Die magische Formel: Wie errechnet Facebook, wer unsere Top-Freunde sind?

Zwar sind die Freundeslisten-Algorithmen ein Geheimnis, aber wenn man einige Hinweise und Faktoren beachtet, wird ein System erkennbar.

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27 November 2015, 7:56am

Bild: Shutterstock

Du kennst ihn doch bestimmt auch, diesen kurzen Moment der Verwirrung, wenn dein ehemaliger Mitschüler aus der zehnten Klasse oder die längst vergessene Ex-Kollegin in der Freundesbox auf deinem Facebook-Profil auftaucht und du dich fragst, wie zum Teufel sie da hingekommen sind.

Facebook versucht mit seinen Algorithmen genau auszurechnen, wer deine besten Freunde sind. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Freundesbox: Diese Top-9 deiner von Facebook ermittelten besten Freunde werden oben links auf jedem Profil angezeigt und von dem Sozialen Netzwerk stets neu berechnet.

Mein Freund nutzt Facebook kaum und wir haben dort mit Ausnahme einiger Veranstaltungen, bei denen wir beide auf Teilnehmen klickten, noch nie miteinander interagiert—keine gemeinsamen Fotos, keine Dialoge im Kommentarfeld, keine Likes, keine Markierungen, kein Beziehungsstatus, nichts. Ich bat ihn jedoch darum, (zu Forschungszwecken) sein Profil zu öffnen und nachzuschauen, wer sich in der Freundesbox auf der linken Seite befindet. Und da war ich, direkt an erster Stelle.

Seine Antwort: „Das liegt daran, dass du mich die ganze Zeit stalkst! Hör auf, mich zu stalken!"

Aber ist das wirklich der Grund? Der Algorithmus, mit dem Facebook unsere Freundschaften analysiert und in eine Reihenfolge bringt, gehört natürlich zum Geschäftsgeheimnis des sozialen Netzwerks, aber dennoch lassen sich einige Anhaltspunkte dafür finden, wie er funktioniert und auf welchen Daten er basiert.

Screenshot: Motherboard.

Die Top 9-Box ist nicht der einzige Ort, an dem Facebook unsere Freundschaftsverhältnisse für uns zu ordnen versucht. Auch wenn du in deinem Profil auf „Freunde" klickst, wird die Reihenfolge deiner Verbindungen im Netzwerk automatisch sortiert: Die Leute, mit denen du am meisten interagierst, stehen dabei weiter oben—ohne dass die genauen Kriterien für diese Bewertung sichtbar wären.

Eine weitere Sortierung findet in der Chat-Liste am rechten Bildschirmrand deines Profils statt, denn auch hier sind nicht die Leute, die am längsten online sind, sichtbar, sondern diejenigen, von denen Facebook am ehesten glaubt, dass du mit ihnen reden willst. Und wenn du einen Buchstaben in das Suchfeld eintippst, werden dir per Auto-Vervollständigung auch dort einige Profile vorgeschlagen, die für dich interessant sein könnten—einer alphabetischen Ordnung folgen diese nicht.

Wer wen „stalkt", zählt zu den intimsten und sensibelsten Daten, die Facebook besitzt.

Eine flüchtige Google-Suche zu dem Thema förderte Unmengen an verzweifelten Fragen zutage, die in Foren wie Quora oder Reddit gestellt wurden. Dabei geht es immer darum, nach welchen Regeln und Kriterien Facebook unsere Freundesliste festlegt.

Die Fragesteller machen sich dabei stets Sorgen, dass das Ranking geheimes Stalking offenbaren könnte. Verrät die eigene Top-Freunde-Liste das Profil, das man ständig heimlich aufruft? Könnte ein heimlicher Schwarm Wind von den Stalking-Aktivitäten bekommen, oder könnte es in einer Beziehung ein Indiz für Fremdgehen sein, wenn im Profil des Partners jemand Unbekanntes von Facebook stets ganz oben angezeigt wird.

