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Warum Facebook vor einem radikalen Umbau steht

Mehr Freunde, weniger Nachrichten: Der Newsfeed wird grundlegend verändert. Doch wir sollten uns von der Rückbesinnung auf das "Wohlbefinden der Nutzer" nicht blenden lassen: Die zentralen Probleme sozialer Medien tastet Zuckerberg nicht an.

Theresa Locker

Theresa Locker

Bild: imago

Facebook hat angekündigt, den Newsfeed weltweit radikal umzubauen. In den kommenden Wochen wird das Netzwerk eher anzeigen, was Freunde und Familie kommentieren und teilen und Posts von Medien und Marken abwerten.

Für Medien ist das ein harter Schritt – den der Facebook-Chef mit der Sorge um den Nutzer begründet: "Wir wollen sicherstellen, dass unsere Produkte nicht nur Spaß machen, sondern auch gut für die Menschen sind", so Zuckerberg gegenüber der New York Times. "Wir müssen das System neu ausrichten." In einem Facebook-Post zu dem Thema kündigte er heute an, man wolle daher "passiver Nutzung" entgegentreten, denn: “Die Forschung zeigt, dass es gut für unser Wohlbefinden ist, wenn wir uns mit den Menschen verbinden, die uns wichtig sind."

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Doch hinter dem Algorithmenumbau steckt nicht unbedingt Altruismus. Es gibt gute Gründe, die Nutzerfürsorge anzuzweifeln – denn Facebook könnte durch sie am Ende noch profitabler werden.

Denn dass die Kommunikation mit uns nahestehenden Menschen gut tut, stimmt natürlich; die Forschung zeigt aber auch, dass die liberalen und konservativen Echokammern in sozialen Medien die politische Kluft in den USA weiter auseinanderreißen als je zuvor. Umso mehr sich Facebook-Nutzer in ihren eigenen Meinungen bestätigt sehen, umso abgeschlossener die eigene Blase, desto weniger findet ein Austausch und auch ein gegenseitiges Verstehen zwischen konträren Einstellungen statt. Das treibt die politische Polarisierung noch weiter voran.

Algorithmus vs. Fake News?

Wird durch den Umbau des Newsfeeds zumindest die explosive Verbreitung von Fake News eingedämmt? Auch für diese Hoffnung sieht es eher düster aus. Facebooks Algorithmus ist nach wie vor so gestaltet, dass er "Engagement", also Shares, Kommentare, Likes, belohnt. Das wird sich auch in Zukunft nicht wesentlich ändern. Wenn Zuckerberg gegen den "passiven Konsum" von Videos und News vorgehen will, fördert das in der Konsequenz genau das Verhalten, das die Verbreitung von Falschmeldungen und Fake News auch für Medien erst lukrativ macht: Die Schaffung von Reichweite – und damit Sichtbarkeit – durch emotionalisierte und viel diskutierte Aufreger.

Auf Nachfrage von Motherboard erklärte ein Sprecher von Facebook telefonisch, dass das Herz des Facebook-Algorithmus nach wie vor das "Engagement" sei. Der Unterschied zwischen 'passivem Konsum' – dem Durchscrollen – und den 'bedeutungsvolleren Interaktionen', also dem Kommentieren und Teilen, ergebe sich durch die Nähe zu den Menschen, die die Story geteilt hätten. Priorisiert werden aber nach wie vor Inhalte, die viral gehen – nur, dass man sie jetzt eher von Freunden als von Medienaccounts sieht.

Kritik am grundlegenden Design von Facebook als Zeitdieb reißt nicht ab

Überraschend an der Ankündigung ist allerdings, dass Zuckerberg in Kauf zu nehmen scheint, dass Nutzer "zumindest kurzfristig weniger Zeit auf der Plattform verbringen", wie es in dem Facebook-Post heißt. Mit der bisherigen Strategie des maximalen Engagements strich Facebook im vergangenen Jahr immerhin 34 Milliarden US-Dollar Gewinn ein.

Doch es hagelte Kritik an der Rolle des Netzwerks in der Verbreitung von Behauptungen, dem Schüren von Ressentiments und der Verfestigung von Ideologien. Im öffentlichen Diskurs werden die weltweit klaffenden politischen Gräben immer häufiger mit einer Handvoll Plattformen verknüpft, die die Debatten dominieren. Studien mit repräsentativen Sample-Größen bestätigen die Zusammenhänge zwischen der Nutzung Sozialer Medien und Depression und Einsamkeit.

