Russland wird sein „schwimmendes Tschernobyl“ zersägen und abwracken

Zwanzig Jahre lang ist mit dem schwimmenden Atommüllager nichts passiert. Jetzt wird die russische Lepse endlich zersägt.

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Dez. 18 2014, 8:00am

​Die Lepse auf See. Alle Bilder: ​Bellona Foundation

Der Zahn der Zeit nagt an allem, aber nicht immer ist das so gefährlich wie in diesem Fall: Im letzten Jahrhundert war die Lepse mal ein Versorgungsschiff der russischen Eisbrecherflotte. Seit über zwei Jahrzehnten ist sie jedoch ein hochradioaktives, schwimmendes Mülllager für verbrauchten Nukleartreibstoff und radioaktiven Abfall der russischen Arktisflotte. Aufgrund des Zustands ihrer Ladung stellt das Schiff längst ein unberechenbares Risiko für die Umwelt dar. 

Mit 2,7x10 hoch 16 Bequerel strahlt die flüssige und feste Ladung der Lepse genauso stark wie die Menge an Cäsium, das beim Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 freigesetzt wurde. Über 20 Jahre lang dümpelte das Schiff vernachlässigt im Murmasker Hafen direkt vor dem Stadtzentrum am Atomflot-Pier. 

Nun will Russland das Schiff endlich abwracken. Dazu wird der Frachter in drei Stücke zersägt, der verseuchte Mittelteil wird dann an Land unter einem dafür gebauten Schutzraum weiter zerlegt. Der strahlende Müll soll letztlich im Entsorgungswerk Majak im Gebiet Tscheljabinsk endgelagert werden.

Der russische Eisbrecher vor Murmansk

Im Verlauf der vergangenen Jahre konnte man Russland nicht gerade überbordenden Tatendrang unterstellen, als es darum ging, das Schiff zu beseitigen. Für die Beseitigung seegestützter Atomdepots aus der Sowjetzeit zuständig ist die russische Atomholding Rosatom, die sich jedoch bei der Abwrackung ihrer Flotte bislang eher durch Aussitzen oder dem Versenken von ganzen beton- und bitumengefüllten Reaktoren im Meer auszeichnete. 

Das radioaktiv strahlende Schiff direkt vor den Toren einer Stadt mit 305.000 Einwohnern abzustellen, scheint damals niemand für ein größeres Problem gehalten zu haben.

Die EU sorgte sich schon 1994 um eine mögliche Verseuchung der Fischbestände in der Arktis und bot deshalb an, das Schiff aufzuschneiden und seinen flüssigen Inhalt zu extrahieren. Russland lehnte dankend ab—vermutlich auch, weil es nicht zugeben wollte, dass das Uranium noch stärker angereichert war als zugegeben, glaubt Nils Bøhmer von der norwegischen Umweltstiftung Bellona, der damals an den Verhandlungen beteiligt war.

Die Lepse im Trockendock

Nun wurde die Lepse auf ein Trockendock geschleppt und soll nun noch im Dezember zerstört werden. Dazu wird der alte Frachter zunächst in drei Stücke zersägt. Der Mittelteil, der die Brennstoffkammern trägt, wird bis 2016 an Land gebracht, wo der radioaktive Brennstoff extrahiert werden soll.

„Das ist der gefährlichste Teil", zitiert der New Scientist Nils Bøhner von Bellona. „Keiner weiß, in welchem Zustand die Brennstofftanks sind." Sollte einer herunterfallen und durch geometrische Veränderungen eine Kettenreaktion auslösen, würde das eine Katastrophe von unabsehbarem Ausmaß in Nordeuropa bedeuten.

Im Gas-Erkundungsgebiet in der Barenssee liegen  noch 17.000 Container mit nuklearem Müll, für die sich niemand verantwortlich fühlt.  

Bellona hatte bereits vor sieben Jahren einen Bericht der Rosatom abgefangen, laut dem dem Salzwasser in Lagertanks eingedrungen war, die in einem provisorischen Atommülllager auf der Kola-Halbinsel direkt neben Norwegen lagerten—und zwar so viel, dass sie durch die Korrosion „jederzeit in die Luft gehen könnten", wie es in dem internen russischen Bericht heißt. 

Da eine schlampige Wartung eine atomare Katastrophe in Nordeuropa hätte auslösen können, investierte Norwegen 12,5 Mio. Euro in die Instandhaltung der Tanks. Dank gab es dafür allerdings nicht. Im Gegenteil: Der russische Bellona-Mitarbeiter Alexander Nikitin wurde wegen Geheimnisverrat Ende der 90er Jahre strafrechtlich verfolgt.​

Die Lepse ist schon seit vielen Jahren mit einem eher komplizierten Schicksal gesegnet: Nach einer Panne in den 1960er Jahren bei der Lagerung abgebrannter Brennstäbe galt das Schiff als unbetretbar, zu gefährlich, um die Ladung zu bergen. 1984 kam es dann zu einem weiteren Unfall, bei dem flüssige radioaktive Abfälle in die meisten Räume des Schiffes gerieten. 

Die international Atomenergiebehörde IAEA stellte deshalb einen Plan auf, wie das Schiff zu beseitigen sei.

Doch selbst wenn das Schiff sicher zerstört wird, liegen in der Barens- und Karasee vor der Küste Nordwestrusslands noch immer große Mengen an radioaktivem Abfall, die zum Teil auch von der Lepse selbst versenkt wurden. Ein Beispiel sind rund 17.000 Container mit nuklearem Müll genau in dem Gebiet, in dem diverse Öl- und Gasfirmen ihre Erkundungen planen. Eine Karte dafür gibt es nicht, und genauso wenig fühlt sich eine russische Behörde zuständig, diese Container zu heben.

Das Ausmaß dieses strahlenden Nachlasses des Kalten Krieges ist immer noch nicht vollständig abzusehen.