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Ich habe meine Social-Media-Kanäle 48 Stunden von einem Bot übernehmen lassen

Auf Facebook Posts liken und Geburtstagswünsche versenden—und ihr selbst müsst keinen Finger rühren.

Wäre dir die Idee geheuer, einen Bot ein Wochenende lang die Kontrolle über deinen Facebook- und Twitter-Account übernehmen zu lassen? Ein Bot, der so tun würde, als sei er du, deine Angewohnheiten und deine Art und Weise, wie du mit deinen Freunden kommunizierst, analysieren und online imitieren würde? Du fragst dich, wie das überhaupt möglich sein soll?

Im Jahr 2016 ist es offenbar sehr wohl möglich. Vor kurzem erst stellte mir ein guter Freund und der Mitbegründer von Doli.io die Möglichkeiten des sogenannten „Autonomous Self-Agents" (ASA) vor, der verspricht, online euer wahres Ich zu vertreten. Stellt ihn euch wie euren ganz persönlichen Assistenten vor, der euch besser kennt, als ihr euch selbst, und der in den sozialen Netzwerken all die kleinen Dinge für euch übernimmt, auf die ihr keine Lust habt. Ganz wichtig: Der Bot liefert euch abends eine komplette Aufstellung aller im Tagesverlauf von „euch" getätigten Aktionen.

Für mich klang das alles überzeugend genug, um meine zahlreichen Zweifel beiseite zu schieben. Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass die gesichtslose pre-Alpha-Version eines Programms, das noch dazu von relativ blutigen Anfängern entwickelt wurde, meine „persönliche Marke" zerstören würde. Nicht umsonst hatte ich diese über die Jahre hinweg mit sorgfältig ausgewählten Beiträgen erstellt und gepflegt. Ich ließ mich aber darauf ein und erlaubte dem Roboter, meine Social Media-Kanäle für das Wochenende zu übernehmen.


Wie die Gründer mir erzählten, kam ihnen die Idee zu Doli.io, als sie sich selbst wieder mal der Situation bewusst wurden, die uns allzu gut bekannt ist, aber schon so zum Teil unseres Alltags geworden ist, dass wir nichts gegen sie tun: Wir vergeuden einen großen Teil unserer begrenzten Existenz mit Social Media. Und einen Großteil dieser Zeit opfern wir, vor allem wenn es um Facebook geht, für total unwichtige Dinge—für diverse Pflichten, wenn man so will, durch die unser Online-Ich lebendig bleibt.

Gleich am ersten Tag wurde offensichtlich, wie wenig aktiv ich eigentlich auf meinen Social Media-Accounts bin

Ein „Gefällt mir" hier, ein „lol" da; Gratulationen zur Geburt des Kindes; eine Entschuldigung, dass man nicht zur Geburtstagsfeier eines Kumpels kommen kann. Ihr wisst schon. Das sind die vielen Social-Media-Pflichten, die wir ohne groß darüber nachzudenken fast schon automatisch, man könnte sogar meinen, roboterhaft, ausführen.

Ich war aber auch neugierig, ob und wie der Bot meinen Tonfall, meine Interessen und meinen Humor übernehmen würde. Ich wollte wirklich, dass es klappt—für meinen Freund, den Gründer von Doli.io, und auch für mich selbst. Der fiese Teil in mir hoffte aber gleichzeitig darauf, mitzuerleben, wie all meine Online-Beziehungen nach und nach durch unerwünschte, für mich untypische Beiträge zerstört werden würden.

Nachdem mich mein Freund durch das von ihm entwickelte Programm geführt hatte, klärte ich ihn darüber auf, was ich ihm antun würde, falls während des Experiments etwas extrem Unerwünschtes geschehen würde. Er aber versicherte mir ganz ruhig, dass nichts dergleichen passieren würde. Dann überreichte er mir ein Blatt Papier und forderte mich ziemlich unfeierlich dazu auf, mit meiner Unterschrift zu bestätigen, dass ich die Rechte an meinen Passwörtern für Facebook und Twitter abgab.

