Diese App will erkennen, ob du nur traurig oder schon depressiv bist

Per App die eigene psychische Gesundheit analysieren. Das klingt erst einmal nach einer guten Idee. Aber kann das in der Praxis wirklich klappen? Und wie wissenschaftlich ist der Ansatz von Moodpath?

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12 Juni 2017, 8:30am

Die Idee klingt toll: Die kostenlose App "Moodpath" des Berliner Unternehmens Aurora Health soll erkennen, ob ihr depressiv seid. Dafür braucht ihr nichts weiter zu tun als drei Mal pro Tag ein paar Fragen über eure Gefühle, eure Stimmung und eure Gedanken zu beantworten. Je nachdem, wie stark euch etwas belastet, könnt ihr zwischen 1 (wenig) bis 4 (stark) wählen. Visuell dargestellt wird das mit einem Rucksack, den ihr mit einem kleineren oder größeren Gewicht füllt.

Wenn ihr das Programm zwei Wochen lang mit Daten gefüttert habt, erstellt die App eine Vermutung über eure psychische Gesundheit. Diese Einschätzung könnt ihr mitnehmen, wenn ihr zum Doktor geht. So sehen Ärzte auf einen Blick, wie es ihren Patienten in den vergangenen zwei Wochen ging. In der Theorie soll die Analyse den Weg zu einer professionellen Beratung und die Arbeit des behandelnden Arztes erleichtern. Denn erst wenn verschiedene Symptome wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit oder auch Gedanken an Selbstmord länger als zwei Wochen lang anhalten, wird in der internationalen Klassifizierung von Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wirklich von einer Depression und nicht nur einer depressiven Episode oder Verstimmung gesprochen.

Bild: Aurora Health

Aber hält die App aus fachlicher Sicht, was sie verspricht? Dazu fragen wir bei Eva-Lotta Brakemeier nach. Sie ist Psychologieprofessorin an der Philipps-Universität Marburg und findet die App gar nicht so schlecht. "Positiv ist, dass die App nicht nur die typischen Symptome einer Depression abfragt, sondern auch der Grad der Belastung erhoben wird", erklärt sie. Dass die durch Gewichte, die in einen Rucksack gepackt werden, festgestellt wird, findet sie ebenfalls eine gute Idee.

Die App-Fragen basieren auf dem AMDP-System, einem System zur Erfassung und Diagnostik psychischer Krankheiten, sowie dem „International Classification of Diseases" ICD-10, ein weltweit gültiges Verzeichnis von Krankheiten und Kriterien für Diagnosen, erklärt Brakemeier. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es ihrer Meinung nach nichts an Moodpath auszusetzen: „Die Fragen nach den Symptomen der Depression orientieren sich an international anerkannten Methoden", sagt sie: „Gut ist, dass die Symptome drei Mal pro Tag über insgesamt 14 Tage erhoben werden. Das entspricht dem Zeitraum, nach dem Ärzte eine Diagnose stellen."

Ein Problem: Wer bekommt eigentlich die Daten und wer handelt mit ihnen?

Kritisch sieht sie hingegen die Frage des Datenschutzes der App: „Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, wer Zugriff auf die Daten erhält, wo sie gespeichert werden, ob sie in anonymisierter oder pseudonymisierter Form gespeichert werden, ob Forschung mit den Daten betrieben wird und ob und wann diese gelöscht werden", erklärt die Psychologie-Professorin. Für sie wäre eine kurze Information in einfacher Sprache und eine Einwilligungserklärung vor der ersten Nutzung der App aus ethischer Sicht wünschenswert.

Brakemeier sieht bei der Moodpath-App trotzdem Potential: "Wenn die Nutzung der App mit einem anschließenden Arzt- oder Psychotherapeutenbesuch verbunden wird, sowie bei Anzeichen einer Depression mit einer Behandlung, dann ist sie zweifelsfrei hilfreich und sinnvoll."

Bild: Moodpath

Jan Kalbitzer, Forscher, Psychiater und Psychotherapeut an der Berliner Charité sieht ein ganz anderes Problem der App: "Dass sie auf dem Start-Up-Markt entsteht, wo häufig die Notwendigkeit herrscht, früh Produkte auf den Markt zu werfen und dann erst zu schauen, wie sie sich entwickeln." Das passe aus seiner Sicht nicht gut zu einer medizinischen Anwendung solcher Programme.

"Wenn man keine Forschungsgelder bekommt, muss man auf Investoren zurückgreifen"

Auch mit den Entwicklern hat er über den finanziellen Druck schon gesprochen: "Ich habe die Jungs angerufen und sie haben mir rückgemeldet, dass es zu wenig Unterstützung von uns Wissenschaftlern und von staatlicher Seite gibt", erzählt er. Diese Kritik findet er berechtigt. "Wenn man keine Forschungsgelder kriegt, muss man auf Investoren zurückgreifen." Das, so Dr. Kalbitzer, sei zumindest ein Anfang.

