Wir haben versucht, als Herr Ficker eine E-Mail-Adresse zu bekommen

Der Motherboard-Test zeigt: Einige Nachnamen stehen bei Online-Anbietern auf einer schwarzen Liste. Dabei leben in Deutschland Hunderte Menschen, die Ficker, Schwanz oder Möse heißen.

|
30 Januar 2019, 9:10am

Hintergrund: Christin Hume | Unsplash | Collage: Motherboard

"Ich kann verstehen, dass mein Name problematisch ist", sagt Andreas Ficker. Als er sich eine E-Mail-Adresse anlegen wollte, in der sein Name "Ficker" vorkam, lehnte der E-Mail-Anbieter das ab. "Vielleicht wird vermutet, dass hinter meinem Namen irgendwelche Pornogeschäfte stehen", sagt der 50-Jährige. Er könne sich vorstellen, dass er auf irgendeiner Liste steht. "Das entscheidet ja heute kein Mensch, sondern ein Computer."

Und tatsächlich, ähnliche Geschichten wie Andreas Ficker erzählen auch ein Herr Schwanz und eine Frau Goebbels im Interview mit Motherboard. "Es gibt schon Momente, in denen ich mich bewusst dagegen entscheide, mit meinem Namen etwas zu kommentieren", erzählt Friederike Goebbels. Als sie sich eine E-Mail-Adresse zulegen wollte, konnte sie das nicht mit ihrem vollen Namen tun.

Um herauszufinden, wie groß das Problem ist, haben wir getestet, wie viele Leute das Internet mit ihren Nachnamen überfordern. Mit insgesamt 25 auffälligen Familiennamen, die in Deutschland wirklich existieren, haben wir bei GMX, web.de, Gmail und Facebook Accounts angelegt. Das ernüchternde Ergebnis: Wer Ficker, Schwanz oder Titte heißt, braucht nicht nur bei jeder Vorstellungsrunde harte Nerven.

Familie Hurek darf keine E-Mails schreiben

Wortwolke
Für unseren Test haben wir insgesamt 25 in Deutschland vorkommende Nachnamen ausgewählt, einige haben einen sexuellen Bezug ("Schwanz"), andere einen Bezug zur NS-Zeit ("Goebbels"), wieder andere sind einfach nur ungewöhnlich ("Opfer") | Grafik: Motherboard via wortart.com | Quelle: Deutsches Familiennamen-Wörterbuch

Die größten deutschen E-Mail-Anbieter GMX und web.de haben insgesamt neun der 25 von uns getesteten Nachnamen nicht akzeptiert: Ficker, Schwanz, Himmler, Behitler, Goebbels, Arischeh, Bimbo, Hurek und das N-Wort. Hinter beiden Anbietern steht ein- und dieselbe Firma, trotzdem benutzen sie offenbar nicht dieselben Filterlisten. Eine Person namens Titte kommt zum Beispiel bei web.de nicht weiter, dagegen stört sich GMX an dem Namen nicht. Familie Ständer und Familie Pimmel haben bei beiden Anbietern übrigens keine Probleme.

Tabelle Nachnamen Provider
Grüne und rote Smileys zeigen, ob die Registrierung geklappt hat. Die grauen Smileys bedeuten: Hier verlangten die Anbieter von uns weitere Infos, etwa eine verpflichtende Telefonnummer oder ein Selfie. Ob der Grund dafür der Nachname war, oder ob uns die Plattform für einen Bot hielt, wissen wir nicht | Bild: Motherboard

Filter und Algorithmen kommen bei Genitalien und Nazi-Wörtern wohl an ihre Grenzen. Das betrifft auch Namen, die auf den ersten Blick völlig harmlos aussehen – Familie Spermann weiß vermutlich, wovon wir reden. GMX blockiert nämlich diesen Namen, möglicherweise weil darin das Wort "Sperma" steckt. Das kuriose Beispiel zeigt, schon belanglose Merkmale können einem das Leben im Internet schwer machen.

