Beinahe schon zu farbenfroh für einen Matheprofessor, aber ganz sicher nicht für einen „Inter-Universal Geometer": Mochizukis Website an der Uni Kyoto. 

Mathegenie wütet, weil niemand seinen 500-Seiten-Beweis der ABC-Vermutung liest

Um die Mathematiker-Community auf seine Lösung eines der komplexesten Zahlenprobleme der Gegenwart aufmerksam zu machen, hat der japanische Professor Shinichi Mochizuki erstmal ein knackiges 17-Seiten-Pamphlet veröffentlicht.

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Jan. 20 2015, 8:53am

Beinahe schon zu farbenfroh für einen Matheprofessor, aber ganz sicher nicht für einen „Inter-Universal Geometer": Mochizukis Website an der Uni Kyoto. 

Bild: Screenshot Website Mochizuki

Shinichi Mochizuki mag zwar eine fröhliche Website aus der Netscape-Ära haben, aber sein Online-Auftritt spiegelt nicht die tiefdüsteren Wallungen wieder, die in seiner Seele brodeln. Mochizuki ist sauer.

Da hat der hochrespektierte Mathematiker von der Uni Kyoto schon vor drei Jahren ein geniales Pamphlet geschrieben, in dem er einen sauberen Beweis für eines der schwierigsten Matheprobleme unserer Zeit vorlegt. Auf 500 Seiten bringt er uns dem wahren Naturell der Primzahlen mit schwindelig komplexen Rechnungen näher und beweist angeblich nichts weniger als die berüchtigte ABC-Vermutung. Und was passiert?

Meine Kollegen sind einfach nicht qualifiziert.

Nichts. Niemand liest es. Und Mochizuki weiß auch schon, woran das liegt: „Einfach nicht qualifiziert" seien seine Kollegen, giftet er die Mathematiker-Community an. Das Problem: Die ABC-Vermutung ist der neue „heilige Gral" der Mathematik und irgendjemand muss prüfen, ob der Japaner das Problem gelöst hat. Mochizuki hat die Beweisführung möglicherweise schon zwei Jahre nach der Ausschreibung geknackt, aber in einem gesunden Punkrockethos mit ganz eigenen, sehr speziellen Begrifflichkeiten und Methoden notiert—durch die offenbar niemand mehr durchsteigt.

Papperlapapp, gibt Mochizuki zurück: Seine Mitstreiter hätten sein Werk eben nur nicht nicht geflissentlich en detail studiert—auch wenn die drei Mathematikerkollegen an der Uni, denen er seinen Beweis in monatelangen, zähen Privatseminaren beigebracht hatte, bislang keinen Fehler darin entdeckt haben.

Nun hat der Professor seinem Frust über die lahmarschige Mathegemeinschaft Luft gemacht—in Form eines 17-seitigen Dokuments; darunter macht er es offenbar nicht.

Zum Verständnis der ABC-Vermutung muss man nämlich zunächst mal die Inter-Universelle Teichmüller-Theorie aus dem Effeff beherrschen, die selbst hartgesottene Mathematiker ins Schwitzen bringt. In dem neuen Dokument werden genervt die spärlichen Erfolge aufgelistet, die Mochizuki bei der Vermittlung der Inter-Universellen Teichmüller-Theorie gegenüber anderen Kollegen verzeichnen konnte. Armer Professor—es ist einsam an der Spitze.

„Ich verstehe ja seine Frustration", wird der Mathematikprofessor Minhyong Kim von der Uni Oxford im New Scientist zitiert. „Aber ich weiß auch, dass Studenten möchten, dass er Dinge auf etwas konventionellere Art erklärt." Kim schlägt als kleine soziale Maßnahme vor, Mochizuki könne doch vielleicht seine Notizen ein wenig vereinfachen. Auch der vom Meister der anabelianischen Geometrie gern praktizierte, hochexklusive Privatunterricht sei nicht besonders produktiv für ein breiteres Verständnis der komplexen Aufgabe.

Die langatmige Lösung der ABC-Vermutung beweist zumindest ein weiteres Mal, dass die Welt der Mathematik keineswegs trocken und abstrakt ist, sondern ganz im Gegenteil immer wieder hochemotional. Der letzte Protagonist in einem vergleichbar dramatischen Setting zwischen Schiefertafeln und Unsterblichkeit war vor knapp fünf Jahren der verschlossene russische Mathematiker Grigori Perelman.

Ich mag ihre Entscheidungen nicht, sie sind ungerecht.

Er hasste die Mathematikercommunity (oder vielleicht auch alle Menschen) so sehr, dass er für die Lösung eines der großen „Millenniums-Probleme der Mathematik", dem über 100 Jahre alten Poincaré-Problem, nicht nur die Field-Medaille (so etwas wie den Nobelpreis der Mathematik), sondern auch den mit 1 Million Dollar dotierten Millenniums-Preis ablehnte. Die könnten ihn alle mal kreuzweise, knurrte er sinngemäß gegenüber der AFP, und überhaupt: Er habe „kein Verständnis für die organisierte mathematische Gemeinschaft… Ich mag ihre Entscheidungen nicht, sie sind ungerecht."

Wenn man sich die Geschichte der Teichmüller-Theorie so anschaut, ist dieser Vorwurf durchaus nachvollziehbar. Namensgeber Oswald Teichmüller mag ein Genie gewesen sein, aber er war auch ein flammender Nazi der ersten Stunde, der sich an der Uni Göttingen mit großem Einsatz persönlich um die Ausbootung jüdischer Kollegen kümmerte.

Sein Vermächtnis IUTeich, wie die Theorie unter Liebhabern zärtlich genannt wird, ist jedenfalls eine verdammt harte Nuss. In Mochizukis Dokument über seine verzweifelte Bemühungen der Wissensvermittlung von IUTeich gibt er die Worte eines weiteren japanischen Professors namens Yasada wieder:

Wer sich nur immer mal wieder mit der Theorie befasse und „an den Ecken knabbere", brauche mindesten zehn Jahre, um sie völlig zu erfassen. Aber der Mathe-Yedi hat auch motivierende Worte für seine Schüler: Wer sie systematisch und konsekutiv erlerne („fünf Stunden am Tag"), hätte gute Chancen, die Theorie schon binnen eines guten halben Jahres zu verstehen. Das sind doch mal aufmunternde Worte. Also, Mathematiker, lasst den guten Mochizuki nicht allein mit seiner ABC-Vermutung.

„I'm doing fine", schmollt der Professor automatisiert auf seiner Website. 

Noch offen ist, ob Mochizuki abseits der akademischen Welt nicht noch mit ganz anderen Verdiensten für die digitale Gesellschaft aufwarten kann: Der Vater des Hypertexts, Ted Nelson, legte vorletztes Jahr ein Video vor, indem er „enthüllte", wer der Schöpfer der Bitcoins sei: genau, Shinizi Mochizuki! Nelson legt dafür allerdings kaum Beweise vor, allerdings sammelt er säuberlich Indizien für seine Vermutung, dass hinter dem Synonym Satoshi Nakamoto niemand anderes stecken könnte als der geniale, wenn auch aktuell leicht verstimmte Mochizuki.

Auch dieser Beweis steht also aus. Es fragt sich nur, was ein Beweis zählt, wenn er nicht überprüft werden kann.