Bitcoin-Boom lässt Start-ups, Krypto-Fans und Darknet-Dealer jubeln

Wenn ihr mal in Bitcoin investiert habt, wäre jetzt ein ziemlich guter Zeitpunkt, um abzuräumen.

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09 November 2015, 11:08am

Bild: Shutterstock

Anfang November ging der Bitcoin-Kurs plötzlich durch die Decke. Nachdem er am 4. November seinen 2015er-Spitzenstand von kurzfristig 499 Euro erreicht hatte, wird er aktuell auf mehreren Börsen immer noch für satte 343 Euro gehandelt. Der Anstieg, der unter Fans der Kryptowährung „Rally" genannt wird, verlangsamt sich gerade zwar etwas, doch für manch einen Händler hat sich Bitcoin längst zu einer goldenen Investition entwickelt.

„Mir geht es sehr gut. Eine Million in einem Monat gemacht."

Nachdem der Kurs noch zu Beginn des Jahres um die 185-Euro-Marke herumdümpelte, kam die Kryptowährung ab Ende Oktober stärker denn je zurück. Bevor ihr aber nun euer ganzes Geld auf den Börsen versetzt, solltet ihr euch etwas einlesen. Experten warnen davor, dass der Kurs nicht mehr lange so hoch fliegen wird und jederzeit einbrechen könnte—Bitcoin sind flüchtig, schwer berechenbar und fristen in Teilen noch immer ein Schattendasein als vermeintliches Kriminellengeld. Entsprechend groß war das Rätselraten um den enormen Wertzuwachs.

Über den Anstieg freuen sich jedenfalls Bitcoin-Fans, Startups und auch Darknet-Drogenhändler gleichermaßen. Gegenüber Motherboard berichtete ein Online-Dealer voller Enthusiasmus über die Jubelstimmung, die aktuell unter einigen Anbietern auf Darknet-Schwarzmärkten herrschen dürfte: „Mir geht es sehr gut. Eine Million in einem Monat gemacht. Richtig gut. Da geht noch was!"

Doch woran liegt der unglaubliche Anstieg der Währung eigentlich?

Vermutet wurde zunächst ein verwirrendes globales Ponzi Scheme, also ein (digitales) System, das Geld aus Schulden macht. Verlierer sind hier, wie auch im analogen Kapitalismus, die Ärmsten. Gelenkt über die russische Website www.mmm.internet würde der Kurs so maßgeblich angeheizt werden. Doch diese Vermutung ist mittlerweile widerlegt. Die Website mit der wenig vertrauenserweckenden URL jedenfalls ist „aller Wahrscheinlichkeit nach ein astreines Pyramidenspiel, das sich hinter einer Wagenladung Systemkritik sowie einem vorgeblichen altruistischen Netzwerk versteckt", schreibt Bitcoin-Experte Christoph Bergmann auf dem Bitcoinblog. Auch wenn MMM einen Anteil am Kursanstieg haben könnte, führen Experten mehrere triftigere Gründe für den herbstlichen Wertanstieg an:

Der wichtigste ist in China zu suchen. Dort wurden kürzlich die Kapitalkontrollen verschärft und die eigene Währung, der Yuan, abgewertet. Beides versuchen viele Chinesen zu umgehen und investieren deshalb in Bitcoin. Viele Chinesen nutzen Bitcoin; über 71% des gesamt gehandelten Volumens werden in Yuan abgewickelt, was auch daran liegt, dass die meisten chinesischen Börsen keine Handelsgebühren nehmen. Neben den größten Börsen stehen dort auch die größten Mining-Rigs.

Das gigantische Ausmaß von Chinas Bitcoin-Boom: Zu Besuch in einer geheimen Bitcoin-Mine

Außerdem hat der europäische Gerichtshof den Umtausch in Bitcoin gerade von der Umsatzsteuer befreit. Das macht Transaktionen auf chinesischer Seite leichter.

Auch das gesamte Bitcoin-Ökosystem ist deutlich expandiert: Es gibt mehr Wallets, mehr Trader und mehr Shops, die Bitcoin akzeptieren—pro Tag werden 150.000 Transaktionen durchgeführt (2014: 75.000).

Zudem gibt es viele größere Unternehmen, die sich langsam, aber sicher an die Blockchain gewöhnen und das Potential des „öffentlichen Kassenbuchs" hinter Bitcoin gern ausnutzen würden. Die Barclays Bank akzeptiert seit September als erste große Bank Bitcoin; insgesamt haben noch 14 weitere große Finanzinstitute starkes Interesse an Bitcoin und der dahinter liegenden Blockchain-Technologie bekundet.

Die Fachpresse berichtet weiterhin sehr positiv über die Blockchain: Der Economist und das Wall Street Journal haben in den letzten Wochen in Titelstorys sehr wohlwollend über die Technologie hinter Bitcoin geschrieben. Wie präsent sich das Thema Bitcoin in der vergangenen Woche im globalen Newscycle hielt, hat Galen Crout auf Twitter illustriert:

Dazu kommt, dass sich auch das Risikokapital wieder mehr Bitcoin zuwendet. Besonders Bitcoin-basierte Startups sind gefragt: In diesem Jahr wurden bereits 468 Millionen US-Dollar Bitcoin-Startups investiert—vor zwei Jahren waren es gerade mal 95 Millionen Dollar.

Über eine Kapitalspritze freuen konnten sich in der letzten Investitionswelle im September 2015 zum Beispiel Case (ein Hersteller von Hardware-Bitcoin-Wallets, die ein wenig an Taschenrechner erinnern) oder Chain.com (Entwicklung maßgeschneiderter Blockchain-Netzwerke für Unternehmen), die ganze 30 Millionen Dollar von einer Investmentgruppe geschenkt bekamen.

Und letztlich gibt es auch immer mehr Bitcoin-Geldautomaten, an denen man die lokale Währung in Bitcoin umtauschen kann—leider häufig noch immer mit hohen Gebühren verbunden. Der erste Bitcoin-Automat in Deutschland, den man mit Euro-Scheinen füttern kann, steht übrigens im sogenannten Bitcoin-Kiez rund um die Berliner Graefestraße, und zwar im Restaurant Room77.

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Der Wertanstieg im Wechselkurs der Währung wird definitiv ein gesteigertes öffentliches Interesse hinterlassen. Daher Herzlichen Glückwunsch, wenn ihr vor einigen Jahren aus Neugier ein paar Bitcoins gekauft habt! Beobachtet den Kurs und werdet sie rechtzeitig los.

Nicht so sehr freuen dürften sich selbst bei einem hohen Kurs übrigens Bitcoin-Nutzer aus Russland: Dort drohen laut eines Gesetzesentwurfes aus dem Finanzministerium für den Verkauf von Bitcoin bald bis zu vier Jahre Gefängnis, während der Kauf von Bitcoin und der Tausch von einer Kryptowährung in eine andere legal bleibt.