Hier gebe ich die Rechte an meinen Passwörtern für Facebook und Twitter ab. Bild: Harvey Wilks.

Was das Timing angeht, hätte es keinen perfekteren Zeitpunkt für das Experiment geben können. Meine Mutter wollte mich übers Wochenende besuchen. Als eine Person, die den Großteil ihres Lebens ohne Smartphones und Social Media verbracht hat, reagiert sie besonders empfindlich auf die Pandemie des 21. Jahrhunderts, die sie „Display-Sucht" nennt. Wäre es nicht toll, wenn ich sie zumindest ein Wochenende lang glauben lassen könnte, ihr einziger Sohn gehöre nicht zu den Infizierten? So könnte ich gleichzeitig an zwei Orten sein—im Hier und Jetzt mit meiner Mutter und im Internet mit allen anderen.

Gleich am ersten Tag wurde offensichtlich, wie wenig aktiv ich eigentlich auf meinen Social Media-Accounts bin. Doli.io passt sich in der Frequenz von Beiträgen oder „Gefällt mir-Angaben dem Verhalten des echten Nutzers an. Das Programm scannte zunächst meinen gesamten Seitenverlauf und folgerte daraus, wer zu meinem engen Freundeskreis gehört, mit wem ich regelmäßig schreibe und wessen Posts ich am häufigsten mit einem „Like" versehe. Den Ergebnissen entsprechend verhielt sich der Bot dann online.

Um den Ball ins Rollen zu bringen, lud ich ein nicht wirklich interessantes Foto auf Facebook hoch und schon begannen Freunde und Bekannte, es zu kommentieren. Von da an beobachtete ich das Ganze nur noch aufmerksam von Weitem.

Bild: Harvey Wilks.

Im Verlauf des Tages klickte Doli.io bei einer scheinbar beliebigen Auswahl dieser Kommentare auf „Gefällt mir".

Ihr wisst ja, wie das mit den Likes läuft. Meistens zeigen wir damit, dass wir den Kommentar gesehen haben, für den sich jemand die Zeit genommen hat. Wir lächeln somit zurück oder bedanken uns mit einem „Daumen hoch"-Emoticon. Tja und heute musste ich nichts davon tun, da mir diese Aufgabe abgenommen wurde.

*Daumen hoch*

Ich likte auch ein Foto, das mein ehemaliger Mitbewohner gepostet hatte. Das Foto habe ich noch nicht gesehen, aber ganz bestimmt ist es fantastisch. Ich war aber ziemlich beeindruckt von dieser Aktion des Bots, da ich den Typen total gern habe und wahrscheinlich genauso auf das Bild reagiert hätte wie Doli.io.

Dann tauchte das Programm in meine Einladungen ab und scheinbar äußerte ich daraufhin Interesse an einer Open-Air Filmvorführung der sechsten Staffel von Game of Thrones in Kopenhagen, wo ich wohne. Erstens ist die Serie nicht wirklich mein Ding, zweitens schneite es hier gerade. Mein Bot aber kann nicht frieren und musste sich somit keine Sorgen um Dinge wie eine Lungenentzündung machen. Wahrscheinlich konnte er es daher einfach nicht besser wissen.

Dann wurde es plötzlich echt aufregend. Da Doli.io natürlich wusste, dass ich mich in Kopenhagen aufhielt, sagte es eine Einladung von einem guten Freund zu einer Party in London ab. Aber das war nicht alles. Nach der Absage folgte noch ein Kommentar an den Gastgeber. Beeindruckend. Aber...Moment mal...mein Freund heißt zwar Charlie, aber ich selbst nenne ihn immer Carlos. Offensichtlich hatte Doli.io nicht einfach nur den Namen aus Facebook übernommen, sondern zunächst meine Nachrichten an ihn gescannt um herauszufinden, welchen Namen ich häufiger benutzte, wenn ich mit ihm schreibe.

