„Wir sind eine Bitcoin-Familie“

Selbst der 6-jährige Sohn von Jamie Redman weiß, was die Kryptowährung ist.

|
31 August 2015, 5:01am

Wenn Jamie Redmans sechsjähriger Sohn Joshua einen Milchzahn verliert, versteckt die Zahnfee einen Zettel mit einem QR-Code zu einem Bitcoin-Wallet unter seinem Kopfkissen.

Und das ist nur eine der vielen Eigentümlichkeiten im Leben der Redmans, die ihren Alltag vollständig auf die Kryptowährung ausgerichtet haben. Jamie titelte erst kürzlich in seinem Blog: „Wir sind eine Bitcoin-Familie". In dem Artikel beschreibt er, inwiefern Bitcoin nahezu jeden Lebensbereich seiner Familie bestimmt. Von offenen Rechnungen bis zum Unterricht der Kinder zu Hause—Bitcoins sind bei Jamie, Liza, Joshua und dem zweijährigen Franklin permanent involviert.

Früher verdiente Jamie sein Geld als Bauarbeiter, doch seit er sich als Bitcoin-Meme-Maker und -Blogger selbständig machte (bezahlt wird er in Bitcoins), unterrichtet er seine Kinder zu Hause und lehrt ihnen die Welt der Coins.

"Bitcoin ist ein 24-Stunden-Tag. Für mich ist das wie eine nie endende Blockchain, die immer und immer weiter geht. In meiner Familie ist das ein Riesending."

Das mag alles ein wenig verschroben klingen, doch während die meisten Erwachsenen noch immer ins Stottern geraten, wenn sie erklären sollen, was Bitcoin denn nun eigentlich ist, erzählt der sechsjährige Joshua: „Bitcoin ist eine Kryptowährung. Es ist eine Art computerbasiertes Geld, das online benutzt werden kann... Wie der Verkauf von Zahlen."

Gar nicht mal so schlecht, oder?

Um herauszufinden, wie sich der Alltag einer Familie gestaltet, die ihr Leben an das Schicksal einer für ihre Unbeständigkeit berüchtigte digitale Währung gekettet hat, kontaktierte ich Jamie über Skype. Ich erreichte ihn auf der Veranda seines Hauses in Boston.

Jamies Sohn Joshua mit einem Hardware-Bitcoin-Wallet. Bild: Jamie Redman. Cropped.

Motherboard: Wie hast du deine Familie überzeugt, da mitzumachen?

Jamie Redman: Ich beschäftige mich seit 2011 mit Bitcoin und bis 2012 war ich auch überhaupt nicht so ein leidenschaftlicher Verfechter, wie ich es heute bin. Ich überzeugte damals meine Frau, ein paar zu kaufen, einfach als Investition für Spekulationen. Dann befasste ich mich intensiver damit, erst mal alleine, ohne meine Familie. Und auf einmal war ich so tief drin, dass ich ständig darüber geredet und meine Grafiken dazu angefertigt habe.

Deine Frau war die erste, die Bitcoins gekauft hat—ist sie selbst auch so begeistert wie du?

Zuerst nicht, aber jetzt ist sie auch total überzeugt von dem Potential der Währung. Anfangs war es für sie gar nicht so einfach, ihren Freunden das Thema zu erklären, heute sieht das schon ganz anders aus. Wie ich in meinem Artikel schon geschrieben habe, nahm ich meinen Sohn mit zu einem unserer vier Bitcoin-Bankautomaten hier in Boston. Erst verstand er das nicht, er war ja auch erst vier Jahre alt. Er dachte, es würden echte Münzen aus dem Automaten kommen.

Wie reagieren die meisten Menschen auf deinen Lebensstil?

Wenn sie mich fragen, was ich mache und ich antworte, dass ich jeden Tag über Bitcoins schreibe, kommt als erstes: „Wirst du dafür bezahlt?" Ja, ich werde in Bitcoins bezahlt. So sieht meistens die erste Annäherung aus, den Rest muss ich dann erklären. Die ganze Finanztechnik ist mittlerweile ja zu einer großen Industrie herangewachsen—ich erzähle den Leuten, dass sie ja heute schon elektronisch Rechnungen bezahlen und den Bankverkehr mit dem Smartphone regeln können, um sie an das Thema heranzuführen. Du hast das Internet heutzutage immer auf deiner Seite, solche Sachen sag ich dann.

Eine von Jamies Graphiken. Bild: Crypto-graphics.com

Gibt es Probleme, wenn du mit deinen Freunden essen gehst und das Restaurant keine Bitcoins nimmt?

