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Diese Insekten-Zuchtstation für Zuhause will die globale Ernährungskrise lösen

Mit der tragbaren Insektenfarm „Farm 432“ kann man 2,4 Kilo Fliegen in nur 18 Tagen züchten. Wir haben uns mit der Erfinderin unterhalten, die einen vermehrten Insektenkonsum als Antwort auf die Ernährungskrise sieht.

​Insekten zu essen ist in ganz Europa ein wohl gepflegtes  Nahrungstabu. Allein der Gedanke an den Verzehr von Larven, Heuschrecken oder Spinnen führt bei vielen Menschen zu Ekel oder Brechreiz. Betrachtet man das Ganze aber rational und vorurteilsfrei, bietet ein aus Insekten bestehender Menüplan eine Reihe von Vorteilen: Sie sind zum Beispiel einfach und ressourcenschonend in der Züchtung, bestehen zu einem Großteil aus Proteinen, besitzen wenig Fett und enthalten enorme Mengen Eisen und für den Menschen überlebenswichtige Aminosäuren. 

Auch die Welternährungsorganisation glaubt, dass Insekten in der Zukunft einen ​wichtigen Beitrag zur Nahrungssicherung leisten werden. Da die Weltbevölkerung bis 2050 auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen dürfte, wird es immer schwieriger mit den vorhandenen Ressourcen (geeignete Böden, Wasser etc.) genügend Nahrung und Futtermittel zu produzieren. Insekten weisen dabei einen besonders günstigen ​Futterverwertungswert auf und brauchen zum Beispiel ​sechs Mal weniger Futter für ein Kilogramm Zuwachs als Rinder

Auch im Westen wird man bald mehr Insekten essen müssen.

Neben den ökologischen Vorteilen bietet die Insektenzucht im Vergleich zur Massentierhaltung von Säugetieren auch gewisse ethische Vorzüge, da viele Insekten ein Leben im Schwarm und auf engstem Raum natürlicherweise gewohnt sind.

Weshalb es im Westen diese Ablehnung gegenüber Insekten als Nahrungsquelle gibt, ist nicht ganz klar—aber vielleicht ist es einfach dieselbe Art von Vorurteil, die Japaner bei Buttermilch und Käse die Wände hochgehen lässt. Fest steht, dass es an vielen Orten der Welt als völlig normal gilt, zum Verzehr ​geeignete Insekten auf verschiedene Arten zuzubereiten und zu essen. Zu diesen Gegenden zählen Teile von Afrika (Nigeria), Asien (Bali, Thailand, Japan), Amerika (Guatemala, Mexiko) und Australien.

Mit dem Ziel, den Verzehr von Insekten auch im Westen zu etablieren, hat die Österreicherin Katharina Unger für ihr Diplom an der Universität für Angewandte Kunst in Wien die Insektenzuchtstation Farm 432 entwickelt. Das portable Habitat sieht nicht nur gut aus, sondern erlaubt das effiziente Züchten von Soldatenfliegen und deren Larven für den praktischen Heimbedarf.

Die von Katharina Unger entwickelte Insektenzuchtstation Farm 432 für den Heimbedarf.

Die von Katharina Unger entwickelte Insektenzuchtstation für zu Hause. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Katharina Unger, Livin Studio

Soldatenfliegen eignen sich deshalb besonders gut, weil sie im Erwachsenenalter nicht essen und sich die Larven saprophag ernähren—also von toten organischen Substanzen wie beispielsweise Bioabfällen. Dadurch wird für die Zucht lediglich etwas Wasser benötigt und so gut wie kein CO2 ausgestoßen. Nach 18 Tagen, also 432 Stunden, haben sich in der von Katharina Unger entworfenen Zuchtstation aus einem Gramm Soldatenfliegen-Eiern ganze 2,4 Kilogramm Protein in Form von Larven entwickelt.

MOTHERBOARD: Weshalb hast du einen Insektenbrutkasten als Thema für deine Uni-Abschlussarbeit ausgewählt?

​Katharina Unger: Ich war vor meinem Abschlusssemester einige Monate in Hong Kong. Dort wurde mir die Komplexität bewusst, die sich hinter den Produktions- und Verteilungswegen unserer Nahrung verbirgt. Ich habe daraufhin im Zuge meiner Abschussarbeit zum Thema „Factory Farming: Future Food Integrity", also Industrielle Tierhaltung, zu recherchieren begonnen. Als ich mehr und mehr über die Ineffizienz dieses Systems erfuhr, suchte ich nach Alternativen und kam so über Umwege zu den Insekten.

Hattest du schon davor Erfahrungen mit dem Essen von Insekten gesammelt?

​Nein, eigentlich nicht. Ich habe mir ein paar Grashüpfer, Mehlwürmer und Grillen vom Zoofachhandel besorgt, zum Experimentieren, einfach mal drauf los zu kochen und zum Kosten.

Farm 432: Funktion von Katharina Unger auf Vimeo.

Wo liegen die ökologischen Vorteile, wenn mehr Insekten und beispielsweise weniger Rindfleisch konsumiert wird?