Hier die Nachricht, die Doli.io geschickt hat:

Bild: Harvey Wilks.

Charlie selbst likte den Beitrag sogar. Mein Bot hatte als Social-Media-Newbie soeben sein erstes eigenes Like von einem Menschen erhalten. Gut gemacht!

Von den Erfahrungen des folgenden Tags wie beflügelt wurde Doli.io am Sonntag auf Facebook viel redseliger. Vier Freunde erhielten Geburtstagsglückwünsche von mir, ohne dass ich dafür einen Finger rühren musste. Ich wusste noch nicht mal, dass sie Geburtstag hatten (sorry, liebe Freunde und Freundinnen). Das alles tat Doli.io.

Interessanterweise verschickte Doli.io auch an meinen Zweit-Account, der schon lange inaktiv und vernachlässigt gewesen war, Geburtstagswünsche. Nur zwei meiner Freunde wissen von diesem Account, und als sie meine Aktivitäten sahen (wie ich, Harvey, meiner einstig aktiven Alter-Persona alles Gute zum Geburtstag wünschte), fingen sie nach einem Jahr Funkstille wieder an, mir zu schreiben. Doli.io hatte es somit gerade geschafft, uns Menschen wieder zueinander zu bringen.

In einem Versuch, das Foto, das ich am Vortag geschossen hatte, nachzumachen, postetet Doli.io ein ähnliches (aber schlechteres) Foto eines sonnigen Tages in Kopenhagen auf meinen Facebook- und Twitter-Account. An sich ziemlich faszinierend. Doch ich hatte das Foto nicht gemacht, daher machte ich mir eher um die Bildrechte als um den sinnlosen Beitrag Sorgen und löschte ihn schnell.

Doli.io hat ein Open-Rights-Bild ausgesucht und auf meinen Twitter-Account hochgeladen. Bild: Harvey Wilks.

Viel zu schnell war mein Experiment vorbei und Doli.io musste sich von mir, meinen Freunden und Followern verabschieden.

Obwohl ich zu Anfang nur ungern die Kontrolle über mein Online-Ich abgeben wollte, bin ich innerhalb von 48 Stunden um, sagen wir, 95 Prozent überzeugter von der Idee. Angesichts der Tatsache, dass wir Menschen unsere digitalen Mini-Mes, unsere persönliche „Marke" und generell unsere Privatsphäre immer extrem schützen wollen, ist das meiner Meinung nach schon ein ziemlich beeindruckender Wandel.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis Programme wie Doli.io überall und für jeden zugänglich sein werden? Werden wir sie, ohne groß darüber nachzudenken, einfach in unseren Alltag integrieren? Und wie werden sie den Wert unserer Online- Beziehungen verändern, wenn wir uns bewusst sind, dass einige unserer Freunde einen „Autonomous Self-Agent" benutzen?

Obwohl ich der Sache zu Anfang an ziemlich skeptisch gegenüberstand, muss ich zugeben, dass ich traurig war Doli.io gehen lassen zu müssen, als das Wochenende vorbei war. Denn auch wenn es im Endeffekt eine herz- und seelenlose Version meiner Selbst war, die Game of Thrones im Schnee gucken wollte und allen einen wunderschönen Geburtstag gewünscht hat, werde ich sie vermissen und hoffe, sie vielleicht bald wiederzusehen.

Update, 10. Juni: Ein Medienbericht zieht die Echtheit des Programms Do.lio und die Aufgaben, die es laut dem Test unseres britischen Autors durchgeführt hat, in Zweifel. Wir haben den Entwicklern und unserem Autor einige spezifische technische Nachfragen zu Art und Funktionsumfang der Software und dem Selbstversuch mit der pre-Alpha-Version gestellt und werden den Artikel aktualisieren, sollten sich tatsächlich neue Informationen ergeben.