Nick Cave: "Künstliche Intelligenz kann keine großartigen Songs schreiben"

Der Musiker erklärt in einem Gastbeitrag, warum er allein dem Menschen die Fähigkeit zutraut, zutiefst bewegende Musik zu schaffen.

von Nick Cave; Übersetzt von Sandra Sauerteig
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29 Januar 2019, 1:22pm

Bild: imago | Zuma Press

In seinem großartigen neuen Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert schreibt Yuval Noah Harari, dass Künstliche Intelligenz viele Menschen auf dem Arbeitsmarkt durch ihr grenzenloses Potenzial überflüssig machen wird. Das klingt erstmal plausibel. Allerdings schreibt Harari auch, dass KI bessere Musik schreiben wird, als es der Mensch kann. Vereinfacht ausgedrückt sagt er, dass wir uns Lieder anhören, um bestimmte Gefühle hervorzurufen.

In Zukunft wird KI Songs erschaffen können, die individuell auf uns, auf unseren persönlichen mentalen Algorithmus, zugeschnitten sind. Damit könnte sie uns wesentlich intensiver und präziser genau das fühlen lassen, was wir fühlen möchten. Wenn wir traurig sind und uns aufmuntern wollen, müssten wir uns nur unseren individuellen Gute-Laune-Song anhören, den die KI für uns maßgeschneidert hat.

Nick Cave ist Musiker, Autor, Songwriter und Drehbuchautor. Auf der Website The Red Hand Files beantwortet er regelmäßig Fragen von Fans. Kürzlich fragte Peter aus Slowenien , ob Künstliche Intelligenz jemals in der Lage sein werde, gute Songs zu schreiben. Wir haben Caves vollständige Antwort mit freundlicher Genehmigung hier für euch übersetzt.

Allerdings glaube ich, dass Songs noch viel mehr leisten. Natürlich hören wir uns Musik an, um etwas Bestimmtes zu fühlen: Freude, Trauer, Heimweh oder Aufregung zum Beispiel. Aber das ist nicht alles. Ein großartiger Song lässt uns auch Ehrfurcht fühlen. Und das hat einen Grund. Das Gefühl von Ehrfurcht entsteht durch die Grenzen, die wir als menschliche Wesen spüren. Es entsteht durch unseren Mut, über unser Potenzial hinauszuwachsen.

Es ist durchaus denkbar, dass eine KI einen Song produziert, der so gut ist wie beispielsweise "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana. Einen Song, der alle Anforderung erfüllt, ein bestimmtes Gefühl hervorzurufen, in diesem Fall, dass wir uns aufgeregt und rebellisch fühlen. Gut möglich, dass eine KI sogar einen Song produziert, der uns diese Gefühle noch intensiver fühlen lässt, als es ein menschlicher Songwriter jemals könnte.

Doch wenn wir "Smells Like Teen Spirit" hören, hören wir meiner Meinung nach mehr als nur den Song. Wir hören auch die Geschichte eines verschlossenen, entfremdeten, jungen Mannes aus der US-amerikanischen Kleinstadt Aberdeen. Ein junger Mann, der im Grunde ein wandelndes Wrack und der Inbegriff menschlicher Unzulänglichkeit war. Ein junger Mann, der dreist genug war, seinen persönlichen Schmerz in ein Mikrofon zu schreien, und somit die Herzen einer ganzen Generation berührte.

Wir hören auch, wie Iggy Pop über die Hände seines Publikums läuft und sich mit Erdnussbutter beschmiert, wenn wir "1970" anhören. Wir hören, wie der fast taube Beethoven die 9. Symphonie komponiert. Wir hören, wie Prince alle verblüfft, als er beim Super Bowl "Purple Rain" singt, selbst ein Haufen lilafarbener Atome im strömenden Regen. Wir hören, wie Nina Simone ihre ganze Wut und Enttäuschung in das zärtlichste aller Liebeslieder steckt. Wir hören, wie Paganini seine Stradivari einfach weiterspielt, nachdem eine Saite gerissen ist. Wir hören zu, wie Jimi Hendrix niederkniet und seine Gitarre anzündet.


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Denn was wir in diesen Liedern eigentlich hören, ist die menschliche Begrenztheit und der Mut, sie zu überschreiten. Musik kann die Himmelssphäre mit den Fingerspitzen berühren. Die Ehrfurcht und das Staunen, das wir fühlen, entsteht nicht nur durch den fertigen Song, sondern durch die Kühnheit, überhaupt die Hand auszustrecken. Das ist Transzendenz.

Künstliche Intelligenz mit ihrem grenzenlosen Potenzial kann das nicht leisten. Wie könnte sie auch? Wenn man grenzenloses Potenzial hat, was gibt es dann noch zu überschreiten? Wozu bräuchte man überhaupt noch die Vorstellungskraft? Wo wäre dann die Pracht des Transzendenten? Um also deine Frage zu beantworten, Peter: Künstliche Intelligenz könnte es schaffen, einen guten Song zu schreiben, aber keinen großartigen. Ihr fehlt die Kühnheit.

Love, Nick.

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Dieser Artikel ist zuerst auf der englischsprachigen Seite von Motherboard erschienen.