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Die Unabomber-Story: Vom mathematischen Wunderkind zum Einsiedler-Terroristen

Heute vor 31 Jahren druckten Zeitungen das Manifest des Öko-Terroristen, Wunderkinds und radikalen Technikfeinds Unabomber, der die USA 17 Jahre lang in Atem hielt. Die Geschichte erzählt viel über unser gespaltenes Verhältnis zum Fortschritt.

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19 September 2016, 12:11pm

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Heute von 21 Jahren druckten die beiden größten Zeitungen der USA einen Text, zu dem sie gezwungen wurden: Acht eng bedruckte Seiten, die das Morden von Menschen und die Zerstörung der Gesellschaft rechtfertigen sollten. Es war das Manifest eines gefürchteten Terroristen, der das Land über 17 Jahre lang in Atem hielt: Der Unabomber, ein Einsiedler, ein brillianter Mathematiker, ein Anarchist, eine Popkultur-Ikone, ein verschrobener zölibatärer Professor, der irgendwann begann, Technologie zu hassen und der deshalb drei Menschen tötete und 23 zum Teil schwer verletzte.

All das ist Ted Kaczynski, eine schillernde Figur, der 1942 als Kind liberaler polnischer Einwanderer in Chicago geboren, als mathematisches Wunderkind gefeiert und 1996 als Waldschrat aus einer kleinen Hütte gezerrt wurde, in der er Nagelbomben gegen Wissenschaftler baute. Wenn „Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander" nur eine Phrase ist, dann scheint sie erfunden für Theodore Kaczynski.

„Es gibt keine logische Rechtfertigung für Moral", schreibt Kaczynski in sein Tagebuch.

Wie kann ein sensibler, feingeistiger Mensch, der sich auf die Schönheit der Mathematik beruft, solche groben Straftaten gutheißen und selbst vollziehen? Der Werdegang des Unabombers ist eine komplexe Geschichte von Radikalisierung und Vereinsamung—und sie erzählt viel über unser gespaltenes Verhältnis zum technischen Fortschritt.

Doch sein Sendungsbewusstsein, mit dem er den Rest der Gesellschaft überzeugen wollte, wurde ihm nach Jahrzehnten auf der Flucht schließlich doch zum Verhängnis. Heute sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis in Florida und dient Rechtsterroristen wie Anders Breivik als Inspirationsfigur.

Als Baby entwickelte Ted eine besonders schlimme Form der Nesselsucht und wurde über mehrere Wochen in der Isolationsabteilung eines Krankenhauses behandelt—Kontakt zu seinen Eltern war verboten. Als er endlich wieder zu Hause war, nahm seine Mutter ein verändertes Kind in ihre Arme. Sie notierte in ihr Tagebuch, ihr Sohn sei „ziemlich unansprechbar nach dieser Erfahrung". Möglicherweise wurden hier die Grundsteine für Kazcyinskis Phobien gelegt. In der fünften Klasse wurde Ted ein IQ von 167 bescheinigt und er durfte die sechste und elfte Klasse überspringen. Er wird als sehr kluger, verletzlicher Junge beschrieben, der Angst vor Gebäuden hatte, lieber alleine spielte und mit sechzehn Jahren bereits in Harvard studierte.

Das Umbringen von Menschen seien „drastische Maßnahmen, aber leider nötig", erklärte der Terrorist.

Vor dem Hintergrund der ungesehenen Schrecken des 2. Weltkriegs, die auch zu einem großen Teil durch den technologischen Fortschritt ermöglicht wurden (so wie die Bombe von Hiroshima oder die maschinelle Massenvernichtung der Juden durch die Nazis)—stieß Ted dort auf eine ganze Reihe extrem pessimistischer Lehren: Von Nietzsches „Gott ist tot" über Joseph Conrads „Wissenschaft ist der sakrosankte Fetisch". Manche Studenten werden sich bei der Lektüre solcher düsteren Zeilen gelangweilt unter dem Tisch eine Zigarette gedreht haben—auf andere mögen diese kraftvollen Werke eine grunderschütternde, radikalisierende Wirkung ausgeübt haben. „Es gibt keine logische Rechtfertigung für Moral", schreibt Kaczynski später in sein Tagebuch.

