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Krypto-Währung

Die Aussteiger-Familie, die ihren Besitz für Bitcoin verscherbelt

Für ein erfülltes Leben setzt diese Familie alles auf eine Karte – und versetzt alles, was sie hat, für etwas Kryptokohle. Wir haben mit Familienvater Didi gesprochen.

David Schmidt

Bild: Didi Taihuttu | Mit freundlicher Genehmigung

Didi Taihuttu verkaufte sein Haus, die Möbel, drei Autos, das Motorrad. Er behielt nur das absolut Unentbehrliche. Aus seiner Sicht sind das vor allem seine Fotoalben, einige Erinnerungsstücke und der Laptop. Zusammen mit seiner Frau Romaine und den drei gemeinsamen Kindern lebt der einst erfolgreiche Unternehmer in einem winzigen Häuschen auf einem niederländischen Campingplatz, unweit der Grenze zu Deutschland.

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Der Clou: Beinahe all ihre Einnahmen tauschen die Taihuttus gegen Bitcoin ein. Der 39-Jährige Didi glaubt, dass er als Bitcoin-Spekulant die Anlage der Familie binnen der nächsten drei Jahre verdreifachen kann. Aber allein um Reichtum geht es dem Elternpaar nicht. Vielmehr wenden Romaine und Didi sich aktiv von alledem ab, was sie davon abhält, ihr Leben so zu gestalten, wie es ihnen beliebt. Über sein neues Leben schreibt Didi seitdem auf der familieneigenen Website mit dem schönen Namen YoloFamilyTravel.com.


Das Überleben der Familie will Didi jetzt als sogenannter Daytrader sichern – also als Spekulant, der von Tag zu Tag auf eine Vielzahl von Coins setzt, die kurzfristig hohe Renditen versprechen. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen – und darüber, was es bedeutet, als fünfköpfige Familie alles hinter sich zu lassen.

MOTHERBOARD: Die kalte Jahreszeit kommt. Wo seid ihr gerade?
In einem Bungalow auf einem Campingplatz. Er ist sehr klein und auch ganz schön kalt. 50 Quadratmeter, zu fünft. Ich merke gerade, das sind ja nur zehn pro Person. (Lacht.)

Alle Welt schreibt über euch. Wie fing das eigentlich an?
Das fing vor 13 Tagen an. Wir haben unser Haus für Bitcoins verkauft. Die kleine Lokalzeitung hier hat uns interviewt. Und von da an wurde es immer verrückter. Der Business Insider hat berichtet. Die haben Homepages überall auf der Welt, in Australien, Deutschland, den USA. Seitdem rufen jeden Tag Journalisten an.

Beinahe alles, was ihr besaßt, habt ihr verkauft und gegen Bitcoin getauscht. Jetzt lebt ihr auf dem Land und geht mit euren Kindern auf lange Reisen . Wie lange denkt man über einen so großen Schritt nach, bis man sich endlich traut?
Überhaupt nicht lange. Das kam ganz von allein zu uns. Wir waren gerade auf einer sehr langen Reise. Und im Juli – wir waren gerade in Bali – haben wir zueinander gesagt: Lasst uns unser Leben verändern! Und dann sind wir zurück nach Holland, haben das Haus verkauft und unser Leben verändert.

Wirklich? Ich war mir sicher, du würdest sagen: Davon träumen wir schon seit Jahren.
Natürlich waren wir die Jahre davor immer mal ein bisschen am Überlegen. Aber final entschieden haben wir uns erst vor vier Monaten. Wir wollten nicht mehr in Angst leben. Ich glaube, in Angst zu leben, tötet deine Träume. Um glücklich werden zu können, muss man sich zuerst trauen, die Dinge loszulassen, die einen binden.

Hier verkauft Didi sein Motorrad über Instagram. Wer in Bitcoin bezahlt, bekommt Rabatt.


Die Dinge loslassen, also: Das Haus, die Autos, das Motorrad...

...die kaputte 800-Euro-Kaffeemaschine. Alles Dinge, die dir Zeit abverlangen, die dann anderswo fehlt. Ich wollte diesen Materialismus nicht mehr. Ich wollte näher bei meiner Familie sein. Und ich vermisse nichts. Meinen Kindern geht das übrigens auch so: Wenn wir ihr Spielzeug verkaufen und sie sehen, wie sich andere Kinder darüber freuen, finden sie das gut. Materielle Dinge machen nicht glücklich. Sie lenken nur ab.

Du hast sogar dein eigenes Unternehmen verkauft, das ja ziemlich erfolgreich war.
Ja. Wir sind früher total viel gereist. Zu reisen und auf neue Menschen zu treffen, das ist unsere große Leidenschaft. Aber irgendwann fing ich mein eigenes Business an: alleine, mit einem Computer im Keller. Ich habe Menschen beigebracht, wie man mit Computern umgeht. Das hat mir Spaß gemacht. Und dann wurde mein kleines Unternehmen immer größer. Am Ende hatte ich 16 Angestellte. Da war ich nur noch am managen. 80 Stunden die Woche, 90 Stunden die Woche. Und zum Reisen war keine Zeit.

Ihr habt drei minderjährige Töchter. In den Niederlanden wird die Schulpflicht genau wie in Deutschland geregelt: Heimunterricht ist verboten. Stellt euch das nicht vor riesige Probleme, wenn ihr ständig mit den Kindern auf langen Reisen seid?
Wir sind neun Monate lang mit den Kindern um die Welt gereist, obwohl wir wussten, dass das Konsequenzen hat. Jetzt müssen wir wahrscheinlich eine Strafe bezahlen.

