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Lang lebe das Pixel-Fernsehen: 35 Jahre Videotext und kein Ende in Sicht

Im Juni 1980 wurde der Videotext im deutschen Fernsehen eingeführt—er ist bis heute einfach nicht totzukriegen. Warum wir die Pixelwelt gerade in Zeiten von Internet, Smartphones und Second Screens brauchen.

Die großen Erfindungen der Menschheit sind meist gar nicht so spektakulär: Seit Jahren warten wir auf fliegende Autos oder zumindest schwebende Skateboards, doch als ein gewisser Steve Jobs Mitte der Siebziger versuchte, seinen Apple 1 unters Volk zu bringen, ging das weitestgehend an der Öffentlichkeit vorbei. Heute hat Steve Jobs die Welt nachhaltiger verändert, als ein schwebendes Skateboard es jemals könnte.

Ungefähr zur gleichen Zeit wurde eine Technik erfunden, die wohl kaum jemand als eine der großen Erfindungen der Menschheit bezeichnen würde—zumindest nicht, was die technische Innovation angeht. Eventuell sind die großen Erfindungen aber eben nicht die technisch anspruchsvollsten, sondern die meistgenutzten. Und da macht dem Videotext so schnell niemand etwas vor.

Dank Videotext ist das wärmende Pacman-Nostalgie-Gefühl nur einen Knopfdruck auf der Fernbedienung entfernt.

Im Juni 1980 ging der Videotext in Deutschland auf Sendung. 35 Jahre später lebt er ungebrochen erfolgreich weiter—dabei wurde er nie entscheidend weiterentwickelt. Der Videotext ist bis heute mehr oder weniger auf dem Stand des Jahres 1980 geblieben, ein lebender Anachronismus. Und trotzdem nutzen ihn allein in Deutschland jeden Tag knapp 12 Millionen Menschen.

Prost, lieber Teletext. Auf weitere schöne 35 Jahre mit dir. Alle Bilder (wenn nicht anders angegeben): Screenshot Teletexttheworld.com, Ayke Süthoff

Alle Bilder (wenn nicht anders angegeben): Screenshot Teletexttheworld.com, Ayke Süthoff.

1980 war der Videotext ein Zukunftsprodukt (so futuristisch sogar, dass anfangs die wenigsten Fernseher technisch überhaupt in der Lage waren, ihn zu empfangen). Heute muss er in Konkurrenz zum Internet funktionieren und da zieht der Videotext auf allen Ebenen den Kürzeren: Er sieht scheiße aus (auch wenn diese Optik einen herrlichen Nostalgie-Charme innehat), er kann keine Bilder und er kann noch nicht mal Schriftarten. Er hat wenig Platz, sehr wenig sogar. Eine Seite, im Fachjargon Videotext-Tafel genannt, hat exakt 17 Zeilen á 35 Zeichen. Das ist kürzer als der Absatz, den du gerade liest. Er hat exakt acht Farben. Und ein Pixel ist so groß, dass man es mühelos mit einem Lineal vermessen kann. Warum ist dieser Unsinn auch nach 35 Jahren nicht tot zu kriegen?

Stellt man diese Frage Thomas Hagedorn vom ZDF, antwortet er mit einem Paradoxon: „Der Vorteil des Videotexts ist seine Beschränktheit." Wie bitte?

Ganz einfach: Wir werden heute ständig mit Informationen zugemüllt. Morgens noch im Bett das Smartphone raus und Twitter-, Facebook- und Instagram-Timelines gecheckt. Eventuell hat man einen Haufen Whatsapp-Nachrichten aus der Gruppe aufzuholen, die noch aktiv war, als man schon längst geschlafen hat. Schnell noch bei Spiegel Online, SZ.de oder Bild geguckt, ob nicht was passiert ist. Ach und wie wird das Wetter heute?

Weniger ist mehr

Der Videotext bietet gerade wegen seiner veralteten Technik das Gegenprogramm. Hier ist alles begrenzt, der Platz muss also sinnvoll genutzt werden. „Schnell, kurz, prägnant", sagt Hagedorn und erwähnt damit journalistische Grundsätze, die bereits seit hundert Jahren gelten. Im Videotext versuchen Redakteure, in möglichst wenigen und möglichst verständlichen Worten die wichtigsten News zusammenzutragen. Geschwindigkeit ist wichtig, aber wichtiger sind Kürze und Prägnanz.