„Das Mädchen, mit dem ich mich gerade unterhalte, fragt mich immer wieder nach den Mädels, die in meiner Top 9 auftauchen. Ich kann ihr dann nur immer wieder sagen, dass ich mit denen nur ganz selten Kontakt habe und nicht weiß, warum die da zu sehen sind", schreibt beispielsweise ein nervöser Redditor.

„Meine Ex befindet sich an zweiter Stelle, obwohl wir seit Dezember nicht mehr miteinander geredet haben und ich seitdem auch nicht mehr auf ihrem Profil war. Ich chatte mit vielen Leuten, also warum ist sie immer noch da?", fragt ein anderer User.

Auf all diese Fragen gibt es keine finalen Antworten, denn Details zu den Facebook-Algorithmen sind nicht bekannt. Es gibt jedoch ein paar Dinge, die wir über die Faktoren wissen, die zur Ordnung unserer Freundesliste beitragen. Und wenn wir die Hinweise zusammenzählen, können wir auch noch weitere Erkenntnisse über Facebooks Sortierung unseres Soziallebens gewinnen.

Wie euch wahrscheinlich bereits aufgefallen ist, hat Facebook vor Kurzem die Funktion eingeführt, deine Freunde in Listen einzuteilen. Einige dieser Listen werden automatisch erstellt und basieren dabei auf deinem Arbeitsplatz oder deinem Wohnort. Die „Enge Freunde"-Liste kann jeder Nutzer selbst füllen, aber Facebook liefert dir ebenfalls Vorschläge, wer dafür qualifiziert sein könnte. Das ist schon irgendwie ein komisches Gefühl, wenn dir ein gesichtloses System sagen will, wer die wichtigsten Personen in deinem Leben sind.

Die größte Paranoia löst jedoch immer noch die mysteriöse Top-9-Freundesbox aus, die an prominenter Stelle in jedem Profil angezeigt wird.

„Leute, bitte helft mir", postete zum Beispiel ein Forum-User. „Sieht meine Top-9-Freundesbox für meine Freunde genauso aus wie für mich? Und sind die Leute, die ich in den Boxen meiner Facebook-Freunde sehe, die Leute, mit denen sie sowohl privat als auch öffentlich interagieren? Während der vergangenen paar Wochen habe ich ständig dieses eine Mädchen in der Top 9 meines Freundes sehen können. Eigentlich haben sie nichts miteinander zu tun, aber sie stand mal auf ihn—deswegen mache ich mir Sorgen."

Auf Anfrage erklärte mir Facebook, dass es sich bei der Top 9 um eine Gruppe von relevanten Freunden handeln würde, auf die der User so praktischerweise schnell zugreifen könne.

Anders gesagt: Deine Top 9 sind die Leute, die dir der Algorithmus vorschlägt und dich damit unterschwellig dazu bringen will, mit ihnen zu interagieren. Und wenn jemand Anderes auf dein Profil klickt, dann sieht der- oder diejenige eine Auswahl an Leuten, mit denen er oder sie aufgrund von gemeinsamen Freunden oder Interessen möglicherweise in Kontakt treten will. Und das ergibt auch Sinn: Da das Geschäftsmodell von Facebook auf Werbung basiert, ist dem Unternehmen doch sehr viel daran gelegen, dass wir uns mit so vielen Leuten wie möglich verbinden und mit ihnen interagieren (und mit 1,5 Millarden Usern scheint dieses Konzept voll aufzugehen).

Die Freundesliste-Algorithmen berechnen, wie viel, wie oft und wie zeitnah du mit bestimmten Leuten interagierst. Es kann also gut sein, dass hinter dem ehemaligen Mitschüler aus der zehnten Klasse einfach nur das System steckt, das dich ganz sanft dazu auffordern will, mit einem User in Kontakt zu bleiben, der sich schon lange in deiner Freundesliste befindet. Genauso gut können dir aber auch Leute angezeigt werden, mit denen du erst vor Kurzem Facebook-Freundschaft geschlossen hast, um so eine Konversation in Gang zu bringen—selbst wenn vorher noch keine Interaktion da war. Der Algorithmus legt laut dem Unternehmen auch besonders viel Wert auf User, die kürzlich Status-Updates oder Fotos gepostet haben.

