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Social Media

Deshalb ist "Filterblase" die blödeste Metapher des Internets

Gute Nachrichten: Filterblasen gibt es nicht. Das Wort, das seit Jahren durch die Medien geistert, ist ein Hirngespinst. Ein Problem mit sozialen Medien gibt es trotzdem.

Sebastian Meineck

Sebastian Meineck

Die Filterblase im Tagesschau-Format "Kurz erklärt" | Bild: Screenshot | YouTube | Tagesschau

Wir alle sind in Blasen gefangen: Facebook zeigt nur, was in unser Weltbild passt; Google filtert die Suchergebnisse nach unseren Vorlieben; auf Twitter drücken wir einfach auf "entfolgen", wenn uns jemand stört. Das ist der Mythos der Filterblase, die angeblich Menschen radikalisiert und die Gesellschaft spaltet, die Donald Trump, die AfD und den Brexit überhaupt erst möglich machte. Aber dieser Mythos ist vor allem eins: ein großes Missverständnis.

Zuerst beschrieb die Filterblase der Online-Aktivist und Unternehmer Eli Pariser im Jahr 2011. Er definierte sie als ein "Universum an Informationen", erschaffen durch Algorithmen, das für jeden einzelnen anders aussieht. Nutzer würden den Eintritt in ihre persönliche Filterblase nicht bemerken und entrinnen könnten sie ihr auch nicht. "Die Filterblase ist eine zentrifugale Kraft, die uns auseinanderreißt", schrieb Pariser.

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Große Medien haben das Bild aufgegriffen und ihre Moderatoren zur Veranschaulichung in überdimensionale Blasen gesteckt. "Filterblasen gefährden die Demokratie" urteilte die Tagesschau im Format "Kurz erklärt". Es folgten Berichte darüber, wie man der mutmaßlich gefährlichen Filterblase wieder entkommen kann: "Raus aus der Filterblase", hieß es bei Deutschlandfunk Kultur, "So lassen Sie ihre Filterblase platzen" beim Münchner Merkur.

Mario Sixtus in der Filterblase beim ZDF
Mario Sixtus ist für eine ZDF-Info-Dokumentation in die Blase geschlüpft | Bild: Screenshot | ZDF.de

Jahre später sagte selbst Eli Pariser im Interview mit dem Magazin Wired, nach der Wahl von Donald Trump hätten einige Leute "es mit der Idee der Filterblase etwas zu weit getrieben". Tatsächlich ist das Wort, das seit 2017 im Duden steht, extrem irreführend. Mittlerweile können Wissenschaftler und Datenjournalisten belegen: Die meisten Eigenschaften, die wir der Filterblase zugeschrieben haben, treffen gar nicht zu.

Missverständnis 1: Die Filterblase entsteht durch Algorithmen

Da ist auf den ersten Blick was Wahres dran. Algorithmische Empfehlungen bestärken die Interessen von Nutzern und lenken sie in bestimmte Richtungen. YouTube empfiehlt bei jedem Videoaufruf ähnliche Videos; Amazon preist nach dem Einkauf mutmaßlich passende Produkte an; Google passt Suchergebnisse an seine Nutzer an; Facebook zeigt bevorzugt Beiträge von Kontakten, mit denen man viel zu tun hat.

Aber die Empfehlungen verdichten sich nicht zu einer Blase, im Gegenteil: Die Algorithmen konfrontieren Nutzer sogar mit Dingen, die ihnen eigentlich nicht passen. Das haben Forscher der Universität Michigan bemerkt. Im Jahr 2015 haben sie in Zusammenarbeit mit Facebook untersucht, wie zehn Millionen Nutzer mit News auf Facebook umgehen. Das Ergebnis: Der durchschnittliche Nutzer sieht immer wieder News, die nicht seiner politischen Haltung entsprechen – nur klickt er sie nicht gerne an, um sie zu lesen. Das liege den Forschern zufolge vor allem an persönlichen Vorlieben, nicht am Newsfeed.

Filterblase bei ARD Alpha
Die Filterblasen bei ARD Alpha erinnern an Taucherglocken | Bild: Screenshot | YouTube | ARD Alpha

Etwas Ähnliches fand der Datenjournalist Michael Kreil bei der Untersuchung deutscher Twitter-Nutzer heraus. Kreil konnte zeigen: Die Verbreiter fremdenfeindlicher Fake News bekommen durchaus mit, wie Nachrichtenmedien diese Fake News entlarven. Überzeugend genug, um das auch zu teilen, finden sie das aber offenbar nicht. Das Problem liegt offenbar weniger darin, dass Nutzern der Zugang zu ausgewogenen Nachrichten fehlt – sondern die Bereitschaft, ihnen zu glauben.

