Das Flugzeugwrack am Strand von Sólheimasandur. Foto: Shutterstock

Die Geschichte von Islands mysteriösem Geister-Wrack: Gerettet vom Fluganfänger

Die Besatzung des US-Flugzeugs konnte sich dank eines spektakulären Manövers retten. Doch vier Jahrzehnte nach seinem Absturz ist das Wrack zu einem der gefährlichsten Orte Islands geworden.

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Mai 4 2016, 7:17am

Das Flugzeugwrack am Strand von Sólheimasandur. Foto: Shutterstock

Es war ein kalter Winterabend im Jahr 1973. Eyrún Sæmundsdóttir strickte gerade in ihrem Schlafzimmer einen Wollpulli, als sie aus dem Fenster blickte und sah, wie ein US Navy Flugzeug vom Himmel fiel und auf ihrer Farm im Süden Islands abstürzte. Das Flugzeug verschwand schließlich hinter einer schwarzen Sanddüne und ein ohrenbetäubender Lärm von über den Boden schleifendem Metall durchbrach die Stille. Als der Lärm verstummte, blickte Eyrún ihren Ehemann an, der sie von außen durch die Fensterscheibe ansah. Sie starrten sich ein paar Sekunden lang reglos an, bis Einar wie als Startsignal schließlich die Heuballen, die er zuvor transportiert hatte, in den Schnee fallen ließ.

Der Wind peitschte gegen das Wellblechdach. Eyrún schlang schnell eine Decke um sich und verließ das Haus. Von ihrem Bauernhaus an der Landzunge des Mýrdalsjökull-Gletschers aus waren es fünf Kilometer bis zur Absturzstelle, und ihr Traktor hatte nicht mehr viel Benzin. Ohne zu wissen, was sie dort vorfinden würden, machte sich das Ehepaar durch Eis und Nebel zu Fuß auf den Weg zum Sólheimasandur Strand.

Bis heute liegt das Flugzeugwrack an derselben Stelle auf dem nackten schwarzen Sandstrand—sein Gerippe erscheint verwahrlost wie ein postapokalyptisches Grab aus einem Sci-Fi-Szenario. Von Einschusslöchern durchsiebt und von jahrzehntelang darüber hinwegfegenden Polarstürmen gepeinigt, ist von der C-117 nichts weiter als der ausgehöhlte Rumpf und ein paar krumme Drähte, die aus dem Skelett herausragen, geblieben.

Das Flugzeug liegt wie vereist auf dem Sólheimasandur Strand. Foto: Eliot Stein.

Aber 43 Jahre nach dem Absturz spielt sich seit Kurzem etwas merkwürdiges ab: Menschen aus aller Welt pilgern in die spärlich bewohnte Gegend und suchen die abgelegene Unglücksstelle, um einen Blick auf die Überreste des US-Flugzeugs zu werfen.

Alles begann, als Sigur Rós das Flugzeug in seiner Dokumentation Heima erwähnte. Danach tauchten immer öfters Fotografen auf, um das Wrack abzulichten. Die Bilder gingen ziemlich schnell viral und seitdem hat das Flugzeug unter anderem einem Bollywood-Film als Kulisse gedient, wird von Star Trek Fans als Foto-Hintergrund genutzt, und von erstaunlich vielen Verliebten zum Schauplatz ihrer Hochzeitsfotos auserkoren. Im November vergangenen Jahres fuhr dann Justin Bieber mit seinem Skateboard über das Flugzeugdach und verewigte das Wrack in einem Musikvideo, dass inzwischen mehr als 200 Millionen Menschen gesehen haben.

Inzwischen folgen hunderte von Besuchern täglich den angegebenen GPS-Koordinaten zu einem abgelegenen, unmarkierten Tor am Rande der Straße und nehmen den vier Kilometer langen Weg durch eine öde Lavawüste auf sich, um die langsam zerfallende Hülle des Flugzeugs zu begutachten. Auf der Insel, die für ihre einzigartigen Wasserfälle, märchenhaften Landschaften und tanzenden Polarlichter bekannt ist, ist diese geschichtsträchtige Maschine zu einem der meistbesuchten Orte auf Island geworden.