„Wurde der Unabomber in Harvard geboren?"; fragte der Atlantic vor 16 Jahren provokant. Die Frage ist nicht unberechtigt. In Harvard studierte er nicht nur in einem vorherrschenden Klima der akademischen Technophobie, er nahm auch er an einer Serie extremer psychologischer Experimente teil, die ihn nachhaltig verändern sollten.

MKULTRA war erst der Anfang: Die grausamsten Versuche vom Menschen am Menschen

Henry A. Murray leitete die heute als ethisch verwerflich geltenden Tests im Auftrag der CIA für das legendäre, geheime Projekt MKULTRA, in dessen Rahmen unter anderem Menschenversuche unter LSD-Einfluss durchgeführt wurden. Die Harvard-Versuchsreihe sollte ausloten, wie Menschen unter Stress reagieren. Murray setzte seine verkabelten Testsubjekte Kreuzverhören aus und griff sie auf mehreren Ebenen persönlich an—mal zielten Beleidigungen auf das Ego ab, mal auf die eigene Person, mal auf die eigenen Ideale und politischen Überzeugungen. In mehreren Briefen legte der sowieso schon einzelgängerische Kaczynski dar, wie sehr ihn diese Versuche verstört hatten.

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Trotzdem brillierte Kaczynski in Harvard, verblüffte seine Professoren mit Arbeitswillen und Lösungen, auf die sie sie selbst Jahre nicht gekommen waren und wurde bald nach seinem Abschluss zum Assistenzprofessor für Mathematik an der kalifornischen Uni Berkeley ernannt—als jüngster überhaupt. Alle waren sich einig: Dieser Typ hatte noch eine goldene Zukunft vor sich.

Doch noch in Harvard begann er, von einer ganz anderen Zukunft zu träumen. Kaczynski wollte einerseits aus der Gesellschaft ausbrechen und sich von ihr so weit wie möglich entfernen—anderseits ein Revoluzzer sein, jemand, der die Massen anstachelt und zum Umsturz treibt.

„Statt mir noch mehr Fähigkeiten für die Wildnis anzueignen, würde ich daran arbeiten, es dem System heimzuzahlen. Rache."

1969 hielt er es nicht mehr unter Menschen aus. Seinem Bruder David schrieb er, er wolle wie der Philosoph Henry David Thoreau von der Zivilisation in die Isolation fliehen, autark leben, isoliert und möglichst ohne die Annehmlichkeiten der modernen Welt. Genau wie Ted hatte sein Bruder David schon darüber nachgedacht, in die Wildnis zu fliehen. Doch während der acht Jahre jüngere David es bei Träumereien beließ, machte Ted im Alter von 27 Jahren Ernst.

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Er schmiss seinen vielversprechenden Job als Professor für Geometrie, haute ab in die Rocky Mountains und suchte sich dort eine karge Hütte im Wald von Montana nahe der Stadt Lincoln. Alle zivilisatorischen Errungenschaften wollte er hinter sich lassen, dazu gehörten auch fließendes Wasser und Elektrizität. Der Eremit begann, sich selbst Überlebenstaktiken beizubringen, lernte Spurenlesen und—auf die harte Tour—welche Pflanzen essbar sind und welche giftig. Wasser bezog er aus selbstgebohrten Brunnen, auch wenn er zunehmend verwahrloste, und schmiedete sich sogar eigene Werkzeuge aus gefunden Metallresten.

