4 Gamer erklären, warum sie anderen Spielern das Leben zur Hölle machen

Das Problem ist so alt wie Videospiele selbst: Gamer beleidigen, belästigen und bedrohen ihre Mitspieler – obwohl sie dafür aus dem Spiel fliegen könnten. Vier Flamer beichten, warum sie das Pöbeln trotzdem nicht lassen können.

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Nov. 8 2017, 10:40am

Bild: Riot Games 

Plötzlich reißt der Geduldsfaden des 22-Jährigen, der sich selbst online "BeSuperOrBeDead" nennt. Er hat zwar erst vor wenigen Minuten eine frische Partie League of Legends gestartet, doch er spürt bereits wieder die Wut in sich aufkochen: Mitspieler machen vermeintlich schwere Fehler, ignorieren seine Hinweise. "BeSuperOrBeDead" fühlt sich ignoriert und entleert kurzerhand seinen angestauten Frust in den Chat des Spiels. Er nennt seine Mitspieler abwertend "schwul", "homo" und auch das N-Wort fällt schnell. Keine Gelegenheit lässt er aus, um seine Mitspieler herunterzuputzen, kommentiert giftig jede Aktion. Nicht selten merkt er sich die Nicknames seiner Opfer, um sie auch noch nach Ende einer Partie anschreiben und weiter beleidigen zu können.

Dass er damit gegen die Community-Richtlinien des Spiels verstößt, weiß er natürlich, es ist ihm aber egal. Schließlich wurde er in der Vergangenheit schon mehrfach wegen seines toxischen Verhaltens aus dem Spiel verbannt. In solchen Fällen legt er sich einfach einen neuen Account an – wirklich ernste Konsequenzen befürchtet er nicht. Er fühlt sich sicher.

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Im Gaming nennt man ein solches Verhalten "Flaming". Wer online spielt, muss jederzeit damit rechnen, Flamern wie "BeSuperOrBeDead" zu begegnen: Menschen, die ihre Frustration über die angebliche Inkompetenz ihrer Mitspieler ungefiltert in den Chat gießen oder einfach nur aus Liebe zum Schimpfwort wahllos andere beleidigen. Dabei überschreiten sie mit ihrer Wortwahl schnell Grenzen: Überwiegend sexistische und rassistische Phrasen gehören zum Grundvokabular dieser Ausbrüche, um Mitspieler besonders stark zu treffen oder einzuschüchtern. Das sind klare Verstöße gegen die Richtlinien, die heute nahezu jedes Multiplayer-Spiel festlegt und die trotz unterschiedlicher Wortlaute meist ganz ähnliche Grenzen ziehen: Beleidigungen jeglicher Art sollen nicht zum normalen Umgangston gehören. Wer trotzdem Ziel dieser Flame-Attacken wird, kann und soll die Namen der Täter melden, so heißt es in den Richtlinien und FAQs der Spiele.

"Wenn jemand meine Ratschläge nicht annehmen will, dann bekommt er eben einen Spruch gedrückt. So ist das online nunmal."

Neben dem klassischen "Spieler melden"-Notfallknopf lassen sich dabei einige Entwicklerteams ganz besonders kreative Schutzmaßnahmen einfallen: Blizzard beispielsweise filtert den Chat ihres unglaublich populären Shooters Overwatch nach den gängigsten Schimpfworten wie "Arschloch", "Schwuchtel" oder auch despektierliche Phrasen wie "Easy Game" (sinngemäß: "Keine Herausforderung") und ersetzt diese durch Sätze wie "Meine Mama hat gesagt, dass ich ins Bett gehen soll" oder "Ich muss mich hinlegen und über mein Leben nachdenken".

Doch es scheint ein Kampf gegen sich wütend drehende Windmühlen zu sein: Trotz Melde-Systemen unterschiedlichster Art finden Flamer immer wieder einen Weg, ihrem Frust auf Kosten der Mitspieler Luft zu machen. Was aber treibt diese Menschen eigentlich an? Wieso nehmen sie täglich die Gefahr in Kauf, aus einem Spiel dauerhaft gesperrt zu werden, nur um einen fiesen Kommentar in den Chat zu trommeln? Gibt es vielleicht sogar nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten? Um das herauszufinden, haben wir uns mit vier Flamern unterhalten, die sich online regelmäßig im Ton vergreifen und uns nun gebeichtet haben, warum sie eigentlich so gemein zu anderen Spielern sind.

"SilentKillDragon" hasst Mitspieler, die nicht auf Ratschläge hören wollen

'DotA 2' gehört in unseren Interviews zu den meistgenannten Titeln, in denen die Nerven der Mitspieler regelmäßig zu versagen drohen | Bild: Valve Corporation

Motherboard: Verrate uns doch zuerst ein wenig über dich!

