Screenshots: Age of Empires II HD | Mit freundlicher Genehmigung von Microsoft 

Warum Gamer auch nach 18 Jahren von 'Age of Empires II' noch immer besessen sind

Der faszinierende Echtzeit-Strategieklassiker ist für viele eine lebenslange Herausforderung geworden.

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Okt. 20 2017, 12:50pm

Screenshots: Age of Empires II HD | Mit freundlicher Genehmigung von Microsoft 

Die legendäre Strategiereihe Age of Empires erlebt gerade eine vielversprechende Neuauflage: Mit Age of Empires IV ist eine echte Fortsetzung in Entwicklung und die Teile Age of Empires I bis III lässt Microsoft in Form von aufgehübschten "Definitive Editions" noch mal aufleben. Zu verdanken haben wir das in weiten Teilen der treuen Fangemeinde von Age of Empires.

Hinter dem Reiz von Games im HD-Remake steckt normalerweise die Sehnsucht der Spieler nach vergangenen Zeiten. Im Fall von Age of Empires II sind diese Zeiten aber nie wirklich vorbei gewesen. Auch 18 Jahre nach der Veröffentlichung von Age of Empires II gibt es noch immer eine aktive Community, in der bis heute Online-Turniere stattfinden.

Erst im September hatten die zwei aktuell besten Spieler – DauT und TheViper – in einem Schaukampf um 2.000 US-Dollar gespielt. Das Preisgeld hatte ein einziger Fan des Spiels locker gemacht, der die beiden Top-Spieler gegeneinander kämpfen sehen wollte – bezeichnend für das Herzblut innerhalb der Community von Age Of Empires. Wie viele andere Spiele können 18 Jahre nach der Veröffentlichung ihrer letzten Erweiterung noch eine aktive Wettkampf-Szene aufweisen?

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Als Age of Empires II im Oktober 1999 veröffentlicht wurde, wirkte es zugänglicher als andere Echtzeit-Strategiespiele wie StarCraft oder Command & Conquer. Während die Konkurrenz mit Aliens oder hochtechnologisierten Armeen punktete, setzte Age of Empires II auf ein historisches Setting, das eindeutig vom Strategieklassikers Civilization inspiriert wurde.
Die damals beeindruckende Grafik erweckte längst vergangene Epochen der Menschheitsgeschichte zu neuem Leben.

"Wenn man das mit den mittlerweile insgesamt 31 Zivilisationen und ihren spezifischen Boni und Technologien kombiniert, gibt es unglaublich viele Taktiken, die man fahren kann."

Hinter der großartigen Optik versteckte sich dazu ein unfassbar komplexes Echtzeitstrategiespiel. Die Hauptmechanik von Age of Empires II ist der "Technologiebaum": Hier finden sich alle historischen Upgrades und Einheiten, die man im Laufe des Spiels freischalten kann. Der "Technologiebaum" ist nach historischen Epochen aufgeteilt, von der späten Antike bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Trotz dieses hochkomplexen Aufbaus und obwohl alle Multiplayer-Duelle auf zufallsgenerierten Karten spielen, auf die man sich nur schlecht einstellen kann, hat Age of Empires II Spiele wie Command and Conquer: Red Alert um Jahre überlebt.

Komplexität und Taktikkampf: Von Mangonell-Geschossen, Armbrustschützen und eingemauerten Dorfbewohnern

Denn genau durch diese Besonderheiten hat sich das Strategiespiel von Anfang an von den vielen anderen Games abgehoben, die auf ähnlichen Mechaniken basieren. "Es gibt vier Ressourcen, um die man sich immer kümmern muss – Holz, Stein, Gold und Nahrung – und die je nach Strategie anders gewichtet werden müssen", erklärt der wohl zur Zeit beste aktive Spieler, Ørjan Larsen – Online-Name TheViper – zur Komplexität von Age Of Empires II: "Wenn man das mit den mittlerweile insgesamt 31 Zivilisationen und ihren spezifischen Boni und Technologien kombiniert, gibt es unglaublich viele Taktiken, die man fahren kann."

Alle Screenshots mit freundlicher Genehmigung von Microsoft

Das Herzstück von Age of Empires II ist dabei immer das Zusammenspiel aus militärischen und wirtschaftlichen Faktoren. Unterschiedliche Zusammenstellungen der eigenen Armee erfordern immer eine unterschiedliche Menge der vier Rohstoffe. Immer wieder für die richtigen Mengen zu sorgen, ist mehr als kompliziert.