Für E-Mail-Adressen gibt es verbotene Wörter

Die Häufigkeit anstößiger Nachnamen im Diagramm
All diese Nachnamen gibt es wirklich – und lassen die Filter der Plattformen argwöhnisch zurück | Grafik: Motherboard | Quelle: Deutsches Familiennamen-Wörterbuch

Gegenüber Motherboard erklärte ein Sprecher von GMX und web.de, es gebe durchaus verbotene Begriffe beim Anlegen von E-Mail-Adressen, etwa "verfassungsrechtlich bedenkliche Formulierungen oder Wörter, die überwiegend für Beleidigungen verwendet werden". Wer einen ungewöhnlichen Nachnamen habe, könne sich aber an den Kundenservice wenden. Genau das hat die Künstlerin Friederike Goebbels versucht: "Ich habe eine E-Mail an GMX geschrieben, aber da kam nie eine Antwort", sagt sie im Gespräch mit Motherboard.

Google und Facebook haben bei unserem Test die meisten Namen durchgewunken, jedenfalls wenn sie sich auf deutsche Worte bezogen. Dafür war es bei beiden Anbietern unmöglich, sich mit dem Namen Cuntz zu registrieren. Er enthält den Bestandteil Cunt – das englische Pendant zu "Fotze". Google antwortete nicht auf Nachfragen zu ihrem Filtersystem, Facebook verwies nur auf den Hilfebereich der Seite.

Facebook-Dialog, der zum Upload eines Fotos auffordert
Häufig forderten die Plattformen bei unseren Tests zusätzliche Informationen wie ein "gut belichtetes" Foto oder eine Handynummer. Aus unserem Test konnten wir aber nicht klar ableiten, ob die Plattformen dabei wirklich gegen die Nachnamen protestieren oder nur verhindern wollten, dass ein Bot am Werk ist | Bild: Screenshot | Facebook

Facebook hat offenbar auch was gegen die Nachnamen Busen und Schwanz. In unseren Tests gelang es beispielsweise nicht, einen Account für eine Person Namens Alex Schwanz anzulegen. Tatsächlich verbietet Facebook in seinen Bedingungen "beleidigende oder anstößige Wörter jeglicher Art" – fordert aber gleichzeitig, dass sich Nutzer mit ihrem realen Namen anmelden.


Auch bei Motherboard: Verkleidet als VW-Mitarbeiter bitten Satiriker um Entschuldigung für den Dieselskandal


Christian Schwanz erzählt im Interview mit Motherboard, dass Facebook eine Passkopie von ihm anforderte. "Ich hab gleich vermutet, dass es am Nachnamen liegt."

Das Ficker-Problem wartet seit 20 Jahren auf eine Lösung

Venn-Diagramm zu Nachnamen, die auf Plattformen blockiert werden
Diese Namen wurden bei unserem Test blockiert. Um auszuschließen, dass ein Account schlicht schon vergeben ist, haben wir jeden Nachnamen im Test stets mit Zahlen- und Buchstabenkombinationen erweitert | Bild: Motherboard

Wer einen zweideutigen Namen hat, kann im Internet also jederzeit aussortiert werden. Für dieses Phänomen gibt es sogar einen eigenen Namen, und der ist mehr als 20 Jahre alt. Im Jahr 1996 bemerkten die Bewohner der englischen Stadt Scunthorpe, dass sie keinen AOL-Account anlegen konnten – und zwar alle. Der Grund: Ein automatisch arbeitender Filter fand die Buchstabenfolge "cunt" im Wohnort "Scnunthorpe" einfach nicht OK.

Bis heute ist es Entwicklerinnen und Entwicklern offenbar nicht gelungen, dieses Scunthorpe-Problem zu lösen und ihren Systemen beizubringen, dass manche Menschen (oder Orte) eben heißen wie ein Genital. Jüngst scheiterte etwa die Journalistin Natalie Wiener daran, einen Account auf einer Seite für High-School-Sport anzulegen, und das wohl nur, weil "Wiener" auf Englisch Schwanz bedeutet.

Es werden also immer wieder Support-Mitarbeiter benötigt, um die Patzer der Filter auszubügeln. Trotzdem, Andreas Ficker würde seinen Namen nicht ändern wollen, sagt er: "Mein Name hat auch Vorteile: Er wird nicht vergessen."

Mitarbeit: Yannah Alfering, Max Deibert, Dennis Kogel

Folgt Anna auf Twitter und Motherboard auf Facebook , Instagram , Snapchat und Twitter