Ermittlungsfotos zeigen den Zustand des Zelts der Gruppe nach dem Unfall. Bild: Wikimedia; Lizenz: lizenzfrei.

Das Djatlow-Mysterium ist das bizarrste ungelöste Rätsel der Sowjetunion

Im Februar 1959 sterben im Ural neun Bergsteiger. Ihre teilweise entkleideten Leichen sind stark radioaktiv verseucht und weisen eigenartige Verletzungen auf. Was steckt dahinter?

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Okt. 16 2015, 9:00am

Ermittlungsfotos zeigen den Zustand des Zelts der Gruppe nach dem Unfall. Bild: Wikimedia; Lizenz: lizenzfrei.

Ermittlungsfotos zeigen den Zustand des Zelts der Gruppe nach dem Unfall. Bild: Wikimedia ; Lizenz: lizenzfrei 

Auf den ersten Blick wirkt der Vorfall einfach wie ein schrecklicher, aber erklärlicher Bergunfall: Zehn Skiwanderer begeben sich auf eine extreme Expedition in den Nordural. Bei Temperaturen von bis zu -30° Celsius kommen neun von ihnen an einem Berghang um. Doch Details aus Tagebüchern der Toten und die Aufzeichnungen von sowjetischen Ermittlern zeichnen ein eigenartiges Bild: In der Nacht auf den 3. Februar 1959 befreiten sich die Wanderer demnach aus unbekannten Gründen aus ihren Zelten. Sie schlitzten sie von innen auf, irrten ohne Ausrüstung und nur leicht bekleidet durch die Tundra und starben im Schnee.

Erst drei Wochen später fahndeten freiwillige Suchtrupps nach den Vermissten. Fünf Leichen entdeckten sie nahe des Zeltlagers – barfuß, nur mit Unterwäsche bekleidet. Nach weiteren zwei Monaten Suche stießen die Ermittler schließlich auch auf die Körper der vier weiteren Vermissten. Die Funde gaben Rätsel auf: Teilweise trugen die Toten nicht ihre eigene, sondern die Kleidung ihrer Freunde. Die Klamotten waren zudem stark radioaktiv belastet. Vor ihrem Tod erlitten die Skiwanderer innere Verletzungen, Schädelfrakturen und Rippenbrüche. Trotz den Verletzungen schlossen die Ermittler eine Fremdeinwirkung aus und beenden ihre Untersuchung nur kurze Zeit später.

Bei den Wanderern um den 23-jährigen Tour-Organisator Igor Djatlow handelte es sich nicht um blutige Anfänger. Vielmehr wiesen die Studenten und Absolventen der Staatlichen Technischen Universität des Uralgebiets einige Erfahrungen in Sachen Trekkingtouren auf und in den abgelegenen Uralgebieten, in denen sie unterwegs waren, kannten sie sich gut aus. Die verhängnisvolle Tour starteten sie am 28. Januar 1959 zu zehnt. Nur ein Expeditionsmitglied, Juri Judin, kehrte lebend zurück—sie war beim Aufstieg krank geworden und blieb deshalb in einem Dorf zurück. Ihre Freunde brachen ohne sie in die menschenleere Gegend des Urals auf. Am Abend des 2. Februars errichteten sie ihr Camp an einem Hang des Kholat Syakhi, dem „Berg der Toten".

Warum sich die Gruppe dazu entschied, am Hang zu zelten, ist bis heute unklar. Eine Übernachtung auf abfallendem Grund birgt stets Risiken, zudem befand sich die Gruppe nicht weit oberhalb der Baumgrenze, die etwas Schutz vor der eisigen Kälte der sowjetischen Tundra geboten hätte. „Djatlow wollte wahrscheinlich verhindern, dass die Gruppe am nächsten Tag ein Stück wieder aufsteigen müsste, oder er entschloss sich, das Übernachten am Hang zu üben", versuchte sich Judin 2008 in der St. Petersburg Times an einer Erklärung.

Die Nacht am Hang sollte die letzte der Skiwanderer werden. Zuvor hatte Gruppenführer Djatlow gegenüber Bekannten noch angekündigt, sich erst zehn Tage später, am 12. Februar, wieder bei ihnen zu melden—und noch nachgeschoben, dass sich die Gruppe eventuell auch erst später wieder in einem erreichbarem Gebiet befinden würde. Erst nachdem der Kontakt zur Gruppe bis zum 20. Februar 1959 abgebrochen war, wurden deshalb freiwillige Such- und Rettungstrupps ausgesendet.

Am Unfallort offenbarte sich den offiziellen Ermittlern eine grausame Szenerie. Die Zelte waren von innen aufgeschnitten worden. Fußspuren von acht oder neun Menschen zeigten, dass diese die Zelte verlassen und den Hang hinuntergerannt waren—in Richtung der Baumgrenze. Laut den Ermittlungsreporten hatte die Gruppe ihre Schuhe und die Ausrüstung zurückgelassen. Einige der Fußabdrücke legten nahe, dass die Wanderer barfuß oder auf Socken aus dem Zelt geflohen waren. Doch warum? Hinweise auf die Anwesenheit anderer Menschen oder Streit in der Gruppe gab es nicht.

