Was ihr von der Bundeswehr-App übers Soldat-Sein lernen könnt – und was nicht

Von YouTube lernen heißt in den Kriegen des 21. Jahrhunderts siegen lernen: Die Bundeswehr versucht seit heute mit einer App, neue Rekruten für sich zu begeistern. Das scheitert schon deswegen, weil der Bund davon ausgeht, Menschen hätten drei Arme

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22 August 2017, 1:19pm

Bild: Screenshot, Bundeswehrkarriere.de

Wie kann man junge Menschen dafür begeistern, in den Krieg zu ziehen? Die Bundeswehr hat auf diese doch recht komplexe Frage seit heute – und pünktlich zur Gamescom – eine neue Antwort: Mit einer App. Klar, denn Apps lieben wir Millennials noch mehr als Avocado auf Toast. Versprochen werden: VR-Übungen, Fitness-Challenges und eine Job-Börse. Ich befolge den Download-Befehl auf der Website, um zu testen, ob ich endlich den Redakteursjob aufgeben sollte, um mir eine sichere Stelle beim Militär zu suchen.

VR-Übungen: Der Bund macht auf Call of Duty

Bild: In dieser Übung stürme ich ein Haus | Bild: Screenshot, Bundeswehr Challenge

In drei Übungsszenarien soll ich testen, ob ich für das Heer gemacht bin, Bundeswehr-Schnupperkurs sozusagen. Die erste Challenge steht aber an, bevor es überhaupt losgeht. Wo ist die VR-Brille? Zum Glück fliegt in der Redaktion noch ein Exemplar vom großen VR-Porno-Test rum. Auf den Kopf damit.

Ich bin im Wald. Um mich herum knallen Schüsse. Zwischen den Bäumen hallen Schreie von anderen Soldaten: "Mein Bein, mein Bein!" – was zum Teufel!? Das 360 Grad-Video, das in der App läuft, ist schlecht aufgelöst. Ich bin desorientiert, soll ich irgendwas tun? Normalerweise wirbt die Bundeswehr mit Karrierechancen, Technik und Patriotismus, nicht mit verwundeten Soldaten, die in irgendeinem Wald ausbluten, während sie nach ihren Eltern rufen.

Hier kann ich entscheiden, ob ich über die Tür oder das Fenster das Haus stürme, aber nur eine Antwort ist richtig | Bild: Screenshot, Bundeswehr Challenge

Dann verwandelt sich die App plötzlich in ein simples Adventure-Game. Aus den Augen eines Soldaten sehe ich, wie Verwundete in ein Feldlager gezogen werden. Dort erscheinen dann Kreise über dem Körper eines Verwundeten. Einer über dem Kopf, einer über dem Bein. Ich soll mich wohl entscheiden, was ich zuerst verarzten soll.

Die App verwirrt mich | Bild: Motherboard/Daniel Mützel

Ich schaue auf das Bein, dort ist eine ziemlich fiese Wunde zu sehen. Ich sehe wie die Hand meines VR-Soldaten herunterreicht, aber dann stoppt mich eine schroffe Sanitäterin. "Was machst du da!? Denk an die Prioritäten!", rügt sie. Achso. Ja. Klar, so ein Bein ist nicht so wichtig, erst mal den Brustkorb checken. "Blut unter der Achsel!", brüllt sie und verarztet ihn.

Die Inspiration ist ganz klar Call of Duty

Dann erscheint der Übungsleiter und gibt Kritik: Guter Anfang, aber noch was zu lernen. Ich probiere noch eine andere Übung aus. Da darf ich dann ein Gebäude stürmen und Türen aufsprengen. Dazwischen springt die Perspektive von einem Drohnenpiloten zur Mannschaft im Panzer. Die Inspiration ist ganz klar Call of Duty: Die Perspektivwechsel, die Technik, die Schnitte, das Aufsprengen der Türen. Das alles wirkt, als ob die Bundeswehr sich ein paar Gamer angeln möchte, die Kriegsspiele geil finden. Da passt es auch, dass die App offiziell auf der Gamescom vorgestellt wird.