Gleichzeitig schreibt aber die militärische Situation vor, auf welche Ressourcen man Zugriff hat und somit, was für eine Armee man aufstellen kann. Das Spiel ist so konzipiert, dass eine Pattsituation fast unmöglich gemacht wird. Ständig springt der Vorteil zwischen den Kontrahenten vor und zurück, sobald neue Technologien neue Taktiken und Spezialeinheiten ermöglichen.

Darunter sind Einheiten wie die Mangonel, ein Katapult, das mehrere Geschosse gleichzeitig übers Feld zerstreut. Troy Hetzler, einer der ersten Spieler, der auf seinem YouTube-Kanal Resonance22 regelmäßig Videos über AoE gemacht hat, fasst es folgendermaßen zusammen: "Mit einer einzigen Mangonel kann man, wenn man sie richtig einsetzt, eine gesamte Armee von Armbrustschützen außer Gefecht setzen. So können sich Spieler, die kurz vor einer Niederlage stehen, wieder ins Spiel zurückkämpfen, falls sie die Taktik beherrschen."

Besonders fähige Spieler zeigen beeindruckende Spielzüge: Um den Geschossen einer Mangonel auszuweichen, teilen sie ihr Regiment an Armbrustschützen in zwei Flankengruppierungen – und zwar genau in der Millisekunde, bevor die Geschosse einschlagen. Erkundungsreiter blockieren Fluchtwege, und Dorfbewohner mauern sich selbst ein, um sich vor der Infanterie zu schützen.

Dynamisches Metagame auch nach 18 Jahren: Die Taktiken ändern sich bis heute

Age of Empires II gibt es momentan in zwei Versionen: das originale Spiel aus dem Jahr 1999 samt der Erweiterung Age of Conquerors, die ein Jahr darauf veröffentlicht wurde, sowie die Neuveröffentlichung von 2013, die HD Edition. Wie der Name verrät, glänzt AoE2HD mit einer besseren Grafik; außerdem wurden dem Spiel auch Gameplay-Updates und drei Erweiterungen verpasst, die von Forgotten Empires produziert wurden, einem Unternehmen, das von AoE2-Fans und Moddern gegründet wurde.

Der Launch dieser Version des Spiels verlief damals jedoch nicht ganz nach Plan; zwar sieht es im Einzelspieler-Modus schön aus und lässt sich auch gut spielen, jedoch fehlte hier der LAN-Modus, und es gab einige Performance-Probleme im Online-Multiplayer. Ein Großteil der Turnier-Szene spielt deswegen weiterhin die Originalversion, die in den letzten zehn Jahren nicht überarbeitet wurde.

Hetzler sagte uns, dass sich das Metagame, die Taktiken der Community, auch 18 Jahre nach der Veröffentlichung des Originals noch weiterhin verschiebt: "Zur Überraschung aller hat sich in den vergangenen paar Jahren die Kriegsführung in der Feudalzeit verändert. Jetzt liegt der Fokus stärker auf den vorher völlig ungenutzten Milizen." So viel Veränderung und Dynamik ist überraschend, denn bei den meisten Spielen ist das Metagame irgendwann "gelöst", die beste Taktik nach nur wenigen Monaten gefunden. AoE2 birgt aber auch nach 18 Jahren noch Überraschungen.

Hetzler hat 2009 begonnen, Videos über das Spiel zu machen; er hat Turniere veranstaltet und sich mit den Entwicklern der Age of Empires II HD Edition über die Erweiterungen ausgetauscht. Seine Videoreihe Break the Meta ist eine gelungene Einführung in die Welt des kompetitiven Age of Empires II.

Der bekannteste YouTube-Kanal, der sich der Welt von Age of Empires II widmet, heißt Spirit Of The Law und hat vor Kurzem die Marke von 100.000 Abonnenten erreicht. Es sind genau solche Kanäle, die dabei helfen, das Interesse am Strategiespiel neu zu entfachen. Auch sie tragen sicherlich dazu bei, dass ein neues Age of Empires entwickelt wird und die alten Teile neu aufgelegt werden. Auch die kleine eSport-Szene, die Turniere mit Geldpreisen organisiert, ist über diese Kanäle entstanden.

Erfolgsgeheimnis 2D-Grafik

Ein Teil des Erfolgsgeheimnisses liegt darin, dass Age of Empires II – obwohl es lange vor Twitch und YouTube designt wurde – einfach großartig aussieht. Es ist das letzte Strategiespiel, das auf der alten zweidimensionalen Sprite-Technik basierte, bevor dann die große Zeit der 3D-Grafik anbrach. Dadurch ist das Spiel besser gealtert als beispielsweise Warcraft 3 oder Age of Mythology.