Auch die personalisierte Google-Suche erzeugt offenbar keine Filterblase. Im Vorfeld der Bundestagswahl haben Forscher der TU Karlsruhe überprüft, wie sehr die Suchergebnisse von Nutzer zu Nutzer abweichen. Sehen politisch rechte Nutzer vor allem politisch rechte Ergebnisse? – Nein. Den Forschern zufolge weisen selbst die "Google-Suchergebnislisten zu prominenten Politikern im Wesentlichen sehr hohe Ähnlichkeit auf". Von neun Suchergebnissen seien sieben bis acht identisch.

Missverständnis 2: Die Filterblase schottet vor anderen Meinungen ab

Diese Annahme ist falsch. Auf der Suche nach der Filterblase haben Forscher der Universität Oxford im Jahr 2013 untersucht, wie 50.000 US-Amerikaner Nachrichten lesen. Zur Überraschung der Forscher wurden die Leser vor allem aus einer Quelle mit alternativen, politischen Meinungen konfrontiert: nämlich auf sozialen Medien. Von einer Filterblase hätte man genau das Gegenteil erwartet.

Hinzu kommt, die "überwiegende Mehrheit" des Online-Nachrichtenkonsums läuft den Forschern zufolge nicht über soziale Medien, sondern über klassische Nachrichtenportale. US-Amerikaner bevorzugen offenbar Mainstream-Medien von der New York Teams bis zu Fox News, die sie aktiv und selbstbestimmt im Browser ansteuern. Diese Seiten werden zumindest nicht von Algorithmen zugesammengestellt, sondern von Menschen.

Die Filterblase beim WDR
Offenbar kann man auch sein iPad in die Filterblase mitnehmen | Bild: Screenshot | YouTube | ARD

In Deutschland ist das ähnlich. Wer Panik schiebt im Glauben, dass Leute in ihren Filterblasen stecken, vergisst: Facebook ist für die meisten nicht die dominante Nachrichtenquelle, wie es der Mythos von der Filterblase beharrlich nahelegt. Facebook hat die Deutschen nicht durch Filterblasen-Kräfte von anderen News isoliert, im Gegenteil: Nur schlappe sieben Prozent nennen soziale Medien und Online-Messaging als ihre wichtigste Nachrichtenquelle, wie aus dem Digital News Report 2017 des Reuters Institute hervorgeht. Tagesschau und Heute sind weiterhin am wichtigsten.

Missverständnis 3: Die Filterblase ist für jeden maßgeschneidert

Auch das lässt sich mittlerweile widerlegen. Datenjournalisten der Süddeutschen Zeitung haben sechs Monate lang die Likes von politisch interessierten Facebook-Nutzern in Deutschland ausgewertet. Das lapidare Ergebnis: "Es gibt einen Mitte-links-Ballungsraum – und die AfD". Die untersuchten Likes bilden einen riesigen, losen Haufen um die Parteien CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke und FDP. Bis auf wenige Verbindungen davon abgegrenzt ist ein Knäuel rund um die AfD. "Dicht verschlossene Filterblasen gibt es in der politischen Landschaft Facebooks in Deutschland nicht", folgern die Journalisten, wohl aber Verstärkungseffekte, vor allem im rechten Spektrum.

Ein ähnliches Bild zeigt die Twitter-Analyse von Michael Kreil. Er hat untersucht, welche deutschen Twitter-Nutzer eine bestimmte, fremdenfeindliche Fake News verbreitet haben – und welche die Richtigstellung. Das Ergebnis: Die Fake-News-Verbreiter sind eng miteinander verbunden. Sie folgen sich häufig gegenseitig und bilden eine Außenseitergruppe. Die anderen Nutzer, der Mainstream, hängen eher lose zusammen.

Twitter-Datenanalyse auf der Suche nach der Filterblase
Die Punkte repräsentieren deutsche Twitter-Accounts. Die großen Punkte haben mehr Follower, am größten sind Nachrichtenmedien. Fake-News-Verbreiter sind rot markiert; Verbreiter der Richtigstellung blau. Accounts, die sich gegenseitig folgen, sind verbunden und stehen näher beisammen | Bild: Michael Kreil

Alles deutet darauf hin: Soziale Medien machen Nutzer nicht zu einsamen Einzelgängern im Filterblasen-Gefängnis. Stattdessen zeichnet sich eine rechts orientierte Gegenöffentlichkeit ab, die sich vom Rest der Nutzer abspaltet. Eine abgeschottete Riesen-Filterblase ist diese abgespaltene Gruppe aber nicht. Sie nimmt andere politische Meinungen nämlich durchaus wahr, stellt sich aber aktiv ihre eigenen News zusammen.

