Quantcast
„Dein Computer programmiert dich“

Wir haben mit Jérémie Zimmermann über den Kampf für freie Software und ein freies Internet in Zeiten von NSA und geschlossenen Überwachungssystemen gesprochen.

Es ist gar nicht so einfach, sich dieser Tage mit Jérémie Zimmermann zu treffen. Jérémie ist Informatiker und Gründer von ​La Quadrature du Net, einer der größten europäischen Organisationen zur Verteidigung des freien Internetzugangs, und engagiert sich seit vielen Jahren für freie Software, freie Maschinen und ein freies Internet. Als ehemaliger Vorsitzender von La Quadrature hat er den Protest gegen ACTA mit angeführt und konnte das umstrittene Abkommen tatsächlich vor dem Europäischen Parlament stoppen. 

Vielleicht kennst du Jérémie auch als Teil der legendären Scotch-getränkten Runde von  ​Julien Assanges Exilinterviews—zusammen mit Jake Appelbaum und Andy Müller-Maguhn führten die vier ​Cypherpunks eine der wahrscheinlich pointiertesten und kämpferischsten Unterhaltungen über Technologie und Politik des vergangenen Jahrzehnts.

Dezentralisierte und verschlüsselte Dienste sollten Standard sein.

Nachdem wir das Interview geschätzte 60 Mal verschoben haben, konnte ich Jérémie endlich in einem etwas obskuren veganen Laden im Norden des Prenzlauer Bergs treffen—The Smiths als Hintergrundmusik inklusive. Bei einer angloamerikanischen Version von Falafel mit Fritten und vegetarischer Mayo sprachen wir über den gegenwärtigen Status der Überwachung, über die wahre Benutzerfreundlichkeit von VHS-Playern, und warum seiner Meinung nach die heutigen Computer zu feindliche Maschinen mutieren. Eine erstaunlich dystopische Version der Web-Utopien, für die die Krypto-Krieger der 90er Jahre gekämpft haben.

MOTHERBOARD: Jérémie, warum behauptest du, dass ich von meinem Computer programmiert werde?

Jérémie Zimmermann: Dein Computer verbietet dir eine ganze Reihe von Dingen. Du kannst ihn als Nutzer beispielsweise nicht komplett ausschalten und du kannst nicht alle oder einen Teil seiner Funktionen deaktivieren. So suggeriert dir die Technologie, dass es normal ist, dir die Kontrolle über bestimmte Funktionen vorzuenthalten. Das hat vielleicht schon mit dem DVD-Player angefangen, der dir eine Warnung vorspielt, die du nicht überspringen kannst. Diese Unumkehrbarkeit war zu Zeiten von VHS undenkbar. 

Solche Beschränkungen und Verbote sind quasi das Technologiemodell Marke Apple: Je integrierter das System ist, das somit als „einfach" wahrgenommen wird, desto weniger versteht es der Benutzer.

Jérémie spricht auf der Share-Konferenz im Jahr 2013. Bild: Share Conference / FlickR; Lizenz: ​CC BY SA 2.0

Aber es geht auch anders: Meine Generation hat die Computernutzung noch gelernt, indem wir unter die Abdeckung der Maschinen geschaut haben, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Das war die einzige Möglichkeit. Unser Limit waren Vorstellungskraft und Erfindergeist. Die intellektuelle Herausforderung bestand darin, herauszufinden, wo die Grenzen der Maschine liegen und diese zu erweitern.

Das klingt nach einer fernen, tragisch verschütteten Epoche. In Zeiten von Smartphones, Facebook-Sozialleben, Google-Alltagsorganisation und nicht zuletzt der NSA-Überwachung erscheint das undenkbar. Oder ist eine Realisierung solcher Freiheiten möglicherweise nur für Leute wie mich unvorstellbar?

Ich würde sagen, dass für die allermeisten Leute solche technischen Freiheiten heute tatsächlich unerreichbar sind. Aber nicht deswegen, weil die Geräte komplexer geworden sind, sondern weil es einen anderen Ansatz gibt: Wir haben uns von einer Ära der freundlichen Maschinen, zu einer Ära der feindlichen Maschinen entwickelt. Die Maschinen werden nicht mehr entworfen, um verstanden zu werden, damit wir ihre Grenzen ausreizen und sie schließlich weiterentwickeln. Die neue Art von Maschinen, wird zentral kontrolliert und erlaubt es uns nicht mehr nur einfach Administrator zu sein.

