Mosaik | Pixabay | CC0 Public Domain

Die LSD-Fans, die ihren Alltag im Microdosing-Rausch verbringen

Ein kleiner Einblick in die Welt der sparsamen LDS-Dosierung für den alltäglichen Gebrauch.

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Apr. 18 2016, 2:58pm

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James Fadiman hat schon viele seiner Lebensstunden damit verbracht, über LSD zu reden. In den letzten fünf Jahren hat er sowohl Privatpersonen als auch Kollegen aus der Wissenschaft erklärt, welch große medizinische Bedeutung LSD und andere halluzinogene Drogen haben können. Fadiman folgt dabei einem bewährten Mantra: Die Dosis macht das Gift. Sein medizinisches Potential könne LSD nur dann entfalten, wenn es in klitzekleinen Mengen eingenommen werde. Diese Methode nennt sich Microdosing.

Fadimans Ansatz ist weit entfernt davon, wissenschaftlich anerkannt zu sein—doch die Zahl seiner Anhänger wächst und wächst. Inzwischen erreichen ihn täglich etliche E-Mails begeisterter Microdosing-Fans, die ihm berichten, wie sie alle möglichen Krankheiten und gesundheitlichen Belange wie Angst, Depressionen oder sogar Clusterkopfschmerzen und Menstruationskrämpfe besiegt haben. Wann wissenschaftliche Einrichtungen beginnen werden, diese Berichte ernst zu nehmen, ist indes noch vollkommen unklar.

Der Grundgedanke des Microdosings baut auf der lang gehegten Überzeugung auf, dass geringe Mengen LSD bei der Bewältigung psychischer Probleme helfen und zu einer neuen Wahrnehmung führen können.

Klar ist: Die volle Dosis halluzinogener Substanzen bekommt nicht jedem gut, und dabei spreche ich leider aus Erfahrung. Während meines bisher einzigen LSD-Trips, der qualvolle 14 Stunden anhielt, lag ich weinend auf dem Boden eines Hotelzimmers und aß gefrorenen Fisch—den Rest der Geschichte erspare ich euch.

Beim Microdosing empfiehlt sich eine ganz andere Dosierung: Nur ein Zehntel der normalen Dosis (etwa 10-20 Mikrogramm) wird konsumiert—und das auch nur alle vier Tage. Mit diesem Einnahme-Rhytmus soll es problemlos möglich sein, den ganz normalen Tagesablauf in Angriff zu nehmen. Wenn man alles richtig gemacht hat, erlebt man keine furchtbaren Halluzinationen, keinen traumatischen Trip und nicht mal die so oft mit dem Drogenkonsum einhergehende Trägheit. Laut Fadiman berichten diejenigen, die das Microdosing konsequent durchziehen, dass sie sich insgesamt besser fühlen, weniger Angst empfinden, und dass sie damit sogar depressive Zustände überwinden konnten.

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„Leute, die Microdosing betreiben, essen und schlafen besser und fangen häufig an, sportlich wieder aktiver zu werden", berichtete mir Fadiman.

Vor fünf Jahren begann James Fadiman tiefer in die Szene des Microdosings einzusteigen: Er schrieb entsprechende Anleitungen für alle, die Interesse an dem experimentellen Drogenkonsum hatten und verschickte sie per Post und E-Mail—das damalige Dokument ist am Ende des Artikels zu finden. Doch er bat die Anhänger der Idee nicht nur, seine Ratschläge zu befolgen und ihm per E-Mail ihre Erfahrungen zukommen zu lassen:

„Machen Sie sich Notizen darüber, wie ihr Tagesverlauf war. Denken Sie zum Beispiel an die Menge der Arbeit, die sie erledigt haben, wie kreativ oder produktiv Sie gewesen sind, und wie wohl oder unwohl Sie sich dabei gefühlt haben. Notieren Sie, wie Sie sich anderen gegenüber gefühlt haben und vermerken Sie Veränderungen Ihrer Stimmung, Ihres Geschmackssinns, Ihrer physischen Kraft oder sonstige Symptome."

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Von den Reaktionen auf seine Anleitung war Fadiman vollkommen überwältigt—hunderte von Berichten wurden an ihn zurück gesendet, und die meisten davon waren positiv.

