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Blackbox Urenco: Verscherbelt Deutschland gerade den Schlüssel zur Atombombe?

Das hochsensible Wissen von Urenco verhalf dank eines Spions schon den Pakistanis zur Atombombe. Doch die Bundesregierung hält an ihren Privatisierungsplänen fest.

Julian Claudi

Diese Bilder der Tanks mit dem Uranhexaflourid sind bei einer Begehung der niederländischen Urenco-Zweigstelle 1984 entstanden. Bild: Rob Bogaerts, Anefo — Fotocollectie Anefo; Wikimedia | CC BY-SA 3.0 NL

Eine kleine Detonationswelle ging im Spätherbst des vergangenen Jahres durch deutsche Medien und Politik: die Firma Urenco, die über hochsensibles Wissen zum Bau der Atombombe verfügt, soll verkauft werden. Die deutsche Bundesregierung will in einem „Markttest" die Verkaufschancen des Unternehmens mit der militärisch brisanten Urananreicherungstechnologie ausloten. Zentrifugenanlagen und Brennstäbe im Börsentest—ein heikles Novum.

Diskret wollten die Energiekonzerne E.on und RWE ihre Anteile der Firma Ende 2014 verkaufen. Der geplante Börsengang konnte bisher noch nicht umgesetzt werden, aber der Weiterverkauf des Unternehmens ist noch lange nicht vom Tisch, wie eine durch die Recherchen von Motherboard angestoßene schriftliche Anfrage des Bundestages nun erneut zeigt.

Geheimdienste, Spitzenpolitiker und Hedgefonds sowie virtuelle Atommächte dürften allesamt interessiert die weiteren Verkaufsplanungen verfolgen. Urenco besitzt und betreibt weltweit hochmoderne Anlagen: in den Niederlanden, Großbritannien, in den USA und im westfälischen Gronau. Die Urananreicherungsanlage beweist, wie fließend der Übergang zwischen zivilen und militärischen Nutzungsmöglichkeiten der Nukleartechnologie wirklich sein kann—und sie ist ein wenig beachtetes Beispiel für die Lücken des von der Bundesregierung propagierten Atomausstiegs: Urenco ist vom deutschen Atomverzicht nicht betroffen, obwohl das Unternehmen genau jene Brennelemente liefert, mit denen weltweit Kernkraftwerke betrieben werden.

Keiner kann sagen, wem Urenco in 10, 20 oder 30 Jahren gehört.

Hinter den Kulissen wird nun darum gerungen, wie der deutsche Staat weiterhin die Kontrolle über das sensible Wissen des Unternehmens behalten kann. Dabei dürfte der behördliche Wunsch nach strenger Regulierung des Firmenwissens der Vermarktbarkeit der Anteile teilweise diametral gegenüberstehen.

Urenco hat schon heute eine ambivalente Firmen-Historie vorzuweisen: In den 70ern schaffte es ein Spion, Knowhow der Firma nach Pakistan zu schaffen. Aufgrund des Diebstahls von Zentrifugenblaupausen bei Urenco in den Niederlanden wurde Abdul Qadeer Khan schließlich als „Vater der pakistanischen Atombombe" berühmt. Später lieferte er an Nordkorea und Iran. Die Folgen sind bekannt.

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Eigentlich ist die Urananreicherungsfirma Urenco bewusst so kompliziert aufgebaut, dass genau so etwas niemals hätte passieren dürfen: Eigentümer sind je zu einem Drittel die deutschen Konzerne RWE und E.on, sowie Großbritannien und die Niederlande. Kontrolliert wird Urenco durch Gremien und Komitees aus den drei Staaten, eingebettet in ausgeklügelte Verträge und aufgespalten in verschiedene Abteilungen, die nur limitiert Informationen miteinander austauschen dürfen—Urenco soll eine Blackbox nach innen und außen bleiben.

Der Grund: Mit den Zentrifugen, die Urenco herstellt, wird das spaltbare Uran 235 angereichert. Um Brennstoff für Atomkraftwerke herzustellen, braucht es einen Anreicherungsgrad von 5%. Die Zentrifugen-Technik kann aber auch höhere Anreicherungen von bis zu 80% oder 90% erreichen. Dann ist das Uran atombombentauglich.

