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Die erste Firma der Welt ohne Menschen geht an den Start und bricht alle Rekorde

Kein Chef, keine Angestellten, kein Gebäude. Der schönste Traum staatskritischer Libertäre und Krypto-Fans ist wahrgeworden: Eine autonome Firma, die nur als Code im Netz exisitert und Investoren durch Smart Contracts reich machen soll.

Kein Chef. Keine Kollegen. Kein Gebäude. Die DAO, eine Firma, die nur als Code exisitert, ist heute schon mit Abstand das größte je im Netz finanzierte Projekt und stürzte damit das Weltraum-Game „Star Citizen" (113 Millionen Dollar) locker vom Spitzenplatz.

In nur 27 Tagen hat die DAO über 160 Millionen Dollar in Form der Bitcoin-ähnlichen Kryptowährung Ether von einer begeisterten Crowdinvestment-Gemeinde eingesammelt. Seit dieser Woche läuft die Dezentrale Autonome Organisation, die von zwei Brüdern aus dem sächsischen Mittweida zusammen mit ihrem Londoner Geschäftspartner erdacht wurde, nun auf dem Ethereum-Netzwerk, um gemeinschaftlich Startups zu finanzieren.

Es ist der schönste Traum der staatskritischen Libertären, der bis heute überall in der Krypto-Währungscommunity und unter den Trümmern vieler gescheiterter Bitcoin-Projekte zu finden ist: Eine echte, dezentrale, autonome Organisation, die nicht von persönlichen Interessen geleitet wird und weder von einem Staat, Banken oder nationaler Rechtssprechung abhängig ist, sondern selbst schaltet und waltet.

Was im Umkehrschluss bedeutet: Ob die Firma überhaupt legal ist—und ob es überhaupt eine Firma ist oder eher ein Staat, was die Sachsen da zusammengecodet haben—ist völlig unklar, weil sie nur im Netz existiert.

Bild: Screenshot The DAO

In einem Manifest verschreibt die DAO sich folgenden Werten: „Transparenz, Demokratie, Dezentralisierung, Freiwilligkeit…" Alles nicht direkt Begriffe, die man auf Anhieb mit einer Investmentfirma in Verbindung bringen würde; im Gegenteil: Risikokapital, insbesondere aus Silicon Valley, zentralisiert Macht häufig auf ungesunde Weise und kann ganze Industrien von Grund auf neu aufrollen oder—wie bei Uber oder anderen disruptiven Geschäftsmodellen bereits passiert, mit einer neuen und radikalen Idee ersetzen.

Genau das will eigentlich auch die DAO: Den Mittelsmann in einer Investmentfirma überspringen. Statt Chefs, die über das Kapital entscheiden, gibt es bei DAO „Tokens" (also Stimmrechte) entsprechend des Betrags, den man investiert. Mit dem Geld werden Beteiligungen an Startups finanziert, die Dienste und Anwendungen rund um Ethereum entwickeln. Kein Fonds-Manager bestimmt, in welche Projekte das Geld gesteckt wird, sondern die DAO-Mitglieder. Projektvorschläge kann jeder einreichen. 20 Prozent der Mitglieder müssen mindestens wählen, damit eine Entscheidung gültig wird. Der Rest wird vom Code erledigt, den jeder einsehen und jede Transaktion auf der Blockchain überprüfen kann.

Die virtuelle Investmentfirma ist nicht abschaltbar—solange das Internet online ist. Sie ist nicht steuerbar—weil ihr Code dezentral ist, und die Firma niemandem gehört und keinen Sitz hat.

Alle Investments, die von den Mitgliedern gewählt wurden, werden durch Smart Contractsgeregelt. Das sind Computerprogramme, die die Bedingungen eines Vertrags ständig und automatisiert überprüfen und ausführen. Zahlungen, zum Beispiel an ein Startup, sind an Ziele gebunden—werden sie erreicht, wird das Geld automatisch überwiesen; davor passiert nichts.

Bild: Screenshot The DAO

Schon heute kontrolliert das DAO 16 Prozent des gesamten Ether-Vorrats. Blogs wie Altcoinspekulant versprechen einen kurzfristigen Gewinn von 50 bis 100 Prozent.