Facebook erklärte mir gegenüber jedoch auch, dass das Ganze manchmal auch einfach nur Zufall sei.

Dazu kommt, dass die Facebook-Algorithmen ständig weiterentwickelt werden—das ist das Geheimrezept des Unternehmens und an den Zutaten wird fortlaufend gebastelt, um User zu binden und neue Features zu promoten. Bis vor ein paar Jahren hatte Facebook noch einen Freundes-Algorithmus namens Edgerank genutzt. Dabei wurden drei Faktoren in Betracht gezogen, um die soziale Nähe, Verbundenheit, Stellenwert und Verfall festzulegen: Die Häufigkeit, Art und Aktualität der Interaktionen.

Die aktuelle Formel ist komplexer. Sie setzt maschinelles Lernen ein und berücksichtigt Tausende Datenpunkte, um die soziale Nähe der Menschen untereinander zu bestimmen. Doch wenn wir davon ausgehen, dass die Grundlagen unverändert geblieben sind, dann gewichtet die Gleichung unterschiedliche Interaktionsarten vermutlich auch unterschiedlich: Gemeinsam in einem Foto getaggt zu sein oder dieselbe Veranstaltung zu besuchen sind bessere Indikatoren für eine enge Beziehung als ein Like unter einer geteilten Nachrichtenmeldung oder ein Kommentar auf der Pinnwand.

Du kannst einen gewissen Einblick in den Algorithmus bekommen, wenn du dein Aktivitätenprotokoll durchscrollst. Facebook merkt sich alles, was du auf der Seite tust, und wenn du diese Informationen durchsiehst, dann siehst du all die kleinen Interaktionen, die du vielleicht schon wieder vergessen hattest, und kannst Rückschlüsse auf Zusammenhänge zwischen deiner Aktivität und der Einordnung deiner Freunde durch den Algorithmus erkennen. Diese „zufällig ausgewählten" Menschen, die auf deiner Profilseite oder in deiner Chatliste auftauchen, ergeben dann vielleicht ein wenig mehr Sinn.

Ich nutze Facebook recht sparsam, von daher reichte es bei mir aus, wenn mich ein einziger Kommentar oder Tag mit jemandem verband, oder dass ich einfach nur eine Freundschaftsanfrage annahm, um eine Person in die Top 10 oder 20 zu katapultieren. Ich stellte verlegen fest, dass ich doch mehr Datenverbindungen mit Leuten teilte, die ich anfangs noch des Facebook-Stalkings verdächtigt hatte—ein beiläufiger Kommentar hier oder eine Mitgliedschaft in einer gemeinsamen Gruppe da führten schließlich zu einem höheren Ranking.

Facebook behauptet schon seit jeher, es würde die Freundesranking-Algorithmen nur auf öffentlichen Interaktionen basieren lassen, also private Chats und Profilansichten nicht berücksichtigen. „Freunde, die auf dem Profil in der Freundesübersicht erscheinen, werden nicht anhand privater Informationen wie zum Beispiel dem Ansehen des Profils ausgewählt. Stattdessen verwenden wir diverse öffentliche Signale, z.B. ob die Person in letzter Zeit einen Ihrer Posts geliket oder kommentiert hat, um die Freunde auszuwählen, die wir an dieser Stelle zeigen", sagte mir eine Facebook-Sprecherin.

„Wir verwenden verschiedene Rankings für verschiedene Einheiten (die Freundesübersicht auf der Profilseite, die Chatliste, etc.). Für jede dieser Einheiten entwickeln wir ein individuell optimiertes Ranking, doch wie bei der Freundesübersicht setzen wir hier nirgendwo Privatinformationen (wie Profilansichten) ein, die der Betrachter nicht auch anderweitig in Erfahrung bringen könnte."

