Astrophysiker haben berechnet, warum wir noch keine Aliens getroffen haben

Die gute Nachricht: Vielleicht gibt es viel mehr Orte im Universum, auf denen Leben entstehen kann, als gedacht. Das Problem: Wir könnten auf der Suche nach außerirdischem Leben einfach zu früh dran sein.

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Aug. 8 2016, 11:29am

Bild: Nasa Goddard Space Flight Center | Flickr | CC BY 2.0

Da dachten wir immer, irgendwas muss doch passiert sein in den über neun Milliarden Jahren, die unser Universum ohne die Erde auskam. Irgendwo in den Tiefen des Weltraums muss es sie doch geben: Uralte Zivilisationen, die sich längst von ihrer molekularen Hülle verabschiedet haben und sich nun als Künstliche Intelligenz in einer hochentwickelten Telepathie-Sprache kichernd über unsere goldene Schallplatte mit Frühstückssounds von der Erde amüsieren, die wir sicherheitshalber mal als nett gemeintes Begrüßungsgeschenk ins All geschossen haben.

Doch wieso wir trotz intensiver Bemühungen noch keine nachbarschaftlichen Beziehungen zu unseren potentiellen außerirdischen Freunden aufbauen konnten, ist seit jeher umstritten: Sind wir zu doof? Sind die Aliens bereits ausgestorben? Haben sie keine Lust auf Kontakt? Haben wir falsch gesucht? Fest steht: Seitdem es die Erde gibt, ist uns noch immer kein weiteres Lebewesen außer denen auf unserem eigenen Planeten begegnet.

Eine Studie im Journal of Cosmology and Astroparticle könnte uns nun endlich den Druck bei der Alien-Jagd nehmen: Vielleicht suchen wir nämlich einfach zum falschen Zeitpunkt, so die These der Astrophysiker. „Wenn du fragst: Wann könnte Leben am wahrscheinlichsten entstehen, könnte man naiverweise antworten: Jetzt. Aber wir haben herausgefunden, dass die Chance, Leben zu entwickeln, in weiter Zukunft viel größer ist." Und zwar bis zu 1.000 mal höher, erläutert der Autor Avi Loeb vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics auf der Website des Instituts.

Das bedeutet: Wir sind einfach durch einen glücklichen oder unglücklichen, universellen Zufall im kosmischen Stundenplan viel zu früh dran und deswegen noch allein.

In ihrem Modell, das bereits als Preprint-Version veröffentlicht wurde, berechneten Loeb und seine Kollegen, wie wahrscheinlich Leben an einem bestimmten Zeitpunkt im Universum entstehen könnte. Dabei gingen Loeb und seine Kollegen nicht ganz bis zum 13,8 Milliarden Jahre zurückliegenden Urknall zurück, sondern setzten ihre Berechnungen 30 Millionen Jahre später an, da die Sterne zu diesem Zeitpunkt genügend Sauerstoff, Kohlenstoff und andere „schwere" Elemente im Universum produziert hatten, um die Umgebung lebensfreundlich zu gestalten. Ihre Kalkulationen reichen bis in unsere düstere Zukunft in zehn Trillionen Jahren von heute. Dann nämlich geht das Licht im Universum endgültig aus, wenn der allerletzte Stern für immer ausbrennen wird.

Das Ergebnis lässt sich als gute und schlechte Nachricht lesen. Die gute Nachricht: Vielleicht braucht es zur Entwicklung von Leben überhaupt keinen Fixstern wie die Sonne—es könnte sich auch auf Planeten ausbilden, die viel kleinere, schwächer leuchtende Sterne umkreisen. Bei diesen sogenannten Roten Zwergen sieht die Prognose plötzlich richtig gut aus: Weil die Sterne viel länger leben, erhöht sich die Chance um ein 1.000-faches, dass sie in ferner Zukunft irgendwann eine Lebensform beherbergen. Die Annahme, dass unsere unmittelbare Nachbarschaft zur Sonne einen Planeten zum Top-Kandidaten für die Entstehung von Leben machen, ist also vielleicht falsch.

Wer sich jetzt einen Wecker auf 2050 stellen möchte, um dem nächstbesten Roten Zwerg einen Besuch abzustatten, wird allerdings enttäuscht: Denn Lebensformen auf den rund um die überall im Universum verstreuten Roten Zwerge würde gemäß den Berechnungen wahrscheinlich erst spät innerhalb der nächsten zehn Trillionen Jahren explodieren. Kleiner Dämpfer: Die Sonne wird schon in fünf Milliarden Jahren sterben und damit auch das Leben auf der Erde auslöschen.

Es gibt auch noch einen weiteren kleinen Haken. Rote Zwerge gelten nämlich insbesondere in ihrer Jugend noch als äußerst widerspenstig und launisch: Sie sind unglaublich aktiv in ihrer Millionen Jahre dauernden Pubertät und spucken gerne Emissionen und UV-Strahlen in ihre Umgebung, die so stark sind, dass sie mal eben die Atmosphäre von den sie umkreisenden Sternen wegbrutzeln können—was wiederum die Chance auf Leben auf diesen Planeten gen null reduziert.

Sollte sich die Umwelt rund um die Roten Zwerge doch als etwas zu harsch und ungemütlich herausstellen, bricht die Theorie von Loeb und Kollegen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Daher empfiehlt das Forscherteam vernünftigerweise zukünftigen Wissenschaftlern, die Planetensysteme rund um Rote Zwerge auf ihre Bewohnbarkeit zu erforschen. Das wird 2018 mit dem Start des James Webb-Teleskops der NASA auch schon in Angriff genommen. Die Ergebnisse der Mission dürften uns helfen, eine Antwort darauf zu liefern, ob Rote Zwerge vielleicht zur Beherbergung von Leben geeignet sind —was die Theorie stützen würde, dass wir wirklich eine Art mysteriöses, kosmisches Frühchen darstellen.

Während wir kleinen irdischen Diamanten also unser ganzes Leben irgendwelchen vermeintlich wichtigen Fristen und Terminen hinterherhetzen, ist es doch eine tröstliche Erkenntnis, sich vorzustellen, dass wir für die größte aller Entdeckungen möglicherweise einfach viel zu früh dran sind.

Wer sich nun die philosophische Frage stellt, warum wir denn dann nicht auch in der Zukunft leben und um einen Roten Zwerg kreisen, hat laut Loeb die wahre, größere Bedeutung seiner Forschungsanstrengung schon gefunden: Es gehe trotz aller trockenen Zahlen und Tabellen um nichts anderes als die große Frage, „ob wir speziell sind oder gewöhnlich".