Quantcast
Features

Talk through the Hand

Stefan Greiner kann über sein Magnetimplantat Sounds abspielen. Für die Zukunft stellt er sich vor, die Magneten überall in unserem Alltag als Kommunikationsplattform zu nutzen.

Max Hoppenstedt

Max Hoppenstedt

Ein Magnetimplantat ist längst eine der Standardprozeduren für angehende Cyborgs. Auch Stefan Greiner hat sich vor geraumer Zeit der einfachen und recht schmerzfreien Operation unterzogen. Und wie es sich für einen anständigen Selbstaufrüster gehört, ist er längst schon dabei zu experimentieren, was sich mit seinem sechsten Sinn im Ringfinger noch alles anstellen lässt.

Die neueste Entwicklung des Gründungsmitglieds des Berliner Cyborg e.V. ist dabei eine Cyborg-Mixtur aus Körperspaß und Werkzeug: Stefan bringt mit dem Fingerimplantat seine Hand zum Sprechen und Hören—so dass wohl auch Terminitor Schwarzenegger neidisch geworden wäre. 

Ein Magnet von der Größe des Implants in Stefans Ringfinger und die Spule seiner neuen Entwicklung, in seiner Heimwerkstatt. Alle Bilder: Motherboard.

Auf den Magneten in seinem Ringfinger überträgt er per Induktion Schallwellen einer Drahtspule, die wiederum an einen Mp3-Player oder jeden anderen Audio-Input angeschlossen werden kann. Natürlich gibt sein Fingermagnet auch das Signal eines angeschlossenen Mikrofons wieder—allerdings schließt er dann (fast) immer noch seinen selbstgebauter Roboter-Stimmverfremder dazwischen.

Stefan mit seiner Entwicklung im Berliner Hackerspace Youin3d, in dem der Cyborg e.V. auch teilweise seine Entwicklertreffen abhält.

Ich habe Stefan in seiner Heimwerkstatt in Kreuzberg besucht und mir ein paar alte Klassiker wie die Einstürzenden Neubauten über seinen Finger vorspielen lassen. (Es klang durchaus noch scheppender als es sich die Industrial-Pioniere wohl haben erträumen lassen.)

Für Stefan geht es bei seiner Entwicklung nicht nur um das Update seines Ringfingers oder um die Entgrenzung der auditiven Artikulation des menschlichen Körpers von Stimme und Mund. Er denkt schon an den Aufbaus eines Kommunikationsnetzwerk aus Magneten, welches gleichermaßen Menschen und Maschinen verbinden könnte.

Motherboard: Wie groß ist die Reichweite deines „Finger-Lautsprechers“ in seiner aktuellen Version? 

Mit dem aktuellen Aufbau höre ich ungefähr in 10 cm Abstand zur Induktionsspule noch den Sound meines Ringfingers. Da der Magnet implantiert ist kann man natürlich keine Membran anbringen, wie das bei normalen Lautsprechern der Fall ist.

Ließe sich das Prinzip auch im größeren Umfang skalieren?

Ich könnte mir gut verstellen in Zukunft über „bone-conduction" zu arbeiten und den Schall durch die Knochen zu leiten. Dafür müsste der Magnet nur eine direkte Verbindung zum Fingerknochen haben und könnte somit den Schall über das Skelett weiterleiten und möglicherweise im ganzen Menschen hörbar machen. Bisher wird das Prinzip nur direkt am Schädel ausgenutzt—zum Beispiel bei Google Glass. Es ist daher noch nicht wirklich erprobt, ob die Technik auch als eine Sound-Übertragung vom Finger ausgehen kann.

Würdest du sagen, dass dein Ringfinger jetzt ein Hör-Organ ist?

Da die Magneten keine eigene Logik bzw. Schaltung besitzen, machen sie eigentlich nichts anderes als „hören“—im Sinne von sensorisch detektieren, wo sie eine Magnetwelle aufschnappen können.

Und somit können sie eben auch Sound wiedergeben—also quasi „sprechen“, was nur eine Folge von dem „Hören" ist. Und das ist eben in meinem Fall zufälligerweise bei ausreichender Stärke des Magnetfelds für das menschliche Ohr wahrnehmbar. 

Stefan spricht in das Mikrofon, das über seine Schaltung den Sound auf seinen Finger sendet.

Könnte dein Magnet-Speaker auch als praktische und alltagstaugliche „Wearable Technology“ funktionieren?

Die nötige Spule könntest du zum Beispiel um dein Handgelenk tragen. Vom Aufbau her ist eine Alltagstauglichkeit also möglich, allerdings muss man wohl sagen, dass die Technik nicht unbedingt etwas für jeden ist, schließlich mag heute auch nicht jeder ein Magnetimplantat haben.

Aber die Übertragungsspule muss nicht nur am Handgelenk sitzen, sondern könnte auch als „Spulenring“ am Finger getragen werden—oder in Zukunft vielleicht sogar als eine Art induktives Tattoo, welches noch näher am Magneten in der Fingerspitze sitzt. Dabei wäre der einzige Knackpunkt die Energieversorgung des Rings. Ich hoffe jedoch, dass die technische Entwicklung uns auch hier in absehbarer Zeit einige Fortschritte bringen wird.

Was für Möglichkeiten siehst du noch in Magnetimplantaten abgesehen von der Erweiterung deines sechsten Sinn durch die Aufnahme und Widergabe von Sound?

Ich möchte den Magneten nicht nur nur sensorisch—also als Empfänger für (elektro)magnetische Wellen—nutzen. Ich könnte mir vorstellen so eine neue kommunikative Vernetzung zwischen Magneten zu entwickeln—egal ob sie in Menschen oder Maschinen stecken. Magnetischen Wellen können auch aktiv als Input für andere Geräte wie beispielsweise Smartphones verwendet werden.

Die Heimwerkstatt von Stefan Greiner, wo er seine Entwicklungen erledigt, wenn sie nicht gerade in größerer Hacker-Runde arbeiten.

Jedes Smartphone ist schon heute mit Magnetsensoren ausgestattet. Sie dienen normalerweise Navigationszwecke und haben die Aufgabe das Erdmagnetfeld zu detektieren. Natürlich bemerken diese Sensoren auch das Magnetfeld meines Fingers und so ist es möglich das Smartphone umzuprogrammieren: Das Gerät reagiert auf ein sich änderndes Magnetfeld, sobald ich mit dem Finger in die Nähe des Gerätes komme.

Auf diese Weise kann ich frei definierbare Gesten festlegen, die dann bestimmte Anwendungen meines Smartphones magnetisch steuern. Ich brauche dabei nicht einmal mehr das Gerät mit meiner Haut oder durch die Kleidung hindurch zu berühren.

Warum hälst du Kommunikationsnetze zwischen Körpern und Maschinen über ein Medium wie Magneten für eine erstrebenswerte Utopie?

Sie haben prinzipiell das Potential ein Bewusstsein im Menschen herzustellen, das eher systemisch ausgelegt ist. Eine dichtere und vor allem direktere (z.B. brain-to-brain) Verbindung von Menschen würde die momentan sehr limitierte verbale, menschliche Kommunikation nicht nur in ihren Ausdrucks- und Mitteilungsformen erheblich erweitern. Es würde auch das Individuum als solches mehr in ein kollektives Verständnis einordnen.