SilentKillDragon: Gerne. Ich bin 15 Jahre alt, komme aus Singapur und bin noch Schüler. Ich liebe Multiplayer-Spiele und verbringe pro Woche etwa 14 Stunden mit Counter-Strike, Overwatch und DotA 2. Nur leider gehen da manchmal meine Nerven mit mir durch.

Was regt dich denn in diesen Spielen so auf?

Mich machen Leute unheimlich wütend, die ganz offensichtlich Fehler machen, aber dann nicht zuhören wollen, wenn ich ihnen Tipps gebe. Ich kenne mich in einigen Spielen echt gut aus und wenn meine Ratschläge dann ignoriert werden, werde ich sauer.

"So ist das nunmal im Internet: Du flamest, ich flame, es ist ein verrückter Kreislauf."

Und dann dauert es nicht mehr lange, bis du beleidigend wirst?

Genau. Irgendwann reicht es mir und dann mache ich meinem Frust Luft. Das haben die aber auch verdient. Wenn sie dann beleidigend antworten, blockiere ich sie einfach, das ist mir dann egal.

Wurdest du denn schon mal gesperrt oder sonstwie für dein Verhalten bestraft?

In Dota 2 wurde mein Account schon mal für zwei Wochen gesperrt, aber dann habe ich einfach solange ein anderes Spiel gespielt. Ich sehe mich da auch im Recht: Wenn jemand meine Ratschläge nicht annehmen will, dann bekommt er eben einen Spruch gedrückt. So ist das online nunmal.

"ScopeMan" findet seine Beleidungen selbst schrecklich

Über zehn Jahre nach Release hat 'DotA 2' Anfang 2016 einen Führungsbericht eingeführt, der Spieler regelmäßig informiert, wie ihr Verhalten von Mitspielern bewertet wurde | Bild: Valve Corporation

Motherboard: Du bezeichnest dich selbst als "tragischen Flamer". Kannst du uns näher erklären, was du damit meinst?

ScopeMan: Eigentlich ist mein Leben ziemlich geil. Ich bin jung, Mitte zwanzig, verdiene als Software Entwickler sehr gut und habe eine tolle Freundin. Ich spiele täglich fünf bis sechs Stunden im Multiplayer, vor allem Dota 2 und bin eigentlich ein sehr ausgeglichener Spieler. Aber vor drei, vier Jahren ging es plötzlich bergab.

Was genau ist denn damals passiert?

In DotA 2 sind Flamer ganz normal. Ständig beleidigt jemand willkürlich andere Spieler – meistens, wenn er oder sie einen Fehler gemacht hat, den aber nicht zugeben will. Normalerweise habe ich diese Leute immer ignoriert, bringt ja nichts, mit denen zu diskutieren. Aber dann eines Tages war es genug und ich habe auf einen dieser Flamer reagiert.


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Du hast also zurück geschimpft?

Ich habe meine Mitspieler in Schutz genommen und die Flamer richtig vorgeführt. Die sind meistens nicht besonders eloquent unterwegs und es fiel mir leicht, sie mit schlagfertigen Antworten dumm aussehen zu lassen. Meine Mitspieler fanden das damals super und ich habe allmählich Gefallen an diesen bissigen Kommentaren gefunden. Zu beobachten, wie diese Flamer ausrasten, weil sie nicht mehr wissen, was sie mir entgegnen sollen, war das Größte!

Und das war dein Einstiegspunkt in die Welt der Flamer, ja?

Genau, ab dann ging es bergab. Ich begann, ohne Grund im Chat herumzumeckern und belaberte gnadenlos jeden, der mich zurechtweisen wollte. Andere Spieler meldeten mich dann immer häufiger und irgendwann hat das Matchmaking-System daraus Konsequenzen gezogen, die mich noch wütender gemacht haben.

In 'DotA 2' gibt es doch eine "geheime" Punktzahl, die dein Verhalten in Spielen misst und besonders ausfällige Spieler nur noch in gemeinsame Teams steckt. Darauf spielst du an, oder?

Richtig. Irgendwann spielte ich nur noch mit Flamern zusammen, es war die Hölle. Aber meine Entwicklung zum Flamer habe ich erst bemerkt, als ich irgendwann mal wieder einen Mitspieler zur Sau gemacht habe und er einfach nur schrieb "Es tut mir leid." Plötzlich wurde mir klar, was für ein Arschloch ich geworden war und versuche seitdem, von diesem Verhalten wieder wegzukommen. Es ist nicht einfach, aber ich versuche es. Mir tut das alles wirklich leid.