Challenge Time: Dreiarmige Liegestütze

Dieser charmante Mann will Liegestütze von mir | Bild: Screenshot, Bundeswehr Challenge

Von soviel VR und Zynismus wird mir schlecht. Ich versuche es mit der "Bundeswehr-Challenge". "Über die nächsten drei Wochen werden dir an 15 Tagen täglich zwei Aufgaben gestellt, die spätestens bis Tagesende zu bewältigen sind", heißt es in der App. Die erste Challenge, das sagt mir ein ziemlich grobklotziger Soldat, ist Basis-Training: Liegestütze, Sit-Ups, Burpees. So viele wie möglich in einer Minute, mit einer Minute Pause zwischen den einzelnen Übungen. Weil der Kerl so brüllt, setze ich meine Kopfhörer auf, um die Redaktion nicht zu nerven.

Das sollte ja wohl alles möglich sein. Denke ich. Aber dann legt die App einen drauf. Ich soll die Anzahl der Liegestützen zählen, indem ich auf den Bildschirm meines Telefons tippe. Aber...wie!? Hat sich die Bundeswehr da gerade mit der Anzahl von verfügbaren Armen verzählt? Ist Bundeswehr ausschließlich im Multiplayer spielbar?

Ich schiebe meine Zweifel zur Seite, konzentriere mich auf die Liegestützen und versuche so gut es geht, mit meiner Nase den Smartphone-Bildschirm zu berühren. Das klappt leidlich. Wie soll das nur mit Sit-Ups gehen? Und was sind Burpees!? Aber dann schießt der fieseste Piepton durch meine Kopfhörer, es fühlt sich an, als hätte mir der grobklotzige Drill-Sergeant von eben ins Ohr geboxt. Ich reiße die Kopfhörer runter und breche die Challenge ab.

"Aufgeben ist keine Option", will mir die App versichern. Doch. Ist es. Wer auch immer entschieden hat, dass es eine gute Idee ist, für Fitness-Übungen, bei denen ziemlich viele Menschen Kopfhörer tragen, hochfrequentige Piepstöne zu pumpen, gehört gefeuert. Aber vielleicht sehe ich das zu eng, vielleicht soll das nur Rekruten daran gewöhnen, dass Drill vor allem Schmerz bedeutet. Man möchte ja schließlich keine unrealistischen Erwartungen an das Leben in der Kaserne wecken, denke ich mir.

Der Berufefinder findet keine Berufe

Der Berufefinder will auch nicht, zumindest auf unserem Testgerät | Bild: Screenshot, Bundeswehr Challenge

Ich bin kurz davor, meine potentielle Militärkarriere an den Nagel zu hängen. Vielleicht doch lieber Call of Duty statt Bundeswehr. Ich schaue trotzdem in den dritten großen Teil der App. Den "Berufefinder". Dort schlägt die neue App der Bundeswehr direkt drei Laufbahnen vor: Marineelektroniker, Ingenieur und Fallschirmjäger. Letzteres klingt ganz unterhaltsam, aber das "kameradschaftliche Umfeld", das in der Stellenausschreibung erwähnt wird, klingt eher nach krasser Beschönigung, wie das "dynamische Arbeitsumfeld" eines Start-Ups. Ich lese da raus: Da wirst du verprügelt – aber vielleicht täusche ich mich da auch nur.

Hier will der nette Liegestützen-Mann, dass ich seine Stiefel putze. Leider bekomme ich diese kinky Challenge nicht zu Gesicht | Bild: Screenshot, Bundeswehrkarriere.de

Ich versuche in der Suche nach Schulabschlüssen und Interessensgebieten zu filtern. Vielleicht ist ja was für Vice-Redakteure dabei. Oder was mit Avocado-Toast. Fehlanzeige. Auf so gut wie alle Eingaben reagiert die Bundeswehr-App nicht. Will man nach Interessensgebieten filtern, sträubt sich das Dropdown-Menü plötzlich.


Bei Motherboard: Der lange Kampf für Smart Guns


Schade eigentlich. Dabei habe ich mich so auf die Stiefelputz-Challenge gefreut, mit der die App auf der offiziellen Webseite beworben wird. Ich entscheide mich, doch lieber dabei zu bleiben, über schlechte Bundeswehr-Apps zu schreiben, statt Soldat zu werden. Sorry, Bundeswehr. Mich konntet ihr nicht überzeugen. Vielleicht versucht ihr es als nächstes noch mit Let's Play?