Berliner Polizei lädt YouTuber ein, der Polizistin vor laufender Kamera sexistisch beleidigt

YouTube-Star Aaron Troschke bezeichnet eine Mitarbeiterin der Berliner Polizei in einem Video als "süße Blondine". Trotz der sexistischen Bemerkung hält die Polizei den Besuch des Influencers für einen "Erfolg in einer wichtigen Zielgruppe".

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16 Juli 2018, 5:00am

YouTuber Aaron Troschke bei der Berliner Polizei | Bild: Screenshot | YouTube | Hey Aaron!!!

"Ich bin heute da, um noch ein bisschen Pfeffer reinzubringen!", sagt YouTube-Star Aaron Troschke zu Beginn seines Videos. Der Influencer hat rund 850.000 Abonnenten auf YouTube. Im Video wird er die Berliner Polizei bei einer ihrer berühmten Social-Media-Kampagnen unterstützen: Die Beamten twittern in Echtzeit über ihre Arbeit. Die im Video gezeigten Tweets stammen vom 1. Juni, das Video erschien am 10. Juli.

Was sich Troschke wohl unter "ein bisschen Pfeffer" vorstellt, zeigt sich im Video nach rund zwei Minuten: Der YouTuber würdigt eine Polizistin im Büro mit einer sexistischen Bemerkung herab. "Kurze Frage", sagt Troschke grinsend zu dem Beamten, der ihm gerade das Polizeibüro gezeigt hat, "warum hab ich dich gekriegt und nicht die süße Blondine?"

Wer mit "Blondine" gemeint war, wird wenige Sekunden später klar, als Troschke weiteren Personen vorgestellt wird. Dem für Snapchat zuständigen männlichen Mitarbeiter schüttelt Troschke demonstrativ kurz die Hand; bei der für Instagram zuständigen Kollegin gibt er sich dafür umso interessierter. „Hallo Kim! Na, heey! Folg' mir auf Instagram!", sagt der YouTuber. Die Angesprochene lächelt freundlich. Direkt daneben steht der Polizeibeamte, der den YouTuber an diesem Tag begleitet, und lacht.

YouTuber Troschke bei der Berliner Polizei
Troschke bei der Polizei: "süße Blondine" | Bild: Screenshot | YouTube | Hey Aaron!!!

Paradebeispiel für Alltagssexsimus

Egal, wie es möglicherweise gemeint war: Die Äußerungen des YouTubers sind ein Paradebeispiel für Alltagssexismus und grenzverletzendes Verhalten am Arbeitsplatz. Zuerst würdigt Troschke eine Kollegin mit den Worten "süße Blondine" als Sexobjekt herab. Dann gestaltet er den ersten Kontakt mit dieser Kollegin im Büro wie eine sexuelle Anmache. All das begleitet vom unterstützenden Gelächter seiner männlichen Begleitung vor laufender Kamera.

Wie ein Polizeisprecher auf Nachfrage von Motherboard erklärt, hätten die Polizistinnen und Polizisten beim Filmdreh das Verhalten des YouTubers nicht als unangenehm empfunden. "Wir haben auch danach nochmal im Kollegenkreis über den Besuch geredet, aber wir haben es flächendeckend so wahrgenommen, dass das nicht grenzüberschreitend war", sagte der Sprecher am Telefon. "Der Tonfall war so wie er war. Das ist ein Stück weit auch normal bei YouTubern wie Aaron, aber bei uns waren alle happy damit."

Doch selbst, wenn in der konkreten Situation alle cool damit waren: Troschkes sexistische Grenzverletzungen sind jetzt auf YouTube zu sehen. Als YouTuber mit 850.000 Abonnenten hat Troschke eine Vorbildfunktion für viele teils minderjährige Fans. Und die Polizei Berlin erscheint in diesem Video als ein Arbeitgeber, bei dem sexistische Grenzverletzungen im Büro offenbar grinsend hingenommen werden.

Zuschauende sollen sich bei der Polizei bewerben

Das Video stand am Vormittag des 12. Juli auf Platz 12 der deutschen YouTube-Trends und hat derzeit rund 324.000 Klicks. Es ist ist nicht als Werbung gekennzeichnet und handelt sich nach Angaben der Polizei "nicht um eine Kooperation". Die Polizei hat den YouTuber demnach nur bei sich drehen lassen und zuvor alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen informiert. Die gefilmten Beamten arbeiten auch im Alltag an den gezeigten Positionen. Es sei kein Euro vonseiten der Behörde geflossen. Die Idee dazu stamme von Troschke und seinem Team, was Troschkes Management auf Anfrage bestätigt.

In dem Video wird trotzdem massiv für die Polizei geworben. Zu Beginn heißt es auf einem eingeblendeten Banner: "Bock auf Polizei sein? Nachwuchs gesucht! Jetzt bewerben". Ganz oben in der Videobeschreibung steht ein Link mit den Worten: "Alle Infos zur Bewerbung bei der Polizei Berlin". Das Video ist zwar keine durchgeplante Image-Kampagne, aber die Polizei wird darin offensiv als Arbeitgeber präsentiert.

