamen Vertreter großer Unternehmen in die Räume der Galerie Pierogi in Williamsburg. Sie hatten davon gehört, Teil der Bilder von Lombardi zu sein. Doch als den potentiellen Käufern nicht gefiel, in welchem Licht sie dargestellt wurden, sahen sie von einem Kauf häufig ab. Geschmack war für diese Käufer durch positive oder negative Informationen ersetzt worden. Lombardis Werk wurde zum Datenträger.

Es hat mich schon irritiert, dass ich abgehört werde.

Die Aufmerksamkeit der Geheimdienste war Amrhein schon länger sicher. Nachdem er am Telefon wegen einer Ausstellung über die Werke Lombardis gesprochen hatte, klingelte nur wenige Tage später erneut sein Telefon. Ein Mitarbeiter des CIA begann Amrhein zu Namen wie Nagib Mahfuz oder Bin Laden zu befragen, die in dem Telefonat wie selbstverständlich gefallen waren. „Es hat mich schon irritiert, dass mein Telefon abgehört wurde", erklärte Joe Amrhein.

Mark Lombardi: Chicago Outfit and Satellite Regimes, c. 1981 - 1983. Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi

Die zumeist im Panorama-Format angelegten Zeichnungen von Mark Lombardi setzen sich aus Namen (Personen und Firmen, Körperschaften, Orte) und Symbolen wie Kreisen, verschiedenartige Verbindungslinien und Pfeilen zusammen. Es sind Diagramme, die einem von Lombardi vorbereiteten Code folgen und zugleich Systeme und Allianzen in stummer Direktheit offen legen.

Durch seine Darstellung zeitgenössischer wirtschaftlicher und politischer Intrigen brachte die amerikanische Presse Mark Lombardi oft in Verbindung mit Verschwörungstheorien. Auch der stets bemühte deutsche Welterklärer Ken Jebsen meinte im Jahr 2012, seine  Podcasts absoluter Wahrheitssuche mit einem Bild Mark Lombardis illustrieren zu müssen. Die Arbeiten des New Yorker Künstlers jedoch sind komplex und keine Lieferanten einfacher Antworten.

Lombardis Zeichnungen werfen Fragen auf, zweifelsohne. Für ihn war das Arrangieren von narrativen Informationen zunächst ein archivarischer, dann ein künstlerischer Prozess. Er wollte seine eigene Beobachtung realer Dinge erzählen und zur Sichtbarkeit bringen, aber er war eher Archivar als Politiker.

Detailansicht von „BCCI-ICIC & FAB, 1972-91 (4th Version)". Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi

Meist arbeitete Lombardi nachts mit einer Tasse Kaffee. Während seiner Arbeit spielte er ein konstantes weißes Rauschen von seiner Anlage ab, das ihm half, sich zu konzentrieren.

Die Netzwerke, die der Künstler grafisch, mitunter in verschiedenen Farben, auf dem Papier entfaltete, bilden dabei eine ästhetische Analogie zu dem Datenmeer, auf dem seine Arbeit basiert. Lombardi untersuchte weitreichend und global. Seine Recherche um die geopolitischen Interaktionen der Bank of Credit and Commerce International , die schließlich in verschiedenen Versionen in der Arbeit "BCCI-ICIC & FAB, 1972-91" (1996-2000) mündeten, wurde schließlich seine analytisch entscheidendste, und auch letzte Arbeit vor seinem Tod. Die Zeichnung bildet die Entwicklung der pakistanischen Großbank BCCI ab, die in Waffenhandel, Terrorismus, Geldwäsche, Geheimdienst-Service und möglicherweise sogar Nuklearschmuggel verwickelt war. 

Das Netz, bestehend aus Akteuren verschiedener Länder, entfaltet sich entlang eines Ereignisstrangs von Links nach Rechts und endet mit schwarz ausgefüllten Punkten, denen keine weitere Notation beigefügt ist. Tragischerweise wurde die aktuellste Version dieser Zeichnung nur eine Woche vor der Eröffnung der Ausstellung im MoMa P.S. 1 durch einen Unfall mit der Sprinkleranlage in der Galerie zerstört. In aller Eile versuchte Lombardi, die Zeichnung innerhalb weniger Tage zu reproduzieren.

Bis zu seinem Tod hat Mark Lombardi über 14.000 Indexkarten angehäuft. Die Konzeption seiner Diagramme führt auf ein Karteikartensystem zurück, wobei er die Ergebnisse seiner Recherche auf einzelnen Karten kondensierte und dadurch Verbindungen und Querverweise in einer, eigenen manuellen Organisationsstruktur in seinem Atelier archivierte. 

Diese Arbeitsweise mag beeinflusst sein von seiner Arbeit in der Houston Public Library, wo er von 1977 bis 1981 tätig war. Sie ist aber auch eine wesentliche Methode, lineare Informationen in den plastisch-visuellen Raum zu übertragen, wie es sich schließlich in Lombardis Zeichnungen symbolisch darstellt—lange bevor standardisierte Datenverarbeitung für jeden erschwinglich wurde.

Conceptual Artist with an Attitude.

Lombardi selbst beschrieb sich als „conceptual artist with an attitude." Seine Arbeit war für ihn „Informationskunst, Journalismus für die TV-Generation, politische Architektur, Machtnetzwerke, wütende Graphiken, narrative Strukturen." Bei seinen Zeichnungen geht es jedoch auch stets um das Kartographieren, um das Aufspannen einer Landschaft und die Weitung des Blicks. Das Panorama war stets ein entscheidendes Sujet für den Künstler, und der gelernte Kunsthistoriker Lombardi selbst fertigte von 1987 bis 1989 ein umfassendes Manuskript zum Thema „Panorama: The Atlas of Romantic Art (1787-1862)" an.

In Lombardis „narrativen Strukturen" bedeutet ein Panorama nicht nur den Ausblick oder die Aufsicht, sondern die Übersicht über eine Situation, die einzig im Detail nicht begreifbar wäre. Zugleich zeigen Lombardis sozio-politische Zeichnungen, die Konstellationen, Umgebungen und Handlungen, die sich in ihnen vollziehen. Die menschliche Weltordnung der Netzwerke wird zu einem Landschaftportrait der Informationsgesellschaft, das in detailreichen Facetten durchblickt werden kann. 

Es lohnt sich noch heute, die Geschichten, die uns Lombardis narrative Strukturen erzählen, zu lesen.