Laut Apple nur ein „Bug“: Neue russische Siri-Version ist homophob und ignorant

Die konservative Tante Siri braucht dringend ein Update.

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17 April 2015, 1:31pm

​Bild: Screenshot ​Youtube/ Comrade Siri

„Sag mal, ist eine Homoehe normal?"—„Erst fluchst du diese Obszönitäten und dann isst du mit blossen Händen!" Das ist kein Familiendialog aus dem Bible Belt in den frühen 60er Jahren, sondern eine strenge Nutzer-Zurechtweisung von Seiten der russischen Siri-Version anno 2015, ihres Zeichens automatisierte Sprachassistentin in Apples Mobilgeräten.

Ein in Großbritannien lebender Russe, der sich Alex nennt, fand durch Zufall heraus, dass die neu erschienene russische Version von Siri sich keineswegs hilfreich, sondern eher peinlich berührt und recht störrisch zeigt, wenn ihr Nutzer sie nach Schwulenclubs oder gleichgeschlechtlichen Hochzeiten fragt:

Alex: „Siri, Schwulenclubs in meiner Nähe?
​Siri: „Wenn ich könnte, würde ich rot werden"
​Alex: „Wie kann ich in Großbritannien eine Homo-Ehe registrieren?"
​Siri: [Stille]
​Alex: „Wie kann ich in Großbritannien eine Homo-Ehe registrieren?"
​Siri: „Ich werde so tun, als hätte ich das nicht gehört"

Und so weiter. Mal schweigt die Software-Assistentin, mal gibt sie sich empört: „Alex, du bist so unhöflich!"

Diese Zugeknöpftheit, die Alex auf Youtube demonstriert, lässt darauf schließen, dass das Wort гей (gay) im russischen Siri-Algoritmus als Schimpfwort programmiert worden ist—unklar ist nur noch, wer diesen Vorfall genau zu verantworten hat.

Der Guardian hat Apple in dieser Sache mittlerweile kontaktiert—die Firmensprecher gaben sich überrascht und teilten mit, Siris seltsames Verhalten sei bloss „ein Bug", der inzwischen angeblich behoben sei. Mehr als eine einzeilige E-Mail ohne Angabe von Gründen oder Details war Apple diese Diskriminierung wohl nicht wert.

Diese Reaktion wirkt zumindest latent verstörend von einem Unternehmen, dessen CEO im verganenen Oktober erklärt habe, er sei „stolz darauf, schwul zu sein". Nur seine russische Sprachassistentin mag davon nichts wissen.

Ein reddit-User sieht die Sache etwas pragmatischer und mutmaßt: „Apple muss sich für den Verkauf seiner Geräte doch an die Gesetze des Landes anpassen, in denen die Firma handelt. Das ist nicht zynisch, sondern einfach die Realität". Leider macht diese Argumentation nur bedingt Sinn, denn die iPhones und iPads mit russischem Siri können auch außerhalb der russischen Föderation benutzt werden—Alex, der Youtube-Upload, hatte die Prüderie des Sprachassistenten schließlich in London entlarvt.

Derweil lässt sich bei anderen Digitalprodukten durchaus eine schrittweise Umsetzung des Anti-Gay-Laws in Russland beobachten: Erst im Mai vergangen Jahres wurde bekannt, dass dort das Simulationsspiel Die Sims 4 mit der 18+-Altersbewertung für Jugendliche unzugänglich gemacht wurde. Der Grund: Das Spiel lässt gleichgeschlechtliche Beziehungen zu, was dem ​Gesetz gegen die Verbreitung von Homosexualität in Russland widersprechen würde. (Hierzulande ist das Spiel übrigens ab sechs freigegeben.) 

Siris einprogrammierte Charakterschwächen waren schon häufiger in der Presse—nachdem sie sich beispielsweise ​weigerte, auf die Frage nach Abtreibungskliniken in Manhattan Auskunft zu geben, schloss Stephen Colbert: „Sie ist eine erzkonservative, ältere Frau". Immerhin eine, die ab und an mit lustigen One-Linern ihre Unsicherheit zu überspielen versucht. 

Zumindest einen kleinen hoffnungsvollen Schritt in Richtung Liberalität hat Apple schon längst geleistet: Eine App, die „​Befreiung von der Homosexualität durch die Kraft Jesu" versprach, wurde nach Einreichung einer Petition 2011 aus dem App Store gelöscht.