„Da eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome behoben werden konnten, könnte man annehmen, dass die Mini-Dosis LSD die aus dem Gleichgewicht geratenen Elemente [einer Persönlichkeit] wieder ins Gleichgewicht bringt; aber das ist bisher nur Spekulation", erklärte er Motherboard. „Diese Veränderungen können sich in unserem Nervensystem oder im im Hirnstamm abspielen—sie führen in jedem Falle dazu, dass die Mitochondrien-Funktion verbessert wird. Eine Frau, die während ihrer Periode Krämpfe und Unterleibsschmerzen hatte, fühlte nach dem Microdosing keine Schmerzen mehr."

„Ich bin der bekannteste und gleichzeitig unbekannteste Microdosing-Wissenschaftler der Welt."

Sowohl Fadiman als auch andere, mit denen ich über das Thema Microsdoing gesprochen habe, räumen ein, dass man es, wie bei jedem selbst verabreichten Mittel, auch in diesem Falle gefährlich übertreiben kann. PJ Vogt von Reply All beispielsweise nahm im Zuge seines Selbstversuches während eines seiner Podcasts zu viel LSD zu sich und will seitdem nichts mehr mit Microdosing zu tun haben.

Fadiman sagte, dass unter den vielen Rückmeldungen auf seine „Microdosing-Gebrauchsanweisung" etwa fünf Leute berichteten, überhaupt nicht mit ihrer Erfahrung zufrieden gewesen zu sein. Andere sagten, dass sie sich während des Microdosings gut fühlten, jedoch nach beendeter Einnahmephase wieder zurück in ihre Depressionen oder Angstzustände verfielen. Wieder andere nehmen das LSD zu oft ein und bauen eine Art Resistenz auf.

Bild: DeviantArt/OkainaImage

Ein Blick auf die wenigen bisherigen Erfahrungsberichte legt nahe, dass das Microdosing verhältnismäßig sicher und möglicherweise sogar wirksam ist, so lange man sich an Fadimans Anweisungen hält.

„Wenn man herausfinden will, wie die tatsächlichen Auswirkungen aussehen, sind Selbstversuche viel aussagekräftiger als klinische Studien", behauptet Fadiman. „So erfährt man nämlich etwas über die Reaktionen der Leute in ihrem alltäglichen Umfeld. Sie haben demnach kein Interesse an einem bestimmten Ergebnis der Studie. Klinische Studien sind hingegen nützlich, wenn man ein Mittel medizinisch zugänglich machen will."

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Vor 50 Jahren veröffentlichte Fadiman eine bahnbrechende Studie über halluzinogene Drogen und alternative Problembewältigungsverfahren. Sie gilt bis heute als eines der zentralen Werke, die mit eindeutigen wissenschaftlichen Nachweise den Nutzen von LSD im Bereich der Kunst untermauert. Solltet ihr euch zuvor schon einmal mit dem Thema Microdosing beschäftigt haben, wird euch das längst bekannt sein. Fadiman—und häufig er allein—wird nämlich in so gut wie allen Artikeln, die sich mit Microdosing beschäftigen, zitiert.

„Ich bin der bekannteste und gleichzeitig unbekannteste Microdosing-Wissenschaftler der Welt", beschrieb er seine exponierte Stellung in dem alternativen Forschungsfeld mir gegenüber.

Obwohl Fadiman von der Aussagekraft seiner Feldforschung überzeugt ist, sagte er, dass es an der Zeit sei, dass sich auch andere Forscher dem Thema annehmen. Während unseres Interviews gab er zu, dass er schlicht keine Ressourcen habe, weitere Studien zu lesen. Er plädierte dafür, dass Microdosing nun auch in klassischen medizinischen Studien wie zum Beispiel Blindstudien mit Placebos getestet werden sollte. Nur solche Tests könnten den Weg für eine medizinische Zulassung von LSD als mögliche Behandlungsmethode frei machen.

