Wegen Tierquälerei: Forscher droht Geldstrafe nach Affenversuchen

Ein Tübinger Gericht hat Strafbefehl gegen einen hochrangigen Forscher erlassen. Angeblich ließ er Versuchsaffen unnötig leiden. Der Forscher wehrt sich, denn hinter dem Fall steckt ein ethisches Dilemma.

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22 Februar 2018, 9:36am

Bild: SOKO Tierschutz

Blut rinnt aus der offenen Wunde am Kopfimplantat, ein Affe starrt apathisch vor sich hin, andere kratzen sich immer wieder wund, einer wird mit einer Art Zange in einen Metallkragen gezwängt: Es waren erschütternde Aufnahmen von Tierversuchen, die ein als Pfleger eingeschleuster Tierschützer Ende 2014 aus dem Hirnforschungs-Labor des Max-Planck-Instituts (MPI) für biologische Kybernetik in Tübingen heraus schmuggelte.

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Damals verteidigten das MPI und der leitende Forscher Nikos Logothetis die Versuche. Solche Versuche seien wichtig für die medizinische Grundlagenforschung, erklärte man in einer Stellungnahme. Die Arbeit im Tübinger Labor hätte in der Vergangenheit auch lebensnotwendige Therapien für den Menschen wie MRT-Analysen entscheidend verbessert. Klar war allerdings auch: Keines der Tiere verlässt die Forschungsstation lebendig.

"Mit dem ethischen Dilemma müssen wir uns trotzdem auseinandersetzen"

Heute sagt die Sprecherin des MPI, dass es "zu Recht" Aufregung um die Bilder gab. Im April 2017 stellte das MPI die Versuche an Affen nach langen Protesten von Tierschützern ein. Nun hat die Sache ein Nachspiel für den Direktor der Abteilung: Er muss sich wohl vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Er soll drei Affen in den Experimenten zwischen 2013 und 2015 unnötig lang leiden gelassen haben, statt sie einzuschläfern – auch, nachdem sie schon klinische Symptome zeigten.

Nachdem Tierschützer den Hirnforscher angezeigt hatten, analysierte ein Gutachter die Versuchsdokumentation. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Tübingen einen Strafbefehl erlassen, der Hirnforscher Logothetis soll wegen Tiermisshandlung eine Geldstrafe zahlen. Und auch das MPI zieht Konsequenzen: Bis das Verfahren abgeschlossen ist, darf Logothetis keine Tierversuche mehr durchführen.

Zwei von Logothetis' Angestellten – ein Tierpfleger und ein Studienleiter – hatten zunächst ebenfalls einen Strafbefehl erhalten. Mittlerweile teilte die Staatsanwaltschaft Tübingen aber mit, dass das Verfahren gegen sie eingestellt wurde: Beide hätten nicht über den Tod der Tiere entscheiden können. Logothetis hat bereits Einspruch gegen den Strafbefehl eingelegt. Bleibt es nach Akteneinsicht bei dem Einspruch, kommt es zu einem Gerichtsverfahren.

Zynische Zwickmühle: Wann sind Versuchstiere "verbraucht"?

Der Skandal um den Undercover-Tierpfleger hat das MPI dazu bewogen, im Januar 2017 ein Grundsatzpapier zu Tierversuchen herauszugeben. Darin betont das Institut, dass Tierversuche unverzichtbar seien, formuliert aber auch den "hohen Anspruch im Umgang mit Tieren im Experiment". Eines der zentralen Prinzipien: dass für die Versuche möglichst wenig Tiere "verbraucht werden" – also getötet werden.

Im Zentrum von Logothetis' Anhörung wird daher die Frage stehen, wann die Versuche hätten abgebrochen werden müssen. Hinter den einfach erscheinenden Grundsätzen steckt jedoch eine Zwickmühle, die sich nicht so einfach lösen lässt. Was wäre ethisch vertretbarer: Affen, die bereits in Experimenten eingesetzt wurden, länger leiden zu lassen, wie es Logothetis vorgeworfen wird, oder sie früher einzuschläfern, um neuen Tieren Implantate zu verpflanzen?

"Man muss die Kriterien für den Versuchsabbruch vorab definieren", erklärt MPI-Sprecherin Christina Beck. "Jetzt geht es um die Frage, hat er seine eigenen Kriterien eingehalten?" Logothetis wolle sich gegenüber der Presse nicht zur Sache äußern, aber die beiden entlasteten Kollegen zu seiner Anhörung mitnehmen, so Beck. Mit ihrer Unterstützung und weiteren Unterlagen will er untermauern, dass er die Affen nicht unnötig gequält hat.

"Mit dem ethischen Dilemma müssen wir uns trotzdem auseinandersetzen", sagt Sprecherin Beck. "Das ist ja für die Grundlagenforschung ein besonders schwieriges Feld. Die führt ja nie direkt zu einer Anwendung, sondern ihr Nutzen lässt sich immer nur retrospektiv belegen."

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Seit dem ersten Bericht im TV-Magazin "Stern TV" habe sich das MPI zwei Jahre lang intensiv mit den kontroversen Tierversuchen beschäftigt und sich zur Verbesserung der Situation für die Tiere auch Tipps von Kollegen aus Großbritannien geholt. Erste Ergebnisse: Alle Tierversuche überwacht nun ein unabhängiger Beauftragter. In der Ausbildung hat das MPI ein Modul "Tierethik" eingeführt, in dem das Bewusstsein der Forscher für die Wahl des am meisten schonenden Versuchsdesigns geschärft werden soll. Außerdem gibt es einmal im Jahr einen sogenannten 3R-Tag am Institut.

Das 3R-Prinzip als Grundsatz der experimentellen wissenschaftlichen Arbeit mit Tieren steht für "replace, reduce, refine" – also ersetzen, vermindern, verfeinern. Jeder Wissenschaftler, der für einen Tierversuch eine behördliche Genehmigung beantragt, muss die Belastungen und den Einsatz der Tiere begründen können. Ziel des Prinzips ist, Tierversuche vollständig zu ersetzen, sobald das wissenschaftlich möglich ist.


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Bis dahin sei es aber auch am Institut für biologische Kybernetik noch ein weiter Weg, argumentieren die Hirnforscher. In den Tübinger Laboren tragen jetzt statt Affen Nagetiere die Implantate. Christina Beck erzählt, dass an einer stressfreien Einschläferung der Tiere gearbeitet werde. Dass Logothetis fürs Erste nicht mehr mit den Tieren arbeite, "wird die Versuche nicht lahmlegen", sagt die Sprecherin des Max-Planck-Instituts.

Die neun letzten MPI-Affen verließen das Labor in Tübingen im April 2017. Tierschützer, wie die bekannte Affenforscherin Jane Goodall und der Verband Tierärzte gegen Tierversuche forderten damals, den Tieren in einer Auffangstation ein Zuhause zu geben. Wohin sie gebracht wurden, wollte das MPI damals nicht genau sagen. Doch das Regierungspräsidium Tübingen hat später das Schicksal von fünf der Affen bestätigt: Sie sind in der neurologischen Abteilung einer Uni im belgischen Leuven gelandet, wo sie für weitere Experimente eingesetzt werden.