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Der Mad Max des Münsterlands

​Jochen Wankmiller baut Mikrowellenkanonen, Puls-Laser und Teslatrafos aus recycletem Alltagsschrott oder sowjetischem Sonar. Wir haben den Hochspannungsingenieur in seinem Dülmener Gartenhaus besucht.

Was haben Kondensatoren aus einem sowjetischen Atom-U-Boot, Krankenhaus-Laser und Längsregler-Röhren aus einem Bundeswehr-Transportflugzeug gemeinsam? Sie alle werden in einer unscheinbaren Werkstatt im Münsterland von dem virtuosen Hochspannungsbastler Jochen Wankmiller verarbeitet und in einzigartige, selbstentwickelt Gadgets zwischen Low-Tech-Science Fiction, Ingenieurskunst und Recycling-Geniestreich verbaut.

Aufmerksam geworden sind wir auf Jochen, als wir seine selbstgebaute Mikrowellenkanone auf YouTube entdeckten. Nach ein paar Telefonaten war klar, dass Jochen in Sachen Hochspannungselektronik einer der kreativsten DIY-Bastler Deutschlands ist. Was der 47-Jährige jenseits von den Entwicklungen auf seiner Website noch in Petto hat, und wie er bei sich Zuhause arbeitet, das will ich mir bei einem Werkstattbesuch aus der Nähe anschauen.Die Mikrowellenkanone besteht aus dem Magnetron einer handelsüblichen Mikrowelle, etwas „Hochspannungs-Kram drumherum und einer genau berechneten Hornantenne, die die Mikrowellenstrahlung auf ihr Ziel richten soll".

Die Mikrowellenkanone ist zumindest nach Klickzahlen die populärste Entwicklung des Dülmeners. Bevor er die Kanone zu Demonstrationszwecken anwirft, betont Wankmiller noch einmal, dass er Pazifist sei und kein Waffenfreak. „Ich würde die Mikrowellenkanone natürlich niemals auf Menschen richten", sagt er. „Ich hatte mal ein altes Fachwerkhaus, wo Holzwürmer in den Balken waren. Die kann man auf konventionelle Weise mit einem Gift töten. Das wird aber noch lange Zeit ausgedünstet und ist auch für Menschen ungesund. Darum hab' ich die Mikrowellenkanone gebaut."

Dank seiner Entwicklung konnte Jochen die Holzwürmer auf umweltschonende Weise töten. Die Mikrowellenkanone ist eine für Jochen Wankmiller typische DIY-Entwicklung. Basierend auf recycletem Sperrmüll, ausrangiertem Militärequipment oder Laser-Teilen aus obskuren Foren; bearbeitet mit jahrzehntelanger Ingenieurserfahrung in Sachen High-Voltage und einer guten Portion Vorsicht.

Die Mikrowellenkanone kann aber tatsächlich einiges mehr, als nur Holzwürmer killen: Leuchtstoffröhren zum Leuchten und Tomaten zum Platzen bringen zum Beispiel, wie Jochen mir gerne demonstriert. Mit Mikrowellenstrahlung hat auch das US-Militär schon seit den 80er Jahren experimentiert. Das Ergebnis ist eine Strahlenkanone, die Menschen aus mehr als 500 Metern Schmerzen zufügen soll, ohne sie zu töten.

Könnte man das Ganze also mit einem stärkeren Magnetron hochskalieren und den Apparat zu einem Spionage-Gadget machen, der den Leuten dezent aus der Ferne ihre Handys ausknipst? „Ja klar", sagt Jochen. „Damit kann man einiges zerstören. Das Problem ist nur, dass außer den Handys auch die Köpfe der Leute gegrillt würden."

„Die Stromspannungen sind so hoch, dass man lieber nicht das falsche Teil anfasst."

Ich darf bei der Demonstration jedenfalls mit meiner Kamera nicht zu nah rangehen, denn die Mikrowellenstrahlen zerstören jede Elektronik, die ihr in den Weg kommt. Das Problem mit dem Sicherheitsabstand für meinen Fotoapparat wird mir während meines mehrstündigen Besuchs in Jochens Werkstatt noch öfter begegnen.

Trotz der Risiken hat Jochen Wankmiller auf seiner Website eine Bastelanleitung samt Schaltplan veröffentlicht. „Da gibt es im Internet Anleitungen für wesentlich gefährlichere Dinge", sagt er. Außerdem sei der Schaltplan einer Mikrowelle so simpel, dass man das auch ohne eine Anleitung und große Fachkenntnisse zusammenbauen könnte. Die größte Gefahr besteht dabei für den Bastler selbst: „Ein Mikrowellentrafo arbeitet mit einer so hohen Spannung, dass es absolut tödlich sein kann, da dran zu fassen", warnt Jochen. Er hat lieber gleich noch eine vorsichtige, abgespeckten Version aus dem Mechanismus gebaut, der ihm und seinem Sohn als Grillanzünder dient.