Gaszentrifugen in Piketon, Ohio, die zur Urananreicherung dienen; Bild: Wikimedia. Lizenz: Gemeinfrei.

In Politik und Wissenschaft herrscht allgemeines Rätselraten, wie man die umfassende Kontrolle über die potentielle Atombombentechnologie und den Verkaufswunsch der Bundesregierung nun eigentlich zusammenbringen möchte.

Aufgrund der Recherchen von Motherboard kam Ende Juni eine schriftliche Anfrage von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl auf den Weg.

„Auch der Zugriff auf schwächere Zentrifugentechnologie reicht schon, um die Welt in Atem zu halten."

Die atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen fragte nach genaueren Informationen dazu, mit welchen Maßnahmen der deutsche Staat sicherstellen will, dass nach dem Verkauf kein Geheimwissen abfließen kann. Klar ist, dass das Unternehmen vertraglich bisher dazu verpflichtet ist, kein waffenfähiges Uran zu produzieren—über das Wissen dazu verfügt man als einer der Weltmarktführer im Bereich der Anreicherungstechnologie freilich dennoch.

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Seit dem 30.6. liegt die Antwort der Bundesregierung vor und kann auch öffentlich eingesehen werden. Die deutsche Bundesregierung bestätigte erstmals unmissverständlich, dass die Kontrollrechte der Regierungen an Urenco in vollem Umfang erhalten bleiben sollen:

„Die Verhandlungen mit den anderen Troika-Staaten Großbritannien und den Niederlanden zur Vorbereitung einer möglichen Veräußerung bzw. Privatisierung von Anteilen am trilateralen Anreicherungsunternehmen URENCO dauern an. Dabei geht es um die Schaffung eines Rechtsrahmens, der gewährleistet, dass im Falle einer Veräußerung an Dritte die bisherigen Kontrollrechte der Regierungen im vollen Umfang erhalten bleiben. Ein aktueller Inhalt der Gespräche ist dabei u.a. die Überlegung, diesen Rechtsrahmen im Wege eines niederländischen Gesetzgebungsvorhabens zu schaffen."

Unklar ist weiterhin, wie diese strengen Regeln greifen sollen. Laut der Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, sei der Rechtsrahmen so „nicht einfach auf britisches oder deutsches Recht übertragbar." Sie ergänzt, dass es sein könne, „dass die Niederlande damit eine Vorlage erarbeiten, die die anderen Staaten zumindest in Teilen übernehmen und der jeweiligen Rechtsprechung anpassen könnten."

Verkaufsumme: 10 bis 15 Milliarden Euro. Verhandlungsdetails um Auflagen: unbekannt.

Aber wen ziehen die Eigner überhaupt als Käufer in Betracht und welche Regeln sollen wirklich verhindern, dass niemals Geheimwissen zur Atombombenentwicklung in falsche Hände gelangt? Da der Deutsche Bundestag seit der ersten Verkündung der Verkaufspläne bei den Planungen vollständig außen vor ist, bietet die Zukunft von Urenco weiterhin viel Raum für Spekulationen. Auf die Fragen von Motherboard wollte sich bei Urenco offiziell niemand äußern.

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„Bisher sind die Verhandlungen eine Blackbox. Das Parlament weiß weder, nach welchen Kriterien potentielle Käufer ausgesucht werden, noch welche Maßstäbe für den Verkauf und eine mögliche Organisationsstruktur angelegt werden", so Kotting-Uhl. Es geht allerdings auch anders: In den Niederlanden zum Beispiel ist das Parlament ebenfalls Anteilseigner von Urenco. Dort wird in der Öffentlichkeit wesentlich leidenschaftlicher und auch umfassender zum Thema debattiert und informiert.

