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IT-Profi live-tweetet seinen elfstündigen Kampf gegen 'smarten' Wasserkocher

Neben der Erkenntnis, dass das Internet of Things 2016 eher den Titel Internet of Shit verdient und einen funktionierenden Haushalt in einen undurchdringlichen Netzwerk-Dschungel verwandelt, steckt die Geschichte eines kleinen Hacker-Triumphs.

Theresa Locker

Theresa Locker

Das smarte Zuhause eines Big Data-Spezialisten gleicht einem Gadget-Dschungel. Bild: Mark Rittmann | Medium

Die neuen Herausforderungen des digitalen Lebens können durchaus Odyssee-ähnliche Ausmaße annehmen—nur der Schauplatz hat sich etwas verlagert. Während Herkules in Höhlen gegen die neunköpfige Hydra kämpfte, verzweifelt der moderne Mensch am Internet of Things, das verspricht, unser Leben zu erleichtern—doch bislang vor allem unsere zuvor recht zuverlässig funktionierenden Haushaltsgeräte in einen wuchernden und undurchsichtigen Netzwerk-Dschungel verwandelt, bis wir überhaupt nichts mehr auf die Reihe kriegen.

Warum auch nicht im Dunklen geduldig auf das Firmware-Download der gehackten Glühbirne warten—oder mal einen ganzen Tag mit dem Debugging eines „smarten" Wasserkochers verbringen?

So einer, genauer das Modell iKettle 2.0, steht auch beim britischen Big Data-Analysten und Programmierer Mark Rittmann zu Hause—und man möchte meinen, dass er allein aus beruflichen Gründen durchaus Fähigkeiten mitbringen würde, um dem Gerät auf Augenhöhe zu begegnen.

Weit gefehlt.

In einer epischen Livetweet-Serie, dramatischer als mancher Bundesliga-Abend, berichtete Mark gestern von seinem Kampf gegen den Kocher und was passiert, wenn man 2016 eine Tasse Tee kochen will.

Doch neben der Erkenntnis, dass das Internet of Things zum jetzigen Zeitpunkt wirklich eher den Titel Internet of Shit verdient, steckt ein komplexer technischer Hintergrund—und die Geschichte eines kleines Triumphs. In einem Blogpost auf Medium erklärt Mark Rittmann nämlich exakt, wie es zu der drohenden Tee-Apokalypse kommen konnte.

Man muss dazu sagen, dass das Haushalts-Equipment von Mark Rittmann sich selbst für hartgesottene Gadget-Fans als ein extrem exzentrisches Geräte-Setup darstellt—doch vielleicht ist ja genau das ein Vorgeschmack auf die Richtung, in die wir mit unseren Alltagsgeräte der Zukunft steuern und die fast alle Tech-Firmen unbeirrt vorantreiben.

In jedem Fall erscheint der viel berichtete Spin der Viral-Geschichte —„Argloser Brite wollte doch nur eine Tasse Tee, scheitert an IoT"—in einem deutlich anderen Licht, wenn man die totale Vernetzung von Marks häuslicher Umwelt und seines Lebens in Betracht zieht.

Mark hält sich nämlich—halb aus nerdigem Interesse, halb von Berufs wegen—zu Hause einen ganzen Zoo an Apple HomeKit-kompatiblen Geräten, wie einen smarten Thermostat oder die über W-Lan ansteuerbaren Glühbirnen von Philips. Man kann diese Geräte sowohl per iPhone, iPad oder einen Apple TV-Hub ansprechen als auch über Siri steuern.

Doch leider funktioniert das nicht bei allen smarten Gadgets, die der Big Data-Experte sein eigen nennt, denn zwischen Bett und Herd funken auch noch W-Lan-Rauchmelder (!), vernetzte Feuchtigkeits- und Bewegungssensoron, eine smarte Waage, mehrere Fitnesstracker und natürlich Amazons Voice-Control-Assistent Echo auf dem Tisch hin und her. Zum Glück gibt es jedoch ein Open Source-Programm, das solcherlei Inkompatibilität überbrücken soll: Das Home Bridge Project, das wiederum mit dem Samsung Smart Things Hub spricht, mit dem sich beispielsweise Marks Airplay-Lautsprecher an- und ausschalten lassen.

Es wird noch viel komplizierter, denn die Daten aller dieser Gadgets werden komplett über einen Python-Hub in der Rittmann'schen Garage gesammelt und mit Maschinenlern-Algorithmen korreliert und ausgewertet—aber das führt an dieser Stelle zu weit…

Zurück zu Tee-Apokalypse: Rittmanns jüngste Fantasie in seinem futuristischen Haushaltsgeräte-Porno dreht sich nämlich um besagten Wasserkocher, der automatisch Wasser für den Morgentee kochen soll, sobald das Fitnessband erkennt, dass sein Träger aufgewacht ist (und irgendein anderes Gadget das Licht in der Küche angeknipst hat).

Dumm nur, dass der iKettle 2.0 mit keiner dieser schönen Schnittstellen in seinem epischen Setup spricht. Um also zu vermeiden, den Kocher über die eigene Wasserkocher-App bedienen zu müssen, musste sich der Hacker eine Integration für Siri eben selbst zusammenwurschteln. „Und hier wurde es kompliziert", schreibt Rittmann bescheiden.

Da sich der Kocher immer mal wieder aus dem Netzwerk verabschiedete und ständig eine neue IP zugewiesen bekam, verbrachte Rittmann zunächst mehrere aufregende Stunden mit der Port-Scanning-Software seines Mac, um den Wasserkocher im Netzwerk wiederzufinden.

Es folgt das ein oder andere Anschlussproblem, weil der Kocher einfach nicht mit Amazon Echo reden will und schließlich die Python-Anlage sabotiert. Rittmann berichtet akribisch von seinem Fortschritt, während er den Tag damit verbringt, den Kessel zu rekalibrieren, zu debuggen und immer wieder neu zu installieren:

Elf Stunden und ein Dutzend Workarounds später: Der Durchbruch. Die erste stimm-aktivierte Tasse Tee im Hause Rittmann kann fehlerfrei aufgebrüht werden. Der feiernde Programmierer hält diesen Triumph in einem Video fest; ignoriert derweil Tweets mit dem Tenor „Wieso kaufst du dir nicht einfach einen normalen Scheiss-Wasserkocher?"

Antwort: Weil nichts so süß schmeckt wie die Befriedigung, etwas, das nicht funktioniert, endlich alleine zum Laufen gebracht zu haben. Da soll noch einer sagen, dass der Tüftler-Ehrgeiz im vernetzten Zeitalter vom Aussterben bedroht ist. Hack all the things!

Für viele Medien, die die Geschichte aufgreifen, demonstrierte Rittmann mit diesem Stunt das grundsätzliche Problem am Internet of Things: Die banalsten Aufgaben, die mit einfachen analogen Haushaltsgeräten umgesetzt werden können, durch digitale „Upgrades" derart zu verkomplizieren, bis sie sie sich überhaupt nicht mehr stemmen lassen.

Doch für den zufriedenen Rittmann war es eben nur eine Serie kleinerer Herausforderungen, die es zu lösen galt. Und so hat der Programmierer zwar tatsächlich elf Stunden gegen einen Wasserkocher gekämpft —doch ebenso wahr ist, dass er damit sein vernetztes Zuhause einem ultimativen und letztlich erfolgreichen Stresstest unterzogen hat—und seine Geräte wirklich etwas smarter gemacht hat.