Polizei Berlin möchte mehr Frauen einstellen

Troschkes Szene im Polizeibüro ist auch vor dem Hintergrund problematisch, dass deutsche Polizeibehörden schon länger in der Kritik stehen, ein schwacher Arbeitgeber für Frauen zu sein. Gegenüber rbb24 berichtete etwa eine Beamtin aus der Gewerkschaft der Polizei, dass sie von Kollegen als "Micky Maus", "Püppchen" oder "Mutti" herabgewürdigt werde.

Auch Troschke macht in seinem Video scheinbar beiläufig Witze über Frauen: Er stimmt etwa ein Lied über die Mutter von Niki Lauda an oder sagt, eine orientierungslose alte Dame, die kurz zuvor den Notruf gewählt hat, könne doch Google Maps benutzen.

Noch immer ist die Polizei von Männern dominiert. "Die Polizei Berlin ist weiterhin an der Erhöhung des Frauenanteils interessiert, daher sind Bewerbungen von Frauen ausdrücklich erwünscht", heißt es auf der Website der Berliner Polizei. In der November-Ausgabe des Polizeispiegel der Deutschen Polizeigewerkschaft heißt es vonseiten der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten: "Der Frauenanteil an Führungspositionen in der Polizei ist ausbaufähig." Eine von rbb24 veröffentlichte Statistik der Berliner Polizei zeigt, wie viele Männer und Frauen zwischen 2006 und 2017 neu bei der Polizei eingestellt wurden. Im Herbst 2017 waren es der Grafik zufolge 51 Frauen – und 312 Männer.

Aaron Troschke tritt sonst mit Blowjob-Witzen auf und will Interviewpartnerinnen begrabschen

Wer die Videos des YouTubers Troschke kennt, dürfte von seinen Aussagen kaum überrascht sein. In einem Video von Juni 2018 möchte er von Frauen aus der Erotikszene wissen, ob er sie begrabschen dürfe. Die meisten lehnen ab. In einem Video von Februar 2018 fragt Troschke eine Teilnehmerin von Miss Germany 2018: "Musstest du eigentlich auch auf die Knie, um ins Finale zu kommen?". Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Troschke erfüllt in seinen Videos die Rolle eines aufgedrehten Comedians, der Übergriffe als Humor verkauft. Der Sexismus ist demnach als Teil des Programms zu verstehen. Entertainer aus dem Privatfernsehen machen das auch.

Berliner Polizei bezeichnet Zusammenarbeit trotzdem als "Erfolg"

Auf Anfrage erklärt die Polizei Berlin, dass sie sich Troschkes sonstige Videos durchaus vorher angeschaut habe; die Rede ist von einer "eingehenden Inaugenscheinnahme". Trotzdem haben die Beamten den YouTuber zum Filmdreh eingeladen. "Ausschlaggebend war hierfür die hohe Reichweite seines YouTube-Kanals in einer sehr jungen Zielgruppe in einem bewerbungsfähigen Alter", so ein Sprecher. Für die Polizei Berlin sei es ein Erfolg, wenn ein Influencer mit so hoher Reichweite kostenlos einen Film über sie drehe.

Twitter-Reaktion der Berliner Polizei auf Troschkes Video
"GW zu dem genialen Video" | Bild: Screenshot | YouTube | Hey Aaron!!!

In der YouTube-Kommentarspalte hat die Polizei den YouTuber sogar für sein Video gelobt. "Glückwunsch zu dem genialen Video #OfficerAaron!", heißt es da. Dann beschweren sich die Beamten in ihrem Kommentar scherzhaft darüber, dass Troschke zu laut "Morgen!" gesagt habe, als er ins Büro kam. Nicht erwähnt wird die sexistische Grenzverletzung, die nur 15 Sekunden nach dem zu lauten "Morgen!" in dem Video zu hören ist. Stattdessen schreibt die Polizei: "Und denk dran ... wenn du auf den Geschmack gekommen bist, einfach bei uns bewerben."


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"Man muss wahrscheinlich schon sagen, dass da auch politisch nicht korrekte Aussprüche drin sind im Jahr 2018 und in Zeiten von #MeToo", erklärte ein Sprecher auf Nachfrage, ob die Polizei in dem Video grenzverletzendes Verhalten erkennen könne. Außerdem sei Troschke "in den Fällen grenzüberschreitenden Verhaltens zurechtgewiesen" worden. Seine Videos habe die Polizei vor der Veröffentlichung noch einmal überprüft und teilweise angepasst.

Trotz der Kontrolle wurde das Video mit den sexistischen Passagen veröffentlicht. Die Behörde hat die Grenzverletzungen des Influencers bei seinem Besuch wohl bemerkt, aber offenbar in Kauf genommen – um möglichst viele junge Zuschauende zu erreichen, die sich sonst kaum näher mit der Polizei beschäftigen würden. "Das ist auch für uns ein Experiment und wir machen nicht immer alles perfekt", so ein Sprecher. Die Behörde bewerte das Influencer-Video "in der Gesamtschau aber positiv".

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