Die verlassene Hülle des Flugzeugs. Foto: Thomas Leuthard.

Der Ort ist aber auch zu einem der gefährlichsten Orte Islands geworden. Die selben Rettungsteams, die vor über vierzig Jahren zur Absturzstelle des Unglücksfliegers eilten, um mögliche Überlebende zu bergen, müssen inzwischen täglich ausrücken, um Touristen zu retten, die sich auf ihrem Abenteuerausflug in der isländischen Einöde verirren.

Trotz der vielen Bilder und Videos, die die Touristen anlocken, ist die Geschichte hinter dem letzten Flug des Flugzeugs aber weiterhin ein Geheimnis. Niemand scheint genau zu wissen, warum es abgestürzt ist, warum es dort zurückgelassen wurde und warum es bis heute am Strand liegt.

Die am weitesten verbreitete Theorie ist, dass das Flugzeug abstürzte, weil es keinen Treibstoff mehr hatte, oder weil der Pilot versehentlich zum falschen Tank umschaltete. Zwar ist die Maschine allgemein als „DC-3 Wrack" bekannt, doch in Wahrheit handelt es sich um eine umgebaute C-117. Selbst bei dem genauen Datum des Absturztages ist man sich nicht ganz einig. In den meisten Quellen ist vom 24. November die Rede, doch in einer isländischen Zeitung von damals wurde bereits einige Tage vorher von dem Absturz berichtet.

Es war ein Tag vor Thanksgiving, und die Männer ahnten, dass sie gleich sterben würden.

All das habe ich erfahren, nachdem ich im Oktober das erste Mal das Wrack besucht habe. An unserem letzten Tag in Island zwängten meine Frau und ich uns durch eine kleine Öffnung im Zaun und machten uns während eines starken Sandsturms auf die Suche nach dem Flugzeug. Es ist ein wirklich surrealer Ort. In das Metall der Abdeckung haben etliche Menschen von Mexiko bis Moldavien ihre Namen eingeritzt, doch um sechs Uhr morgens war außer dem heulenden Wind nichts weiter zu hören.

Das marode Flugzeug. Foto: Eliot Stein.

Als wir nun in den Rumpf kletterten und ins Cockpit blickten, fragte ich mich, was genau hier wohl vorgefallen war.

Nachdem ich mich durch Militärarchive gebuddelt habe, Überlebende aufgesucht habe und zu dem 300-Bewohner zählendend Dorf zurückgekehrt bin, entdeckte ich, dass die ungeschriebene Geschichte des weltbekanntesten, verlassenen Flugzeugwracks nur ein Teil eines viel größeren Friedhofs in Island ist.

* * *

Am 21. November 1973 war Kapitän James Wicke auf einer Routine-Mission über Island zur Luftstation der US-Marine, als sich das Wetter schlagartig verschlechterte. Die Temperatur fiel auf -10 Grad Celsius, arktische Windböen erreichten eine Geschwindigkeit von 95 km/h, und der Vergaser seiner C-117 begann, Eis einzusaugen. Nach heftigen Turbulenzen froren beide Triebwerke endültig ein und versagten. Zudem flog das Flugzeug durch so dichten Nebel, dass keines der Besatzungsmitglieder durch die Fenster das Ende der Tragflügel ausmachen konnte. Es wurde still an Bord der C-117.

Das Flugzeug sank über dem Vatnajökull, dem größten Gletscher Islands, ab und steuerte direkt auf eine steinige Felswand zu. Wicke sendete einen Notruf ab und versuchte verzweifelt, die Triebwerke wieder in Gang zu bringen. Es war ein Tag vor Thanksgiving, und die Männer ahnten, dass sie gleich sterben würden.