Das Motherboard-Logo im Teletext-Format. Bild: Screenshot Teletexttheworld.com, Ayke Süthoff.

Zu den inneren Werten des Videotexts kommen die äußeren: Die in knalligen Farben vorgetragene Schlichtheit des Pixelgewitters lässt mit seinem 80er-Charme die Herzen der Generation Y schmelzen. Dabei ist der Videotext ja nicht mal retro, denn er wurde nie auf alt gemacht. Er wurde halt nur auch niemals modernisiert und so ist dieses wärmende Pacman-Nostalgie-Gefühl immer nur einen Knopfdruck auf der Fernbedienung entfernt. Oder einen Klick: Mit teletexttheworld.com könnt ihr übrigens jedes Foto in eine Teletext-Tafel verwenden—ein Tool, das auch ich liebend gerne nutzen, um Selfies von mir und Darth Vader auf Vordermann zu bringen (Siehe oben; Mehr schöne Teletext-Kunst, die das ganze visuelle Potential des Medium ausreizt findet ihr übrigens auf dieser schönen Sammelseite).

Professionalität

Auswahl spielt eine entscheidende Rolle. Während im Internet jeder jeden Scheiß veröffentlichen kann, haben nur die wenigsten Zugang zum Videotext—und wenn dann immer im beruflichen Kontext. Klar gibt es auch im Videotext jede Menge Unsinnigkeiten—wer kennt die XXX-Seiten von RTL? — aber die Hürde ist doch sehr viel höher als im Netz, weil es einfach keinen User Generated Content gibt.

Ja, der Autor ist Arminia Bielefeld-Fan—und findet, dass das Logo auch als Teletext einfach toll aussieht.

Simple Technik

Klar sitzen viele junge Menschen heute mit dem Smartphone oder Tablet in der Hand vorm Fernseher, um die Gedanken, die ihnen durch den Kopf schießen, während sie einen Tatort gucken, gleich über Twitter in die Welt hinauszuschicken. Per Second Screen gleichzeitig fernsehen, twittern und nebenbei ein wenig lesen, ob die anderen derselben Meinung sind.

Aber die meisten Menschen sind gar nicht jung. „Wir haben tendenziell schon eher das ältere Publikum, also 40 Jahre plus", sagt Hagedorn. Das hinge aber auch mit dem Durchschnittsalter des typischen ZDF-Publikums zusammen und natürlich sei Videotext-Nutzung auch Gewohnheit. Die meisten Menschen kennen sich eben viel besser mit ihrer Fernbedienung aus als mit einem Smartphone. Oder gar mit einem Computer. Warum ins Internet gehen, wo man sich kaum durchfindet, wenn man auch einfach einen einzigen Knopf auf der Fernbedienung drücken kann und sofort alle wichtigen News bekommt? Zum Beispiel, was gerade im Fernsehen kommt und was danach. Das geht sogar für junge Menschen im Videotext zehn Mal schneller als über die TV-Spielfilm-App.

Oder wie es in der Bundesliga steht. Der Liveticker und die Sport-Übersichtsseite sind laut Hagedorn die gefragtesten Seiten des ZDF-Videotexts: „Wir hatten 2014 zum Beispiel ein sehr starkes Jahr, was vor allem mit der Übertragung der Fußball-WM und von Olympia zusammenhing."

Dank Teletexttheworld.com lässt sich heute jedes Bild (auch ein Selfie vom Autor) in fantastische Videotext-Optik verwandeln.

Flieg Teletext, flieg.

In der Rangliste der beliebtesten Videotext-Seiten kommen aber gleich nach dem Sport die Nachrichten, was in Zeiten von Internet und Smartphone schon ein wenig erstaunlich ist. Andere beliebte Seiten sind Dauerbrenner wie Wetter und natürlich das Programm.

Seit Jahren wird dem Videotext der Tod vorhergesagt, aber manchmal sind die einfachsten Erfindungen, die die bleiben. Der Videotext ist jedenfalls auch 35 Jahre nach seinem Start noch jeden einzelnen Pixel wert. Wenn das so weitergeht, überlebt er auch noch das Internet.