Habt ihr Angst, die Behörden nehmen euch die Kinder vielleicht irgendwann weg?
Ja, das ist wirklich beängstigend. Dabei kümmern wir uns total um die Bildung unserer Töchter. Auf unseren Reisen unterrichten wir sie. Und alle drei kommen in der Schule gut klar. Meine jüngste war sogar Klassenbeste im Lesen und Schreiben, nachdem wir zurückgekommen waren. Natürlich muss die Regierung sicherstellen, dass jedes Kind eine gute Bildung erhält. Aber sie müsste doch auch imstande sein, auf Einzelfälle flexibler einzugehen. Ich glaube, die Niederlande tun zu wenig für eine wachsende Schicht digitaler Nomaden, für die dieses Regelkorsett einfach zu eng ist. Wir lieben es hier, aber so wie es aussieht, müssen wir irgendwann mit den Kindern ins Ausland ziehen.

Was war der Auslöser für eure Entscheidung?
Im Januar 2016 ist mein Vater gestorben. Er war 61 Jahre alt. Meine Mutter starb mit 48. Mein Vater war Profi-Fußballer, das war seine Leidenschaft. Und weil er davon leben konnte, war sein Leben erfüllt. Im Grunde will ich das gleiche für mich: Meine Leidenschaft leben. Wir stecken ja alle in diesem Hamsterrad fest, wir arbeiten unser Leben lang und verschieben die schönen Dinge auf später. Aber für meinen Vater gab es kein Später. Für meine Mutter gab es kein Später. Dass meine Eltern so früh gestorben sind, das hat mir die Augen geöffnet: Ich bin 39 Jahre alt. Wer garantiert mir, dass es das für mich gibt?

Okay, aber sagen wir mal, es gibt ein Später für dich – was ich natürlich sehr hoffe: Hast du keine Angst, dass du euer gesamtes Vermögen beim Spekulieren verlierst? Kannst du nachts schlafen?
Ich muss als Daytrader noch Erfahrungen sammeln. Aber selbst, wenn wir alles verlieren, darauf kommt es nicht wirklich an. Solange wir einander haben, ist alles gut. Und wenn es nötig wird, suche ich mir einen Job und steige wieder ein. Aber was, wenn es richtig gut läuft? Wenn es uns finanziell unabhängig macht und das Leben ermöglicht, von dem wir träumen? Manchmal ist es nicht verkehrt, einen Schritt zurück zu machen. Mit ein bisschen Glück bringt dich das drei Schritte weiter.

Didis verstorbener Vater zusammen mit seinen Enkeln. Bild: Sharon Mafficioli | Verwendet mit freundlicher Genehmigung

Und wenn ihr reich damit werdet, was dann?
Dann würden wir weiterhin ein einfaches Leben führen. Ich überlege, ob ich dann um die Welt reisen sollte, um Menschen dabei zu helfen, ihr Leben mit Krypto zu ändern. Über drei Milliarden Menschen haben keinen direkten Zugang zu einem Bankkonto. Dank Blockchain kann jeder mit einem Computer seine eigene Bank sein. Sein eigenes Konto eröffnen. Das würde diesen Menschen ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Und dank des Daytradings kannst du dem Reisen, deiner Leidenschaft fröhnen, und verdienst trotzdem dabei
Ganz genau! Ich verdiene mein Geld auf dem Laptop, und das geht überall auf der Welt.

Warum musste es Krypto sein? Warum nicht in Aktien oder einen Börsen-Fond investieren?
Die Banken machen keinen guten Job. Das geht mittlerweile so weit, dass du keine Zinsen mehr auf dein Erspartes bekommst, sondern für dein Konto bezahlst. Und hier in Holland oder in Deutschland haben wir es ja noch gut. Schau dir Griechenland an, Bolivien, Venezuela. Alles Länder, in denen das Geld nichts mehr wert ist. Und plötzlich darfst du nur noch 25 Euro am Tag abheben. Deines eigenen Geldes! Das ist Irrsinn. Ich denke, Krypto ist eine richtig gute Alternative zu diesen Institutionen.

Noch kann man mit Kryptowährungen ja kaum bezahlen. Und Produkte wie spezielle Debitkarten, die das ändern könnten, stecken noch in den Kinderschuhen. Was macht ihr, wenn ihr morgens zum Bäcker wollt?
Dann zahlen wir cash. Bislang zahlen wir noch das meiste in Euro. Wir haben eine Garage gemietet. Da stehen die Dinge drin, die wir besitzen. Wir versuchen, jeden Tag etwas davon zu verkaufen, teilweise für Euro, teilweise für Bitcoin. In Zukunft könnte es mit einer dieser neuen Debitkarten gehen. Das würde mir gefallen.

Und wie lautet deine Prognose? Verdrängen Kryptowährungen das klassische Geld?
Ich glaube nicht, dass Geld völlig verschwinden wird. Aber irgendwann wird sicher der Punkt erreicht, an dem es genauso viel Vermögen in Bitcoin gibt wie in klassischem Geld. Technologie entwickelt sich immer weiter. Jetzt entwickelt sich endlich auch das Geld.

Update 24.10.17, 15:11: Die Familie ist nicht nach Mali, einen Staat in Westafrika, in den Urlaub gefahren, sondern nach Bali, eine Insel vor Indonesien. Wir entschuldigen uns für – den ziemlich bedeutsamen – Buchstabendreher.