Steht auch auf primitive Technologien, ist dabei aber friedlich und entspannt: Dieser australische Youtuber ist der Bob Ross der Wildnis

Vielleicht hätte Kaczynski dort weiterhin in seiner Hütte als harmloser Schrat gesessen, glücklich an Pfeil und Bogen gefeilt und nachts Thesen über die Schrecken der Industrialisierung zu Papier gebracht. Doch ein Leben in den USA abseits der Zivilisation funktionierte auch 1973 schon nicht mehr besonders gut. Ausgerechnet auf einem Gelände in Nähe seines Verschlags wurde Land entwickelt und schon bald fraßen sich Industriemaschinen durch die urwüchsige Idylle. Der Einsiedler fühlte sich in seinem Lebensentwurf bedroht und formte in seinen Schriften und seinem Gedankengebäude den ultimativen Feind: den „gesellschaftlichen Fortschritt und die Geißel der Technologie". Er begann, sich mit politischen Rechtfertigungen für Sabotageakte auseinanderzusetzen und manche gegen die Baugesellschaft von nebenan auch durchzuführen.

Doch als er einmal zu seinem Lieblingsort floh, einem etwas mehr als zwei Tagesreisen entfernten Plateau mit einem Wasserfall und Hügeln, sollte er einen nachhaltigen Schock erleiden, der sein Leben veränderte und das manch anderer Menschen sogar beenden sollte: „Als ich dort ankam, musste ich feststellen, dass sie eine Straße direkt mitten durch gebaut hatten…", schrieb er in einem seiner vielen Briefe. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend ich war. Das war der Punkt, an dem ich entschieden habe: Statt mir noch mehr Fähigkeiten für die Wildnis anzueignen, würde ich daran arbeiten, es dem System heimzuzahlen. Rache."

„Ich beabsichtige, Menschen zu töten."

Schnell befand er, dass Sabotageakte nicht ausreichen würde. Er begann, Bomben zu bauen. In eines seiner mehreren hundert Tagebücher notierte er in der ihm eigenen Mischung aus klarer Analyse und Kälte: „Ich beabsichtige, Menschen zu töten. Wenn ich damit Erfolg habe und geschnappt werde (nicht lebend, hoffe ich inständig!), wird es möglicherweise Spekulationen in den Nachrichtenmedien über meine Motive zum Töten geben (…) Sie werden sicher versuchen, meine Psyche zu analysieren und mich als „krank" darstellen. Diese mächtige Vorverurteilung sollte bei einer nachträglichen Analyse meiner Psyche möglichst in Betracht gezogen werden."

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Ein Bomben-Nachbau des Unabombers im US Crime Museum. Bild: Crime Museum | Gemeinfrei

Kaczynski verschickte die meisten seiner 16 Bomben mit der Post, allesamt selbstgebastelt und mit Nägeln gefüllt. Über einen Zeitraum von 17 Jahren tötete er damit drei Menschen und verletzte 23. Besonders hatte er es auf eine ganz bestimmte Personengruppe abgesehen: Wissenschaftler.

Der mysteriöse Unabomber schien einfach nicht zu fassen—gleichzeitig war er geschwätzig und meldete sich immer wieder mit politischen Radikal-Forderungen zu Wort.

Das erste Unabomber-Paket erhielt der Materialwissenschaftler Buckley Crist an der Northwestern University. Auf auf dem Paket stand „Rücksendung", doch Crist erkannte seine Handschrift nicht darauf, wurde misstrauisch und übergab das Paket dem Sicherheitsdienst. Als der Mitarbeiter das Paket öffnete, explodierte es sofort und verletzte ihn an der Hand.

Später ließ Kaczynski die Bombe am selben Institut einfach liegen, diesmal traf es einen Studenten. Danach den American Airlines-Flug 444, der notlanden musste. Zwölf Menschen mussten mit einer Rauchvergiftung behandelt werden; sie hatten Glück im Unglück, denn die Bombe wäre stark genug gewesen, um den Rumpf zu zerreißen, explodierte aber nicht richtig. Das erste Todesopfer Kaczynskis war der Besitzer eines Computerladens, Hugh Scrutton, der am 1. Dezember 1985 in Sacramento, Kalifornien den Verletzungen durch eine Nagelbombe erlag. Weitere Ziele waren Menschen, die in IT-Abteilungen von verschiedenen US-Universitäten arbeiteten, der Vorstand einer Fluggesellschaft, und zuletzt der Präsident des kalifornischen Försterei-Lobbyverbandes, der den Anschlag nicht überlebte.