Felix Frauendorf von Aurora Health, das Unternehmen das Moodpath entwickelt hat, sagt dazu: "Wir haben öffentliche Gelder beantragt und sind dort im Bewerbungsprozess weit fortgeschritten." Eine finale Zusage hätten sie allerdings noch nicht erhalten. Er kritisiert, dass die Prozesse sehr langwierig sind. "Ein Antrag auf Fördermittel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) aus dem letzten Jahr, bei dem wir uns gemeinsam mit zwei Universitäten und zwei ambulanten Praxispartnern beworben haben, wurde zum Beispiel mit der Begründung abgelehnt, dass es ja "nur" eine App ist und der Innovationsgrad zu gering sei", erzählt Frauendorf.


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Das Unternehmen würde sich öffentliche Förderung wünschen. Aber der Mitgründer von Aurora Health erklärt auch, dass jedes Unternehmen wirtschaftlich tragfähig sein müsse, auch im Gesundheitsbereich. Allerdings, das schließen die Moodpath-Macher aus, werden sie kein Geld mit den Daten verdienen: "Wir werden keine Daten an Dritte, wie zum Beispiel Pharmaunternehmen, verkaufen." Stattdessen arbeitet das Unternehmen aktuell an einem Zusatzprogramm für Moodpath, "das den Alltag von Nutzern strukturieren soll und hilfreiche Videos, Audio-Dateien und interaktive Übungen bereitstellt", sagt Frauendorf. Außerdem entwickle das Unternehmen neben Moodpath noch ein "Therapie-Unterstützungs-Programm", so der Mitgründer.

Die App kann Menschen nicht ersetzen

Genau wie Brakemeier sieht Kalbitzer das Einsatzgebiet der App vor allem in der Begleitung und Unterstützung einer Therapie: "Dann kann der behandelnde Arzt sehen, wie sich die Stimmung eines Patienten entwickelt. Wir Ärzte und Wissenschaftler müssen uns da dringend mehr an der Entwicklung guter Anwendungen beteiligen."

Kritisch sieht er hingegen die Idee, die App vor einer Therapie zu benutzen und als Indikator dafür zu verwenden, ob man ärztliche Hilfe benötigt. Denn das heutige Verfahren, das bei solchen Krankheiten verwendet wird, stelle Diagnosen oft so, dass zu wenig auf den Kontext der Erkrankung eingegangen werde, meint der Psychiater. "Wenn man Symptome A, B, C für zwei Wochen hat, hat man Depressionen, egal, ob zuvor etwas ganz Schlimmes vorgefallen ist oder nicht.", beschreibt er die vorschnelle Beurteilung eines Software-Programms. Ein behandelnder Arzt könne immer noch die Lebenssituation des Patienten berücksichtigen, ein App-Algorithmus nicht. "Das wird den Menschen in ihrer Individualität nicht gerecht", so Kalbitzer.

Das größte Risiko sehen beide Experten darin, dass Betroffene keine professionelle Hilfe aufsuchen.

"Daten können nebenher gesammelt werden, das kann das Menschliche aber niemals ersetzen.", so Kalbitzer. Und auch wenn die App den Weg zum Arzt erleichtern will, für Kalbitzer sollte dieser Weg menschlich begleitet werden – und nicht durch eine App. Personen, die das Gefühl haben, depressiv sein zu können, rät Kalbitzer, mit Menschen zu reden, denen man vertraut oder sich an Beratungsstellen zu wenden. "Ich glaube, dass der zwischenmenschliche Kontext das Wichtigste ist", sagt er. Doch er macht auch eine Ausnahme: Wer schwere Symptome wie Suizidgedanken hat, solle direkt zum Arzt gehen.

Für beide Experten ist also die App kein Ersatz für menschliche und professionelle Hilfe. Moodpath mag betroffenen Menschen helfen, ihre Krankheit zu erkennen, berücksichtigt aber nicht die Umstände der aktuellen Gefühlslage. Eine letztliche Entscheidung, ob man zum Arzt gehen sollte oder nicht, bietet die Software nicht. Aber Moodpath will genau das auch nicht, sondern nur eine Empfehlung geben. "Moodpath ist ganz klar nicht als Ersatz einer regulären Psychotherapie gedacht und soll nicht die ärztliche Versorgung verhindern. Darauf weisen wir mehrfach hin", stellt auch Mitgründer Frauendorf klar. Auch mache man dem Nutzer klar, dass es sich bei der Einschätzung nach der zweiwöchigen App-Nutzung nicht um eine ärztliche Diagnose handele und dass dafür ein Arzt beziehungsweise Psychotherapeut aufgesucht werden solle.

Als eventueller Beleg der Symptome der letzten zwei Wochen ist die App, wenn man professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, also durchaus sinnvoll. Begleitend zu einer Therapie könnte das Programm in Zukunft eingesetzt werden, um die Gefühlsentwicklung des Patienten zu beobachten.