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Mutter muss ins Gefängnis, weil sie ihren Sohn nicht impfen lassen will

"Ich würde lieber hinter Gittern sitzen, als etwas zu akzeptieren, an das ich nicht glaube", sagte die Mutter dem Gericht. Dann wurde sie in ihre Zelle geführt.

Daniel Mützel

Bild: WXYZ-TV Detroit | Channel 7/YouTube

Eine Mutter im US-Bundesstaat Michigan wurde zu sieben Tagen Gefängnis verurteilt, weil sie sich der Anordnung eines Gerichts widersetzt hatte, ihren Sohn impfen zu lassen. Laut dem US-Sender ABC News habe sich Rebecca B. geweigert, mehrere Impfungen aufzufrischen, obwohl sie sich zuvor mit dem Vater des Kindes darauf geeinigt hatte.

In Michigan herrscht keine Impfpflicht. Eltern ist es qua Gesetz sogar erlaubt, ihren Kindern die Impfung aus "religiösen oder anderen Überzeugungen" zu verweigern. In diesem Fall kam dieses gesetzlich verbriefte Recht auf Impfenthaltung jedoch nicht zum Tragen: Rebecca B. hatte im November 2016 eine Vereinbarung mit ihrem damaligen Ehemann getroffen, den gemeinsamen Sohn impfen zu lassen. Weil sie sich das Sorgerecht mit ihrem Mann teilte, war B. dazu verpflichtet, sich an diese Vereinbarung zu halten.

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Vor ihrer Inhaftierung hatte das zuständig Gericht in Oakland County noch per richterlicher Anordnung versucht, die Mutter an ihre Impfpflicht zu erinnern. Die einwöchige Frist lief jedoch gestern aus. Bei ihrem gestrigen Gerichtstermin verteidigte sich die Mutter laut ABC News mit den Worten: Ihren Sohn zu impfen gehe „gegen ihre Überzeugungen". B. fügte hinzu: "Ich würde lieber hinter Gittern sitzen für meinen Glauben, als etwas zu akzeptieren, an das ich nicht glaube."

Gesagt, getan.

Richterin Karen McDonald verdonnerte die den Tränen nahe Mutter zu sieben Tagen Ordnungshaft. Der Sohn werde in die Obhut von B.s Ex-Mann gegeben, so McDonald. Dieser habe nun die Aufgabe, den Jungen zu einer Impfstelle zu bringen.


Michigans Quote bei Kinderimpfungen ist traditionell niedrig. Nur 53 Prozent der Kinder zwischen 19 und 35 Monaten haben alle empfohlenen Impfungen bekommen.

Impfskepsis auch in Deutschland verbreitet

Auch in Deutschland gibt es keine gesetzliche Impfpflicht. Während eine solche Pflicht von manchen Experten als "verfassungsrechtlich fragwürdig" und "praktisch kaum umzusetzen" beurteilt wird, zog Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Zügel für sogenannte Impfverweigerer schrittweise an. Um den Druck auf Eltern zu erhöhen, hatte die Bundesregierung bereits 2015 ein Präventionsgesetz erlassen. Das Gesetz verpflichtet Eltern zu einer Impfberatung, bevor sie ihre Kinder in die Kita schicken. Dieses Jahr wurde der Passus nochmal verschärft: Kita-Betreiber haben nun die Pflicht – und nicht mehr nur die Wahl –, Eltern beim Gesundheitsamt zu melden, wenn sie ihre Kinder ungeimpft zur Kita schicken. Den beim Amt verpfiffenen Eltern droht ein Bußgeld von 2.500 Euro. "Dass noch immer Menschen an Masern sterben, kann niemanden kalt lassen", sagte Gröhe damals.

Impfskepsis gehört jedoch in manchen gesellschaftlichen Kreisen beinahe zum guten Ton und ist geographisch vor allem in Süd- und Ostdeutschland verbreitet, wie eine Karte des Robert-Koch-Instituts in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zeigt. Laut der "VacMap" kommen manche Regionen in Baden-Württemberg bei der zweiten Masernimpfung nur auf eine Quote von 39,4 Prozent. Im Landkreis Görlitz sieht es mit einer Quote von 12,1 noch schlimmer aus – die niedrigste Rate in der gesamten Republik.

Was Wissenschaftler und Ärzte empfehlen

Die ständige Impfkommission, deren wissenschaftliche Expertise alle deutschen Bundesländer bei ihren öffentlichen Impfempfehlungen durch die Landesgesundheitsämter heranziehen, hält zwei Masernimpfungen für unabdingbar. Erst im Mai dieses Jahres war eine 37-jährige Frau aus Essen an Masern gestorben – laut Medienberichten hatte sie lediglich eine Masernimpfung erhalten.

Den auf den Empfehlungen der ständigen Impfkommissionen basierende Impfkalender für Kinder und Erwachsene stellt das das Robert-Koch-Institut auf dieser Webseite zur Verfügung.

Impfgegner treffen und vernetzen sich derweil vor allem online. Auf Facebook etwa, dem globalen Super-Biotop für Sekten aller Art, haben sich Impfgegner-Gruppen mit teilweise über 10.000 Mitglieder gebildet, in denen Nutzer gefährliches Halbwissen über Impfungen austauschen. In der Facebook-Gruppe "Impfkritische Mamas/Papas" rät beispielsweise ein Nutzer dem anderen davon ab, sich gegen Polio impfen zu lassen, da die Erkrankung nicht automatisch zur Kinderlähmung führen müsse, sondern "in den meisten Fällen" nur zu Darmerkrankungen: "Glaube die Gefahr mit dem Auto zu verunglücken ist größer."

Nicht alle Impfgegner für immer verloren

Doch nicht alle Impfgegner gelten als beratungsresistent. Neben praktischen Faktoren wie Stress oder Zeit haben Menschen unterschiedliche Motive, sich nicht impfen zu lassen. Die Psychologin Cornelia Betsch von der Uni Erfurt unterscheidet etwa zwischen überzeugten Impfgegnern – denen mit Fakten nicht beizukommen ist – und eher verunsicherten Impfskeptikern. Letztere trauten Ärzten oder der Pharmaindustrie nicht über den Weg, seien aber nicht per se wissenschaftsfeindlich oder Argumenten unzugänglich, so Betsch in der Welt. Hinzu komme das Problem, dass sich im Netz falsche Informationen über Impfungen schnell verbreiten. Betsch habe in einer Studie herausfinden können, dass bereits fünf Minuten auf impfkritischen Webseiten das Impfverhalten beeinflussen könne.

Der gesellschaftliche Trend zur Impfskepsis wirkt sich auf die Impfquoten in Deutschland aus. Das Robert-Koch-Institut (RKI) warnt regelmäßig über zu niedrige Impfquoten in Deutschland, insbesondere bei Masern, Grippe und Rotaviren. Vor allem bei Masern scheint die Position der Impfgegner nicht nur seltsam, sondern auch unverantwortlich: Denn die Ausrottung der unter Umständen tödlichen Masern ist laut Experten möglich – und darüber hinaus erklärtes Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) –, aber zugleich ein kollektiver gesellschaftlicher Akt. Denn dazu ist laut Robert-Koch-Institut in der Gesamtbevölkerung eine Impfquote von 95 Prozent erforderlich. Deutschland komme laut RKI jedoch nur auf eine Quote von 92,9 Prozent.

Das Fazit der Impfexperten zur Situation in Deutschland: "Zu selten, zu spät, mit großen regionalen Unterschieden."