Von sich selbst sagt er, dass der nüchterne Ingenieur in ihm eigentlich immer stärker ist als der neugierige Basteltrieb. Im Zweifelsfall hält er Abstand: „Mein Lieblings-Accessoire ist ein 30-Meter-Verlängerungskabel!"

Ich besuche Jochen Wankmiller zu Hause in einer beschaulichen Siedlung aus Einfamilien- und Reihenhäusern in Dülmen. Von Dortmund aus fahre ich eine Stunde mit dem Zug durch Felder, Wiesen und lauter kleine Bauernschaften. Hier arbeitet der Hochspannungs-Bastler und studierte Maschinenbauer als Vertriebsleiter beim Weltmarktführer für Schwingungstechnik—einem der vielen erfolgreichen mittelständischen Unternehmen, die kaum jemand kennt.

Das Tüfteln hat sich der 47-Jährige schon im Schüleralter beigebracht. Damals baute er aus ausrangierten Sperrmüll-Fernsehern eigene Verstärker—eine Kunst, die er inzwischen perfektioniert hat, wie ich später noch anhand seiner Hi-Fi-Röhrenanlagen erfahren sollte. Heute arbeitet der studierte Maschinenbauer an DIY-Apparaten, die sein Wissen um Hochspannungstechnik mit der Jagd nach alten, obskuren Teilen und ihrem Recycling verbinden.

In drei Jahrzehnten Bastler-Karriere hat Jochen eine erstaunliche Bandbreite an Apparaten entwickelt: Vom leuchtenden PC-Gehäuse seines Kumpels Sven, über Tutorials für zu laute Golf-II-Lichtmaschinen, Helium-Neon-Laser bis zu seinem wohl gepflegten Dodge Ramp Charger.

Für einen Großteil seiner Entwicklungen stellt Jochen auf seiner Homepage Baupläne und technische Angaben bereit. Ich frage Jochen, ob das nicht ganz schön gefährlich ist, schließlich lassen sich die Mikrowellenkanone oder seine selbstgebauten Laser auch als Waffe benutzen. „Ach, da gibt es wesentlich gefährlichere Anleitungen im Internet", entgegnet er mir. „Außerdem ist der Schaltplan einer Mikrowellenkanone so simpel, dass es meine Anleitung dafür nicht mal braucht. Die größte Gefahr geht sowieso für den aus, der das zusammen baut."

Die spannendsten Schätze hat Jochen in seinem kleinen Gartenhäuschen untergebracht. Hier steht neben der Mikrowellenkanone auch ein Puls-Laser und ein selbstgebauter Teslatrafo, ein blitzender Hochspannungsturm, der Vision des Bastlerhelden Nikolas Tesla nachempfunden. Fotografieren kann ich auch nur mit einigem Sicherheitsabstand. Wie auch die Mikrowellenkanone würde auch der Teslatrafo meine Digitalkamera sonst unwiederbringlich zerstören.

Auf den ersten Blick sieht der Teslatrafo nicht sonderlich spektakulär aus: Tatsächlich ist der größte und sichtbarste Teil schlicht ein mit Kupferdraht umwickeltes Abflussrohr aus Plastik und eine Blechkugel—die eigentlich als Garten-Deko verkauft wird. Daneben steht aber der kompliziertere Teil: In einer Plastikkiste steckt das eigentliche Herz des Geräts, inklusive einem Ölkondensatoren aus dem Sonar eines russischen Atom-Ubootes. „Die ersten Sender, mit denen man Morsecode kabellos verschicken konnte, waren quasi Abwandelungen eines Teslatrafos", erklärt Jochen. In seinem Gartenhäuschen dient der Teslatrafo aber vor allem der Befriedigung seiner Bastellust. Der Bau sei sehr lehrreich und spannender als jeder Tatort im Fernsehen, schreibt er auf seiner Website. Auch hier gilt aber: Nichts für Anfänger. Sowohl beim Bau als auch im Betrieb ist ein Teslatrafo ein verdammt gefährliches Teil, das mit Hochspannung betrieben wird und außerdem alle elektrischen Geräte in seiner direkten Umgebung zerstören kann.

Hochspannung im Münstlerland

Bevor Jochen mir seine spektakulärsten eigenen Entwicklungen zeigt, hat er mir einleitend schon diverse alte „Sammlerstücke" vorgeführt, die auf einem Regal in seinem Bastelzimmer stehen: Volksempfänger aus dem 'Dritten Reich'. „Das eine Gerät ist von 1933, das andere von 1938. Die 'Göbbels-Schnauze' von '38 hatte eine ganze Reihe technischer Neuerungen. Man hat damals so viele kriegswichtige Materialien gespart, wie man konnte", erklärt er mir. Das Gerät hat er vor einigen Jahren in einem Schweinestall in seiner schwäbischen Heimat gefunden. „Geh mal näher ran, ein bisschen riecht man das immer noch." „Das war damals natürlich eine verdammt dunkle Zeit", sagt Jochen Wankmiller, „aber technisch echt interessant."