Die ersten beiden Leichen entdeckten die Ermittler etwa anderthalb Kilometer von den Zelten entfernt an der Baumgrenze unter einer riesigen Pinie. Sie waren nur mit Unterwäsche bekleidet. Ihre Fußspuren reichten nicht bis zum Fundort, sondern hörten nach etwa einem Drittel der Strecke zwischen Camp und Bäumen einfach auf. Verdeckte Neuschnee die Spuren? Russische Zeitungen berichteten, dass einige der oberen Äste der Pinie abgebrochen waren. Irgendjemand hatte offenbar versucht, den Baum hinauf zu klettern. Auch eine Feuerstelle entdeckten die Ermittler in der Nähe.

Eine der Leichen bei der Untersuchung. Bild: Wikimedia. Lizenz: lizenzfrei.

Auf Djatlow und zwei andere Leichen stießen die Bergretter im Gebiet zwischen Pinie und Zeltlager—es schien fast so als hätten die Wanderer vor ihrem Tod versucht, wieder zurück zum Camp zu kommen. Außerdem stellte sich nach einigen Untersuchungen heraus, dass Rustem Slobodin einen Schädelbruch erlitten hatte. Allerdings gaben die Ärzte an, dass diese Verletzung nicht zu seinem Tod führte, sondern dass er, wie alle anderen Expeditionsteilnehmer, erfroren war.

In einer Schlucht einige hundert Meter weiter den Abhang hinunter fanden die Ermittler zwei Monate später die restlichen Vermissten, unter etwa dreieinhalb Metern Schnee begraben. Zwar konnten sich die Ermittler schon auf die Todesumstände der bisher entdeckten Leichen keinen Reim machen, doch die Untersuchung dieser Leichen toppte alles: Sie waren eines gewaltsamen Todes gestorben. Die Ursachen waren völlig unerklärlich: Einer der Toten, Nicolas Thibeaux-Brignollel, hatte eine Schädelfraktur erlitten. Alexander Kolewatow wies Rippenbrüche auf. Auch Ljudmila Dubinina hatte gebrochenen Rippen – ihr fehlte zudem die Zunge.

Obwohl sie sich doch eigentlich mitten in unbewohntem Niemandsland befanden, schien es so, als hätten die Freunde versucht, Hilfe zu holen. Allerdings waren sie bei Temperaturen weit unter Null Grad ohne Ausrüstung unterwegs und dabei schließlich in die Schlucht gefallen. Doch wie hatte Dubinina ihre Zunge verloren? Die Ermittlungsberichte legten zunächst unter anderem einen Angriff der Mansi nahe, einem indigenen Volk, das in dieser Region lebte. Doch Rechtsmediziner schlossen einen Überfall aus: Die Gewalteinwirkung, die die Skiwanderer getötet hatte, hätte unmöglich von einem Menschen ausgeübt werden können. Äußerlich waren zudem kaum Spuren von Gewalt erkennbar. „Die Heftigkeit der inneren Verletzungen würde man vielleicht bei einem Autounfall erwarten", schrieb Boris Vozrozhdenny, einer der untersuchenden Ärzte, in öffentlich gemachten Dokumenten, die der Moscow Times vorliegen.

Unter dreieinhalb Metern Neuschnee finden die Ermittler die restlichen Toten. Bild: Wikimedia. Lizenz: lizenzfrei.

Den Ermittlern boten sich kaum Anhaltspunkte für logische Schlussfolgerungen. Die vier in der Schlucht gefundenen Leichen waren dicker angezogen als die anderen fünf und hatten den Toten offenbar deren Kleidung abgenommen, bevor sie selbst umkamen. Kolewatow trug Dubininas Jacke und Mütze. Dubinina hingegen hatte ein Stück einer Wollhose der beiden unter dem Baum gefundenen Leichen um ihren Fuß gewickelt. All diese Kleidungsstücke waren radioaktiv belastet.

Woher die Radioaktivität kam, ist bis heute unklar. Die wahrscheinlichste Theorie für den Auslöser der Katastrophe ist zunächst einmal einfacher zu erklären, als es kursierende Verschwörungstheorien um Außerirdische, eine unerklärliche gruppeninterne Auseinandersetzung oder eine Nuklearkatastrophe nahelegen. Der Grund für die entkleideten Leichen könnte beispielsweise in dem sogenannten Paradoxen Entkleiden liegen, das neben Wahnvorstellung als bekanntes Symptom bei Unterkühlung gilt. Die wahrscheinlichste Erklärung des Desasters ist deshalb, dass das Zeltlager von einer Lawine begraben wurde. In diesem Fall hätten sich die Freunde befreien müssen, was die zerschnittenen Zelte und einige der Verletzungen erklären würde. Falls das Team zudem länger vergraben gewesen war, bevor es fliehen konnte, würde dies auch die Unterkühlung und die im Wahn vergessene Ausrüstung begründen.