Doch dann übernahm Leutnant Gregory Fletcher das Steuer. Der 26-jährige steckte noch mitten in seiner Pilotenausbildung und hatte damals lediglich 21 Flugstunden in der C-117 absolviert. Er entschied, nach links zu drehen und auf dem Meer zu landen. Ihm war klar, dass nach nur 15 Sekunden im Nord-Atlantik die Unterkühlung einsetzen würde, doch eine Kollision mit der eisigen Felswand würde für sie alle den sofortigen Tod bedeuten.

Als das Flugzeug in etwa 760 Metern Höhe die Wolkendecke durchbrach, wurde Fletcher klar, dass sie über ein „verdammtes Etwas segelten, das wie die Mondoberfläche aussah." Er ließ die Maschine parallel zum Ufer absinken, nutzte den schwarzen Sandstrand als Landebahn und rutschte fast 30 Meter über die Sanddünen, bevor er das Flugzeug sechs Meter vor dem Wasser endlich zum Stehen brachte. Die Propeller waren verbogen, die Motorabdeckungen kaputt und die Tanks geplatzt, doch Fletcher hatte mit seinem Manöver allen das Leben gerettet.

„Die geschmeidigste Landung, der ich jemals beiwohnen durfte", sagte der Air Force Master Sergeant Howard Rowley.

Da bereits Sprit aus den undichten Tanks lief und das Flugzeug jederzeit in Feuer aufgehen konnte, öffnete die Besatzung die Luke und sprang aus der Maschine. Doch zuvor schnappte sich Oberfeldwebel Vernon Romskog die Überlebensausrüstung. Während Wicke das Flugzeug sicherte, legte Fletcher das in der Ausrüstung befindliche Funkgerät aus dem Zweiten Weltkrieg zusammen, nahm es zwischen seine Knie und begann es so schnell er konnte anzukurbeln, um Hilfe zu rufen.

„Es war wie aus einem John Wayne Film", erinnerte sich Rowley. „Es hatte eine Antenne aus Draht und war total korrodiert." Doch schon eine Stunde später tauchten am Himmel ein Air Force Suchhelikopter auf, um die Männer zu retten. In der Keflavík Militärbasis wurden alle Besatzungsmitglieder untersucht, und tatsächlich hatten sie den Absturz ohne einen einzigen Kratzer überlebt.

Der Rumpf des Flugzeugs, in dem die Überlebenden saßen, als das Flugzeug abstürzte. Foto: Sigurdur Bjarnason/Flickr.

Als die Navy die Geschichte von der Notlandung der C-117 hörte, wurde Fletcher mit einer Air Medal mit Bronzestern und einem Whiskey-Shot belohnt. Heute arbeitet er als Anwalt in Memphis. Den Steuerknüppel aus der C-117, die noch immer in Island ruht, hat er mit nach Hause gekommen und stellt ihn in seinem Haus an einem Ehrenplatz aus.

„Ich habe einfach nur versucht, das Beste aus dieser fatalen Situation zu machen", sagte Flechter. „Ich habe alles gegeben."

* * *

Als Einar und Eyrún die Absturzstelle schließlich erreichten, war die Besatzung schon gerettet worden, und das US-Militär war gerade dabei, die noch verwendbaren Teile des Flugzeugs zu demontieren. Die Flügel wurden abgesägt und die Instrumente aus dem Cockpit sowie die Motoren wurden ausgebaut.

Die C-117 am Absturztag, aufgenommen vom isländischen Rettungsteam.

Einar und Eyrún, die annahmen, dass das Militär den Rest des Flugzeugs bergen würde, nachdem es bereits ausgenommen wurde, drehten um und gingen zurück nach Hause. In all den Jahren kam nie jemand bei ihnen vorbei, um über das Ereignis zu sprechen, und nachdem alle rettungswürdigen Teile der C-117 ausgeweidet wurden, ließ das US-Militär das 4,5-Tonnen schwere Wrack einfach am Strand zurück und überließ die Überreste dem nordischen Wetter.