Das FBI gab dem Unbekannten, wie damals üblich, ein Akronym als Decknamen: Aus University and Airline Bomber wurde bei den Ermittlern UNABOM. Die Medien machten daraus Unabomber.

Dieser mysteriöse Unabomber schien einfach nicht zu fassen—gleichzeitig war er geschwätzig und meldete sich immer wieder mit politischen Radikal-Forderungen zu Wort. So besessen war Kaczynski von der schriftlichen Korrespondenz und seiner Idee vom anarchischen Primitivismus, dass er sogar seinen schwer verletzten Opfern, wie dem erblindeten IT-Professor David Gelernter an der Uni Yale Briefe schrieb, mit eiskalten Zeilen wie: „Wenn Sie auch nur einen Funken Verstand hätten, dann wüssten Sie, dass es viele Menschen zutiefst verbittert, wie die Technikfreaks die Welt verändern."

Siebzehn Jahre gingen ins Land, und die Polizei hatte mittlerweile 200 Verdächtige überprüft, die nach rund 20.000 Hinweisen auf der kostenlosen Tippgeber-Hotline 800-701-BOMB eingingen—und doch hatten die Ermittler nicht viel mehr vorzuweisen als ein gezeichnetes Phantombild von einem Typen mit Aviator-Sonnenbrille unter einem Kapuzenpulli.

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Das Phantombild des Unabombers | Bild: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Bis der Unabomber 1995 nach einer größeren Öffentlichkeit suchte und die beiden größten Zeitungen des Landes erpresste, ein „Manifest" zu veröffentlichen. Heute vor 31 Jahren, am 18. September 1995 druckten die Zeitungen sein 232 Absätze und 36 Fußnoten umfassendes Pamphlet im Volltext ab. Nicht freiwillig, versteht sich: Der Unabomber hatte die Zeitungen erpresst und drohte, er würde ein Flugzeug sprengen, wenn die Medien sein Manifest nicht abdrucken würde.

Im Pamphlet mit dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft" beschreibt der Unabomber die industrielle Revolution als „Disaster für die menschliche Spezies": Herangezüchtet worden sei ein technologisches System, das durch eine soziale, wirtschaftliche und politische Ordnung bestimmt sei, in welcher die individuelle Freiheit unterdrückt und die Natur zerstört würde. Wenn Menschen gezwungen würden, sich Maschinen anzupassen statt umgekehrt, erschaffe die Technologie eine kranke Gesellschaft.

500 Agenten, 20.000 Hinweise, 200 Verdächtige: Es war die umfangreichste und aufwendigste Menschenjagd, die das FBI jemals übernommen hatte und einer der teuersten Fälle in der Geschichte der Behörde.

Technologie würde stetigen Wandel fordern und gleichzeitig menschgemachte Gemeinschaften zerstören. Und da das System, zu dem er auch das „elektronische Opium" der Kabelfernsehsender und die technischen Überwachungsmöglichkeiten eines außer Kontrolle gerateten Polizeiapparates zählte, so übermächtig voranschritt, dass es stärker sei als die Menschheit und nicht nur ihr Potential eindämme, sogar ihr Überleben gefährde, würde es nicht von allein weggehen. Es müsse schnellstens zerstört werden. Das Umbringen von Menschen seien „drastische Maßnahmen, aber leider nötig", erklärte der Terrorist.

