Warum spielen wir Games, die sich wie Arbeit anfühlen?

Was Theodor W. Adorno zum Farming Simulator gesagt hätte.

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18 Mai 2015, 10:37am

Screenshot: Simpsons Wiki

Videospiele gelten häufig als modernste Variante der Unterhaltung und höchste Form der Zerstreuung bei der fröhliche Gamer in alternativen Computerwelten versinken, um ihrem grauen Alltag zu entfliehen. Tatsächlich jedoch sind sich Spiel und gesellschaftliche Realität bei keinem anderen Kulturgut des 21. Jahrhunderts so nahe wie beim Gaming.

Überraschend viele Games laden die Zocker dazu ein, einen mehr oder weniger extravaganten Beruf anzunehmen: von futuristischen Soldaten im Weltraum, über Sportstars und Stadtplaner bis zu Lastwagenfahrern und Bauern. Trotz dieser durchaus aufregenden virtuellen Leben hast du als Gamer letztlich doch nur einen Job zu erledigen mit allem was dazu gehört: Anordnungen befolgen, Aufgaben abarbeiten und zur Belohnung Game-internes Geld verdienen, das dann in neues Equipment investiert werden darf, um den Zocker noch effizienter spielen zu lassen.

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Die Verschmelzung von Arbeitswelt und Freizeit ist besonders auffällig in dem stetig wachsenden Genre der Planspiele, in denen du als Spieler in die Haut imaginärer Trucker, Bürokraten und Bauern schlüpfst. Solche Planspiele sind eigenartigerweise besonders bei jenen beliebt, die diesen Jobs auch im echten Leben nachgehen: Piloten entspannen sich bei einer Runde Flight Simulator und genießen die weniger strengen Autopilot-Funktionen, während Landwirte sich nach einem harten Arbeitstag im Stall ihrem Farming Simulator zuwenden. Und, dass sich manche unserer Fußballstars in der Regenerationszeit zwischen ihren Spielen einer Partie FIFA hingeben, ist ebenfalls hinlänglich bekannt.

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Simulationsspiele erschaffen ein Idealbild unser Arbeitswelt: Hier sind unsere Leistungen effizient, erfolgreich und der Ertrag unsere Performance ist stets messbar. Die Arbeit bereitet Freude und stets kann ihr Ausmaß bewältigt werden. Unsere Jobs im echten Leben erfüllen nur allzu selten auch nur eines dieser Kriterien: Meist erledigst du Aufgaben, die andere dir vorgegeben haben und musst auf Situationen reagieren, die dir einfach irgendwie passieren und die du kaum ändern kannst. Simulator-Games wiederum geben dir jede Menge Freiheiten und erschaffen ein System, in dem deine Handlungen tatsächlich etwas bewirken können. Der Gamer wird zum allmächtigen Arbeitnehmer.

Für Adorno ist Freizeit nur eine Verlängerung der Ideale der Arbeitswelt.

So werden die Simulationen zu utopischen Wunschvorstellungen unserer Arbeitswelt. Utopien, die meist die kapitalistischen Ideale von Effizienz und Produktivität über alles stellen. Und während wir unsere Freizeit im 21. Jahrhundert zunehmend damit verbringen uns auszumalen, wie denn nur unser perfekter Job zur persönlichen Selbstverwirklung aussehen würde, verschwimmen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit immer mehr. Der deutsche Philosoph Theodor Adorno, der nicht unbedingt als besonders spaß-orientierter Mensch in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist, hat diese Entwicklungen schon 1969 in einem Essay mit dem programmatischen Titel „Freizeit" prägnant analysiert. In seinem Text stellt Adorno die Muße als Privileg eines bequemen und zwanglosen Lebensstils der Freizeit gegenüber, die sich im Spätkapitalismus radikal verändert. Freizeit versteht er—geprägt von seinen Kulturindustrie-Thesen—vor allem als Zeit, die man damit verbringt nicht zu arbeiten. Adorno erklärt, die meisten Menschen hätten sich so sehr den Werten der Arbeitswelt verschrieben, dass ihr angelerntes arbeitgeberfreundliches Verhaltens auch in die Welt der Freizeit vordringt. Letztlich wird Freizeit zu einer schematischen Fortsetzung von Arbeit. So sind wir also dazu gekommen, nachts um 2 Uhr vor unseren Laptop zu sitzen, und so zu tun, als seien wir fleißige Bauern auf einem Feld.