Einar war sich nicht sicher, was er mit dem neu erworbenen, zweimotorigen Frachtflugzeug auf seinem Grundstück anstellen sollte. Da es zu schwer war, um es abzutransportieren, begann er, Treibholz darin aufzubewahren. Später lud er einmal Freunde ein, und sie beschossen das Wrack mit Waffen. Letztendlich vergaß er es komplett und war völlig zufrieden mit der Aussicht, es der Zeit und Natur zu überlassen, sich um die Überbleibsel des Flugzeugs zu kümmern.

Das US-Militär ließ dieses Flugzeug 1973 in Island zurück und seitdem liegt es auf dem schwarzen Sandstrand. Foto: Eliot Stein.

„Es waren einfachere Zeiten", sagte der inzwischen 90-jährige Einar heute, während er in seinem Wohnzimmer sitzt und an seinen Hosenträgern zupft. „Außerdem passierten solche Dinge damals eben."

Einar þorsteinsson, heute 90 Jahre alt, und seine Frau, Eyrún Sæmundsdóttir, in ihrem Wohnzimmer in Vík. Foto: Eliot Stein.

Einar hat recht. Diese Dinge passierten damals. Und das nicht nur in diesem einen Fall, sondern eigentlich die ganze Zeit. Historisch gesehen könnte man Island sogar als Bermuda-Dreieck amerikanischer Militärflugzeuge bezeichnen.

Da Island in einer der unbeständigsten Wetterregionen dieses Planeten liegt, sind nirgendwo sonst auf der Welt mehr US-Militärflugzeuge verunglückt, als auf dieser kleinen Insel, die in etwa die Größe von Bayern und Baden-Württemberg zusammen hat.

Laut öffentlicher Angaben der Air Force und der Navy ist es zwischen 1941 und 1973 zu 385 US-Flugzeugunfällen in Island gekommen. Das bedeutet grob überschlagen, dass es alle 31 Tage einen Unfall gegeben hat, und das über einen Zeitraum von 33 Jahren. Angesichts der Tatsache, dass die USA nie einen Krieg mit Island geführt haben, dass kein anderes Land in den letzten 70 Jahren Island angegriffen hat und dass diese abgelegene Insel nicht mal ein Militär hat, erscheint diese Bilanz ziemlich verrückt.

„Mir fällt kein anderer Ort in Island ein, an dem sowas passiert."

„Ihr müsst verstehen, dass das Wetter in Island sehr mächtig ist", sagte Fletcher. „Es verändert sich schneller als sonst irgendwo auf der Welt, ausser vielleicht an den Polen, und deswegen fliegen wir auch möglichst nicht über die Pole."

Anstatt dafür zu zahlen, dass die Flugzeuge nach den Abstürzen abtransportiert werden, hat das US-Militär stets die gleiche Strategie verfolgt wie in dem Fall der C-117. Die Überreste der Maschinen werden an Ort und Stelle liegen gelassen werden, bis die Isländer sich darum kümmern. Das ist nicht nur vollkommen legal nach isländischem Recht, erstaunlicherweise scheint es den Großteil der Inselbewohner auch nicht im Geringsten zu stören.

Der Rumpf des Flugzeugs. Foto: Eliot Stein.

Laut Friðþór Eydal, der in der Zeit von 1983 bis 2006 als Öffentlichkeitsbeauftragter der Icelandic Defense Force der USA diente, hatten sich die beiden Nationen im Status of Forces Agreement unter anderem darauf geeinigt, dass bei Absturz eines amerikanischen Flugzeugs auf isländischem Boden die USA 85 Prozent der entstehenden Kosten der Bergung der Maschinen übernehmen würden, die isländische Regierung aber selbst für die Räumung vor Ort verantwortlich wäre.