Nicht unbedingt. Beim Bezahlen gibt es natürlich immer wieder Momente, in denen du in Papiergeld umtauschen musst, dafür benutze ich BitPay. Und für Telefonrechnungen und so nehmen wir BillPay. Wenn ich mit jemandem zum Essen gehe, würde ich natürlich auch in ein Restaurant gehen, wo sie keine Bitcoins akzeptieren. Hier in Boston gibt es nur wenige Lokale, wo man damit bezahlen kann.

Wie viele deiner Einkäufe erledigst du mit Bitcoin?

Viele. Mittlerweile gehört das einfach dazu. Wenn wir unseren Wocheneinkauf erledigen, machen wir das mit Gyft-Cards, die in vielen Supermärkten akzeptiert werden. Mit Gyft-Cards bekommst du manchmal bis zu 15 Prozent Nachlass, das lohnt sich richtig.

Das Motherboard-Video: Zu Besuch in Chinas geheimer Bitcoin-Mine

Wie viel beschäftigt sich der Hausunterricht deiner Kinder mit Bitcoins?

Ich würde sagen, eine Menge, weil wir in unserer Familie jeden Tag darüber reden. Wenn ich mit meinem Sohn zusammen an den Grafiken arbeite sprechen wir die ganze Zeit darüber. Und wie gesagt, ich schreibe auch jeden Tag darüber, darum reden wir auch über meine Geschichten und die Leute aus der ganzen Welt, mit denen ich Kontakt habe. Bitcoin ist ein 24-Stunden-Tag. Für mich ist das wie eine nie endende Blockchain, die einfach immer und immer weiter geht. In meiner Familie ist das ein Riesenthema. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht darüber gesprochen haben.

Unterrichtest du deinen Sohn nur über die Coins oder auch über die Blockchain?

Vor allem über die Coins. Warum das Zahlen sind, warum sie nicht gefälscht werden können, die größere Skalierbarkeit—Dinge, die er verstehen kann.

In einem Post schreibst du, dass du zusammen mit deinen Söhnen Bitcoin-Kurse anschaust. Ich bin ein erwachsener Mann, aber sowas macht mich irre. Und deinen Kindern gefällt das?

Ja. Sie fragen immer was die grünen und roten Kerzen auf den Kerzenständer-Diagrammen bedeuten. Aus irgendeinem Grund sind sie von diesen Graphen völlig eingenommen. Die kapieren das.

„Ich kann die Kurse entziffern und so, aber ich kann nicht das nächste Jahr vorhersagen."

Wie viel euren gesamten Vermögens sind Bitcoins und wie viel Papiergeld?

Im Moment würde ich sagen, jeweils die Hälfte. Wir planen aber bald, die 100 Prozent-Marke in Bitcoin zu erreichen, zumindest so weit es geht. Das läuft sogar ziemlich gut. Der Grund dafür ist vor allem, dass ich für meine freiberuflichen Tätigkeiten fast ausschließlich in Bitcoins bezahlt werde. Das gefällt mir.

Hast du irgendwelche Beeinträchtigungen durch die hohen Preisschwankungen gehabt?

Wir müssen das auf jeden Fall immer im Auge behalten. Zu bestimmten Zeitpunkten können wir uns definitiv mehr leisten, gleichzeitig fällt der Kurs dann auch mal wieder. Wirklich betroffen war ich aber nicht von den Schwankungen, ich werde in US-Dollar bezahlt, meine Auftraggeber rechnen diese in Bitcoins um und schicken sie mir dann. Ich bekomme also den Wert ausbezahlt und bei einer vierköpfigen Familie ist das Geld dann schnell wieder ausgegeben.

Jamies Sohn Joshua. Bild: Jamie Redman

Was schätzt du welcher Anteil eurer finanziellen Zukunft an Bitcoin gebunden ist?

Eine Menge. Es ist eine gigantische Investition. Wir machen einen riesigen Sprung in den Ozean. Ich kann die Kurse entziffern und so, aber ich kann nicht das nächste Jahr vorhersagen. Ich kann lediglich an die Möglichkeiten glauben, die die Menschen durch Bitcoin bekommen.

Macht es dir auch Sorgen?

Sorgen? Nein.

Warum nicht?

Ich habe großes Vertrauen in Bitcoin und ich kenne einige Vordenker, die das Thema mit der gleichen Leidenschaft betrachten wie ich. Ich beobachte die Dezentralisation, die durch Uber und ähnliche Sachen passiert. Im Moment ist es einfach ein Selbstläufer. Viele werden mir widersprechen, aber die Leute tragen das Internet heutzutage an ihren Gürteln herum, das hättest du dir vor ein paar Jahren auch nicht vorstellen können.