Screenshot: Farming Simulator

Die Dienstleistungsgesellschaft und der wirtschaftliche Wandel haben die Definition von Freizeit und ihre klare Abgrenzung von der Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten stark aufgeweicht. Angetrieben wurde dieser Wandel vor allem durch das Ende der Vorherrschaft sicherer 9-to-5-Jobs und den Aufstieg von Freelancern, prekäre Arbeitsverhältnisse und in jüngerer Zeit durch die Zuspitzung der „Sharing Economy" in Unternehmen wie Uber. Die Tatsache, dass du während des Autofahrens in deinem privaten Auto Geld verdienen kannst und das Ende abgesicherter (gar lebenslanger) Festanstellungen haben der Freizeit im traditionellen Sinne endgültig den Garaus gemacht. Stattdessen ist längst jede Minute zu potentieller Arbeitszeit geworden.

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Freizeit ist längst nicht mehr einfach nur frei von Bezahlung sondern lässt sich auch präzise in dem Geld aufwiegen, das in dieser Zeit nicht verdient wurde. Wenn ein Uber-Fahrer vielleicht 7 Euro pro Stunde als Chauffeur einnehmen könnte, dann wird jede Stunde, die er mit seiner Familie verbringt zu einem Verlustgeschäft. Wenn du dich am Wochenende um das Vermieten eines Zimmers bei AirBnB hättest kümmern sollen, dann hast du ohne Sharing-Economy-Mieter effektiv Geld verloren. Unter dem Dogma der freiberuflichen Produktivität mit eigenen Produktionsmitteln werden Arbeit und Freizeit zu einer Frage der Perspektive.

Plancomputerspiele wie SimCity oder Farming Simulator spiegeln in diesem Wandel die grundsätzlichen gesellschaftlichen Werte von Effizienzsteigerung, Produktivität und allgegenwärtiger Quantifizierbarkeit wieder und machen andere wichtige Dinge des Lebens vergessen, die auch nicht zu verachten sind: eine gesunde Work-Life-Balance, Kaffeepausen, Stabilität und soziale Interaktion. Nach Adorno dienen Freizeitbeschäftigungen zunehmend dazu, uns darauf vorzubereiten unsere arbeitsfreien Stunden zu monetarisieren und diese mit mehr Arbeitszeit zu füllen. Je mehr wir uns damit abfinden, dass unsere Freizeit produktiv sein muss, desto eher werden wir ihre Aufrechnung in Arbeitszeit akzeptieren und desto normaler werden Systeme wie Mechanical Turk, einer Amazon-Arbeitsplattform, die jeden mit einem Internetzugang Tag und Nacht zu einem potentiellen Freelancer auf der Jagd nach noch so kleinen Mini-Jobs macht.

Trotz all dem Vergnügen, das Planspiele dir als Zocker bereiten, sollten wir auch auf die Kehrseite dieser Simulator-Games hinweisen: Hoffen wir darauf, dass niemand die utopischen Vorstellungen einer perfekten Arbeitswelt, die wir uns als unterhaltsame Zerstreuung programmieren und die für 2 Euro auf Steam verkauft werden, mit der zunehmend prekären Realität der Arbeitswelt verwechselt. Auch wenn du in einem Soccer Managment Game die Weltmeisterschaft gewinnen kannst, würdest du in der Wirklichkeit eben keinen guten Manager abgeben. Auch wenn uns Videospiele eine HD-Version der guten alten Illusion präsentieren, dass jeder mit genügend Anstrengung alles erreichen kann, sollten wir nicht vergessen, dass die Erfüllung dieses amerikanischen Traums in Wirklichkeit nur einigen wenigen vorbehalten bleibt.