Zugegebenermaßen hätte die Eliminierung der industriellen Gesellschaft auch ein paar „negative Konsequenzen," räumt Kaczynski ein, aber „you can't eat your cake and have it, too". Die spezielle Verwendung dieser sehr amerikanischen Redewendung, die ausdrücken soll, dass man nicht alles haben kann, sollte später noch eine Rolle spielen.

In der Hoffnung, dass jemand seinen Schreibstil erkennen würde, drängte auch das FBI auf die Veröffentlichung. Sie hatten Glück: Teds Schwägerin Linda kam die anarchistisch-primitivistische Revolutions-Rhetorik auf gruselige Weise bekannt vor. Sie zeigte ihrem Mann David die Zeitung—auch der erkannte in den Formulierungen seinen älteren Bruder, den er immer bewundert hatte. Nach reiflicher Überlegung traf er drei Monate später die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens: Er rief das FBI an und verriet Ted. Das FBI sollte ihm später eine Million Dollar für diesen Verrat zahlen, das David heute als „Blutgeld" bezeichnet.

Der Durchbruch, auf den das FBI 17 Jahre gewartet hatte, hing an einem winzigen Detail und einem großen Verrat.

Das war der Durchbruch, auf den die Agenten so lange gehofft hatten.

Am 3. April 1996 griff das FBI zu—mitten in der Wildnis zerrten sie einen verwahrlost aussehenden Mann zwischen zehntausenden Seiten Handgeschriebenem, primitiven Utensilien zum Bombenbau und selbstgebastelten Waffen aus dem Verschlag nahe Lincoln, den die Ermittler als mutmaßlichen Unabomber festnahmen und dank Davids und Lindas Tipp bald darauf als Kaczynski identifizieren konnten.

Es war die umfangreichste und aufwendigste Verbrecherjagd, die das FBI jemals übernommen hatte und einer der teuersten Fälle in der Geschichte der Behörde. 500 Agenten wurden in den 17 Jahren, in denen Kaczynski sein Unwesen trieb, auf ihn angesetzt, doch es sollten die beiden renommiertesten Tageszeitungen der USA sein—die Washington Post und die New York Times— die als unfreiwillige Plattform schließlich zu seiner Ergreifung führten.

Teds Familie versuchte, den Terroristen kurz vor Prozessbeginn strategisch durch längere Interviews in Sixty Minutes und der Washington Post in der Öffentlichkeit als verrückt darzustellen—das war Taktik, denn sie glaubten, nur eine ganze Reihe Anekdoten, die seine Unzurechnungsfähigkeit untermauern könnten, würde ihn vor der Todesstrafe retten. Er entging dem elektrischen Stuhl nur knapp—zuvor hatte der Angeklagte selbst versucht, seine Anwälte zu entlassen, weil sie für ihn auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädieren wollten. Kaczynski aber hielt sich und hält sich bis heute nicht für verrückt, bekannte sich letztlich aber doch zwei Jahre nach seiner Festnahme in Lincoln, Montana in mehreren Waffendelikten für schuldig, um nicht sterben zu müssen.

Der Öko-Terrorist als Popkultur-Ikone und freundlicher Briefeschreiber von nebenan?

Heute ist Kaczynski 74 Jahre alt und sitzt eine vierfach lebenslängliche Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis in Florida ab. Seit seiner Verurteilung ist er keinesfalls von der Bildfläche verschwunden, sondern wird zu einer popkulturellen Ikone verklärt. Nicht nur hat er eine hingebungsvolle Fan-Community um sich geschart, die mit ihm schriftlich über Politik diskutiert, sondern führt auch ein „untypisches Gefängnisleben in einem untypischen Gefängnis (…) meistens zu viel zu tun als zu wenig", wie er einem Fan 2009 in einem Briefwechsel mitteilte.

