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Kultur

Ein Plagiat-Skandal erschüttert die Kreuzworträtselszene

Eine kleine Gruppe findiger Nerds, ein Algorithmus und der Zufall wurden einem Redakteur zum Verhängnis.

Laura Lucas

Erstaunlich ähnlich sind sich diese beiden Rätsel. „Reiner Zufall", behauptet Timothy Parker. | Bild: FiveThirtyEight

Ja, es gibt eine Kreuzworträtselszene und ja, Kreuzworträtsel kann man plagiieren.

Wie aus einem Medienbericht hervorgeht, wird der Redakteur Timothy Parker beschuldigt, jahrelang mehr als 60 Kreuzworträtsel veröffentlicht zu haben, die in Teilen identisch mit Rätseln aus der New York Times sind. Die Enthüllung könnte ihn nicht nur den Job kosten, sondern sorgt unter dem Hashtag #Gridgate [grid = engl. für Raster oder Gitter] bereits für wütende Reaktionen unter Kreuzworträtsel-Profis.

Aufgedeckt hat den Skandal eine kleine Gruppe findiger Fanatiker, der Zufall sowie die moderne Technik. Denn was Parker zum Verhängnis wurde, ist ein Algorithmus, den die Szene jetzt enthusiastisch feiert: „Das ist wie bei einem Mordfall, der durch den entscheidenden DNA-Beweis nach 50 Jahren endlich gelöst wird" jubelte etwa der Rätselkonstrukteur Matt Gaffney gegenüber FiveThirtyEight.

Das weltweit erste Kreuzworträtsel, damals noch rautenförmig und ohne schwarze Felder, erschien 1913 in der New York World. Für Profis, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, ist es eine Art Sport—wenn nicht sogar eine Frage der Ehre—mit jedem neuen Rätsel frischen Wind in diesen altehrwürdigen Zeitvertreib zu bringen. Sie versuchen mit überraschenden Wendungen, Wortspielen und übergreifenden Themen auf der Metaebene für zusätzliche Unterhaltung bei Rätsel-Fans zu sorgen.

Der Rätselentwickler Ben Tausig wurde also gleich stutzig, als Universal Crossword 2015 ein Rätsel von ihm wiederveröffentlichte, das er dort bereits 2004 eingereicht hatte. Tausig fand dann heraus, dass dasselbe Rätsel in leicht abgewandelter Form auch 2008 von Universal Crossword recyclet wurde. Allerdings zeichnete an dieser Stelle ein gewisser Bruce Manders für das Rätsel verantwortlich, dessen Urheber eigentlich Tausig war—ein Betrug. Mithilfe einer kürzlich entwickelten Datenbank für Kreuzworträtsel konnte Tausig diesen sogar beweisen. Ende Februar weihte der Entwickler die Rätsel-Community über Twitter in seinen Fall ein.

Dabei handelt es sich bei dieser Datenbank, die sich für Tausig als so praktisch erwies, „nur" um ein Hobbyprojekt von Kreuzworträtsel-Nerd Saul Pwanson. Der wiederum heißt eigentlich Paul Swanson und ist Softwareentwickler. Auch in seiner Freizeit tüftelt Pwanson gerne mit Codes und Daten herum. Als er die Datenbank aufbaute, habe er gar nicht nach etwas Bestimmtem gesucht, sagte er gegenüber FiveThirtyEight. Eigentlich habe ihn lediglich interessiert, auf welche Weise Raster, Worte und Sätze zusammen ein Rätsel bildeten.

Gemeinsam mit dem Kreuzworträtsel-Fanatiker Barry Haldimann trug Pwanson 52.000 Wortpuzzles aus insgesamt 11 Titeln zusammen. Er schrieb außerdem einen Code, der es ermöglicht, die Fragen und Antworten sowie das Muster der schwarzen Kästchen in den Rätseln zu vergleichen. Und siehe da: „Sobald man große Datenmengen in eine saubere, komprimierte Form bringt, fallen einem plötzlich bestimmte Sachen auf", beschrieb er FiveThirtyEight den Nebeneffekt seiner Erfindung. Und auch Mittüftler Haldimann bestätigte: „So ist das mit Datensätzen: Man findet eben auch Sachen, die man besser nicht finden sollte." Oder in diesem Fall: von denen Timothy Parker nicht wollte, dass jemand sie findet.

„Es ist hart, richtig gute Kreuzworträtsel zu machen. Noch dazu in der Masse. Das ist eine Kunst."

Ein Nebenprodukt der Datenspielerei von Pwanson und Haldimann ist nämlich eine detaillierte Liste aller Rätselpaare, die einander zu mindestens 25 Prozent entsprechen. Und so konnte bewiesen werden, dass Parker sei Dank 65 New York Times-Duplikate ihren Weg auf die Rätselseiten von USA Today und Universal Crossword fanden. Bei rund 1.500 weiteren handelt es sich um nahezu wortwörtliche Kopien früherer Rätsel, die Parker als verantwortlicher Redakteur für die beiden Serien veröffentlicht hat. Viele davon erschienen unter Angabe falscher Namen.

Diese Liste zeigt: Ben Tausig ist kein Einzelfall. Timothy Parker hat sich systematisch bei anderen Rätseln bedient. | Bild: FiveThirtyEight

Obwohl die Zahlen eine eindeutige Sprache sprechen, gab sich Parker zunächst gelassen. „Das ist purer Zufall", zitiert ihn FiveThirtyEight. Will Shortz, der Rätselredakteur der New York Times, sieht das anders: „Für mich ist das ein klarer Fall von Plagiat. Es ist unethisch."

Kennern ist der berühmte Ara ein Begriff, jene Papageien-Art, die durch viele Kreuzworträtsel flattert. Diese kurzen Standardantworten dienen häufig als eine Art Füllmaterial. Das, was die Identität eines solchen Rätsels ausmache, was es besonders lustig oder erinnerungswürdig mache, erklärt Oliver Roeder von FiveThirtyEight, seien die übergeordneten Themen. Wie eine Art Leitmotiv finden diese sich immer wieder in den Fragen und Antworten wieder. „Benutzt man exakt dieselben Hinweise und exakt dieselben Antworten wie in einem anderen Rätsel, verletzt man damit das Werk des Rätselkonstrukteurs", schreibt Roeder.

Doch auch das sieht Parker anders: „Es ist nicht unüblich, dass Kreuzworträtsel einander thematisch ähneln." Und weiter: „Ich gebe mir mit jedem einzelnen Rätsel die größte Mühe. Nichts davon lasse ich einen Computer machen. Ich stecke viel Humor hinein, verleihe jedem Rätsel meinen persönlichen Stempel als Redakteur." Kreuzworträtsel zu machen, so erklärte er, sei wie das Drehbuch einer Sitcom zu schreiben. Auch dort komme es vor, dass man einen Gag in ähnlicher Form schon einmal in einer anderen Sendung gehört habe. „Hey, wenn's ein doch ein guter Witz ist… Ich weiß, was meinem Publikum gefällt, und da ist es mir egal, ob es ein Thema schon einmal in einem anderen Rätsel gab."

„Wir haben es mit der Industrialisierung der Kreuzworträtsel zu tun", sagt Softwareentwickler Pwanson. „Es ist hart, richtig gute Kreuzworträtsel zu machen. Noch dazu in der Masse. Das ist eine Kunst."

Wenige Tage nachdem FiveThirtyEight den Skandal um Tim Parker enthüllte, nahmen USA Today und Universal Crossword dazu Stellung. Man werde den Anschuldigungen nachgehen. Parker sei vorerst von seinen Aufgaben befreit.