„Dieser Fall würde aber nur eintreffen, wenn ein betroffener Grundeigentümer die Bergung einklagen würde", so Eydal. „Und an einem Ort wie Island ist das so gut wie nie vorgekommen."

Eydal zufolge gibt es dafür zwei simple Gründe. Erstens gibt auf der Insel, die zu 80 Prozent unbewohnt ist und deren Oberfläche zu 60 Prozent von Gletschern und Lavawüsten überzogen ist, eine Menge Platz, auf dem ein Flugzeug abstürzen kann und es niemanden großartig interessiert.

Zweitens muss in Island aufgrund des rauen Klimas und der begrenzten natürlichen Ressourcen so gut wie alles importiert werden. Deswegen verschwenden Isländer so wenig Ressourcen wie möglich und verwenden die vorhandenen Materialien auf kreative Weise wieder. Sobald also eine Maschine abstürzte und das Militär sich davonmachte, funktionierten erfinderische Isländer Teile der Wracks beispielsweise zu Dächern, Zäunen und anderen Haushaltsgegenständen um.

„Die Insel war so mit Wracks übersät, dass es ganze Unternehmen gab, die aus den Flugzeugen Töpfe und Pfannen herstellten", erklärte Eydal.

Während die meisten Wracks eingeschmolzen oder verschrottet wurden, haben manche Isländer die Flugzeuge zu Schafställen oder zu kleinen Kuriositäten am Straßenrand umgebaut.

Ein Bauer in Sauðanes nutzt das Wrack des US-Flugzeugs R4D als Schafstall. Foto: „Stuck in Iceland."

Andere waren um einiges ehrgeiziger.

Anderthalb Monate, nachdem das Flugzeug durch schwere Vereisung auf Einars Farm abstürzte, brachte extremes Wetter ein Weiteres auf dem Grund von Helgi Jónsson zum Absturz. Die Maschine war von der selben US-Luftstation aus gestartet wie Einars Flugzeug und die Modelle waren fast identisch. Da sich aber wieder niemand für die Bergung des Wracks interessierte, nutzten Helgi und seine Freunde es zwei Jahrzehnte lang als Fischerhütte am Ufer des Sees Þveit.

Nun wollte er das Wrack zu einem Haus umbauen. Es hatte jedoch kein Heck mehr. So fuhr er 1994 zu Einar und klopfte an seiner Tür.

Ohne zu zögern ließ Einar Helgi einen Kran und eine Sattelzugmaschine an seinen Strand fahren, das Heck seiner C-117 absägen und es nach Hoffel transportieren. Helgi verschweißte dann das Heck mit seinem R4D und lackierte das Ganze. Heute, 22 Jahre später, lebt er mit seiner Familie immer noch in der Hülle zweier zerstörter, amerikanischer Militärflugzeuge.

* * *

Als Leutnant Fletcher 1973 die C-117 kurz vor dem Gletscher wendete, erhielt die US-Navy den Mayday-Notruf und kontaktierte daraufhin umgehend Islands landesweiten, freiwilligen Such- und Rettungsdienst, ICE-SAR. Anhand von der Geschwindigkeit und der Höhe des Flugzeugs schätzte der Zuständige ab, dass das Flugzeug irgendwo zwischen dem Mýrdalsjökull Gletscher und dem Meer gelandet sein müsste. Er suchte die näheste örtliche Rettungseinheit und rief ihren Kommandanten, Reynir Ragnarsson, an. Innerhalb weniger Minuten mobiliserte dieser sein Team aus Vík und fuhr mit ihnen in einem Jeep los, um nach dem Flugzeug zu suchen.

Die Männer kamen an der Absturzstelle an, als die Überlebenden gerade per Seil und Rettungswinde in den Rettungshelikopter gehievt wurden. Und als das Militär das Flugzeug ausweidete, überließ es dem Rettungsteam gerne die restlichen 800 Liter Benzin, die sich noch in den Tanks befanden. Es war genug Kraftstoff, um die Motorschlitten des Teams für die kommenden Jahre zu versorgen, und die Navy wusste genau, dass sie schon sehr bald wieder auf die Hilfe des Teams angewiesen sein könnte.