Doch für viele Leute wirken derartige Statements nicht gerade glaubhaft. Natürlich sagt Facebook das. Wer wen „stalkt", ist eine der privatesten und sensibelstes Arten von Information, die Facebook besitzt—sie auch nur indirekt zu enthüllen, könnte sowohl für die Seite als auch für viele Nutzer verheerend sein. Es klingt vielleicht trivial, aber das ist es nicht. Persönliche Beziehungen sind Facebooks Währung, und unser mangelndes Wissen darüber, wie uns die Seite beobachtet und ob wir ihr vertrauen können, schürt die Ängste und Unsicherheiten der Leute.

Um der Stalker-Frage auf den Grund zu gehen, erstellte ich einen falschen Facebook-Account und befreundete diesen nur mit mir selbst (mit meinem echten Account). Dann stalkte ich mich selbst ein paar Tage lang wie verrückt. Mein falscher Account tauchte niemals in meiner Liste der Top-Freunde auf. Falls das doch jemals geschehen sollte, werde ich diesen Artikel updaten.

Ich habe ein paar weitere (hochgradig unwissenschaftliche) Experimente durchgeführt. Ich verglich meine Freundesliste mit meinem Aktivitätenprotokoll, um zu sehen, welche Interaktionen ich mit den neun Auserwählten gehabt hatte und wie sich die Reihenfolge jeden Tag veränderte. Die Ergebnisse waren logisch ziemlich gut nachzuvollziehen. Wenn ich Leute in Fotos taggt hatte, oder sie mich, dann stiegen rutschten sie auf der Liste nach oben. Nach ein paar Tagen ohne Interaktion fielen sie dann wieder ein paar Plätze nach unten.

Manche Dinge überraschend mich aber auch. Ich stellte fest, dass Leute, die ich mit Vorliebe stalke, an bestimmten Stellen aufgeführt waren—nicht in der Liste der neun Freunde auf meiner Profilseite, aber in Facebooks Vorschlägen für Leute, die ich in meine „Enge Freunde"-Liste aufnehmen sollte. Die Namen der von mir Gestalkten tauchten auch in der Liste der Vorschläge auf, die erschien, wenn ich einen Buchstaben in die Suchleiste tippte (dort erscheinen natürlich zuerst Menschen, nach denen du bereits gesucht hast, und auch Leute, mit denen du zwar nicht befreundet bist, deren Fotos und Profile du aber angesehen hast—immerhin will Facebook ja, dass du diese Menschen findest und dich mit ihnen verbindest).

Ich testete außerdem ein Tool, das die Facebook-API nutzt, um das Freundesranking zu offenbaren. Es war mir ernsthaft ein Rätsel, wie einige der Namen in der Liste, die ich so zu sehen bekam, überhaupt dort gelandet waren. Doch die Leute, die ich gestalkt hatte, waren in diesem Ranking definitiv weiter oben. Selbst wenn wir ein paar Interessen oder Gruppen gemeinsam hatten, so war es mehr als deutlich, dass die Menschen, die ich gesucht hatte und deren Profile und Fotos ich angesehen hatte, in der im Quellcode versteckten Liste nach oben schossen.

Je niedriger die Zahl, desto höher die soziale Nähe. Facebook hat nicht mitgeteilt, welche Daten dieser Berechnung zugrunde liegen, doch meiner persönlichen Erfahrung nach kommen dabei Profilansichten, Privatchats, gemeinsame Freunde und andere Interaktionen zum Tragen.

Die gute Nachricht ist, dass Nutzer nun ein wenig mehr Kontrolle darüber haben, welche Freunde auf ihrer Seite angezeigt werden, und sie können Facebook Feedback dazu geben. Das organisieren von Freundeslisten mit Titeln wie „Enge Freunde", „Familie", und so weiter, ist ein Feature, dass dir mehr Kontrolle darüber geben soll, wessen Posts in deinem Neuigkeiten-Feed erscheinen. Wenn du jemanden hingegen als „Bekannte" einstufst, dann wird es unwahrscheinlicher, sie irgendwo aufgeführt zu sehen.

Wenn du absolut auf Nummer Sicher gehen willst, kannst du dir einen Fake-Account einrichten, um deiner Leidenschaft fürs Stalking zu frönen. Aber mach dir keine Illusionen: Facebook wird auch diese Daten alle speichern und auswerten.