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Mythos "Knusperparty": Was steckt hinter der wohl ekligsten deutschen Internet-Beichte?

Ich habe mich auf die Suche nach dem Ursprung des skurrilsten deutschen Internetphänomens begeben und in die Abgründe der menschlichen Sexualität geblickt.

VonRichard DiesingundJohannes Hausen

Mit diesem Post vom 8.11.15 bekam der Mythos "Knusperparty" noch einmal jede Menge Aufmerksamkeit.

"Was bedeutet Knusperparty?" – kaum ein Begriff hat deutsche Nutzer in den vergangenen Jahren so sehr beschäftigt, wie dieser Ausdruck aus einer anonymen Online-Beichte. Auf Deutschlands größter Ratgeber-Plattform Gutefrage.net zählt die Frage nach der Knusperparty auch heute noch zu den beliebtesten Fragen überhaupt – dabei hatte bereits alles im März 2013 mit einem Facebook-Post begonnen.

"Meine Freundin und ich, beide 30 Jahre jung, gehen gerne mal in den Swingerclub unseres Vertrauens", beginnt der anonyme Verfasser seine vermeintliche Beichte auf der mittlerweile gelöschten Facebook-Seite "Confessions. Beichte dein Geheimnis". Hier konnten Nutzer per Direktnachricht an die Administratoren anonym Dinge aus ihrem Leben schildern, die ihnen unangenehm sind. Die Betreiber der Seite entschieden dann, welche dieser "Beichten" sie auf Facebook veröffentlichten.

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Die Knusperparty sollte dabei zur berühmt-berüchtigsten aller Beichten auf der Confessions-Seite werden. Nach dem recht unverfänglichen Intro schildert der Verfasser explizit eine sexuelle Praxis, die deutsche Internetnutzer für Jahre faszinieren wird. Er habe mit seiner Freundin ein anderes Pärchen kennengelernt, welches regelmäßig eine "Knusperparty" feiere. Unter dem Begriff sei Folgendes zu verstehen, erklärt der Autor:

"Wenn die Frau ihre Periode hat, lässt sie sich ein paar Wochen davor die Haare an der Vagina wachsen. Während ihrer Periode lässt sie dann die ganze Soße in die Haare fließen und schön eintrocknen. Nach ein paar Tagen muss dann der Mann die eingetrocknete Soße abknuspern und schön essen".

Innerhalb kürzester Zeit wird der Wortlaut des 128 Wörter langen Posts von anderen Nutzern kopiert und außerhalb der Beicht-Community verbreitet, zum Beispiel auf Twitter oder dem Millionen Mitglieder starken Forum Kleiderkreisel.

Während einige Nutzer sich von der Beichte belustigt zeigen, äußern sich die meisten angewidert zur Knusperparty: "Wie eklig. Welcher Mann würde das -bei aller Liebe- tun???", heißt es beispielsweise auf Kleiderkreisel, auf Facebook schreibt ein Nutzer: "Dieser Moment, wenn du noch nie was ekligeres gelesen hast."

Schlagartig explodieren die Suchanfragen zum Begriff Knusperparty auf Google.

Screenshot: Google Trends

In den folgenden Monaten entstehen neue Beichtseiten auf Facebook, die die Knusperparty reposten, YouTuber greifen das Thema auf und der Begriff landet in Erotik- und Onlinespiel-Foren sowie Ratgeber-Portalen wie Gutefrage.net oder ichhabeinefrage.

Am 8. November 2015 greift dann die neu gegründete Facebookseite "Dein Beichtstuhl" die Knusperparty auf und postet eine Kurzversion der ursprünglichen Beichte:

"Ich M/19 beichte, dass eine Freundin, wenn sie ihre Tage hat, ihr Blut untenrum ein paar Stunden antrocknen lässt und sich dann von mir anknabbern lässt, wir nennen das unsere Knusperparty."

