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Die Panama Papers und das „Lügenpresse“-Dilemma

Da decken Journalisten ein Riesen-Dreckssystem auf, das den „globalen Eliten“ bei der Täuschung der Öffentlichkeit geholfen hat, und was passiert?

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Apr. 5 2016, 11:31am

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Es dauerte nicht lange, bis die ersten Kritiker an den Panama Papers zur Stelle waren. Doch es waren nicht die angeprangerten Geldwäscher, sondern Skeptiker auf Twitter, die an dem wohl größten Datenleck der Geschichte sofort etwas auszusetzen hatten. Während einige forderten, dass die Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten, witterten andere eine CIA-gesteuerte Auswahl der Veröffentlichungen von zensierenden Gatekeeper-Medien und fragten, wie objektiv die Recherche sei.

Bundespressekonferenz-YouTuber Tilo Jung brachte ein erstaunlich weit verbreitetes Unbehagen an den ersten Meldungen zum Ausdruck. Neben dem großen Interesse an dem Leak witterten nämlich nicht wenige, dass die von der Süddeutschen Zeitung initiierten Recherchen westliche Politiker absichtlich schone:

Die Reporter hinter den Panama Papers tun dabei nur das, was kritischer Investigativjournalismus leisten sollte: Sie decken ein System auf, mit dem Reiche und Mächtige die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten täuschen. Ein System, das tatsächlich fast jedes Land auf der Welt betrifft und das zahlreiche Gesellschaften ungerechter macht. Umso erstaunlicher ist es, dass selbst diese Veröffentlichung blitzschnell eben jene Kritiker auf den Plan ruft, die überzeugt sind, dass die Presse schon längst nicht mehr frei und der Wahrheit verpflichtet sei—sondern von ominösen Mächten durch Geldgeschenke gesteuert, oder dass die Journalisten gar „mit denen da oben" allzu oft unter einer Decke stecken würden.

Das Argument mit den gekauften Medien

„Da man getrost davon ausgehen kann, dass die betroffenen Medien sich fest in der Hand internationaler Investoren befinden, sollte man von den „Panama Papers" keine Enthüllungen erwarten, die der internationalen Finanzelite gefährlich werden könnten", wusste beispielsweise Ernst Wolff bei Telepolis.

Eine schwer zu verdauende Generalisierung—schon jetzt finden sich zwölf Weltpolitiker, FIFA-Funktionäre, große Banken und Topverdiener der Sportelite in den Veröffentlichungen—und wir haben noch nicht mal die Spitze des Eisbergs gesehen. Das ICIJ hat bereits angekündigt, dass die Veröffentlichungen aus den 2,6 Terabyte Daten aus der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca noch mindestens bis Mitte Mai andauern werden.

Gerade die Panama Papers sind der beste Beweis, dass Journalisten eben nicht „zu denen da oben" gehören.

Wolff hat vermutlich auch übersehen, dass man als US-Amerikaner nur bis nach Delaware reisen muss, um eine komplett anonyme Offshore-Gesellschaft für sich oder seine Katze aufzuziehen—das dauert fünf Minuten und lässt sich sogar ganz ohne Vorsprache online erledigen. Sein Telepolis-Kollegens Markus Kompa raunte unterdessen fragend, „wie unabhängige Journalisten etwa von mächtigen Lobbyisten schamlos Geld nehmen können", und verwies darauf, dass das beteiligte Recherche-Netzwerk ICIJ auch durch US-Stiftungen finanziert sei—inwiefern das die einzelnen Journalisten oder Artikel beeinflusse, erklärte Kompa freilich nicht.

Putin, der übliche Verdächtige?

In Zeiten, in denen Nutzer dank Social Media selbst zum Sender geworden sind, ist auch die Form der Veröffentlichung in etablierten Medien längst ein eigener Diskurs. Tatsächlich sind die Panama Papers auch hier besonders: Sie sind eine große Kooperation, die die investigative Aufarbeitung eines riesigen Themas auf viele internationale Schultern verteilt. So sollen in möglichst vielen Ländern eben jene nationalen Skandale ans Licht gebracht werden, die in dem Datensatz stecken.

Dennoch wunderten sich gestern manche, warum denn nichts über betroffene Deutsche zu finden war, oder warum mal wieder Putin ins Visier geriet. Nun, die erste Mutmaßung ist mit den gestern Abend und heute vom NDR bzw. der SZ veröffentlichten Artikeln über die Deutschen in den Panama Papers widerlegt. Und der Fall eines Offshore-Netzwerks um Putin herum zählt zu einer der prägnantesten Geschichten, weil sie erstens eine der mächtigsten Personen im Leak betreffen, an dem in Russland viel diskutierten Saubermann-Image Putins kratzen sowie einiges über das noch immer von Oligarchen-Strukturen gezeichnete Russland der Gegenwart verraten.

Das Wikileaks-Argument

Auch Wikileaks meldete sich zu Wort. Die Whistleblower-Plattform, die sich mit ihren Dokumentenveröffentlichungen selbst als Medienunternehmen sieht, griff in einem Tweet den an der Panama Papers-Recherche beteiligten Guardian scharf an: „Der Vater des Premierministers David Cameron ist darin verwickelt. Aber das werdet ihr nicht im Guardian lesen." Totaler Quatsch, wie sich herausstellt, denn der Guardian kam durchaus seiner Pflicht als kritisches, unabhängiges Medium nach und titelte in großen Buchstaben auf signalgelben Grund: „Exklusiv: Die geheimen Deals, die David Camerons Vater halfen, keine Steuern in Großbritannien zu zahlen." (Auch wirtschaftlich wäre es eine ziemlich dumme Entscheidung gewesen, sich so eine Geschichte im eigenen Land durch die Lappen gehen zu lassen.)