Allerdings solle man sich keinen Illusionen hingeben: Das Ziel des Verkaufs sei ganz klar „maximaler Gewinn", so Kotting-Uhl weiter gegenüber Motherboard. Dr. Matthias Englert vom Öko-Institut, Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit räumt ein, dass „eine Verkaufssumme von 10-15 Milliarden Euro verlockend sein mag", andererseits habe Urenco seinen bisherigen Besitzern jährlich satte Gewinne eingefahren (2014: 404,5 Millionen Euro).

Bild: UAA Nee; FlickR. Lizenz: CC BY SA 2.0

Die staatliche Regulierungswunschliste des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie an den neuen potentiellen Inhaber der Uranfirma ist zwar lang, doch es ist völlig offen, welche Sicherheitsaspekte die Bundesregierung bereit ist aufzugeben und für den maximalen Profit aus der Liste herauszuverhandeln: „Müsste alles umgesetzt werden, dann wäre die Liste für potentielle Käufer eher unattraktiv. Unsere Befürchtung ist deswegen, dass die Liste eine Maximalforderung darstellt, mit der man in die Verkaufsverhandlungen geht", so Kotting-Uhl.

Matthias Englert warnt vor den Folgen, sollte auch nur ein Bruchteil des Wissens von Urenco ausspioniert werden: „Der Fall des Iran zeigt, dass auch der Zugriff auf nicht kommerziell konkurrenzfähige Zentrifugentechnologie ausreicht, die Welt in Atem zu halten."

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„Keiner kann sagen, wem Urenco in 10, 20 oder 30 Jahren gehört", so Kotting-Uhl. Vertragskriterien könnten „nach und nach aufgeweicht werden." Das Beste sei deswegen, „wenn der deutsche Standort in Gronau geschlossen und damit die Urananreicherung in Deutschland endlich eingestellt wird." Das gehöre laut Kotting-Uhl zu einem ehrlichen Atomausstieg dazu.

Deutsche Brennstäbe sind gefragt. Die Absätzmärkte der Zukunft sieht Urenco in China und der Ukraine.

Urenco-Chef Helmut Engelbrecht hat derweil andere Pläne: Anfang Juni äußerte er sich zu neuen Absatzmärkten für Brennstäbe: China oder die Ukraine ganz vorne mit dabei. Weltweit würden heute mehr als 30 Reaktoren gebaut. Brennstäbe und Nuklear-Knowhow aus Deutschland sind gefragt. Bisher nicht betroffen vom Atomausstieg will Urenco die „Kapazitäten [der westfälischen Anreicherungsanlage] so lange nutzen, wie sie uns zur Verfügung stehen", so Urenco-Boss Helmut Engelbrecht gegenüber der Wirtschaftswoche.

Engelbrecht legitimierte das Geschäftsfeld seiner Firma dann auch gleich mit einem kleinen, aber feinen Definitionsunterschied: Deutschland habe zwar beschlossen, auf die Kernenergie zur Produktion von Strom zu verzichten, aber nicht, aus der Kernenergie an sich auszusteigen. So beliefert das Unternehmen unter anderem auch den Fukushima-Eigner Tepco, während die deutsche Regierung stolz den Abschied von Kernkraftwerken in Deutschland verkündet. Gleichzeitig weisen lokale Initiativen darauf hin, dass dank der andauernden und unbefristeten Urananreichung in Gronau die Gefahr besteht, dass in Westfalen effektiv ein oberirdisches Endlager für Atommüll entstehen könnte.

Weitere Pläne in der Pipeline des Unternehmens: Ab 2016 soll es zusätzlich Urantransporte von Gronau ins britische Capenhurst geben—ab Ende 2015 soll dort vom Unternehmen selbst eine weitere Dekonversationsanlage betrieben werden.

Der eigentliche Knackpunkt, den das Uranunternehmen in seiner Öffentlichkeitsarbeit immer wieder geschickt umschifft, den die Geschichte aber bereits bewiesen hat: Man kann zivile und militärische Nutzung von Atomenergie nicht wirklich trennen—Wissen und Knowhow vom Atombombenbau ist immer auch eine machtpolitische Option und ein riskantes Spiel mit dem nuklearen Feuer.