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Wie eine Kleinstadt im Schwarzwald von einem Brummton-Phänomen heimgesucht wird

Manchen Bewohner Furtwangens hören in ihrer beschaulichen Heimat quälend laut den mysteriösen 'Hum'. Behörden haben keine objektive Erklärung, attestieren den Geplagten jedoch ein überdurchschnittliches Gehör.

Christine Kewitz

Christine Kewitz

Die Idylle von Furtwangen. Bild: Michael Dietrich, Wikimedia| CC BY-SA 3.0

Furtwangen. Eine idyllische Kleinstadt im Schwarzwald. Ein Ort an den sich Menschen zurückziehen, die eine Auszeit von der lauten Großstadt suchen. Doch ausgerechnet in dieser Idylle sucht „The Hum" die Einwohner heim.

Das Brummton-Phänomen macht allen, die es wahrnehmen können das Leben zur Tortur—und es lässt die Betroffenen jeweils ganz eigene Erklärungen zu seiner Herkunft aufstellen. Eine wissenschaftliche oder objektive Erklärung gibt es für das mysteriöse tieffrequente Dröhnen bis heute nicht. Ein überdurchschnittliches Gehör haben baden-württembergische Beamte den Geplagten aber bereits attestiert. Und der Soziologe Roland Benedikter versuchte sich im Marburger Forum mit einem Beitrag zur geistigen Situation der Gegenwart dem Rätsel anzunähern.

Brigitte Rieber erinnert sich genau an den 28. Juni 2011, an diesem Tag hat sich ihr Leben grundlegend verändert. An diesem Tag hörte sie das Brummen zum ersten Mal, „wie ein kleines Erdbeben" rumorte es die ganze Nacht und ab dann tagtäglich. „Nachts war es besonders schlimm, ich konnte nicht mehr im Haus bleiben und lief durch die ganze Stadt, um die Ursache zu finden."

Vor dem Haus von Brigitte Rieber plätschert ein kleiner Bach. Hier ist der niedrigfrequente Ton nur wenig zu hören, doch im Haus summiert sich das Brummen. Manchmal, in Erholungsmomenten, ist es nur leicht, manchmal dröhnt Brigitte Rieber wahrlich der Schädel. „Es ist irgendein Gerät, denn es fährt in seiner Aktion hoch und runter. Es ist manchmal so als würde eine Turbine anlaufen und bis die Höchstposition erreicht ist, schwingt der Ton hin und her."

Hexenlochmühle in Furtwangen-Neukrich. Übertönt der Bach das Brummen? Bild: Norbert Kaiser Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Martinskapelle in Furtwangen. Die Beschaulichkeit bietet eigentlich eine Auszeit aus dem Alltagslärm. Bild: Flominator, Wikimedia | CC BY-SA 2.0

Brigitte Rieber erinnert sich so genau an das Datum, weil eben zu dieser Zeit die Funkantennen in Furtwangen hochgerüstet wurden und sie sieht die Anntennenmasten als einen der Auslöser für das Brummen. Es gibt auch einige Industrie in der Kleinstadt, deren mit der Erde verbundene Geräte die Schwingungen auslösen oder verstärken könnten.

Die Hochschule in Furtwangen, an die sich die Betroffenen in der Hoffnung auf eine wissenschaftliche Untersuchung wandten, half ihnen nur wenig. Die Wissenschaftler liehen den geplagten Bürgern lediglich ein Schallmessgerät, mit welchem sich der Ton auch deutlich feststellen ließ. Auf eine Abschlussuntersuchung oder eine wissenschaftliche Bewertung warten die Bürger jedoch noch bis heute. Sie befürchten, dass eine industrielle Lobby dort ihre Finger im Spiel hat.

Furtwangen im Bergpanorama. Bild: flickr/ Alexander Johmann | CC BY-SA 2.0

Das Brummtonphänomen, englisch The Hum, ist auf der ganzen Welt bekannt. Die ältesten Berichte über den Brummton stammen aus den 1940er Jahren und wurden in England dokumentiert.

Auf Wikipedia wird er folgendermaßen beschrieben:

"Das wesentliche Merkmal, welches auch den Brummton definiert, ist die Wahrnehmung eines aufdringlichen, niederfrequenten Tons, dem keine akustische Ursache zugeordnet werden kann. Am häufigsten wird der Brummton beschrieben wie das Geräusch eines in der Ferne mit Standgas laufenden LKW-Dieselmotors, weniger häufig wie das gleichmäßige Brummen einer Trafostation oder eines Zählerkastens, noch seltener wie eine Art Morsecode oder auch ein Poltern, Tuckern oder Dröhnen, in den Ohren oder im Kopf. Der Brummton liegt zwischen ca. 30-80 Hz und wird von mindestens 2% der Bevölkerung wahrgenommen."

