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Zu Besuch im sichersten Datenbunker der Schweiz

Das Geschäft mit der Privatsphäre ist in Zeiten von NSA-Skandalen und wachsender Wirtschaftsspionage besonders einträglich. Wir waren in einer der größten, unterirdischen Einrichtungen zur zugriffssicheren Datenspeicherung.

​Die Schweiz bekannte sich auf der ​Berliner Steuer Konferenz 2014 zum automatischen Datenaustausch und verpflichtet sich dazu, das Bankgeheimnis für sämtliche internationale Kunden ab 2018 abzuschaffen. Während die Fiskal-Technokraten in Berlin das Ende einer Ära beschwören, etabliert sich tief im Berg unter den Schweizer Alpen jedoch längst ein neues Geschäft mit der Privatsphäre: Willkommen im Datenbunker von Deltalis, dem wohl sichersten Rechenzentrum Europas.

​Der Bunker namens K7, der auf einem Gelände knapp 80 Kilometer außerhalb von Zürich liegt, ist einer der größten atomsicheren Anlagen der Schweiz und wurde 1948 erbaut, um im Ernstfall dem Schweizerischen Militär in den Jahren von 1956 bis 1976 als Kommandozentrale zu dienen. 2007 wurde er schließlich an den heutigen Eigentümer, Deltalis, verkauft.

15.000 Quadratmeter Bunkerfläche sind noch lange nicht ausgeschöpft

Privatpersonen und Geschäftskunden aus aller Welt trauen den Datenracks von Deltalis in der ehemaligen Kommandozentrale der Schweizer Armee ihre sensiblen und geheimen Daten an. Wo sich das Militär während des Kalten Krieges für den Ernstfall wappnete, hat die IT-Firma Deltalis in den vergangenen Jahren ein imposantes und hochmodernes Rechenzentrum eingerichtet, dessen Fläche von 15.000 Quadratmetern bei weitem noch nicht voll ausgeschöpft ist.

Der unscheinbare Personaleingang zum Datenbunker. Alle Bilder: VICE MEDIA

Zur Klimatisierung der Server wird das Grundwasser des Berges verwendet, das sich im Trinkwasserreservoir der ehemaligen Kommandozentrale befindet.

Eine von mehreren noch leerstehenden Kavernen, die Andy Reinhardt uns auf unserer Tour durch den Bunker zeigte.

Während dem Besuch im Bunker überkamen uns auch leise Zweifel an der gesellschaftlichen Verträglichkeit dieses neuen Geschäftsmodells. Obwohl es grundsätzlich zu begrüssen ist, dass Firmen, die sich von Wirtschaftsspionage bedroht sehen, auf einen sicheren Hafen in einem neutralen Land zurückgreifen können, birgt eine diskrete Privatsphäre immer auch Missbrauchspotential.

Das Bankgeheimnis wurde 1934 unter anderem auch für verfolgte Juden eingerichtet, die ihr Vermögen vor den brandschatzenden Nazis verstecken wollten. Schlussendlich verkam es aber zum Steuerhinterziehungs-Schlupfloch für deutsche Fussballfunktionäre und feministische Moralistinnen.

Sollten die Behörden, um einer ähnlichen Entwicklung vorzubeugen, nicht genauer hinschauen, welche Daten in diesem Bunker gelagert werden? Immerhin haben wir es hier teilweise mit Firmen zu tun, die in Regionen operieren, in denen Menschenrechte systematisch missachtet werden. Und ist ein physischer Schutz nicht eine Illusion, wenn die tatsächliche Gefahr für Datensicherheit ohnehin im virtuellen Angriff liegt?

Um diese Fragen zu beantworten, trafen wir uns mit einem Hacker vom Chaos Computer Club Zürich, einem Rechtsprofessor der Universität Zürich und unterhielten uns länger mit dem Geschäftführer von Deltalis.

Deltalis beherbergt in dem abgelegenen Tal am Urnersee ​drei separate Kavernen mit ebenso vielen Stockwerken. Vielleicht erklärt sich die große Nachfrage nach den Racks im Datenbunker durch die majestätisch-ruhige Ausstrahlung der Schweizer Alpen, immer neue NSA-Enthüllungen, die stetig perfider werdende Wirtschaftsspionage oder einfach nur an der absoluten Diskretion der Eidgenössischen Behörden und dem „vorteilhaften Steuerrahmen", mit dem Deltalis selbst die Schweiz als sicheren Hafen für Datenbunkerung jeder Art bewirbt.

Laut der stolzen Angabe von Deltalis handelt es sich bei dem Bunker um eine der sichersten derartigen Einrichtungen Europas. Die Standortfaktoren und das Geschäftsklima der Post-Snowden-Ära sind in jedem Falle günstig, um weiter in dem Berg in Attinghausen, aber auch in anderen Bunkeranlagen der Schweiz zu expandieren.