Als Trainingspartner suchte er sich ausgerechnet den Nazi-Bomber Timothy McVeigh aus, der 1995 einen schrecklichen Bombenanschlag auf Oklahoma City zu verantworten hatte. In Briefen an einige seiner vielen Tausend Fans beschreibt er den Rechtsradikalen als „sehr intelligent und freundlich". Jüngst wurde bekannt, dass er überlegt, sein Schweigen über seine Taten zu brechen, „unter der Voraussetzung, dass mich der Journalist NICHT für verrückt hält", wie er aus seiner Zelle verkündete.

Neben akademischer Lektüre schreibt Kaczynski weiter Briefe, die der Verlag Feral House 2010 als Sammelband unter dem Titel „Technologische Versklavung" veröffentlichte—und kommuniziert rege mit der Außenwelt; handschriftlich, versteht sich.

„Sind wir nicht alle ein bisschen Unabomber?", schrieb der Wissenschaftsjournalist Robert Wright direkt nach Veröffentlichung des Manifests einfühlsam

Es mutet daher ironisch an, dass sein Besitz aus dem Verschlag, den er so lange sein Zuhause genannt hatte—nur etwa 60 Gegenstände, darunter Köcher, Waagen, Pfeile, und selbstgeschmiedete Werkzeuge— im Jahr 2011 an einem Ort versteigert wurden, den Kaczynski selbst bis heute meidet wie der Teufel das Weihwasser: im Internet. Seine paar Sachen erzielten analog zu der kultischen Verehrung ihres Besitzers Rekordpreise—immerhin kam ihr Erlös den Opfern zugute, die durch die Nagelbomben erblindeten oder Gliedmaßen verloren hatten.

Auch andere Terroristen hat der Unabomber bis ins neue Jahrtausend hinein „inspiriert". Im gleichen Jahr, im Sommer 2011 erschoss der Rechtsradikale Anders Breivik auf der norwegischen Ferieninsel Utoya Dutzende Kinder und ihre Betreuer. Sein Pamphlet, das er davor veröffentlichte: Ein Plagiat des Unabomber-Manifests.

Kaczynskis präzise formulierte und radikal fortschrittsfeindliche Ideen stoßen jedenfalls damals wie heute auf breites Interesse und großes Verständnis. „Sind wir nicht alle ein bisschen Unabomber?", schrieb der Wissenschaftsjournalist Robert Wright direkt nach Veröffentlichung des Manifests einfühlsam. Noch heute gibt es im Internet ganze Clubs, die sich dem Kult des Unabombers widmen: Das Unapack, redacted.com, das Unabomber Political Action Committee; auch manche deutsche Tierrechtler-Seiten verbreiten sein Pamphlet unkritisch weiter.

Tatsächlich ist bis heute umstritten, ob Kaczynski an einer paranoiden Schizophrenie litt oder nicht und ob es sich bei dem „Manifest" des Unabomber um ein Zeugnis seiner geistigen Klarheit oder Vernebelung handelt. Doch waren seine Thesen tatsächlich so radikal oder fand der Unabomber ein so fasziniertes Publikum eher deshalb, weil die Ablehnung der modernen Welt, Zurückweisung der Moderne, extremer Pessimismus, Überforderung und der Wunsch nach Rückzug alles Ideen sind, die viele Menschen im Ansatz bis heute teilen—und die sich in der Zuwendung zu Verschwörungstheorien und Antiwissenschaftlichkeit jeden Tag in sozialen Medien ausdrücken und festgeschrieben werden?

Zurück zu David Kaczynski und seiner Frau Linda: Wie hatten sie eigentlich die Schreibe ihres Verwandten auf Anhieb unzweifelhaft identifiziert? Der Unabomber verriet sich, neben den anti-fortschrittlichen Thesen über die Umwälzung der Gesellschaft und die technologiefeindliche Militanz, die das episch lange Manifest durchzog, durch ein vermeintlich unscheinbares Detail: „You can't eat your cake and have it, too"—denn eigentlich sagt man das in umgekehrter Reihenfolge, „You can't have your cake and eat it, too". Trotz seines Genius konnte sich Ted Kaczynski diese winzige linguistische Kleinigkeit nie merken.