Eine aufgemotzte Kalaschnikow | Bild: Screenshot Valve | Motherboard

Wertanlage Waffen-Skin: Warum immer mehr Menschen in 'Counter-Strike'-Knarren investieren

Der Handel mit Waffen-Skins in 'CS:GO' ist so lukrativ geworden, dass selbst Nicht-Gamer jetzt das große Geld wittern – und teilweise richtig Kohle scheffeln.

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Nov. 16 2017, 11:47am

Eine aufgemotzte Kalaschnikow | Bild: Screenshot Valve | Motherboard

Menschen sind verschieden und somit auch bereit, ihr hart verdientes Geld für unterschiedliche Dinge auszugeben: Die einen blättern über 1.000 Euro für ein extrem zerbrechliches Smartphone aus Glas hin, andere geben mal eben 60.000 Euro für einen "AWP Dragon Lore"-Skin für Counter-Strike aus. Ja, richtig gelesen: Es gibt Menschen, die mehr als ein durchschnittliches Jahresgehalt für ein virtuelles Scharfschützengewehr mit einem großen gelben Drachen darauf ausgeben – und zwar in Counter-Strike: Global Offensive.

Der Taktik-Shooter von Valve zählt zu den beliebtesten eSport-Spielen der Welt. Täglich zocken weltweit fast 700.000 Gamer CS:GO. Professionelle Teams verdienen in internationalen Turnieren teilweise Millionenbeträge. Seit das Spiel 2013 auf den Markt kam, haben Spieler auch die Möglichkeit, Waffen-Skins zu kaufen und zu verkaufen – das freut nicht nur die Gamer, sondern auch die Betreiber der weltgrößten Gaming-Plattform Steam, denn Skins sorgen für die meisten finanziellen Transaktionen.

Mit Skins können das Aussehen und die Eigenschaften von Waffen oder anderen Gegenständen im Spiel modifiziert werden. Spieler können ihre einfachen Waffen aufmotzen, so dass sie zum Beispiel die Trefferquote in Echtzeit anzeigen, oder sie auch einfach nur mit Stickern ihres Lieblingsteams versehen. Viele Gamer sind bereit, für diese Sticker viel Geld auszugeben: Bei dem Counter-Strike-Turnier ESL One in Köln erhielten die Profi-Teams 2015 insgesamt Ausschüttungen im Wert von 3,5 Millionen Euro, der Großteil davon stammte aus dem Verkauf von Stickern.

Skin einer M4A1 | Bild: Screenshot Valve | Motherboard

Natürlich ist es nichts Neues, dass Gamer kleine Geldsummen für Gegenstände im Spiel ausgeben. Die sogenannten Mikrotransaktionen sind eigentlich fast so alt wie Multiplayer-Onlinespiele selbst. Erstmals wurde das System 2003 durch Second Life bekannt, das damals seine eigene Spielwährung, den Linden-Dollar, einführte. Für einige Spieler waren die Geschäfte mit der Ingame-Währung damals so lukrativ, dass sie ihre Jobs im echten Leben an den Nagel hängten.

In CS:GO erhalten Spieler während des Spiels automatisch einzelne Skins oder Boxen, in denen Waffen-Skins oder andere seltene Gegenstände enthalten sind. Die Boxen können die Gamer aber erst freischalten, wenn sie für 2,25 Euro einen Schlüssel erwerben. Die freigeschalteten Waffen-Skins werden automatisch mit dem Steam-Account des Nutzers verknüpft. Steam ist Valves Vertriebsplattform für die eigenen Spiele und gleichzeitig Community-Plattform für die Zocker. Jeder Spieler eines Valve-Titels muss sich automatisch einen solchen Steam-Account anlegen.

Auf Steam werden den Spielern dann weitere Angebote von Händlern angezeigt. Wie wäre es beispielsweise mit einem schönen, glänzenden Messer? Kostenpunkt zwischen 40 und 23.850 Euro. Von derart absurd hohen Summen lassen sich tatsächlich nicht alle Spieler abschrecken. Quentin, ein 23-jähriger Gamer, erklärte gegenüber Motherboard: "Ich habe insgesamt schon 12.000 Euro für Waffen-Skins ausgegeben, das ist noch im Rahmen."

Wenn aus dem Hobby eine Geldanlage wird

Auch wenn es tausende Gamer gibt, die für größeren Spielspaß kleine Summen für Waffen-Skins ausgeben, folgen Big Spender wie Quentin einer ganz anderen Logik: Für sie sind die Skins eine Investition. Der 25-jährige Spieler Thibaut erklärte uns während einer Runde Counter-Strike sein Finanzkonzept: "Zuerst habe ich das nur aus Spaß gemacht. Das waren einfach Spontankäufe, so wie ich mir auch eine neue Jacke oder Schuhe kaufe – nur dass es hier um Skins geht. Nach einer Weile dachte ich mir, dass ich die Skins auch als Investition nutzen könnte. Und dann bin ich in den Handel eingestiegen."