Die Röhren aus den alten Nazi-Radios funktionieren noch immer. Um sie zu testen, hat sich der Bastler extra ein Testgerät gebaut, das mit zwei kleinen Lautsprechern verbunden ist. „Hast du Musik dabei?" fragt er mich. Ich schließe mein Iphone an. Was aus den Boxen kommt ist zwar nicht besonders laut, hätte die Nazis damals aber mit Sicherheit verärgert: Die alte Nazi-Röhre verstärkt statt einer Propagandarede nun die aus Nazi-Sicht auf jeden Fall 'entartete' Jazzmusik von Gregory Porter.

30.000 Volt aus der Abfallkiste

Als Schüler hat Jochen Mitte der 80er Jahre seine ersten Verstärker aus Second-Hand-Teilen gebastelt und verkauft. „Ich bin damals durch die Straßen gegangen und hab' alte Schwarz-Weiß-Fernseher aus dem Sperrmüll gezogen. Aus zwei gleichen kaputten Fernsehern konnte man einen Stereo-Verstärker basteln. Die Röhren gab es aus alten Radios und für die Gehäuse habe ich dann eine umgedrehte Bratschüssel aus Blech genommen", erklärt er die Anfänge seines Hifi-Hobbys. Das ganze hätte mit High-End-Qualität zwar noch nichts zu tun gehabt, wäre aber schon ganz in Ordnung gewesen.

Viele Jahre später liefert Jochen hochwertige Verstärker für Raves und Techno-Partys. „Aber nur für Keller-Partys mit richtig schöner elektronischer Musik", erklärt Jochen uns schon vorher am Telefon. Was er damit musikalisch meint, zeigt sich schon auf seiner Homepage. Auf der Seite im besten Anfang 2000er-Design wartet Wankmiller auch mit einer „CD-Empfehlung" für das aktuelle Album von Ex-Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos.

Als ich ihn frage, woher er als Jugendlicher die Ideen und das technische Verständnis dafür hatte, steuert Jochen das Bücherregal im Wohnzimmer an. Auf der einen Seite steht eine Reihe Perry Rhodan-Romane. Auf der anderen Seite wird es technischer. Zwischen einigen älteren Fachbüchern steht auch das 'Werkbuch für Jungen'. „Ich weiß nicht, ob es das heute noch gibt, aber da stand wirklich einiges drin", sagt Jochen. Zum Beispiel Schaltpläne für einfache Transistorradios.

In dem Buch sind aber auch Anleitungen, die die meisten Eltern heutzutage wohl erschaudern lassen: „30.000 Volt aus der Abfallkiste" ist die Bastelanleitung für einen Funkeninduktor überschrieben. Das sind 29.770 Volt mehr, als aus der Steckdose kommen. Jochen liest aus der Anleitung vor: „In jeder größeren Kfz-Reparatur-Werkstatt findet man Zündspulen in der Abfallkiste. Sie kosten höchstens ein paar Zigaretten."

DIY-Röhrenverstärker mit alter Militärtechnik

Durch seine Leidenschaft für elektronische Musik hat Jochen Wankmiller seine anfänglichen Verstärker-Basteleien immer weiter entwickelt. Unter den alten Volksempfängern stehen verschiedene von ihm gebaute Röhrenverstärker im Regal. Er zeigt mir sein 'Flaggschiff': „Der verwendet als Endröhren die Längsregler-Röhren aus einer Transall", erklärt er mir. Die Transall ist ein Transportflugzeug der Bundeswehr—entwickelt Anfang der 60er Jahre und bis heute in Betrieb.

In dem Militärflugzeug, sagt Jochen, „haben die Röhren eine Spannung für das Funkgerät stabilisiert. Die wurden nur für militärische Zwecke gebaut und sind in ihrer Robustheit und Präzision quasi nicht zu überbieten." Er hat die Röhren aus Restbeständen, „die in irgendwelchen Kellern schlummern." Auch der Rest der verbauten Technik in dem Verstärker hat nichts mit Consumer-Elektronik zu tun.

„Es hieß, dass teilweise verstrahltes Gemüse aus der Gegend von Tschernobyl auf dem Markt ist. Das wollte ich testen."

Die Speicherkondensatoren sind recycelt und stammen eigentlich aus einem Baukran. Dort haben sie die Drehzahl eines großen Elektromotors geregelt. Hier sorgen sie dafür, dass der Verstärker immer mit der exakt gleichen Spannung versorgt wird. Der verbaute Netztransformator stammt aus einem Röhrenoszilloskop.