Þórir Kjartansson und Reynir Ragnarsson in der ICE-SAR Zentrale in Vík. Foto: Eliot Stein.

Island hat weder viele Polizisten noch ein Militär, es hat aber jede Menge Vulkane, Erdbeben, Hochwasser, Lawinen, Flutwellen und Windstürme im Angebot. Nachdem die Insel-Bewohner sich Tausende von Jahren mit den Witterungsbedingungen herumgeschlagen haben, wurde schließlich die ICE-SAR ins Leben gerufen, um die Isländer vor den Extremen ihres eigenen Landes zu beschützen. Wenn die 10.000 Freiwilligen nicht gerade Polarkappen hochklettern oder sich von hohen Bergen abseilen, um nach Vermissten zu suchen, haben sie geschichtlich gesehen sehr viel Zeit mit der Suche nach vermissten amerikanischen Flugzeugen verbracht—vor allem in der Gegend herum um das Dorf Vík.

1975 wurde den selben Männern, die zwei Jahre zuvor zu Einars Farm geschickt worden waren, aufgetragen, nach einem amerikanischen Flugzeug zu suchen, das über dem Eyjafjallajökull—dem Vulkan, dessen Ausbruch 2010 mit hunderten gestrichenen Flügen weltweit für Chaos gesorgt hatte—verschwunden war. Nach einigen Stunden der erfolglosen Suche fand das Team schließlich heraus, dass die Maschine gegen den Gipfel des Vulkans geflogen war, und sich kopfüber drehte. Die Besatzungsmitglieder waren sofort tot, und Reynir und seine Männer konnten nur noch die kalten Körper aus dem Wrack bergen.

Zwei Jahre später stürzte ein Helikopter in der vulkanischen Wüste Mælifellssandurs ab. Die beiden Insassen überlebten zwar den Absturz und stolperten auf der Suche nach Hilfe noch etwa acht Kilometer durch die grimmige Landschaft, gaben dann aber auf. „Reynir und ich fanden die beiden am nächsten Tag", sagte Þórir Kjartansson, der in dem Rettungsteam von Vík gedient hat. „Es war aber zu spät. Sie waren erfroren."

Und 1981 bemerkte ein Schäfer, dass etwas aus dem Eis des Mýrdalsjökull Gletschers ragte und benachrichtigte das Vík ICE-SAR Team. Reynir und Þórir bahnten sich mit Eispickeln einen Weg durchs Eis und stießen auf ein US-Flugzeug zur U-Bootbekämpfung und die Leichen von acht Marinesoldaten, die 1953 vermisst gemeldet worden waren. Das US-Militär hatte damals versucht, die Männer kurz nach dem Absturz zu retten, doch als ein heftiger Schneesturm aufkam, mussten sie sich mit ihren Helikoptern zurück ziehen. „Innerhalb der 28 Jahre hat der Gletscher ihre Leichen um fünf Kilometer bewegt", sagte Reybir. „Die Natur hat gewaltige Kräfte."

Und genau diese gewaltigen Kräfte, die damals hunderte von Flugzeugabstürzen verursacht haben, sind heute dafür verantwortlich, dass der Tourismus in Island richtig durchstartet. Die Zahl der Touristen hat sich seit 2010 verdoppelt, da die Insel dafür bekannt ist, dass man dort relativ einfach mit Eis bedeckte Vulkane, reißende Wasserfälle und die Trümmer von Flugzeugen erreichen und dann coole Fotos davon auf Instagram posten kann. Das Problem ist leider nur, dass es nicht immer ganz so einfach ist.

