Wütende Forscher dissen Impfgegner-Kollegen und seine plump gefälschte Studie

Eine dreist fabrizierte Studie eines Impfgegners bringt die Wissenschafts-Community zur Weißglut – zeigt aber auch, wie gut Transparenz im wissenschaftlichen Prozess funktionieren kann.

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Okt. 13 2017, 11:05am

Bild: Imago | Westend 61

Professor Shaw hat ein Problem. Seit Jahren versucht er, die Öffentlichkeit vor "gefährlichen Impfungen" zu warnen, experimentiert mal mit Viren, mal mit Mäusen, veröffentlicht eine Studie nach der anderen – doch niemand hört auf ihn. Im Gegenteil: Seine Analysen über angeblich toxische Bestandteile in Impfstoffen werden von seinen Forscherkollegen eine nach dem anderen zerlegt. Der Vorwurf: Der Neurologe von der University of British Columbia (UBC) arbeite unsauber, benutze veraltete Methoden – und fabriziere stellenweise sogar Daten.

Mit seiner jetzigen Studie scheint er sogar besonnene Forschergemüter auf die Palme zu bringen. Christopher Shaw hatte mit seiner UBC-Kollegin Lucija Tomljenovic ein Paper veröffentlicht, in dem sie behaupten, einen erhöhten Aluminiumanteil in verbreiteten Impfstoffen entdeckt zu haben. In Experimenten hatten die Forscher die Impfstoffe gegen Gebärmutterhalskrebs an Mäusen getestet und kamen zu dem Schluss, dass die Aluminiumspuren „die neurologischen Entwicklungsprozesse stören und eine autistische Pathologie produzieren" können.

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Dass Impfungen Autismus auslösen können, ist eine der hartnäckigsten Mythen aus der Impfgegner-Szene. Je nach Lesart oder Facebookgruppe ist mal das Aluminium in den Impfstoffen schuld und mal die Annahme, dass Autismus eigentlich nur ein Virus sei. Falsch ist beides. Doch obwohl mehrere Dutzend Studien keinerlei Belege für die Toxizität von Aluminium in Impfstoffen finden konnten, hält sich das Gerücht nach wie vor felsenfest.

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Ein Beitrag zu diesem Fehlschluss ist das Paper von Shaw, das ursprünglich im Journal für Anorganische Biochemie erschien. Nachdem sich jedoch immer mehr kritische bis scheißwütende Stimmen aus der Forschergemeinde erhoben, die die Studie nach und nach zerpflückt hatten, steht die Untersuchung nun auf dem Prüfstand. Das Journal sagte gegenüber dem Fachblog Retraction Watch, das es sich derzeit um eine Überarbeitung des Manuskripts kümmere – "gemeinsam mit dem Autor".

Folgende Fehler und Schwächen kritisieren die Forscher:

  • Impfungen werden in den Muskel verabreicht. Der Forscher hat das Aluminium aber unter die Haut des Nagers gespritzt.
  • Die beiden verabreichten mehrere Dosen des Impfstoffs, aus denen sich falsche Annahmen über die Entwicklung von Mäusen ableiten lassen. Solche Dosis-Gaben entsprechen nicht dem Impfkalender bei Kindern.
  • Für seine Annahmen über Genforschung verwendet der Forscher hoffnungslos veraltete Literatur.
  • Die Genaktivität wird mit einer veralteten und ungenauen Methode erhoben.
  • Die statistischen Tests, die der Forscher verwendet, sind für die Methode nicht angemessen.
  • Die Daten der Kontrollgruppe wurden "eindeutig und absichtlich" entfernt.
  • Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld: Die Studie wurde von Privatorganisationen finanziert, die die Sicherheit von Impfungen in Frage stellen. Mit bis zu 900.000 US-Dollar soll die Untersuchung gesponsort worden sein.

Und weil all das Shaw offenbar immer noch nicht gereicht hat, soll er auch noch seine eigenen Daten gefälscht haben – indem er sie aus existierenden Untersuchungen nonchalant rüberkopierte und einfach umbenannte, wie Forscher in der Diskussion des Papers auf der Plattform PubPeer gemeinschaftlich herausfanden. Ein solches Vorgehen ist nicht gerade das, was Forscher unter "Freiheit der Wissenschaft" verstehen – sondern zu Recht verpönt.


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"Nicht nur haben wir hier schlecht ausgeführte und analysierte Experimente, der Autor hat sich auch noch selbst plagiiert und wahrscheinlich wissenschaftlichen Betrug begangen", ereifert sich der Onkologe David Gorski.

Es war nicht das erste Mal, dass Shaw, der laut Uni-Webseite Experte für Augenheilkunde ist, mit seinen Studien die Gemüter erregt. Zwei Studien von Shaw und Kollegen gelangten sogar zu zweifelhaftem Weltruhm: 2012 sah sich selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO veranlasst, auf Shaws Autismus-Studie zu reagieren und sie in einer Meldung als "seriously flawed", also schwer fehlerbehaftet, und reif fürs Altpapier zu erklären.

Gegenüber Ars Technica sagte Shaw, dass er bereit sei, seine Hypothesen zu überarbeiten, wenn zukünftige Daten den Zusammenhang zwischen Aluminium und Autismus nicht bestätigen würden. Dass Shaw sich vom Gegenteil überzeugen lässt, wenn die Kritik nur gut genug begründet ist, dürfe man zu Recht bezweifeln, so Ars Technica. Als die WHO bei der letzten Studie ihre Kritik äußerte, ließ Shaw die an sich abprallen: Die Organisation habe "ein Recht auf ihre eigene Meinung", schmollte Shaw.

Auch in Forscherkreisen gilt also die traurige Gewissheit: Verschwörungstheoretikern – und zu diesem illustren Kreis zählen Impfgegner häufig – kommt man mit Fakten einfach nicht bei. Eine traurige Erfahrung, die Wissenschaftler bei der Aufklärungsarbeit in Sachen Impfungen machen, deutet tatsächlich sogar auf einen gegenläufigen Effekt hin: Je vehementer die Versuche, mit Faktenkampagnen Wissen unter die Leute zu bringen, desto verbohrter werden Impfgegner. Fragt mal den US-Präsidenten.