Wie schädlich ist Handystrahlung wirklich – wissenschaftlich erklärt

Bekommen wir Kopfweh von Handystrahlung, verursacht sie Krebs? Sollten wir das Smartphone lieber nicht in der Hose tragen? Das sagt die Forschung.

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Mai 25 2018, 9:07am

Bild: Flickr | Alon | CC BY 2.0 | Bearbeitung: Motherboard

Sein Haus ist komplett abgedunkelt, Decken verhängen die Fenster, die Lampen sind aus den Wänden gerissen. Er wickelt sich in Metallfolie, und wer das Haus betreten will, muss das Handy draußen lassen. In der Hit-Serie Better Call Saul leidet der einst gefeierte Anwalt Chuck McGill an den Folgen von Elektrosmog. Alleine die Nähe zu eingeschalteten Elektrogeräten löst bei ihm Krämpfe aus.

In der Serie ist Chuck eine tragische, aber auch absurde Figur – denn wer wickelt sich schon in Metallfolie? Angst vor Elektrosmog haben aber tatsächlich viele Menschen, es muss ja nicht gleich so extrem sein wie in Better Call Saul. Viele fühlen sich gestört von den Strahlen von Handys, Routern und Elektromasten. Online-Ratgeber warnen davor, das Handy in der Hosentasche zu tragen, es könne ja unfruchtbar machen.

Ist da was dran an den zahlreichen Mythen über gefährliche Strahlen von Elektrogeräten? Wir haben uns durch Studien gewälzt, um zu erklären, was nach aktuellem Stand der Wissenschaft stimmt – und was totaler Quatsch ist.

Mythos 1: Strahlen sind gefährlich

Strahlen können tatsächlich schädlich sein – oder völlig harmlos. Menschen mit Strahlenangst halten ihr Handy schon für ein kleines Fukushima in der Hosentasche. Dabei übersehen sie, dass es unterschiedliche Arten von elektromagnetischer Strahlung gibt: Dazu gehören zum Beispiel Radiowellen, etwa von Rundfunksendern und Handymasten, Mikrowellen und Licht. Während zu viel direktes Sonnenlicht ungesund ist, würde wohl kaum jemand das Licht in einem hellen Zimmer als gefährlich bezeichnen. Die völlige Abwesenheit von elektromagnetischen Feldern gibt es übrigens ohnehin nicht, allein weil auch unsere Nervenzellen mit Elektrizität arbeiten. Wenn es in unserem Körper keine Strahlung mehr gäbe, wären wir tot.

Wirklich gefährlich wird Strahlung im hochfrequenten Spektrum. Das sind Röntgen- und Gammastrahlen aus radioaktiven Quellen. Sie haben so viel Energie, dass sie nicht einfach nur Wärme produzieren, sondern Moleküle in unserem Körper zerstören. Die Folge sind Strahlenkrankheit, Schäden am Erbgut und Krebs.

Mythos 2: Handystrahlung ist besonders stark

Die Strahlung von Handys gehört zum harmlosen, niedrigen Spektrum, genauso wie die Strahlung von WLAN-Routern. Sie können allenfalls Haut bei nahezu direkter Berührung geringfügig erwärmen. Gemessen wird elektromagnetische Strahlung mit dem sogenannten SAR-Wert, das steht für Spezifische Absorptionsrate. Unter anderem das Bundesamt für Strahlenschutz benennt einen Grenzwert von 2,0. Handelsübliche Smartphones haben SAR-Werte zwischen 0,14 und 1,75.

Die Stärke der Handystrahlung im Alltag ist aber nochmal deutlich geringer als diese Werte. Bei Messungen wird das Handy nämlich direkt ans Ohr und an den Körper gehalten, während es mit voller Leistung sendet. Aber elektromagnetische Felder werden immer schwächer, je weiter man vom Sender entfernt ist. Verdoppelt ihr den Abstand zu eurem Handy, kommt nur noch ein Viertel der Energiemenge bei euch an; vervierfacht ihr den Abstand ist es nur noch ein Sechzehntel. Hinzu kommt, dass Handys nicht immer mit voller Leistung senden, sondern nur, wenn zum Beispiel kein Funkmast in der Nähe ist und das Gerät verzweifelt Anschluss sucht.