Ironischerweise werden nun, 43 Jahre nach den vielen Flugzeugabstürzen, zu denen die ICE-SAR-Mitglieder aus Vík nach Sólheimasandur anrückten, um gestrandete Soldaten zu retten, ihre Kinder regelmäßig genau dorthin geschickt, um gestrandete Touristen zu retten.

Täglich wandern hunderte Menschen die acht Kilometer, um das verendete Flugzeug zu sehen. Foto: Eliot Stein.

Manche Leute versuchen, mit ihren gemieteten Autos über den unasphaltierten Weg zum Wrack zu fahren und versinken dann tief im Lavafeld. Andere machen sich zu Fuß auf den Weg und werden von einem heftigen Schneesturm überrascht. Wieder andere ziehen ohne Plan einfach auf gut Glück los und irren auf ihrer Suche nach dem Wrack so lange durch die mondähnliche Landschaft, bis sie aufgeben müssen und Hilfe rufen.

Für den Touristen kam jede Rettung zu spät—er wurde von einer Welle erfasst, als er Fotos vom Wrack machte.

Und wenn sie das tun, meldet sich am anderen Ende der Leitung meist der junge ICE-SAR Responder Þráinn Ársolsson aus Vík. Er muss dann seine Arbeit in der Werkstatt seines Vaters unterbrechen und sich auf den Weg zum Sólheimasandur Strand begeben.

„Seitdem das Flugzeug viral gegangen ist, muss ich hier draußen täglich jemanden retten", sagte Þráinn und hakte eine Kette aus seinem Truck an das eingesunkene Auto an, um das herum vier malaysische Touristen standen. „Das hier ist heute schon mein sechster Einsatz."

Heute kommen Menschen aus aller Welt an diesen Ort, um das Flugzeug zu sehen und daraufzuklettern. Foto: Eliot Stein.

In der Tat gehen täglich so viele Notrufe ein, dass das kleine Rettungsteam aus Vík mit den Einsätzen nicht mehr hinterherkommt. Stattdessen leiten sie die Anrufe nun zu Þráinn um, dessen Nebenjob es ist, die in Not geratenen Menschen mit seinem Truck zu bergen. Er schätzt, dass er innerhalb von einem Jahr etwa 350 Mal zum Strand eilen muss.

„Mir fällt kein anderer Ort in Island ein, an dem sowas passiert", so Þráinn.

Ein Tourist aus Argentinien filmt das Wrack bei Sonnenuntergang. Foto: Eliot Stein.

Laut Ólöf Baldursdóttir, dem landesweiten Pressereferenten von ICE-SAR, wurden für den landesweit aktivsten Rettungsstandort 2015 lediglich 127 Notrufe verzeichnet. Diese offiziellen Zahlen weichen zwar von der Anzahl an Rettungsmission ab, die Þráinn hochgerechnet hat, doch mit Sicherheit kann gesagt werden, dass das abgestürzte Flugzeug im Nachhinein nicht nur mehr Menschen in Not gebracht hat, als zum Zeitpunkt seines Absturzes, sondern auch, dass es zu einem der gefährlichsten Orte in ganz Island geworden ist.

In einem Versuch, die Rettungsaktionen am Strand zu verringern, hat das ICE-SAR Team aus Vík bereits ein Schild aufgestellt, auf dem die Menschen gewarnt werden, den Weg nur mit Autos mit Allradantrieb zu befahren. Zusätzlich wurden entlang der Route zum Wrack Holzpflöcke in den Boden geschlagen, die den Leuten den Weg weisen sollen. All das hat jedoch nichts gebracht. Daher hat der aktuelle Grundbesitzer, der den Leuten in seinem Geländewagen geführte Touren zum Wrack anbietet, auf Anfrage des ICE-SAR letzten Monat das Tor geschlossen. Nun können Autos nicht mehr direkt auf den Strand fahren.

„Wir können die Menschen nicht daran hindern, herzukommen", sagte Þráinn. „Die Touristen sollen nur darüber informiert werden, dass das Wetter rund um Vík sehr unvorhersehbar ist und es einen in große Schwierigkeiten bringen kann."