Missverständnis 4: Die Filterblase macht Leute radikal

Das stimmt zwar in manchen Fällen, ist aber irreführend. Tatsächlich können soziale Medien radikale Nutzer bestärken. Aber Filterblasen sind nicht die Ursache für radikale Nutzer. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt: Vor allem kleine, sehr aktive Gruppen maximieren ihre Kräfte in sozialen Netzwerken. Sie organisieren Proteststürme im Netz und Demonstrationen auf der Straße.

Viele Forscher schätzen zum Beispiel, Pegida wäre nie so groß geworden, hätte sich die Bewegung nicht im Netz organisiert. Pegida entstand in einer Facebook-Gruppe, die der Dresdner Lutz Bachmann im Oktober 2014 gegründet hatte.

Was kleine Gruppen auf Facebook noch so anrichten können, hat der Informatikstudent Philip Kreißel herausgefunden: Die rechte Meinungsmache unter Facebook-Posts von Nachrichtenseiten wie Tagesschau, Welt oder Spiegel Online kommt offenbar von extrem wenigen Nutzern. Es sind Kreißel zufolge etwa 5500 Accounts, die hyperaktiv liken und kommentieren. Das nehmen wiederum große Nachrichtenmedien wahr und berichten alarmiert vom grassierenden Hass im Netz.

Phil Laude in der Filterblase für ein YouTube-Video
Das Bild vom Mensch in der Blase ist Popkultur – hier in einem Musikvideo von YouTube-Legende Phil Laude | Bild: Screenshot | YouTube | Phil Laude

Radikale Nutzer verbreiten also Hetze, Hass und Misstrauen im Netz, und sie sind dabei erstaunlich erfolgreich. Das Problem dahinter ist aber weder ein algorithmisch erzeugter "Filter", noch eine vermeintliche "Blase", sondern: dass diese Menschen überhaupt Hass und Misstrauen empfinden. Sie sind nicht durch Online-Filterblasen von anderen Nachrichtenquellen abgeschottet. Sie schenken Berichten, die ihnen nicht passen, einfach keinen Glauben. Das ist vor allem ein gesellschaftliches Problem.

Hinter der Filterblase verbirgt sich die Öffentlichkeit

Das Wort Filterblase ist der verzweifelte Versuch, die Technik für solche gesellschaftlichen Probleme verantwortlich zu machen. Wer von Filterblasen spricht, sieht die Ursachen für radikale Nutzer offenbar in algorithmischen Newsfeeds oder monströsen Online-Plattformen, die ihre hilflosen Besucher auf perfide Weise in Meinungs-Blasen drängen. Zugleich legt das Wort Filterblase nahe, dass auch die Lösung dieses Problems in der Technik liegen könnte, zum Beispiel durch bessere Algorithmen oder strengere Gesetze für Online-Plattformen.


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Natürlich können und sollen soziale Netzwerke auch ihre Algorithmen verbessern, weniger Propaganda pushen, keine hetzerischen Werbekampagnen unterstützen, Nutzer vor Hass und Belästigung schützen. Aber technische Mittel können nicht verhindern, dass radikale Nutzer sich online versammeln, krude Theorien aushecken und dafür Aufmerksamkeit bekommen. Auf sozialen Netzwerken können sich Leute eben extrem gut vernetzen. Eine Facebook-Gruppe ist unfassbar viel praktischer als ein E-Mail-Verteiler oder ein Verein mit wöchentlichem Stammtisch.

Schiebt man den Begriff Filterblase beiseite, bleibt vor allem eines übrig: die Öffentlichkeit, die es schon vorher gab, und die sich neuerdings auch in Facebookgruppen, YouTube-Kanälen und Kommentarspalten äußert. In dieser Öffentlichkeit werden jetzt politische Stimmen laut, die zuvor weniger beachtet wurden und ihre Kräfte schlechter bündeln konnten. Das ist eine neue Herausforderung für die Zivilgesellschaft. Wenn die Mär von der Filterblase platzt, kann die Debatte um den Wandel der Öffentlichkeit losgehen.

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