„Ich bin absolut dafür, Microdosing nun auch in klassischen medizinischen Studien wie zum Beispiel Blindstudien mit Placebos zu testen. "

„Die wissenschaftliche Grundlage ist momentan noch sehr wackelig", erklärte Matthew Johnson gegenüber Motherboard. Der Wissenschaftler der Johns Hopkins University hat unter anderem die psychischen Auswirkungen von Psilocybin und anderen Halluzinogenen erforscht. „Die Vorzüge dieser Selbsttherapie klingen einleuchtend und sind interessant, aber die Behauptung, dass danach plötzlich ‚alles passt und klappt und man sich einfach gut fühlt' ist sehr umstritten. Wir haben alle gute und schlechte Tage, unabhängig davon, ob wir Medikamente einnehmen oder nicht."

„Wenn jemand erwartet, einen guten Tag zu haben, ist es wahrscheinlicher, dass er tatsächlich einen guten Tag haben wird" fährt Johnson fort. „Im Grunde ist es das gleiche Gefühl, das man hat, wenn man fünf Milligramm Amphetamin oder eine kleine Dosis eines Aufputschmittels einnimmt."

Fadiman nennt Forscher wie Johnson pflichtbewusste Skeptiker—jemanden der einerseits glaubt, dass Microdoser eine Art Placebo-Effekt erleben, aber andererseits trotz hunderter positiver Fallstudien weitere Untersuchungen fordert.

Diese Video wurde mehr als 300.000 Mal angesehen—laut Fadiman ist es ein guter Primer, obwohl die Dosierungen ein wenig hoch seien.

„Ich finde, dass es eine faszinierende Idee ist und bin der Meinung, dass es an der Zeit ist, wissenschaftliche Studien mit entsprechenden Kontrollen und einem echten Placebo durchzuführen und zu untersuchen, wie einzigartig die Auswirkungen des Microdosings sind, wenn es denn tatsächlich welche gibt", fügte Johnson hinzu.

Das Problem ist, dass sich bislang niemand der Aufgabe angenommen hat, diese Art von Studien durchzuführen. Fadiman selbst gibt zu, dass er weder die notwendige finanzielle Unterstützung noch das Personal habe, um eine den Standards von Zulassungsbehörden entsprechende Blindstudie durchzuführen.

„Wenn du es richtig machst, wird dir Microdosing helfen"

Da aber die Feldforschung in den letzten Jahren besonders vielversprechende Ergebnisse lieferte, hat Fadiman Hoffnung auf neue wissenschaftliche Initiativen geschöpft. Er erzählte Motherboard, dass eine Gruppe von Forschern aus den Niederlanden und eine aus den USA versuchen wollen, entsprechende Studien in den nächsten Jahren in Angriff zu nehmen. Er wollte aber keine Namen nennen, da es wohl in beiden Fällen noch Einzelheiten zu klären gäbe, bevor die Studien tatsächlich begonnen werden könnten.

Auch erfahrene Microdoser würde die wissenschaftlichen Beweise gerne sehen, um einen Nachweis für ihre Reaktionen zu haben. Martijn Schirp, Gründer der Drogen-Infowebsite High Existence und selbst regelmäßiger Anwender des Microdosings sagt, dass halluzinogene Drogen immer noch einen negativen Beigeschmack haben, egal wie gering die eingenommenen Mengen sind.

„Ich denke, dass viele Leute es für sich behalten, so lange sie wissen, dass andere darauf herabblicken", so Schirp. „Aber der Mensch ist eben generell sehr leicht zu beeinflussen. Sobald er von einer Sache überzeugt ist, möchte er seine Meinung allen verkaufen—ich selbst mache das auch."

Angesichts all der neuen Anhänger erfreut sich Microdosing aktuell einer größeren Beliebtheit als jemals zuvor. Ein How-To-YouTube-Video, das mehrere tausend Mal angesehen wurde, wertet Fadiman als Beweis dafür, dass seine liebste Konsumweise langsam Teil des Mainstreams werde. Er gibt sich überzeugt, mittlerweile genügend Beweise gesehen zu haben, dass Microdosing jedes menschliche Leiden lindern könne. Als ich ihm erzähle, dass ich gelegentlich unter Panikanfälle leide, zögert er nicht lange mit seinem Ratschlag.

„Wenn du es richtig machst, wird dir Microdosing helfen", sagte er.