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Gehackte Privatbilder von NSA-Offiziellen zieren die Straßen Berlins

Was ist das für ein Gefühl, wenn plötzlich jeder auf der Straße deine privaten Familienfotos sehen kann?

In diesen Tagen zieren künstlerisch wertvoll bearbeitete Privatfotos ranghoher Beamte von NSA, CIA und FBI die Straßen Berlins. Autorisiert sind sie nicht. Der italienische Konzeptkünstler Paolo Ciro hat sie sich über diverse Social Media angeeignet und als Sousveillance, als Gegenüberwachung in den öffentlichen Raum gestellt.

Vor allem über Facebook-Plugins sei er an die intimen Schnappschüsse gekommen, erzählt er uns am Telefon. „Stell dir vor, du gehst durch die Straßen und auf einmal hängt da dein privates Foto von einer Familienfeier."

Dass diese durchaus unangenehme Vorstellung auch zwei Jahre nach den Enthüllungen Edward Snowdens bei den allermeisten nur ein müdes Achselzucken auslöst, ist für Cirio unverständlich. „Viele Menschen denken noch immer, nur weil sie hinter einem Bildschirm sitzen, agieren sie im Privaten. Dabei ist alles, was sie machen, öffentlich."

Cirios Bilderserie Overexposed verdeutlicht, dass das sogar für die Drahtzieher und Wegbereiter des NSA-Überwachungssystems gilt—und stellt so die Absurdität der Massenüberwachung zur Schau.

Vor allem aber klagt er an: „Diese neun Personen [Keith Alexander (NSA), John Brennan (CIA), Michael Hayden (NSA), Michael Rogers (NSA), James Comey (FBI), James Clapper (NSA), David Petraus (CIA), Caitlin Hayden(NSC), and Avril Haines (CIA)] sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Programme der staatlichen Massenüberwachung abgesegnet wurden. Sie alle stehen in direkter Verbindung und haben die Öffentlichkeit, die Presse und den US-Kongress über die Machenschaften des NSA belogen. Sie wurden dafür nie zur Rechenschaft gezogen."

Bei der Auswahl der Fotos achtete Cirio vor allem darauf, dass sie außerhalb des US-amerikanischen Sicherheitsapparates produziert wurden und informellen Anlässen entspringen. Neben Facebook dienten ihm Twitter und Flickr, gewöhnliche Suchmaschinen und ein paar Tricks des Social Engineerings als Hilfsmittel.

Die Fotos brachte Cirio mit Hilfe seiner selbst entwickelten Graffiti-Technik namens HD-Stencils bereits an die Häuserfassaden Londons, New Yorks und Paris'. Berlin ist die vierte Station seiner „globalen Intervention". Ähnlich wie beim subtraktiven Farbdruck erlaubt es die Technik mit vier Schablonen ein farbiges Bild über das Farbmodell CMYK-Farbmodell vollständig wiederzugeben.

Dank einer selbst geschrieben Software und dem Einsatz von Lasercuttern bilden die Schablonen auch kleinste Details ab. Cirio generiert sie digital mit Hilfe eines einfachen Codes in Processing. Den Code sowie ein Manual zum Erstellen hat der Künstler unter einer Open-Source-Lizenz auf seiner Website zur Verfügung gestellt.

Mit seiner überwachungskritischen Street Art hofft gleichermaßen einen kulturellen wie einen politischen Diskurs auszulösen. Während Privatleute vor allem ihr Verhalten in der digitalen Öffentlichkeit überdenken sollten, habe eine wirkliche Debatte über die Massenüberwachung amerikanischer Geheimdienste in der Politik noch immer nicht stattgefunden.

Paolo Cirios Werke sind ab heute in der Berliner Galerie NOME zu sehen. Die Serie „Overexposed" wird damit zum ersten Mal offiziell der Öffentlichkeit präsentiert.