In Japan ist das Bäume Umarmen eine Wissenschaft

Shinrin-yoku bildet die Grundlage für die systematische Erforschung des „Waldbadens.“

|
Aug. 22 2014, 3:15pm

Bild: Ted and Jen / Wikipedia; Lizenz: CC BY 2.0

Jeder liebt Bäume. Aber die Japaner folgen dieser natürlichen Zuneigung mit unerreichter Gründlichkeit. 1982 hat das japanische Ministerium für Land-, Forstwirtschaft und Fischerei einen eigenen Begriff für den Zustand geprägt, „mit dem Wald eins zu werden und seine Atmosphäre aufsaugen": Shinrin-yoku. Wörtlich übersetzt: „Waldbaden."

Doch Shinrin-yoku ist nicht nur ein griffiger Slogan, sondern auch die Grundlage einer renommierten Forschungsrichtung. In diesem weiten Feld werden wichtige Diskurse untersucht, wie das Ausmaß in dem schon ein einfacher Waldspaziergang gesundheitsfördernd wirken kann.

Die Studien zu Shinrin-yoku sind für mich auch eine ganz persönliche Bestätigung. Schließlich schlage ich meinen Motherboard-Kollegen in regelmäßigen Abständen vor, dass es einfach besser wäre, wenn wir unsere tägliche Redaktionssitzung im Park um die Ecke abhalten.

Auf uns Menschen haben nicht nur Waldspaziergänge beruhigende Auswirkungen, sondern sogar schon Fotos von Wäldern (vorausgesetzt natürlich, wir finden auch die Zeit, sie uns anzuschauen). Da die akademische Beschäftigung mit Shinrin-yoku von echten Wissenschaftlern betrieben wird, sind die Studienergebnisse natürlich mitnichten so profan formuliert. Die Forscher haben quantitativ bestimmt, wie lange wir in der Natur verweilen müssen, um uns besser zu fühlen. Das Ergebnis: Die erste positive Wirkung zeigt sich schon viel früher, als wir es gedacht hätten.

Eine von japanischen Forschern im Jahr 2009 in 24 Wäldern durchgeführte Studie mit dem Titel „Die physiologische Wirkung von Shinrin-yoku" liefert eine überzeugende Auflistung der Vorteile des Waldaufenthalts: „Senkung der Cortisol-Werte, der Pulsfrequenz, des Blutdrucks sowie der Sympathikus-Aktivität, während die Aktivität unseres parasympathischen Systems zunimmt." Und der Clou: Schon nach 20 Minuten im Wald begannen die Probanden sich merklich zu entspannen.

Um zu wissen, wie gestresst du bist, kannst du die Cortisol-Konzentration in deinem Speichel messen lassen. Niedrige Cortisol-Werte finden sich bei Personen, die gerade getanzt oder Musik gehört haben oder im Allgemeinen gerne lachen. Wenn du also durch die Wälder marschierst und dabei Berglieder anstimmst, sollten deine Cortisol-Werte eigentlich ziemlich gering ausfallen. Der Parasympathikus, der auch als „Ruhenerv" bezeichnet wird, da er unter anderem der Regeneration und dem Aufbau körpereigener Reserven dient, ist der Gegenspieler vom Sympathikus, der seinerseits bei Angriffs- oder Fluchtverhalten wirkt. Folglich ist es auch der Parasympathikus, der für eine Senkung der Pulsfrequenz und des Blutdrucks verantwortlich ist.

Doch Wälder haben nicht auf alle Probanden eine positiven Wirkung: Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 führen sie zwar bei weiblichen Teenagern zu einer erheblichen Entspannung—während bei anderen Testsubjekte nicht dasselben Wohlsein verzeichnet werden konnte: bei Familienhunden.

Foto: Antranias/Pixabay;  Lizenz: CC0 1.0

Einer aktuellen Studie der Saybrook University zufolge sind Familienhunde scheinbar eh schon so entspannt und glücklich, dass sich ihre Cortisol-Werte auch dann nicht senken, wenn sie glücklich im Wald herumtollen können. Vielleicht wäre eine Folgestudie mit Arbeitshunden eine gute Idee.

Für mich als urbanen Hundebesitzer sind dies natürlich gute Nachrichten. Denn schon auf der Rückfahrt nach meinem letzten verlängerten Wochenende im Grünen hat mir mein Hund leidgetan. Schließlich hatte er das wohl schönste Wochenende aller Zeiten hinter sich, ganz ohne nervige Katzen, Skateboarder und anderen Hunde—kurzum alles, was seine Cortisol-Werte hochschießen lässt—und musste nun wieder mit einem Leben vorlieb nehmen, das sich meistens in meiner Wohnung und an der Leine abspielt. Aber für mich als bescheidenen waldliebenden Laien wirkt mein Hund jedoch auch beim Gassigehen in unserer kaum begrünten Nachbarschaft so glücklich wie eh und je.

Mittlerweile ist mir klar, dass ich viel zu viel von mir auf den Hund projiziert habe. Wie so viele meiner Artgenossen im Fall von Mensch-Haustier-Interaktionen. Schließlich musste der am nächsten Tag nicht an den Schreibtisch zurück. Ich aber war höchst deprimiert und spürte, dass mir jetzt eine Runde Shinrin-yoku ziemlich gut tun würde.