​Da gibt es eine ganze Reihe: Insekten brauchen üblicherweise weniger Energie zur Produktion und Vermehrung, im Allgemeinen stoßen sie auch nur einen Bruchteil des CO2 aus. Sie brauchen viel weniger Wasser und können auf (Nahrungsmittel-)Abfällen produziert werden, daher stehen sie, anders als Säugetiere wie Rinder, in keiner Konkurrenz zu pflanzlicher, menschlicher Ernährung. Aufgrund ihrer Größe können Insekten auf kleinerer Fläche gezüchtet werden. Sie kommen in der Natur üblicherweise in Massen vor und sind diese Lebensumstände quasi gewohnt. 

Bisher ist keine Krankheitsübertragung durch den Insektenverzehr bekannt.

​Im Unterschied zu Kühen oder Schweinen zum Beispiel, die in der Massentierhaltung künstlich auf kleinste Räume zusammengepfercht werden und damit ihrem natürlichen Lebensraum beraubt werden. 

Viele menschliche Krankheiten entstehen zudem im Zuge von Fleischkonsum. Schweine zum Beispiel sind uns Menschen anatomisch als Wirbeltiere sehr ähnlich, daher ist das Risiko für Zoonosen durch den Konsum von herkömmlichem Fleisch größer. Auch Influenzaviren kommen sehr oft aus Geflügelzuchten. Es sind bisher jedoch keine Krankheitsübertragungen durch den Konsum von Insekten bekannt, wahrscheinlich weil sie genetisch so weit von uns entfernt sind.

Die Insektenzucht im Vergleich zur kommerziellen Haltung von Säugetieren. Die Unterschiede beim Verzehr von 100 Gramm Insekten oder 100 Gramm Rindfleisch sind gravierend.

Das Essen von Insekten gilt in der westlichen Welt weitgehend als Tabu, in anderen Teilen der Welt wird die Sache weniger eng gesehen. Denkst du, dass es in den kommenden Jahren zu einem Paradigmenwechsel kommen könnte?

Vor einigen Jahrzehnten war es in Europa kaum vorstellbar Sushi, also rohen Fisch, zu essen. Heute findet man es an jeder Ecke und so gut wie jeder isst hin und wieder Sushi. Insekten sind vom Genusserlebnis sehr ähnlich zu Shrimps oder anderen Meeresfrüchten. Auch rein optisch kann man Ähnlichkeiten erkennen, ein Shrimp sieht aus wie ein Insekt im Meer. 

​Die Wahl der Nahrungsmittel ist eine kulturelle Frage. Sobald Starköche damit kochen und es, wie es bereits jetzt schon passiert, in den Medien thematisiert wird, beginnt auch der normale Konsument, neugierig zu werden. Essen ist gleichzeitig auch Gewöhnungssache. Man beginnt ja auch erst etwas später im Leben, den Geschmack von Kaffee, Alkohol oder Oliven gut zu finden. Also alles eine Frage der Perspektive.

Farm 432: Die Züchtung schwarzer Soldatenfliegen von Katharina Unger bei Vimeo.

Welche Insekten eignen sich für die Zucht und den Verzehr besonders gut?

​Es gibt mehr als 1.400 essbare Insektenarten. Die am häufigsten verzehrten sind Heuschrecken und Grillen, aber auch Bienenlarven, Seidenwürmer und Mehlwürmer. Außerdem isst man in Asien häufig verschiedene Schaben- oder Käferarten. Termiten sind besonders in Afrika und Indien beliebt. Ich habe für mein Projekt die Larve der schwarzen Soldatenfliege gewählt, weil sie besonders leicht auf Bioabfällen aus der Küche zu züchten ist und einen raschen Lebenszyklus hat. Manche Insekten, wie zum Beispiel Heuschrecken, brauchen frisches Gras oder sonstige, hochwertige Futtermittel, die die Zucht nicht ganz so einfach und nachhaltig machen wie die der Soldatenfliege.

Mein Rezepttipp: Larven-Quiche.

Hast du Rezept-Tipps für besonders leckere Insekten-Gerichte?

​Larven-Quiche! Das Ganze wird ähnlich wie eine Frischkäse-Quiche mit Speck zubereitet nur, dass anstelle des Specks Larven zugegeben werden. Am besten in Zwiebel, Knoblauch und Butter anbraten und dann zur Frischkäsemischung hinzugeben. Vor Kurzem habe ich auch in Öl und Currypulver knusprig geröstete Heuschrecken mit Sauerrahm gekocht. War ebenfalls sehr lecker.

Mittlerweile hat sich aus deiner Abschlussarbeit ein Start-up entwickelt. Wie sehen die nächsten Schritte aus? Denkt ihr zum Beispiel über eine Crowdfunding-Kampagne nach, um eure Insektenfarmen weiterzuentwickeln oder in Produktion zu bringen?

​Ich habe das letzte Jahr damit verbracht, auf der ganzen Welt das Essen von Insekten und meine Insekten-Farm zu promoten. Wir haben Crowdfunding schon ganz zu Beginn in Erwägung gezogen, allerdings ist eine Kampagne dann besonders dafür geeignet, wenn du Unterstützer am Ende mit dem eigentlich Produkt belohnen kannst. Dafür sind noch ein paar interne Entwicklungsschritte notwendig, bis wir unsere Insekten-Zuchtstation interessierten Menschen im Zuge einer Crowdfunding-Kampagne zur Verfügung stellen können.