"BeSuperOrBeDead" ist Opfer seines eigenen Temperaments

'League of Legends' ist eines der meistgespielten Spiele der Welt und hat traditionell mit Flamern zu kämpfen. Daher arbeiten im Entwicklerteam auch eine Reihe ausgebildeter Psychologen, die ständig an neuen Melde-Systemen werkeln | Bild: Riot Games

Motherboard: Du hast uns verraten, dass du dich als "Flamer-Schwerverbrecher" siehst. Was genau können wir uns darunter vorstellen?

BeSuperOrBeDead: Bis ich mir kürzlich eine Zwangspause auferlegt habe, spielte ich täglich etwa sieben Stunden League of Legends. Mein Ziel war es immer, irgendwann mit den besten der Besten zusammenspielen zu können, aber mein Temperament machte mir bisher immer einen Strich durch die Rechnung. Ich kann schon gar nicht mehr aufzählen, wie viele meiner Accounts vorübergehend oder permanent gesperrt wurden. Und ich lerne einfach nichts dazu.

Und deswegen hast du jetzt beschlossen, erst einmal eine Pause einzulegen?

Genau. Ich bin zwar erst 22 Jahre alt, habe aber wegen meiner Zockerei schon einmal eine Ausbildungsstelle verloren. Ich kam einfach nicht mehr zur Arbeit, weil mich League of Legends emotional so aufgefressen hat. Ständig hatte ich das Gefühl, dass ich meine Mitspieler zurechtweisen muss, wenn sie nur die kleinsten Fehler begangen hatten. Ich weiß, dass das dumm ist, aber ich kam einfach nie gegen diesen Drang an. Der Wunsch, unbedingt aufsteigen zu wollen, hat mich überkritisch gemacht.

Denkst du, dass die vielen Sperren dich einsichtiger gemacht haben? Oder waren dir die Strafen immer egal?

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass ich gut finde, wenn andere Leute vor so Spielern wie mir beschützt werden – ich war wirklich ein Arsch. Andererseits würde ich mir wünschen, wenn Flamer wie ich, die eigentlich wissen, dass sie sich falsch verhalten, noch mehr Verwarnungen bekommen. So fühlte ich mich immer wieder überrumpelt von meiner Sperre und wurde noch frustrierter. Ein neuer Account ist schnell angelegt, aber dieser Frust begleitet dich noch eine ganze Weile.

"Lousner" wird wütend, wenn Mitspieler nicht gewinnen wollen

Die spielbaren Helden in 'Overwatch' sind sehr charakterstark und laden dazu ein, sich einen Liebling auszugucken. Allerdings scheint das auch üble Konsequenzen für Ranglistenspiele zu haben | Bild: Blizzard

Motherboard: Du hast uns verraten, dass du fast nur 'Overwatch' spielst. Was macht dich denn in diesem fluffig-bunten Shooter so wütend?

Lousner: Das Spiel selbst ist das Problem! So viele Menschen finden die unterschiedlichen Helden in Overwatch so süß und toll, dass sie einfach nur ständig ihren Liebling spielen wollen – ganz egal, ob das eine gute Entscheidung ist oder nicht. In Ranglistenspielen, in denen es echt um was geht, macht mich das einfach unglaublich wütend.

Das klingt eigentlich ganz nachvollziehbar. Hast du denn schon mal versucht, deine Mitspieler auf dieses Problem hinzuweisen?

Klar, aber das bringt alles nichts. Dann sagen die mir, ich solle das Spiel nicht so ernst nehmen und dann ticke ich einfach aus. Ich würde mich deswegen auch nicht unbedingt als Flamer, sondern eher als Opfer sehen, aber das ist wohl Ansichtssache.

Und hast du daraus eine Konsequenz für dich gezogen? Meldest du deine Mitspieler dann?

Nee, das ist doch sinnlos. Ich habe mir jetzt stattdessen angewöhnt, vor jeder Runde ein bisschen zu kiffen. Das entspannt mich etwas, auch wenn ich dann nicht mehr so gut spiele. Aber darauf kommt es ja dann auch nicht mehr an, wenn eh niemand Ranglistenspiele mehr ernst nimmt.

Wurdest du denn im Gegenzug schon mal in 'Overwatch' beleidigt?

Klar, ständig, bestimmt schon zwei Millionen mal. Aber ich hab eine dicke Haut, bin mit zwei Brüdern aufgewachsen und kann lockere Sprüche gut verdauen. Und so ist das nunmal im Internet: Du flamest, ich flame, es ist ein verrückter Kreislauf.