Mythos 3: Handystrahlung macht impotent und verursacht Tumore

Könnte es nicht sein, dass neben den Geräten im eigenen Haus auch all die Funkmasten, Radio- und TV-Sender eine schädliche Wirkung haben, die bloß noch nicht bekannt ist? Ausgeschlossen werden kann das tatsächlich nicht. Aber wissenschaftlich ist das Problem ausgesprochen gut untersucht und es deutet alles darauf hin, dass die genannte Strahlung nicht gefährlich ist. Allein in der Literaturdatenbank des Forschungszentrums für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit finden sich hierzu fast 25.000 wissenschaftliche Publikationen. Die kann sich natürlich niemand alle durchlesen, weshalb es sogenannte Metastudien und zusammenfassende Stellungnahmen von Forschungseinrichtungen und Behörden gibt.

Dennoch sorgen immer wieder Studien für Aufsehen, die zumindest auf den ersten Blick das Gegenteil zu belegen scheinen. Doch viele dieser Studien haben methodische Mängel, wie das Bundesamt für Strahlenschutz feststellt. Einige bringen Handystrahlung in Zusammenhang mit bestimmten Krebserkrankungen. Die internationale Agentur für Krebsforschung hat Handystrahlung deshalb als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Damit stehen Handys auf einer Stufe mit eingelegtem Gemüse und Aloe Vera.

Die meisten dieser Studien haben das grundlegende Problem, dass sie Zusammenhänge aufdecken, ohne zu klären, was Ursache und was Wirkung ist. Zum Beispiel zeigt eine Studie der TU Haifa, dass Männer mit bestimmter Smartphone-Nutzung offenbar eine schlechtere Spermienqualität haben. Das könnte an der Strahlung liegen – oder an einer dritten, unbekannten Variable, die nichts mit der Smartphone-Nutzung der betroffenen Gruppe zu tun hat. Die Autoren solcher Studien weisen deshalb meist darauf hin, dass weiter geforscht werden muss. Diese Relativierungen fehlen oft in Medienberichten.

Solche Fehlinterpretationen von Studien führen gelegentlich sogar zu Gerichtsurteilen. So wurde in Italien einem Mitarbeiter der Telecom Italia eine Rente zugesprochen, nachdem er einen gutartigen Hirntumor bekam und ertaubte. Beruflich musste er 15 Jahre lang drei bis vier Stunden täglich telefonieren, weshalb das Gericht den Tumor als Berufskrankheit anerkannte – obwohl der wissenschaftliche Beweis dafür fehlt. Natürlich fühlen sich elektrosensible Menschen durch Urteile wie dieses bestätigt.

Mythos 4: Handystrahlen machen, dass man sich unwohl fühlt

Tatsächlich reagieren manche Menschen auf elektromagnetische Strahlen empfindlicher als andere. Der Verein für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte e.V. sammelt auf seiner Webseite Erfahrungsberichte, in denen Elektrosensible zum Beispiel über "Schlafstörungen, Nacken- und Schulterschmerzen, Energielosigkeit, Konzentrationsschwäche und Taubheit in den Händen und Füßen" klagen. Websites zu dem Thema nennen auch Müdigkeit, Depression, Kopfschmerzen, Ohrgeräusche, Schwindel, Bluthochdruck, Herzbeschwerden und allerlei anderes. Das Problem ist, dass diese Beschwerden bei allen möglichen Erkrankungen auftreten, besonders bei Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Burn-Out oder einfach: Stress. Dass Telefone ständig klingeln, könnte für die Gesundheit schon schädlicher sein als irgendein SAR-Wert.