Im vergangenen Jahr machte eine kleine Guerilla-Initiative von Silicon Valley-Entwicklern auf sich aufmerksam, die das grundlegende Design Sozialer Medien und Apps als destruktiv und schädlich beurteilten: "Es ist ein Nullsummenspiel um die endliche Ressource unserer Aufmerksamkeit, um damit Geld zu machen", heißt es auf ihrer Website.

Zähneknirschend werden Verlage mehr Geld in die Hand nehmen, um sich nach dem Umbau des Newsfeeds ihre Sichtbarkeit teuer zurückzukaufen.

"Sollten wir nicht langsam mal Technologie unter Gesichtspunkten entwickeln, die der Gesellschaft wirklich etwas bringen, statt nur ihre Zeit zu stehlen?", fragt Tristan Harris als Vertreter der "Time well spent"-Bewegung in einem Video.

Vernichtende Kritik an Facebook kommt selbst aus dem engeren Umfeld der Firma: Im Dezember 2017 sprach der frühere Facebook-Manager Chamath Palihapitiya, seines Zeichens über Jahre für Nutzerwachstum beim Netzwerk zuständig, öffentlich von seiner "riesigen Schuld", ein Werkzeug entwickelt zu haben "dass das soziale Gewebe der Gesellschaft auseinanderreißt". Er würde "den Scheiß nicht benutzen", seinen Kindern würde er es ebenfalls verbieten.

Die Kernprobleme – Polarisierung und kurze Dopamin-Feedbackschleifen – tastet der Umbau nicht an

Auf all diese Kritik hat Facebook nun eine öffentliche Antwort gefunden, die wie üblich den Nutzer und seine Bedürfnisse ins Zentrum der Überlegungen stellt, aber tatsächlich nur einen Gewinner kennt: den Gewinn. Dabei greifen Facebook-Sprecher sogar die Wortwahl ihrer Kritiker auf: "We can help make sure that Facebook is time well spent", schreibt ein Facebook-Sprecher an Motherboard in einer E-Mail zu den Vorteilen des Newsfeed-Umbau.

Doch das könnte Augenwischerei sein. Denn die Kernprobleme für jeden einzelnen Nutzer tastet die Umstellung des Newsfeeds nicht an. Ein häufig kritisiertes Phänomen in Sozialen Medien, insbesondere bei Facebook, sind die kurzen, dopamin-gesteuerten Feedbackschleifen, die letztlich auch unsere Denkweise verändern: Weg von analytischem, rationalen Denken hin zu kurzen, emotionalen Impulsen und Reaktionen. Ob das virale Video nun im Newsfeed aufploppt, weil ein Freund es geteilt hat oder ein Medium, spielt bei dieser Mechanik auch nach der Umstellung keine Rolle.

Medien müssen sich ihre Sichtbarkeit zurückkaufen

Und was die abgestraften Medien angeht: Es wäre wirklich schön, wenn sie – also wir – am Ende des Tages im Internet ein gesünderes Produkt anbieten könnten, weil Artikel nicht mehr auf Shares und Klicks optimiert auf Facebook angeboten werden müssen. Doch die Wahrheit ist aktuell, dass Facebook noch immer das eine Netzwerk ist, auf dem sich mit 31 Millionen aktiven monatlichen Nutzern alleine in Deutschland die meisten Menschen tummeln; zähneknirschend werden Verlage mehr Geld in die Hand nehmen, um sich nach dem Tweak des Newsfeeds ihre Sichtbarkeit teuer zurückzukaufen. Diese Ressourcen fehlen im Zweifelsfall dort, wo sie eigentlich hingehören: beim sorgfältig recherchierten und mutigen Journalismus.

Für Facebook ist der Schritt auch ein Versuch, ihrer schwindender Bedeutung gerade bei jungen Leuten entgegenzuwirken, die sich eher auf anderen Plattformen darüber informieren, was ihre Freunde so treiben. Für Publisher, die viel Geld in Facebooks Bedeutung als Plattform für Medieninhalte gesteckt haben, ist der Umbau eine Machtdemonstration, der sie sich unter großen Einbußen wohl oder übel fügen müssen.