Doch das erklärt noch nicht die in der Kleidung gemessene Radioaktivität. Und auch die Ermittlung selbst wirft Fragen auf. Kurz nachdem die offizielle Untersuchung abgeschlossen wurde, klassifizierten die Beamten die dazugehörigen Dokumente als nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Erst in den 1990er Jahren wurden sie wieder zugänglich gemacht.

Ich habe neben russischen Quellen auch an verschiedene US-Geheimdienste eine Anfrage im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes geschickt—doch alle Anfragen blieben unbeantwortet. Über den Auslöser des Unfalls muss so bis heute spekuliert werden. Interviews mit dem Chefermittler Lev Ivanov aus der Zeit nachdem die Ermittlungsdokumente wieder öffentlich gemacht wurden, bezeugen, wie verworren dieser Fall bis heute ist.

Ivanov bemerkte als erster, dass die Leichen und die Ausrüstung der Gruppe radioaktiv belastet waren. Sein Geigerzähler schlug in der Nähe des Zeltlagers wie verrückt aus. Auch erzählte er von Anfragen vonseiten sowjetischer Beamter, die von ihm verlangten, die Untersuchung zu beenden, obwohl Zeugen von „hellen fliegenden Sphären" in der Region in Februar und März 1959 berichtet hatten. „Ich habe es damals schon vermutet und bin mir heute beinahe sicher, dass diese leuchtenden Sphären in direkter Verbindung zum Tod der Gruppe stehen", zitiert die kasachische Zeitung Leninsky Putin Ivanov laut der Moscow Times.

Tatsächlich berichtete eine weitere Studentengruppe von ähnlichen eigenartigen Himmelsphänomenen. Sie campte etwa 50 Kilometer vom Unfallort entfernt. In seiner Zeugenaussage berichtet einer der Studenten von einem „leuchtenden runden Körper, der ein Dorf von Südwesten in Richtung Nordosten überflog. Der leuchtende Teller hatte etwa die Größe des Vollmonds, war von blau-weißem Licht und einem blauen Lichthof umgeben, der wie weit entfernte Blitze aufleuchtete." Verknüpft man diese Indizien, könnten sie eine Hypothese stützen, die manche später in dem Fall zu erkennen glauben: Das Team könnte auf ein militärisches Übungsgelände gestoßen und möglicherweise sogar Zeuge eines geheimen Tests mit radioaktivem Material geworden sein. Die Berichte schließen militärische Ursachen für die Verletzungen jedoch aus.

Ob die Freunde unheimliche Lichter am Himmel sahen und panisch wurden oder ob das Militär nukleare Tests durchführte—Beweise gibt es weder für die eine, noch für die andere These. Auch die Schädelbrüche der Toten bleiben rätselhaft. Zwar könnten einige der Wunden durch den Fall in die Schlucht erklärt werden—wie sich aber Slobodin, der sich auf dem Rückweg ins Camp befunden hatte, seinen Schädelbruch zugezogen hat, wird so noch nicht erklärt. Vermutlich ist zumindest ein Teil der Gruppe nicht einfach im Wahn verstorben. Darauf weisen die Feuerreste nahe der ersten Unfallstelle hin. Auch sind psychotische Störungen kein Nebeneffekt von radioaktiver Bestrahlung. Warum sind die Studenten dann jedoch aus ihrem Zelt geflohen, ohne ihre Ausrüstung mitzunehmen? War der Vorfall tatsächlich ein tragischer Unfall—oder doch ein Vertuschungsversuch?

Wahrscheinlich ist die einfachste Lösung die richtige: Das Team wurde von einer Lawine begraben, floh mit aus der Unterkühlung resultierenden Wahnvorstellungen aus dem Lager, um Hilfe zu suchen. Lawinen sind mächtige Naturereignisse und könnten starke Verletzungen verursacht haben. Weil eine abschließende Lösung des Falls noch immer aussteht, eignen sich die Vorkommnisse in der Uralnacht im Februar 1959 wie kaum ein anderer Fall in der sowjetischen Geschichte für Verschwörungstheorien. Das tragische Unglück am Djatlow-Pass stellt eine ziemlich eigenartige Geschichte mit vielen verstörenden Details dar.

Lev Ivanov, der Chefermittler, ist inzwischen verstorben. Sollten nicht doch noch neue militärische Dokumente auftauchen—was einige Anwälte bis heute fordern—werden wir wohl nie erfahren, was im menschenleeren Ural tatsächlich passiert ist.