Mit über einer Millionen Likes verhilft die Seite der Knusperparty-Beichte endgültig zum viralen Durchbruch. Das Bild wurde bis heute über 140-Mal geteilt und über 7.000 Mal kommentiert. Viele Nutzer verlinkten in den Kommentaren ihre Freunde, um auch sie auf diese doch sehr skurrile Beichte aufmerksam zu machen. Auf Google explodieren die Suchanfragen zur "Knusperparty" erneut.

Kurz nach dem Post auf der Facebookseite "Dein Beichtstuhl" ist das Interesse an der Knusperparty wieder da.

Gibt es tatsächlich Menschen, die dem Fetisch "Knusperparty" fröhnen?

Aber kann es so einen Fetisch überhaupt geben? Ja, sagt die Münchner Sexualtherapeuthin Dr. Heike Melzer: "In Zusammenhang mit jedem Körpersekret gibt es Fetische." Unabhängig davon, ob der Verfasser des Textes tatsächlich überlegt habe, eine Knusperparty mit seiner Freundin zu veranstalten, verrate die Beichte aber noch etwas ganz anderes über ihren Autoren: "In der Art, wie er diese 'Knusperparty' beschreibt, scheint er exhibitionistisch veranlagt zu sein", so Dr. Melzer.

Anstatt mit einem langen Parka nackt durch die Gegend zu laufen und ihn dann vor unvorbereiteten Spaziergängern aufzureißen, lebte dieser Exhibitionist seine sexuelle Präferenz anscheinend mit einem Facebook-Post aus: "Durch die freudige Art der Formulierung seiner Beichte ist davon auszugehen, dass der Schreiber eher Lust durch eine gewisse Provokation als Leidensdruck verspüre."


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Der Verfasser des Posts werde in diesem Fall durch die Welle an Reaktionen und die Aufmerksamkeit erregt, die durch seine Beichte ausgelöst werde, so die Sexualtherapeutin weiter.

Ähnlich sieht das auch der Sexualtherapeut Dr. Michael Petery. Er schließt nicht aus, dass die in der Beichte beschriebene sexuelle Praktik tatsächlich praktiziert wird. Schon in der Antike und in der frühchristlichen Literatur fänden sich Hinweise auf ganz ähnliche Praktiken bei bestimmten Kulten und häretischen Sekten. "Das hat dann viel mit magischem Denken zu tun, mit der Vorstellung vom Blut als heiligem Lebenssaft", so der Sexualtherapeut.

Den Fall der Knusperparty-Beichte hält er dagegen für einen "rein verbalerotischen Akt an der Computertastatur". Sein Fazit: "Das Ganze klingt sehr nach dem Wunsch, mit einer möglichst krassen 'Online-Beichte' möglichst viele Leute zu schocken und viele zusätzliche Leser für die Seite zu bekommen."

Um eine solch Fake-Beichte in die Tasten zu hauen, reiche schon eine Prise Narzissmus aus. Viel interessanter sei doch die Frage, warum eine solche Nachricht so viele Leser finde. Aber auch da hat Dr. Petery eine simple Erklärung parat: "Es macht doch einfach Spaß, von krassen Perversionen anderer zu lesen. Denn so fühle ich mich als Leser oder Leserin selbst schon gleich viel gesünder und brauche an meine eigenen sehr viel kleineren Schwächen gar nicht mehr groß zu denken."

Ob sich unter den zahlreichen Nutzern, bei denen die Knusperparty auf derart reges Interesse stieß, also tatsächlich auch jemand befindet, der die geschilderte Praktik in der Praxis auslebt, lässt sich kaum beantworten. Wir konnten keinen Nutzer ausfindig machen, der behauptet, selber Knusperpartys zu praktizieren.

Fest steht: Die Popularität der Beichte hält bis heute an. Mittlerweile gibt es sogar Knusperparty-Merchandise zu kaufen, und seit ein paar Tagen hat die Knusperparty einen eigenen Eintrag im Urban Dictionary – dem inoffiziellen Nachschlagewerk der Urban Legends, welches hauptsächlich englischsprachige Internetmythen versammelt.