Am nächsten Tag verstand ich dann genau, was er damit meinte.

Am letzten Tag meines zweiten Aufenthalts in Island bereitete ich mich gerade in meinem Zimmer auf ein letztes Interview vor, als plötzlich eine Frau namens Æsa von unten zu mir hoch schrie. Sie betreibt das Hostel, in dem ich untergekommen war, und ist zufällig auch Reynirs Enkelin. Sie hatte uns einander am Vortag vorgestellt, und nun brauchte er unsere Hilfe. Es hatte einen Unfall gegeben.

Als wir ins Auto sprangen und Richtung Küste rasten, erzählte sie mir, dass ein Tourist vor kurzem am Strand von Vík unweit des Flugzeugs ins Wasser gezogen worden war. Sobald der Notruf die ICE-SAR Einheit in Vík erreicht hatte, wurden alle leistungsfähigen Such- und Rettungsmitglieder mobilisiert, Reynir inklusive.

Der mittlerweile 81-jährige Reynir konnte natürlich keine Menschen mehr aus den Cockpits hieven oder sich Wege durch Gletscher bahnen, doch er konnte immer noch seine kleine Cessna fliegen. Er war erst 13 Jahre alt, als er der Rettungseinheit beitrat. Auch jetzt war er fest entschlossen, den Rettungseinsatz aus der Luft zu unterstützen. Wir mussten zuerst aber noch die 30 Zentimeter hohe Schneeschicht vor dem Eingang zu seinem Hangar wegschaufeln. Und zwar schnell.

Reynirs Hangar, nachdem wir ausreichend viel Schnee weggeschaufelt haben, um die Cessna herauszuziehen. Foto: Eliot Stein.

Reynir Ragnarsson nutzt den schwarzsandigen Strand als Startbahn und fliegt los, um nach einem Touristen zu suchen, der vor kurzem ins Meer gezogen wurde. Foto: Eliot Stein.

Als wir beim Hangar ankamen, war Reynirs Sohn bereits vor Ort und schaufelte fieberhaft den Schnee weg. Reynir und ich griffen nach Schaufeln und halfen ihm so schnell wir konnten. Niemand sagte ein Wort, bis Reynir die Türen öffnen konnte und uns bat, ihm dabei zu helfen, das Flugzeug rauszuziehen. Er zog seine Handschuhe an und zog seine Wollmütze fester. Dann nutzte er den schwarzsandigen Strand als Startbahn und verschwand schließlich über der Küste—so wie Leutnant Fletcher es 43 Jahre zuvor auch getan hatte.

Ihm war, wie auch damals Fletcher, bewusst, dass die Unterkühlung unter diesen Wetterbedingungen nach etwa 15 Sekunden einsetzt, also warteten wir wie auf Kohlen in Æsas Auto auf eine Nachricht von ihm. Die Minuten vergingen und wir hörten nichts von Reynir. Uns wurde klar, dass die Rettungsaktion nun nur noch eine Bergungsaktion sein würde.

Æsas Telefon klingelte schließlich. Reynir sagte, dass ein ICE-SAR Boot soeben den auf dem Wasser treibenden Körper des Mannes entdeckt habe. Es war zu spät.

Später stellte sich heraus, dass der Mann an einem klaren Tag am Strand Fotos gemacht hatte, als ihn plötzlich eine unglaublich starke Welle erfasste. Er versuchte noch, sich zu retten, wurde aber vor den Augen seiner Frau und Kinder ins Wasser gezogen.

Auf dem Rückweg zum Hostel waren Æsa und ich in Gedanken versunken und wechselten kein einziges Wort. Ein paar Stunden später hatte ich meinen Koffer gepackt und ging runter, um auzuchecken.

„Pass auf dem Weg zum Flughafen auf dich auf", sagte Æsa. „Das Wetter soll bald wieder schlechter werden."