Dr. Glen Macpherson arbeitet als ethnographischer Forscher an der University of British Columbia. Seit er im Jahr 2012 den Brummton zu hören begann, suchte er nach einer Möglichkeit das Thema auf wissenschaftlichem Wege zu dokumentieren. Um überhaupt eine Diskussionsgrundlage und eine Übersicht zu haben, entwickelte er das World Hum Database and Mapping Project. Dort können alle, die den Ton hören, zur Informationssammlung über das Phänomen beitragen.

Screenshot des World Hum Map von Glen Macpherson.

In Deutschland gibt es zum Beispiel den Verein zur Erforschung und Verhinderung des Brummtons, an den sich Betroffene wenden können.

„Ich weiß nicht, warum die Menschen hier sich nicht auflehnen und auf die Straßen gehen, um etwas gegen das Brummen zu unternehmen. Vielleicht sind sie einfach zu verklemmt." Brigitte Rieder versucht jedenfalls, alle Möglichkeiten wahrzunehmen, das Phänomen, das ihr das Leben erschwert, in die öffentliche Diskussion zu bringen. „Wenn mal wieder ein Beitrag über das Brummen hier im Fernsehen kommt, dann sagen die anderen Leute auch: 'Ach das, das höre ich auch.' Aber von selbst macht keiner den Mund auf."

Doch Brigitte Rieder weiß, dass auch die anderen leiden. Einige schlafen schlecht, andere klagen über Migräne und generell sei eine Vielzahl der Menschen in Furtwangen durch den Brummton in ihrem Wohlbefinden eingeschränkt. Das Phänomen ist auch in anderen angrenzenden Regionen und auch in Österreich und in der Schweiz dokumentiert. In Freiburg gründete sich sogar eine Initiative gegen den Brummton und in Berlin schließlich meint ein Geplagter, der es vorzieht anonym zu bleiben, gar die Ursache für die akustische Umweltverschmutzung gefunden zu haben.

Die Furcht, in die selbe Ecke wie panische Verschwörungstheoretiker gestellt zu werden, lässt den Berliner die Anonymität vorziehen. Er selbst hört den Ton nicht nur in seiner Wohnung in Charlottenburg, auch seine Freunde in Pankow nehmen das Brummen wahr. Als er bei seiner Freundin in Holland auf dem Land ebenfalls den Ton bemerkte, begab er sich auf die Suche nach der Quelle und wurde bei einer zehn Kilometer entfernten Erdgaspipeline fündig.

Der Hum-Geplagte erzählte mir, dass er schließlich begann, die Verlaufskarten europäischer Erdgaspipelines zu untersuchen. Seine Erklärung für den Hum liegt er in der Energie die nötig ist, das Gas Tausende von Kilometern durch die Rohre zu transportieren:

„Die Bewegung dieser Energie setzt sich anscheinend durch die Pipeline fort und wird mit dem Gasstrom über den Außenmantel der Metallpipeline ans Erdreich übertragen. Je nach Entfernung und Position der Pipelines werden stehende Infraschallwellen erzeugt. Ähnlich dem als würde man zwischen zwei Lautsprecherboxen sitzen."

Schallwellenschwingung eines Wechselstrombrummens. Bild: Rippey574, Wikimedia | CC BY 3.0

Frequenzband von Leitungsbrummen. Bild: Ktims, Wikimedia | Public Domain

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung hören den Brummton, dessen Ursache umstritten ist. Eine Untersuchung der Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg bescheinigte den Betroffenen ein überdurchschnittlich gutes Gehör. Da die gemessenen Schwingungen jedoch unterhalb der Hörschwelle lägen, schließen die Forscher eine akustische Ursache aus und ordnen das Problem als eine subjektive Wahrnehmung ein. Sobald die Betroffenen jedoch den Ort wechseln, verschwindet The Hum in den meisten Fällen.

Es gibt zwar unterschiedlichste Vermutungen—zum Beispiel ein permanentes durch Ozeanwellen verursachtes Summen der Erde, eine bestimmte Art des Tinnitus oder den sogenannten Frey-Effekt—, aber keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für den Brummton, weshalb er auch gerne von Verschwörungstheoretikern thematisiert wird. Livescience nahm das Phänomen in seine Liste der Top 10 der Unerklärlichen Phänomene auf.

Brigitte Rieber ist jedoch überzeugt davon, dass es sich beim dem Brummton auf keinen Fall um eine subjektive Wahrnehmung handelt. Schließlich sei sie nicht die einzige Betroffene ihrer Stadt. „Wenn etwas war, verändert sich der Ton. Als zum Beispiel mal ein Fernsehteam einen Beitrag darüber gemacht hat, war es die nächsten Tage nur ganz leise.", erzählt Brigitte Rieber. „Ich garantiere Ihnen, die Leute wissen ganz genau, worum es geht."