Wir hätten uns schon gegen die ersten Geräte wehren müssen, bei denen die Batterie nicht herausgenommen werden kann.

Heutzutage muss der Benutzer standardmäßig den Zugriff auf seinen gesamten Computer freigeben, weil man ihm erzählt hat, dass er etwas bei der Benutzung seiner eigenen Maschine falsch machen könnte. Inzwischen erlauben uns unsere Maschinen nicht mal mehr, uns auszusuchen, wo die Software herkommt, die wir installieren. 

Außerdem stecken in unseren Geräten Chips, die wie Black Boxes funktionieren. Einerseits kommunizieren sie mit dem Netzwerk und andererseits mit der kompletten Hardware im Gerät. (Jérémie zeigt auf das iPhone, das ich zum Aufnehmen benutze). Das bedeutet, dass auf das Mikro, die Kamera und die anderen knapp 20 Sensoren vom mit dem Netzwerk verbundenen Chip aus zugegriffen werden kann. 

Wir wissen längst, dass unsere modernen Netzwerke auf ​vielen verschiedenen ​Wegen missbraucht ​werden können. Außerdem hat fast keiner der Chips unserer modernen Geräte ​Open Specifications mit denen du einfach sehen kannst, was der Chip macht und wie man ihn mit ​freier Software kontrollieren kann, um sicherzugehen, dass er nur das macht, was Du von ihm verlangst.

Wie glaubst du, ist es dazu gekommen?

Vielleicht waren wir alle ein bisschen zu sehr davon abgelenkt mit diesen glänzenden Gadgets rumzuspielen. Als die ersten mobilen Geräte auf den Markt kamen, bei denen du nicht mehr die Batterie herausnehmen konntest, hätten wir Nutzer uns wehren müssen. Wir hätten protestieren sollen als ​DRMs standardmäßig im Betriebssystem aktiviert wurden und, als die Hersteller begannen, die Geräte exklusiv an einen Softwarehersteller zu binden.

Bild (Ausschnitt): Marie-Lan Nguyen; Wikimedia; Lizenz: CC BY 2.5

Wir haben aber auf keines dieser alarmierenden Signale reagiert und nun ist es zum Standard geworden, dass wir diese Geräte in unseren Taschen mit uns herumtragen—sie haben sich in vielerlei Hinsicht zum Zentrum unseres Lebens entwickelt. Bald werden wir mobile, vernetzte Gadgets an unseren Handgelenken tragen und bald darauf unter unserer Haut. Aber wie können wir kontrollieren, was mit all den gesammelten und produzierten Daten passiert?

Ich bin mir sicher, dass es viele Leute gibt, die damit kein Problem haben.

Das mag sein, aber ich glaube, dass die Snowden Enthüllungen bewiesen haben: Kein Nutzer kann heute noch uneingeschränkt großen Unternehmen wie Google, Apple, Facebook oder Microsoft vertrauen.

Das zeigen die Enthüllungen über ehemalige Mitarbeiter, die die Spionage-Tools zum Ausspionieren ihrer Exfreundinnen nutzten, genauso wie die Dokumente, die zeigen, dass die Programme eben bei weitem nicht nur zur Terrorismusbekämpfung sondern auch zur ​Wirtschaftsspionage oder Einschüchterung politischer Aktivisten eingesetzt wurden.

Benutzerfreundlich bedeutet in Wirklichkeit benutzerfeindlich

Es gibt auch klare Belege dafür, dass die massenhafte ​Überwachung beim Kampf gegen den Terrorismus vollkommen ineffizient ist. Theoretisch existiert mittlerweile so etwas wie eine universelle Backdoor zu jedem User—jedem Aktivisten, jedem Künstler und jedem ökonomischen Konkurrenten. Im Endeffekt entsteht durch die Datensammlung eine komplette Verkrustung bestehender Machtstrukturen.

Was können wir deiner Meinung nach dagegen tun?

Zunächst müssen wir uns darüber klar werden, dass unsere demokratischen Institutionen nicht funktionieren können, solange der ​PATRIOT Act und der ​FISA Amendment Act in den USA nicht aufgehoben werden. Wir müssen uns auch fragen, „wem vertrauen wir und wie vertrauen wir?" 