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Während Hardcore-Gamer in den Nullerjahren Age of Empires II aufgrund seiner Technik als irrelevant einschätzten, hilft der zeitlose Look heute dabei, neue Fans auf YouTube zu überzeugen: Das klar erkennbare Historien-Setting gibt dem Spielgeschehen auf dem Bildschirm einen leicht verständlichen Rahmen. Jeder versteht, was es bedeutet, wenn Ritter in Pikeniere krachen, selbst wenn man noch nie eine Runde Age of Empires gespielt hat.

Krieg der Zivilisationen: Briten mit Bogenschützen, Franken mit Rittern, Goten mit riesigen Infanterieblöcken

Es macht auch einfach Spaß, den Gamern von Age of Empires II zuzuschauen. Jede Zivilisation hat andere Strategien, die sie verfolgen kann – die Briten haben ihre Bogenschützen, die Franken ihre Ritter, die Goten ihre riesigen Infanterieblöcke. Doch jede der potenziellen Strategien hat auch ihre Schwachpunkte; in Age of Empires II muss man oft versuchen, Gegner von ihren bevorzugten Strategien abzubringen, oder in einer bestimmten Situation zu improvisieren. In den Spielen geht es weniger um die reine Durchführung erprobter Strategien, sondern vielmehr um Kreativität.

Das Faszinierende an diesem Spiel ist im Endeffekt der Detailgrad, die Feinheit der Interaktionen. In einem der Videos von Hetzler baut ein Spieler der Franken mehrere Burgen direkt neben einem Goldhaufen, der seinem byzantinischen Gegner gehört, um so dem Bau seiner teuren, gefährlichen Einheiten zuvorzukommen. In den Burgen könnte der Spieler der Franken auch seine eigenen mächtigen Spezialeinheiten ausbilden, die Axtwerfer. Doch der Spieler der Byzantiner reagiert unerwartet auf die neue Bedrohung. Er bildet Pikeniere aus. Die verbrauchen kein Gold und sind leichte Beute für die starken Axtwerfer.

Doch die Pikeniere machen es zu riskant für die Franken, ihre Kavallerie ins Feld zu führen, die sehr empfindlich auf lange Speere reagiert. So können die Franken ihren mühsam erkämpften Vorteil nicht richtig umsetzen. Die Patt-Situation lösen die Byzantiner schließlich mit Schießpulver auf. Die Pikeniere werden zum menschlichen Schild für ihre schlagkräftigen Musketenschützen, die dann das Spiel entscheiden. Das Ausbilden und Opfern der Pikeniere war also die korrekte Entscheidung, obwohl sie auf den ersten Blick gar keine Chance gegen die Armee des Gegners hatten.

Zu keinem Zeitpunkt brachten die Franken ihre Ritter aufs Feld, die Pikeniere waren ein Konter für eine nicht-existierende Einheit – denn das wahre Duell wurde komplett in der Vorstellung der Spieler gefochten. Der Spieler der Franken sah die Pikeniere und hatte Angst, Ritter loszuschicken.

Moderne Spieleentwickler würden durchdrehen, wenn sie sähen, wie schlecht professionelles Age of Empires II vom zwanglosen, Casual-Standard-Spiel getrennt ist. Es gibt keinen kompetitiven Multiplayer-Modus, in dem man wie zum Beispiel bei Overwatch oder StarCraft II in Rängen aufsteigen kann. Auch der Storymodus lehrt Spieler keine Fähigkeiten, die im Multiplayer nützlich sein könnten. Aber genau diese Hindernisse, diese Komplikationen, lassen Gamer eine wahre Besessenheit für das Spiel entwickeln.

"Ich habe mit 7 angefangen, Age of Empires II zu spielen, und es war eines meiner ersten Spiele", sagt Hetzler. "Mein Vater war ein großer Fan, in meiner Kindheit hat er es ständig gespielt. Age of Empires II ist das Game, in das ich mit Abstand am meisten Zeit gesteckt habe. Mindestens 8.000 Stunden habe ich damit verbracht." Auch Larsen meint: "Ich habe auch einige andere Echtzeit-Strategiespiele ausprobiert, aber Age of Empires II ist das Spiel, zu dem ich immer wieder zurückkehre."

Bei vielen Neuveröffentlichungen nostalgischer, alter Spiele hat man das Gefühl, es wäre besser gewesen, wenn man es doch gelassen hätte. Doch wann auch immer Age of Empires II: Definitive Edition erscheinen sollte, wird sich zeigen, dass es ein zeitloses Spiel ist: ein Erbstück, das aus einer Epoche der PC-Spiele in die nächste übernommen wird.