Worauf Wikileaks anspielen wollte, war nicht schwer herauszulesen: Traut den Medien und ihrer zahmen Berichterstattung nicht, die stecken alle mit „denen da oben" unter einer Decke und sind finanziell oder personell so abhängig von ihren Zahlmeistern, dass sie euch niemals die „ganze Wahrheit" liefern. Das können nur wir mit unseren Datendumps ändern—Spenden bitte an…

Es ist ein pikierter Versuch der Diskreditierung langjähriger, harter Arbeit und einer beispiellosen Kooperation zwischen Medien, die an jedem anderen Tag im Jahr eigentlich durch die Regeln des Wettbewerbs in Konkurrenz zueinander stehen.

Die internationale Lösung

Dabei sind Recherchekooperationen, auch über öffentlich-rechtliche und privatwirtschaftliche Grenzen hinweg, wie der Rechercheverbund zwischen NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, die beste Antwort auf all diejenigen, die so gerne „Lügenpresse" schreien oder schreiben: Denn durch ihre sowohl finanziell als auch personell gebündelten Ressourcen und ihre Kompetenzen (ob ihr es glaubt oder nicht, der ein oder andere Journalist hat tatsächlich sein Handwerk gelernt) —schaffen sie es, einen Datenwust verantwortungsvoll zu handhaben, und vor allem, ihn durch Datenjournalisten, Rechercheure und Redakteure gut und verständlich aufzuarbeiten.

Welche Folgen das eben für die „globale Elite" hat, lässt sich schon heute erahnen: Mit Islands Premierminister Gunnlaugsson ist der erste korrupte Staatschef bereits angezählt.

Die Leaks dürften noch sehr viel mehr Personen des öffentlichen Lebens in Bedrängnis bringen, die sich als Nutznießer des Kapitalismus in den Schlupflöchern des internationalen Finanzsystems bisher kuschelig eingerichtet hatten—und gleichzeitig ihr Land (und die Bürger), in dem sie eigentlich Steuern zahlen sollten, effektiv bestohlen haben.

Und ist das nicht genau das, worauf alle gewartet haben? Ein globales Erdbeben, das den Status Quo erschüttert und—sollten die richtigen Konsequenzen gezogen werden—eine hässliche Lücke für Superreiche schließt und die Welt längerfristig ein klein wenig gerechter machen könnte?

Offensichtlich nicht. Statt Interessantes über die tausenden Deutschen als Kunden der fast 400 Briefkastenfirmen zu verarbeiten, die allein die Deutsche Bank aufgesetzt hat, krittelt man lieber daran herum, dass Beitragzahler die Recherchen einer Zeitung alimentieren würden—ein Vorwurf, dem sich der Rechercheverbund schon länger ausgesetzt sah. Nun, Recherche kostet Geld, und auch die öffentlich-rechtlichen Recherchegruppen haben ganz allein schon Geschichten und Missstände enthüllt, die ansonsten wohl nie ans Tageslicht gekommen wären. Gerade in Zeiten schwindender Einnahmen für Medienunternehmen und der gleichzeitig globalen Verschmelzung der Informationsgesellschaft ist die weltweite Recherchekooperation der Panama Papers eine spannender Weg für einen Journalismus, der seiner Funktion als kritischer Diener der Öffentlichkeit weiterhin nachkommt.

„Jetzt wollen wir einen Beitrag leisten, damit dieses Dreckssystem abgeschafft wird."

Im Übrigen findet sich auf der Panama Papers-Website der Süddeutschen Zeitung, die seit Tagen außergewöhnliche Klickzahlen verzeichnen dürfte, keinerlei Werbung. Eine gute Entscheidung, denn Werbeanzeigen für Banken oder Versicherungen könnten neben einer Enthüllung über die Missstände der globalisierten Finanzindustrie tatsächlich eigenartig aussehen.

Die Journalisten, die die Panama Papers-Enthüllung organisierten, bringen ihre Arbeit übrigens selbst in Verbindung mit der allgegenwärtigen Skepsis gegen „die da oben": Auf die Frage, warum das Leak so bedeutend sei, erklärt SZ-Redakteur Bastian Obermayer gestern in einem Interview: „Es steckt in den Köpfen der Menschen ja schon dieser Reflex drin, dass sich „die da oben" alles erlauben können. Und die erlauben sich tatsächlich alles. Daraus ergibt sich ein echtes Legitimitätsproblem in einer Demokratie."

Die Arbeit der SZ und der beteiligten Medien ist der beste Beweis, dass Journalisten eben nicht pauschal auch „zu denen da oben" gehören, sondern dass es viele Medien gibt, die ihre Watchdog-Funktion ernstnehmen und als Korrektiv agieren. „Jetzt wollen wir einen Beitrag leisten, dass dieses Dreckssystem abgeschafft wird", erklärt Obermayer kämpferisch.