Ethereum wurde 2014 von dem erst 20-jährigen Programmierer Vitalik Buterin erdacht. Er wollte ein Bitcoin-ähnliches Netzwerk kreieren, das ein größeres Spektrum an Aufgaben bewältigen kann. Sein Projekt kann tatsächlich mehr als nur Zahlungen vereinfachen: Das aufregendste an Ethereum ist seine Fähigkeit, verbindliche Verträge und Finanzvereinbarungen zu schaffen, die komplett von Software umgesetzt werden. Es braucht kein Gericht, keinen Anwalt oder einen sonstigen menschlichen Mittelsmann. Die Verträge können kaum manipuliert werden, denn die Blockchain ist zwar langsam, aber durch die Dezentralisierung und die Verteilung auf tausende Computer gleichzeitig, die die Rechenaufgaben ausführen, sehr widerstandsfähig.

Ist die Anonymität der Investoren ein Bug oder ein Feature?

Ganz ohne menschliche Beteiligung läuft DAO allerdings (noch) nicht: Eine gewisse Vorauswahl für die Projekte, die zur Abstimmung kommen, treffen elf sogenannte Kuratoren, die die Vorschläge auf grundsätzliche Machbarkeit oder Codefehler abklopfen sollen. Auch sie können allerdings jederzeit gefeuert oder abgewählt werden, wenn die Mitglieder sich dazu entscheiden.

Theoretisch erstrecken sich die Abstimmungen der DAO von der Farbe der Buttons auf der Website bis hin zu fundamentalen Änderungen am Code. Eine davon wird bereits heiß diskutiert: Ob die Anonymität der Investoren ein Bug oder ein Feature ist, weil es die Nachverfolgung eines Investments zurück zu einer Person extrem schwierig macht.

Ein ganz anderes Problem ist die Frage der Haftbarkeit—wer hält den Kopf für ein Scheitern der „Firma" hin, wenn es doch keinen Gerichtsstand und keinen Chef gibt? „Du kannst deine Verantwortung nicht wegcoden", meint ein von der New York Times befragter Anwalt und verweist auf das Team der Gründer und Coder.Die allerdings wollen nun gar keine große Rolle mehr spielen; stattdessen soll das DAO für sich sprechen.

Hinter dem Projekt stehen zwei Menschen aus Mittweida, die sich als langjährige aktive Mitglieder in der Ethereum-Community etabliert haben: Christoph Jentzsch und sein Bruder Simon haben die DAO programmiert. Eigentlich ist sie nur ein Vertrag, der als Code in eine Adresse auf der Ethereum-Blockchain geschrieben ist und die Grundregeln festlegt. Christoph Jentzsch ist aber überzeugt: „Diese Technologie repräsentiert die Zukunft des Internets."

Bislang gibt es nur wenige Projekte, die für eine Investition zur Verfügung stehen. Das deutsche Startup Slock.it gehört dabei zu den Pionieren auf der DAO; es ist das Baby des DAO-Programmierers Christoph Jenztsch und beschäftigt sich mit Internet of Things-Projekten. Slock.it will die Sharing Economy dezentralisieren—Unternehmen wie Uber sollen in die Hände der Nutzer übergehen, was einer kleinen Revolution entspräche.

Doch es gibt durchaus auch schon Kritik am DAO: Direkt nach Ende der Finanzierungsphase veröffentlichte ein Team aus Ethereum-Entwicklern und Forschern einen Appell nach einem Stopp aller Aktivitäten, bis das Ökosystem nicht mehr so angreifbar wäre: „Die Menschen, die sich nicht beteiligen und nur Trittbrettfahrer sind, die nicht-aktiven Mitglieder von The DAO werden diejenigen sein, die von Schwachstellen und Biases über den Tisch gezogen werden", schreibt der Entwickler Vlad Zamfir.

Teilnehmer würden durch die Mechanismen des DAO dazu gebracht, strategisch zu handeln statt entsprechend ihren tatsächlichen Interessen. Auch andere Kritiker glauben, dass die Theorie eines gemeinsam entschiedenen, lukrativen Projekts möglicherweise an individuellem Egoismus des Einzelnen scheitern könnte. Auch die Open-Governance-Struktur ist anfällig für eine feindliche Übernahme, die bei einer 51-Prozent Mehrheit erreicht werden könnte.

In einem Paper arbeiten die Autoren des Appells sieben Probleme mit dem DAO heraus, die zum Teil dazu führen können, „dass ehrliche Investoren ihren Einsatz entgegen ihres eigentlichen Interesses verwendet sehen". Bis diese Probleme des angreifbaren Ökosystems gelöst sind, raten die Autoren, sollten keine weiteren Investitions-Vorschläge mehr abgegeben werden.

Die Mechanik braucht also noch etwas Feintuning. Doch die Maschine läuft.