Skin einer UMP-45 | Bild: Bild: Screenshot Valve | Motherboard

Der Handel mit Skins läuft so ähnlich ab, wie der Aktienhandel an der Börse: Händler versuchen, Skins auf spezialisierten Websites wie OPSkins möglichst günstig einzukaufen und verkaufen sie dann über die Steam-Plattform an Privatpersonen für einen höheren Preis weiter.

Die Gamer haben unterschiedliche Motivationen dafür, ihr Kapital in die Geschäfte mit den Skins zu stecken. Für den Gamer Pierre ist vor allem der mögliche Gewinn interessant, wie er uns über Facebook erklärte: "Letzten Monat habe ich 850 Euro investiert und dadurch in einer Woche 1.700 Euro gewonnen." Ein anderer Gamer, Maxence, betrachtet die Anlage hingegen eher als eine Art Sparkonto: "Ich habe 3.000 Euro für Skins ausgegeben, die einen leicht höheren Wert haben. Ich weiß, dass ich auf sie zurückgreifen kann, wenn ich das Geld einmal brauche." Natürlich können die Käufe aber auch nach hinten losgehen: Julien, ein 16-jähriger Spieler, schrieb Motherboard in einer E-Mail, dass er "zwischen 3.000 und 4.000 Euro" mit dem Handel von Skins verloren habe.


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Quentin, der Spieler, der 12.000 Euro für Skins ausgegeben hat, erklärt uns seine Investmentstrategie wie folgt: "Meine Freunde verstehen nicht, dass ich nicht einfach nur jede Menge Euros für Waffen-Skins ausgebe, sondern dass sich die Investition auch lohnen kann. Wenn ich die Skins verkaufe, bekomme ich im schlimmsten Fall halt nur 95 Prozent des Wertes."

Einige Leute investieren ihr Geld in Skins genauso, wie sie es sonst in eine Eigentumswohnung oder Goldbarren investieren würden. Auf einigen Seiten, auf denen Skins gehandelt werden, gelten bestimmte Skins bereits als Referenzwährung auf dem Markt, wie beispielsweise die AK-47 Redline oder AWP Asiimov. Diese Skins sind heiß begehrt und verlieren fast nie an Wert. Sie sind das digitale Äquivalent einer Eigentumswohnung im Herzen von Berlin.

Bild: Screenshot Valve | Motherboard

Sind Skins also eine stabile und risikoarme Kapitalanlage? Einige Händler geben an, am Markt teilzunehmen, ohne jemals selbst Counter-Strike gespielt zu haben – doch keiner von ihnen wollte unsere Fragen beantworten.

Nicht nur die Händler verdienen an dem Hype

Doch nicht nur Händler und Spieler verdienen mit dem An- und Verkauf von Skins Geld. Auch die Plattformen, auf denen die Geschäfte stattfinden, bekommen ein Stück vom Kuchen ab. Die CSGO Lounge beispielsweise bietet Wetten an und fungiert als eine Art Verkaufsraum für Skins. Für jede Transaktion erhält die Seite eine Provision von zwei Prozent des Verkaufspreises. Laut des eSport-Forums Millenium kann eine Seite wie CSGO Lounge am Tag zwischen 20.000 und 50.000 Euro Gewinn machen.

Bei diesen hohen Geldsummen ist es wenig überraschend, dass diese Seiten regelmäßig im Zentrum von Betrugsfällen und Klagen stehen. 2016 posteten zwei YouTuber Videos, in denen sie erklärten, wie man durch Investitionen in den Skin-Markt schwindelerregende Summen verdienen können. Dabei empfehlen sie explizit die Website CS GO Lotto. Natürlich kam die aufmerksame Gaming-Community schnell dahinter, dass es sich bei den beiden pfiffigen Geschäftsmännern um die Erfinder von CS GO Lotto handelte, und die Videos allesamt gestellt waren.

In Folge der betrügerischen YouTube-Kampagne beschloss Valve mit juristischen Schritten gegen einige der Glücksspielseiten vorzugehen – als offiziellen Grund gaben sie den Scam von CS GO Lotto an. Allerdings wurde schon damals spekuliert, ob Valve die Gelegenheit nicht einfach nutzen wollte, ein paar unangenehme Konkurrenten los zu werden, die außerhalb der Steam-Plattform tausende Euros mit Waffen-Skins verdienten. Da das Studio keine offiziellen Zahlen dazu veröffentlicht, wie viele Skins im Umlauf sind, ist es schwer abzuschätzen, wie groß der Markt heute tatsächlich ist – oder wieviel Valve an ihm verdient. Wir wissen nur, wie viel die Leute verdienen, die selbst Skins designen.

Denn hinter den umsatzstarken CS:GO Skin-Märkten stecken auch einige clevere Designer, die gutes Geld an dem Hype um die Waffen-Skins verdienen. Im Twitch-Livestream gab ein Designer im April bekannt, dass er 40.000 US-Dollar mit einem einzigen Skin verdient habe, der von Valve ausgesucht worden war.

Wenn ihr also das nächste mal eure Freundin oder euren Freund dafür zusammenfalten wollt, das sie schon wieder zu viel Zeit mit Counter-Strike verbringen, denkt daran: Vielleicht sichern sie gerade den Kauf eurer ersten Eigentumswohnung ab.