Woher Jochen seine Bauteile und die Grundlagen bekommt, ist immer unterschiedlich. Eine der zuverlässigsten Informationsquellen sind Bastler-Communities wie Fingers Welt, wo in den Foren auch immer wieder gefachsimpelt wird, wo Teile zu beziehen sind und welche versteckten Schätze Ebay gerade hergibt.

Einige der Hochspannungsfans finden sich auch regelmäßig für Bastler-Sommer-Camps zusammen, bei denen gepflegt abgenerdet wird und die Ingenieurskünste auch für besondere Bier-Kühlungs-Gadgets eingesetzt werden

Während ich mich in Jochens Bastelzimmer umsehe, entdecke ich immer neue Dinge. In der Ecke neben seinem Schreibtisch steht ein Oszilloskop aus den 80er Jahren. „Das stammt ursprünglich aus einer Radaranlage der Bundeswehr. Das hat mal 12.000 DM gekostet, ich hab's aber umsonst von einem Wertstoffhof bekommen. Da war nur 'ne Sicherung kaputt." In einem Regal auf der anderen Seite des Raums liegt ein selbstgebauter Geigerzähler, mit dem Jochen mal Gemüse untersucht hat.

„Es hieß, dass teilweise verstrahltes Gemüse aus der Gegend von Tschernobyl auf dem Markt ist. Das wollte ich testen." Bislang hat er allerdings keine strahlenden Tomaten entdeckt. Um mir zu zeigen, dass der Geigerzähler funktioniert, hat er aber einen kleinen Brocken Uranerz von einer Halde in Ostdeutschland parat.

„Ich hätte gerne einen Teilchenbeschleuniger, also quasi ein CERN in klein."

Links und rechts des Regals stehen zwei große Lautsprecherboxen—selbst gebaut natürlich, nach Bauplänen aus den 30er Jahren. Zum Beweis der Qualitätsbehauptungen schmeißt Jochen seine Anlage an. Eine Live-Aufnahme von einem Kraftwerk-Konzert wird durch die Transall-Röhren gejagt und bläst mir aus den DIY-Boxen entgegen. Ich bin überzeugt. Obwohl er die Regler nur ein kleines bisschen aufdreht, wird es ganz schön laut, während der Sound erstaunlich klar bleibt. Ich muss mir in diesem Moment eingestehen, dass das kleine 2.1-Computerboxen-System bei mir zuhause dagegen ziemlich kümmerlich wirkt.

Während wir wieder zurück in sein Bastelzimmer gehen, frage ich Jochen, ob seine Nachbarn eigentlich wissen, was da in seinem Gartenhäuschen schlummert. „Ja klar, die Lokalzeitung war auch schonmal hier", sagt er. Die Nachbarn wüssten auch, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dass auf einmal alles in die Luft fliegt.

Zwischen den ganzen Verstärkern, dem Geigerzähler und seinem Oszilloskop zeigt mir Jochen noch ein weiteres gefährliches Gerät: Einen selbstgebauten Pulslaser aus recyceltem Krankenhausequipment. Vor den 0,78 Megawatt-Laser stellt Jochen ein Stück schwarzen Schaumstoff. Für Sekundenbruchteile wird unsichtbares Infrarotlicht auf das Ziel geschossen. Das einzig sichtbare ist ein kleiner Feuerball, als der Schaumstoff sich punktuell in Luft auflöst. Das Ganze hat durchaus Waffenpotential und wirkt ein bisschen wie aus einem Sciene-Fiction-Film.

Am Ende erzählt Jochen mir noch von einem Projekt, das er gerne mal umsetzen würde: „Ich hätte gerne einen Teilchenbeschleuniger, also quasi ein CERN in klein. Aber um selber einen zu bauen habe ich nicht die technischen Möglichkeiten. Ganz selten gibt es zwar mal ausgemusterte von Universitäten bei E-Bay, aber die sind sofort weg und astronomisch teuer."

Nach mehr als vier Stunden wird es Zeit für mich aufzubrechen. Auch wenn ich höchstens die Hälfte von Jochens geduldigen Erklärungen verstanden habe, habe ich einiges gelernt. Vor allem habe ich gelernt, dass man Kindern die Möglichkeit geben sollte, schon früh zu experimentieren. Jochen hat es mit seiner Technikbegeisterung zum Ingenieur bei einem erfolgreichen Unternehmen gebracht. Und auch seine beiden Söhne studieren mittlerweile Elektrotechnik und Chemie. Vielleicht sollte Physikunterricht an Schulen ab sofort nach dem Motto „Mit 30.000 Volt in die Pisa-Studie" ablaufen.