Mit Bitcoin vermehren vor allem Reiche ihr Geld

Krempelt Bitcoin das Finanzsystem um und macht Tellerwäscher zu Millionären? Leider nein, erklärt der Experte für Kryptowährungen Ed Zitron.

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26 April 2018, 9:50am

Bild: Shutterstock | IVASHstudio

Der Wert von Kryptowährungen ist im vergangenen Jahr geradezu explodiert. Grund dafür sind vor allem spekulative Investitionen. Viele Krypto-Jünger der ersten Stunde sind daher der Meinung, das ursprüngliche Ziel der digitalen Bezahlmethode sei gescheitert: eine dezentrale und demokratische Alternative zu traditionellen Finanzsystemen und staatlicher Kontrolle zu bieten. Dabei waren Kryptowährungen von Anfang an eine Möglichkeit für die Reichen, noch reicher zu werden.

2013 berichtete Wired über Obdachlose in Florida, die sich über Apps Bitcoins verdienten, statt auf der Straße um Almosen zu bitten. Ihr Bitcoin-Guthaben, dass sie beispielsweise über das Anschauen von Werbung erhielten, konnten sie anschließend für Essensgutscheine einsetzen. Wenige Monate später sprach der Autor wieder mit den Obdachlosen. Sie sagten, sie hätten ihre Bitcoins lieber sammeln sollen, statt sie für Pizza und Chicken Nuggets auszugeben – denn inzwischen hatte sich der Wert der Digitalwährung vervielfacht. Doch genau darin besteht das Problem.

Kryptowährungen haben die Welt nicht sozial gerechter gemacht

Ein weit verbreiteter Ratschlag für alle Bitcoin-Besitzer lautet "hodl", was so viel bedeutet wie: Haltet an euren Bitcoins fest und verkauft sie nicht bei der erstbesten Kursschwankung. Doch diesen Luxus können sich nur Menschen leisten, die nicht von der Hand in den Mund leben.

Es gibt einige wohltätige Organisationen, die mit der Hilfe von Kryptowährungen Gutes tun möchten. Die Organisation Bail Bloc beispielsweise nutzt die kombinierte Mining-Energie der Computer ihrer Mitglieder, um die Kaution für Angeklagte zu zahlen, die sie sich selbst nicht leisten können. Ein Obdachlosenprojekt in Florida, Sean's Outpost, finanziert sich durch Bitcoin-Spenden. Ihr Zeltlager mit Schlafplätzen für Hilfebedürftige steht im "Satoshi Forest" – benannt nach dem mysteriösen Bitcoin-Gründer. Unter dem Namen "Pineapple Fund" hat ein anonymer Bitcoin-Millionär versprochen, Bitcoin im Wert von 70 Millionen Euro für wohltätige Zwecke zu spenden. Der Slogan der Website lautet: "denn wenn du genug Geld hast, spielt Geld keine Rolle mehr". Obwohl diese Projekte wohltätige Arbeit leisten, sind ihre Bemühungen nur eine Kleinigkeit, bedenkt man, wer den Großteil der Kryptowährungen besitzt.

Die Elite der Krypto-Welt ist weiß und männlich

Eine Bitcoin-Erfolgsgeschichte, die immer wieder gern zitiert wird, ist die des 19-jährigen Erik Finman. 2011 kaufte er Bitcoins im Wert von 1.000 US-Dollar, die er von seiner Oma geschenkt bekommen hatte. Heute ist Finman Millionär und wird in renommierten Medien mit Investment-Tipps zitiert – weil er als 12-Jähriger ein Risiko mit geschenktem Geld eingegangen ist und Glück hatte. Im Januar berichtete die New York Times über Menschen, die durch Bitcoin reich geworden sind. Wenig überraschend handelte es sich hauptsächlich um erfolgreiche Investoren aus der Tech-Branche, sogenannte Tech Bros. Einer von ihnen knackte den Jackpot, indem er 400.000 US-Dollar in Ethereum investierte, als ein Ether 80 Cent wert war; heute ist dieser Preis auf fast 600 US-Dollar gestiegen.

Es stimmt zwar, dass jeder in Kryptowährungen investieren kann – doch je höher dein Startkapital ist, desto mehr kannst du auch gewinnen.

Daher überrascht es nicht, dass viele der Leute, die durch Kryptowährungen reich geworden sind, schon vorher gut situierte, erfolgreiche Leute aus der Tech-Industrie waren. Die Forbes-Liste der reichsten Krypto-Besitzer zeigt, dass es auch in der Krypto-Welt eine Elite gibt, und die ist vorrangig weiß und männlich. Laut Bloomberg befinden sich inzwischen 40 Prozent des Bitcoin-Marktes im Besitz von 1.000 Menschen.

Seltsamerweise wird Bitcoin immer noch als Alternative zu staatlichen Währungen dargestellt – dabei ist Bitcoin heute zentralisierter denn je und viel schwerer zu bekommen als herkömmliches Papiergeld. Vielleicht war das aber auch von Anfang an so gedacht: Bitcoin ist weniger eine Währung und viel mehr ein Methode, um jene zu bereichern, die sich selbst als Außenseiter der Gesellschaft sehen – obwohl sie eigentlich selbst zur Elite gehören.


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Vom Tellerwäscher zum Bitcoin-Millionär? Wohl kaum!

Obwohl theoretisch jeder Mensch mit einem Computer und Internetzugang Bitcoin erzeugen kann, wird der Zugang zur Blockchain zunehmend schwerer. Inzwischen kontrolliert eine Multimilliarden-Firma ungefähr 40 Prozent der gesamten Hashrate des Netzwerks und verkauft Mining-Hardware an die anderen Miner. Angesichts der hohen Hardware- und Stromkosten lohnt sich das klassische Mining heute eigentlich nur noch für große Bitcoin-Minen. Bei anderen Optionen wie dem Cloud-Mining, bei dem auch Einzelpersonen etwas gewinnen können, wimmelt es von Betrügern, Hackern und Schneeballsystemen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in der Krypto-Welt größer: Neue Kryptowährungen werden oft durch private Vorverkäufe finanziert, für die man meist Hunderttausende oder Millionen Dollar aufbringen muss, um teilzunehmen. Somit können vor allem wohlhabende Investoren noch reicher werden, wenn der Wert ihrer Token ansteigt, sobald sie für die Öffentlichkeit freigegeben werden.

Noch nie war der Einstieg ins Kryptogeschäft so einfach und die Gefahr, dabei sehr viel Geld zu verlieren, so hoch. Doch wie bei den meisten Methoden, die das schnelle Geld versprechen, hängt die Erfolgschance nicht davon ab, ob man früh genug einsteigt. Die meisten Menschen, die heute große Krypto-Reichtümer besitzen, hatten so viel Erfolg mit ihrer Investition, weil sie sich auch das Verlieren leisten konnten.

Ed Zitron ist Gründer und CEO des PR-Unternehmens EZPR, das auch Kunden aus der Kryptowährungsbranche berät.

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