Was ist eigentlich bei der größten deutschen Anonymous-Seite schiefgelaufen?

Reminder: Anonymous.Kollektiv verbreitet Verschwörungtheoretien und neurechte Propaganda. Die wundersame Geschichte einer Seite, die seit den Anschlägen von Paris plötzlich 450.000 Fans mehr hat.

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Nov. 20 2015, 2:00pm

Bild: Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv

Im Eifer des Anonymous-Gefechts gegen den IS, über das in den vergangenen Tagen auch zahlreiche Medien begeistert berichtet haben, gerät manchmal einiges durcheinander. So erhielt zum Beispiel eine spezielle deutsche Anonymous-Facebook-Seite durch die #OpParis-Kampagne überraschenden Zulauf.

Die Seite Anonymous.Kollektiv, die bisher überhaupt nicht als Vorkämpfer gegen faschistische Ideologien aufgefallen ist, verzeichnete in der vergangenen Woche 450.000 neue Likes. Tatsächlich tat sich die Seite in den vergangenen Monaten vor allem mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien, neurechten und antisemitischen Posts hervor.

Was Anonymous bisher tatsächlich gegen den IS unternommen hat

Motherboard hat in der Vergangenheit bereits häufiger über die eigenartige Ausrichtung der mit Abstand größten deutschen Anonymous-Seite berichtet. Beispielsweise behauptete die Seite, dass hinter den Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Heidenau nicht Rechte steckten, sondern dass es sich eigentlich um eine Inszenierung von Medien und Antifa gehandelt hätte.

Kurz nach den Anschlägen gegen Charlie Hebdo gab man sich in mehreren Posts überzeugt, dass es sich tatsächlich um eine False Flag-Operation handele. Hinter dem Anschlag würden nicht Islamisten, sondern Israel oder die USA stecken, raunte man schon damals routiniert: „Wir gehen auch davon aus, dass die Geschichte in Paris Geheimdiensthintergrund hat. […] Wem nützt also so ein Attentat im Moment? Der USA!"

Ein Kessel Buntes aus dem Weltbild des Anonymous.Kollektiv: Screenshots aus dem Video „Nachricht an die deutsche Bevölkerung"

Themen wie beispielsweise Netzpolitik oder der Kampf gegen Zensur, die für das lose Hacker-Kollektiv Anonymous zentral sind, finden sich bei Anonymous.Kollektiv dagegen nur vereinzelt. Stattdessen dominieren Links auf Seiten wie RT oder das Compact-Magazin, das im Gegensatz zur „Lügenpresse" die Wahrheit berichte. Für das Magazin, das für seine neurechten Positionen bekannt ist, wirbt das Anonymous.Kollektiv inzwischen nahezu wöchentlich mit Abo-Aufforderung: „COMPACT, das publizistische Sturmgeschütz der Volkssouveränität, muss gestärkt werden."

Exklusiv: Wie die Elite-Abteilung von Anonymous Brasilien gehackt hat—und dabei vom FBI überwacht wurde

Mit aufwändigeren, eigenen Hacking-Fähigkeiten konnte sich das Anonymous.Kollektiv bisher allerdings nicht profilieren. Im deutschsprachigen Raum kamen prominente Hacking-Aktionen in der Vergangenheit eher von antifaschistisch orientierten Anons. So hackten Anons im Rahmen der umstrittenen Operation Blitzkrieg Nazi-Server, legten Websites lahm und veröffentlichten die Daten zahlreicher mutmaßlicher Nazi-Sympathisanten.

Auch die renommierte Anthroprologin Gabriella Coleman, die sechs Jahre mit einigen der profiliertesten Köpfe der Bewegung verbrachte, zeigte sich im Interview mit Motherboard enttäuscht von der Ausrichtung von Anonymous.Kollektiv: „Eigentlich sind die allermeisten Anonymous-Aktionen im liberalen bis linken politischen Spektrum zu finden. Auf der anderen Seite kann natürlich jeder den Namen Anonymous benutzen", wies Coleman aber auch noch einmal auf die offene Ausrichtung des Hacker-Kollektivs hin.

Was genau Anonymous.Kollektiv oder die mit ihnen verbundenen Anons dabei bisher gegen den IS unternommen haben, bleibt aber unklar. Tatsächlich wartet der einzige konkrete Post zur #OpParis mit einer veralteten Liste von Zielen auf, die Hacker angreifen sollen. Diese Liste kursierte zwar in den vergangenen Tagen unter vielen Anons, tatsächlich stammt sie jedoch vom Februar dieses Jahres. Auf der Liste befinden sich neben einigen noch aktiven Konten mutmaßlicher IS-Unterstützer auch viele bereits abgeschaltete Accounts.

Anonymous-Hacker kritisieren ihre Kollegen für #OpParis

Deutsche Anonymous-Aktivisten distanzieren sich schon lange von Anonymous.Kollektiv. Verschiedene Anons aus unterschiedlichsten Teilen Deutschlands haben gegenüber Motherboard wiederholt betont, dass für sie Anonymous eine andere politische Ausrichtung und andere Positionen vertreten sollte.

Diese Seiten mögen Menschen, denen auch Anonymous.Kollektiv gefällt. Bild: Screenshot Facebook

Die politische Ausrichtung der Seite wandelte sich vor allem seit Anfang 2014. Beschäftigte sich die Seite noch 2011 überwiegend mit netzpolitischen Themen wie Vorratsdatenspeicherung, schwenkte sie spätestens seit dem März des vergangenen Jahres auf einen Kampf gegen die vermeintliche „Lügenpresse" um, der in seiner Vehemenz, Tonalität und Quellenselektion eher an Pegida erinnert.

Die unlogischsten Fails der Fans vom Anonymous.Kollektiv

Ende März verbreitet die Seite beispielsweise den Aufruf „Nachricht an die deutsche Bevölkerung" auf Facebook. In einem wirren Video postuliert die Sprecherin zu dramatischer Musik: „Deutschland ist ein besetztes Land, wird von der BRD GmbH verwaltet und die deutschen sind das Personal (…) " Gewarnt wird unter anderm vor „Vermännlichung der Frauen, Frühsexualiserung unserer Kinder, unbegrenzter Masseneinwanderung und Multi-Kulti-Wahnsinn. Wir müssen aufrecht stehen als Deutsche…"

Alles hängt mit allem zusammen! Screenshot: Anonymous.Kollektiv

Seitdem fällt die Seite vor allem mit sprunghaften Allianzen im Spektrum von Querfrontsaktivisten auf. Nachdem sie bis zum Sommer 2014 inhaltlich massiv die Montagsmahnwachen und auch Ken Jebsen unterstützte, verunglimpfte man im September 2014 aus nicht erkennbaren Gründen den Mahnwachen-Gründer Lars Mährholz. Im Dezember unterstütze man dann zunächst Pegida, um anschließend von einer geheimdienstlichen Unterwanderung der Dresdener Bewegung zu sprechen—und Pegada und Endgame zu supporten.

Solltet ihr weitere Hinweise zu den Hintergründen von Anonymous.Kollektiv haben, könnt ihr unserer Redaktion anonym einen Tipp geben. Wir empfangen Mails gern auch PGP-verschlüsselt. Adressen und öffentliche Schlüssel unserer Redakteure findet ihr hier und hier.