Deswegen sind Open-Software-Projekte auch so wichtig, weil sich dein Vertrauen begründen lässt, indem du den gesamten Code einsehen kannst. Und dank dem Netzwerkkonzept kannst du auch einem Projekt vertrauen, bevor du den Code gelesen hast: Etwa wenn jemand, den du für glaubwürdig hältst, den Code für sicher befunden hat. Das das gleich Prinzip wie bei Wikipedia. Natürlich kann das nie ganz perfekt ablaufen. Es wird immer wieder versucht, diese Prozesse zu manipulieren. Aber man kann trotzdem sagen, dass es ganz gut funktioniert.

Wir leben in einer Zeit, wo unsere Maschinen uns nicht mehr die Wahl lassen, welche Software wir nutzen.

Wikipedia ist eine der größten Webseiten der Welt und die einzige unter den Top 100 der meist besuchten Seiten, die nicht dein Surfverhalten trackt. Wikipedia merkt sich jede Änderung und jeden Edit der Artikelversion. Nicht mal bei einer Zeitung kannst du sehen, was der Redakteur aus der vorherigen Version gelöscht hat. Stell Dir das mal bei Motherboard vor!

Interessante Vorstellung. Was sind denn heute deiner Meinung nach die Projekte, die ein solches freieres Internet verhindern?

Google ist auf jeden Fall einer der größten Feinde des Internet. Das ist ein bisschen paradox, schließlich sind sie die größte Website und die größte „Maschine" im Netz. Google steht nicht nur für Hyperzentralisierung, sondern gehört beispielsweise auch zu den ersten, die entgegen den Prinzipien der Netzneutralität gehandelt haben. Damit haben sie auch für andere Internetanbieter den Weg freigemacht, diese Art des Handels zum Standard zu machen. 

Bild: Stephan Röhl via ​FlickR Heinrich Böll Stiftung / Lizenz: ​CC BY SA 2.0

Google bezog einst klar Position Pro-Netzneutralität, aber dann haben sie ​einige speziell zugeschnittene Verträge abgeschlossen—mutmaßlich im Rahmen einer Privelligierung ihrer Plattform Youtube bei Internetprovidern.

Google zählte auch mal zu den ersten, die mit großen Hollywood-Firmen Abkommen zur Einführung einer Content ID getroffen haben. Das ist ein automatisiertes System, das sogenannte Urheberrechtsverstöße erkennt und automatisch Inhalte entfernt. Also für mich klingt das zusammengefasst so: privatisierte Überwachung, privatisierte Justiz, privatisierte Datenlöschung.

Ganz zu schweigen von PRISM. Bei Google muss ich immer an Skynet und den Aufstieg der Maschinen aus dem Film „Terminator" von 1984 denken. Bei den meisten Science-Fiction-Storys ist es recht offensichtlich, dass du die Roboter auf der einen Seite und die Menschen auf der anderen Seite hast. Und, dass die Roboter revoltieren und von sich selbst aus die Menschen attackieren. Aber Google ist (zumindest bisher noch) von Menschen kontrolliert, die alle irgendwo ​zwischen US Außenministerium, Silicon Valley und Wall Street sitzen.

Wie können wir uns am besten gegen diese Tendenzen wehren?

Die Benutzung von dezentralisierten, offenen und verschlüsselten Plattformen sollte zum Standard werden. So können wir die Kontrolle über die Kommunikation und die Daten erlangen und versuchen, uns maximal gegen die globale Überwachung zu schützen.

Außerdem müssen wir lernen, dass Benutzerfreundlichkeit eine Falle ist. Benutzerfreundlich bedeutet in Wirklichkeit benutzerfeindlich, wenn es dir die freie Wahl wegnimmt. Allen, die sagen „Oh, ich bin aber kein Ingenieur, ich kann das nicht verstehen",  müssen wir entgegen: Du kannst das verstehen! Werde selbstbestimmt und beginne einfach, die Architektur unserer Kommunikationsinfrastruktur zu verstehen. Nimm dein Schicksal für eine Nutzung der Technologie, die uns alle freier machen wird in deine eigenen Hände. 

Wenn wir uns darüber klar werden, dass es nicht schwer ist, eine Selbstbestimmung durch Technologie zu erlangen, dann  werden wir auch Fortschritte auf politischer Ebene machen. So eröffnen wir Wege, um das nächste Tails, das nächste Tor und BitTorrent, das nächste GPG und OTR zu erschaffen—Tools, mit denen wir unsere Leben und unsere Freiheiten schützen werden.