Viele Menschen, die unter solchen Symptomen leiden, ziehen jahrelang von Arzt zu Arzt, ohne dass eine klare Ursache gefunden werden kann. Da kann für manchen naheliegend sein, den Grund in Handystrahlung zu suchen. Je mehr sich die Betroffenen damit auseinandersetzen und auf zweifelhaften Websites Fehlinformationen sammeln, desto stärker wird ihre Überzeugung, die Handystrahlen seien an ihren Krankheiten Schuld. Betrüger nutzen das aus und bieten im Internet für teures Geld Quatsch-Geräte, Kristalle und schamanische Rituale an, die eure Wohnung von Elektrosmog reinigen sollen.

Mythos 5: Menschen, die an Handystrahlung leiden, müssen sich nur zusammenreißen

So einfach ist das nicht: Manche Menschen leiden tatsächlich wie Chuck McGill aus Better Call Saul und schieben das auf Handystrahlung. Das verursacht wiederum Stress, der sich psychosomatisch in realen, körperlichen Beschwerden ausdrücken kann. Ein Teufelskreis, der besonders perfide ist, denn ob Strahlung der eigentliche Auslöser ist, lässt sich im Einzelfall nicht abschließend beweisen.


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Die Angst vor Elektrosmog kann also auch ohne konkrete Strahlenbelastung krank machen. In den USA gibt es Gebiete ohne Funkabdeckung. Einige Betroffene ziehen dorthin und berichten prompt, dass es ihnen viel besser ginge. Diesen Effekt untersucht der Psychologe Michael Witthöft von der Uni Mainz und kommt zu dem überraschenden Ergebnis, dass Medienberichte die Symptome auslösen können. Wie viele andere Forscher auch geht er vom sogenannten Nocebo-Effekt aus: Genauso wie bei einem Placebo – einer Pille ohne jeden Wirkstoff, die einem Teil der Patienten trotzdem hilft – entwickeln einige Menschen dabei Krankheitssymptome, allein, wenn ihnen gesagt wird, eine wirkstofflose Pille sei giftig.

Mythos 6: Menschen können Handystrahlen nicht mal spüren

Doch, einige können das, und das macht das Problem endgültig kompliziert. Das Phänomen heißt Elektrosensibilität und wurde unter anderem im Forschungsprojekt "Nemesis" an der ETH Zürich untersucht. Dort hat man Menschen einen Feldgenerator neben das Bett gestellt und überprüft, ob sich elektromagnetische Strahlung auf den Schlaf auswirkt. Mit durchaus kuriosen Ergebnissen: So schliefen einige der Probanden sogar etwas besser, wenn das elektromagnetische Feld eingeschaltet war. In einem anderen Experiment wurden die Versuchspersonen gebeten, einmal pro Minute zu sagen, ob gerade ein Feld vorhanden ist oder nicht, wie stark es ist und wie sie sich fühlen.

Auch hier war das Ergebnis überraschend: Einige Probanden konnten tatsächlich häufiger korrekt sagen, ob sie sich in einem Feld befinden, als es der Zufall erlauben würde. Allerdings wurden sie mit der Zeit schlechter im Erspüren der Strahlung, wenn die Versuche wiederholt wurden. Von einem besonders guten Spürsinn kann also keine Rede sein. Besonders interessant ist dabei: Diejenigen Versuchspersonen, die sich selbst als elektrosensibel bezeichneten, konnten elektromagnetische Felder nicht besser erspüren, als "normale" Versuchspersonen. Und "spüren" heißt noch lange nicht, dass die Betroffenen Krankheitssymptome entwickeln.

Fazit: Ihr könnt euer Handy ruhig anlassen

Die Wirkung von elektromagnetischen Feldern ist inzwischen umfangreich erforscht. Handystrahlung und WLAN-Router haben allenfalls eine minimale Wärmewirkung auf den Körper. Aber es gibt keine stichhaltigen Beweise dafür, dass sie tatsächlich die Gesundheit schädigen. Einige Menschen sind elektrosensibel, aber das sind nicht unbedingt diejenigen, die es von sich glauben. Trotzdem kann allein die schlichte Vorstellung krank machen, das von Handys, Sendemasten und WLAN-Routern eine Gefahr ausgeht. Sei also nett zu Chuck McGill, wenn du ihm begegnest.

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